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Coronaimpfung

Immer mehr Fälle von "übersprungener" Impf-Reihenfolge

Covid-19-Impfung 07.01.2021, Erfurt, in einem Seniorenheim wird heute der Belegschaft und den Senioren die 1.Impfung mi
In manchen Pflegeheimen bleiben Impfdosen übrig - doch wer bekommt diese?imago images/Karina Hessland
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In mehreren Bundesländern kamen bereits Politiker und Gemeindebedienstete zum Zug, weil bei Impfaktionen in Pflegeheimen Dosen übrig blieben.

Die Kritik, dass nicht nach der von den Behörden vorgesehenen Reihenfolge gegen das Coronavirus geimpft wird, wird in immer mehr Bundesländern laut. Auch am Mittwoch wurden weitere Fälle bekannt: in Wien soll der 20-jährige Sohn einer Heimleiterin geimpft worden sein. In fast allen Bundesländern kam es offenbar bereits vor, dass übrig gebliebene Impfstoffe nicht an Heimbewohner, Gesundheitspersonal oder über 80-Jährige verabreicht wurden, sondern an Politiker, Gemeindebedienstete, Angehörige und andere. Die Behörden prüfen die Fälle nun.

Bundeskanzler kurz sagte am Mittwoch, die Praxis mache ihn „wütend und zornig“. Vizekanzler Kogler forderte die Landeshauptleute zum „Durchgreifen“ auf.

"Grundsätzlich haben die Impfbeauftragten der Gesundheitseinrichtung sowie der Impfkoordinator im jeweiligen Bundesland für ein geordnetes Vorgehen Sorge zu tragen", hielt das Gesundheitsministerium am Dienstag fest. Falls Impfstoff aus unvorhersehbaren Gründen übrig bleibt - etwa bei einer akuten Erkrankung einer zu impfenden Person -, sollte eine Warteliste mit weiteren priorisierten Personen vorliegen, die ersatzweise geimpft werden können.

Feldkircher Bürgermeister überspringt Warteliste

In Vorarlberg gab es deshalb bereits zum zweiten Mal Wirbel. Wie die "Vorarlberger Nachrichten" zunächst berichteten, hat sich der Feldkircher Bürgermeister Wolfgang Matt (ÖVP, 65) am Wochenende bei einer Impfaktion in einem Seniorenheim impfen lassen, obwohl dem offiziellen Impfplan gemäß Politiker noch nicht an der Reihe sind und laut der Heim-Ärztin noch viele Leute aus Hochrisikogruppen draußen gestanden hätten. Landeshauptmann Markus Wallner (ÖVP) übte scharfe Kritik. Matt selbst sah seine Impfung als gerechtfertigt an.

Bereits in der vergangenen Woche hatte es in Vorarlberg Aufregung gegeben, weil Rot-Kreuz-Direktor Roland Gozzi von der Impf-Reihenfolge abgegangen war. Er hatte nicht nur Rot-Kreuz-Mitarbeiter, sondern auch deren Angehörige zur Impfung eingeladen.

Steiermark: Zwei Bürgermeister geimpft

Zumindest zwei steirische Bürgermeister haben sich ebenfalls schon die Corona-Schutzimpfung frühzeitig verabreichen lassen. Der Bürgermeister von Stubenberg am See, Alexander Allmer, und der Gamlitzer Bürgermeister, Karl Wratschko (beide ÖVP). Beide bestätigten einen entsprechenden Bericht der "Kronen Zeitung" am Mittwoch. "Ich stehe dazu, will aber sonst nichts dazu sagen. Das ist meine Privatsache," sagte Allmer. Wo er die Impfung erhalten hatte, wollte er nicht verraten. Laut "Krone" sollen übrig gebliebene Impfdosen von einem Pflegeheim an Hausärzte vergeben worden sein. Ob Allmer nun auch die zweite Dosis erhalten werde, wisse er nicht: "Wenn nicht, werde ich es auch überleben."

Die ÖVP Steiermark bestätigte, dass auch der Gamlitzer Bürgermeister Karl Wratschko eine Corona-Schutzimpfung erhalten hat. Er selbst sagte Mittwochnachmittag: "Ja, es stimmt. Die Heimleitung hat mich vergangene Woche angerufen und gefragt, ob ich mich mit einer übrig gebliebenen Dosis impfen lassen will, da ich immer wieder ehrenamtlich im Heim tätig bin." Er habe dieses Angebot dann vergangene Woche angenommen: "Ich bin nämlich kein Impf- oder Testmuffel und im übrigen bin ich auch für die Impfpflicht." Ob er nun eine zweite Dosis noch bekommt, wisse er ebenfalls nicht.

ÖVP-Landesgeschäftsführer Detlev Eisel-Eiselsberg nahm die Bürgermeister in Schutz: "Erst seit Konkretisierung durch das Bundesministerium (Anm. siehe oben) ist allen Beteiligten klar, wie in solchen Fällen genau vorzugehen ist. Mit diesem Wissen hätten Bürgermeister die Impfung natürlich abgelehnt bzw. wäre dieses Angebot wohl erst gar nicht durch das Pflegeheim gemacht worden. Niemand hat sich 'vorgedrängelt', im Gegenteil, mangels anderer Impfwilliger wurde dazu aufgerufen."

Tirol: Bürgermeister und Ehefrau geimpft

Wer zu welchem Zeitpunkt geimpft wird, hat auch in Tirol für Diskussionen gesorgt. Die "Tiroler Tageszeitung" (Dienstagsausgabe) berichtete etwa von einem Fall aus einer Gemeinde aus dem Bezirk Innsbruck-Land, wo rund 50 Impfdosen in einem Seniorenheim übrig geblieben waren. Deshalb wurden diese an Personen verabreicht, die weder im Heim wohnen noch dort arbeiten - unter ihnen befindet sich auch der Bürgermeister und dessen Ehefrau. Dieser selbst rechtfertigte sich in der Zeitung, indem er angab, selbst zur Risikogruppe zu gehören, nachdem er sich einer Herzoperation unterziehen musste. Warum seine Frau vorgereiht wurde, wollte er allerdings nicht erklären.

Laut einem Bericht der Tirol-Ausgabe der "Kronen Zeitung" wiederum wurden in einer Gemeinde im Bezirk Kufstein übrige Dosen an Gemeindemitarbeiter verimpft. "Für mich sind die Mitarbeiter der Gemeinde eindeutig systemrelevant", argumentierte der dortige Ortschef. Er verwies darauf, dass der übrige Impfstoff innerhalb einer Stunde verabreicht werden müsse, man sich unter Zeitdruck auf die Suche nach impfwilligen Personen begeben habe und alles nach Absprache mit dem Land passiert sei.

Die Verimpfung sei nicht im Detail abgestimmt gewesen, ließ indes das Land wissen und zeigte sich mit der Vorgehensweise einiger Gemeinden und Altersheime nicht einverstanden. " Das wird von uns nicht akzeptiert. Wir haben nochmals unmissverständlich klargestellt, wie zu priorisieren ist," stellte Platter klar.

Oberösterreich: Mehrere Ortschefs geimpft

Auch in Oberösterreich wurden weitere Fälle bekannt, wonach Bürgermeister bereits gegen das Virus immunisiert wurden. Die Ortschefs von Enns (Bezirk Linz-Land) und St. Georgen an der Gusen (Bezirk Perg) versicherten, dass sie sich nicht vorgedrängt hätten. Der Ennser Bürgermeister Franz Stefan Karlinger (SPÖ) bestätigte einen entsprechenden Bericht der "Krone", wonach er schon geimpft worden sei. Er betonte, nicht als Politiker sondern als Angehöriger zweier Heimbewohner zum Zug gekommen zu sein. Als solcher sei er gefragt worden, als Impfdosen übrig geblieben seien. Er habe sich auch versichert, ob sich noch irgendein Bewohner, Mitarbeiter oder jemand aus dem Besuchs- oder Seelsorgedienst Interesse hätte. Von sich aus wäre er "nie auf den Gedanken gekommen nachzufragen", ob er als Stadtchef früher geimpft werden könne, betonte Karlinger.

Auch der Bürgermeister von St. Georgen an der Gusen, Erich Wahl (SPÖ), hat bereits eine erste Corona-Impfung erhalten. Es handle sich bei ihm aber nicht um eine Vorreihung. Betreiber des Seniorenheimes sei die Gemeinde und er als Bürgermeister Dienstvorgesetzter der Mitarbeiter. Damit gehöre er zu jener Gruppe der ersten Impf-Phase, argumentierte er weiter. Die Homepage weist jedoch noch einen eigenen Heimleiter aus. Wahl betonte aber, dass er regelmäßig in der Einrichtung sei und auch an Team-Besprechungen teilnehme.

Erstmals war am Wochenende bekannt geworden, dass in Eberschwang (Bezirk Ried im Innkreis) bereits Anfang Jänner der rote Bürgermeister sowie zwei Vizebürgermeister (SPÖ und FPÖ) mit Dosen für das dortige Pflegeheim geimpft wurden. Da zu dem geplanten Termin in dem Heim offenbar viele Menschen krank waren, kamen Externe zum Zug.

Wien: Nonnen und Pater in Pflegeheim geimpft

In der Bundeshauptstadt Wien ist am Mittwoch ein weiterer Fall publik geworden: Laut einem Bericht der "Kronen Zeitung" sollen in einem städtischen Pflegeheim nicht nur Bewohner und Mitarbeiter, sondern u.a. auch der 20-jährige Sohn der Pflegedirektorin geimpft worden sein. Stunden später habe es dann laut "Krone" plötzlich geheißen, dass der junge Mann eine Krebserkrankung hinter sich habe und daher vorgereiht worden sei. Der Gesundheitsverbund wolle den Fall prüfen, hieß es weiters.

In einem Wiener Pflegeheim in Floridsdorf sind am Freitag neben den ursprünglich vorgesehenen Personen ebenfalls Anstaltsfremde geimpft worden, da u.a. aufgrund von Krankheiten Dosen übrig geblieben sind. Geimpft wurden daher spontan 13 andere Personen geimpft, die schnell verfügbar waren, u.a. Nonnen und ein Pater aus einer benachbarten Kirche, die ein Alter um die 80 aufweisen. Der Rest wurde danach an Angehörige des Personals verabreicht, da das übrige Serum sonst verdorben wäre, bestätigte eine Sprecherin des Heims am Dienstag einen "Krone"-Bericht.

Laut Andreas Huber vom Medizinischen Krisenstab der Stadt Wien sei die Vorgangsweise legal gewesen, da es wichtig sei, keinen Impfstoff zu vergeuden. In Zukunft will man jedoch aufgrund der Anmeldungen beim Impfservice eine gereihte Liste erstellen, mit der Angehörige der Zielgruppe schnell kontaktiert und geimpft werden können, falls Dosen übrig bleiben. Ist das Vakzin geöffnet, bleiben nur zwei Stunden, um es zu impfen.

Wien führt derzeit eine Warteliste ein, um übrig geblieben Impfdosen rasch verwenden zu können. 

Niederösterreich: 46-jähriger Bürgermeister geimpft

Im Pflegezentrum von Pottendorf (Bezirk Baden) war der Bürgermeister der Gemeinde geimpft worden, weil Dosen übrig geblieben waren. Der Direktor des Pottendorfer Pflegezentrums hatte den Politiker eingeladen.

Kärnten: Vorwürfe um Spenden nicht erhärtet

Auch in einem Klagenfurter Heim habe man kürzlich auf die Schnelle auf Angehörige, die in der Nähe wohnen, zurückgreifen müssen. Dies sei auch Praxis in anderen Heimen, da es keine Ersatzlisten gäbe, auf die man zurückgreifen kann, falls Dosen übrig bleiben, sagte eine Sprecherin.

In Völkermarkt hingegen gibt es sehr wohl Ersatzlisten, dort wiederum sorgte am Dienstag die Nachricht für Aufregung, dass der SPÖ-Landtagsabgeordnete Jakob Strauß und der Altbürgermeister von Völkermarkt, Valentin Blaschitz, geimpft worden seien. Der Leiter des Sozialhilfeverbandes, Simon Marin, bestätigte, dass beide geimpft wurden. Marin: "Blaschitz war jahrzehntelang Obmann des Verbands und hat auch im Coronajahr die Heimbewohner regelmäßig besucht." Er habe ihn und Strauß gefragt, ob er sie auf die Ersatzliste setzen dürfe und beide hätten zugestimmt. Strauß sei aktueller Verbandsobmann und sei ständig aktiv, zudem habe er, Marin, auf eine Vorbildwirkung gehofft, weil das Personal anfangs bezüglich der Impfung sehr zögerlich gewesen sei.

In Kärnten hatten sich die Vorwürfe, die teilweise von der Landesregierung geprüft wurden, nicht erhärtet, dass Prominente und Politiker gegen Spenden an Heimträger an den begehrten Impfstoff gekommen sind. Man wolle die Angelegenheit aber von der Staatsanwaltschaft prüfen lassen, damit sich die Verwaltung nicht selbst kontrolliere. Eine Sachverhaltsdarstellung sei in Ausarbeitung und soll noch am Dienstag übermittelt werden, sagte Gerd Kurath vom Landespressedienst.

Die Staatsanwaltschaft Klagenfurt wird die angekündigte Anzeige der Landesregierung zu kursierenden Impf-Vorwürfen prüfen, sagte Behördensprecher Markus Kitz am Dienstag. Noch kenne er nur, was medial kolportiert wurde. Demnach hatten sich bei den Impfungen in den Pflegeheimen einzelne Prominente oder Politiker hineingedrängt, "Spenden" an die Heime als Gegenleistung sollen geflossen sein. Ob das strafrechtlich relevant wäre, war völlig offen.

(APA)