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Atomprotest

Eine kurze Geschichte der Anti-Atomkraft-Bewegung in Österreich

(c) MGO (Marin Goleminov)
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Mit dem Widerstand gegen das Atomkraftwerk Zwentendorf begann in Österreich eine beispiellose Bewegung des zivilen Ungehorsams, die über die Grenzen hinausreichte: Eine Aktivistin erinnert sich.

Von Leslie Keferstein

„Wir wollen kein Atomkraftwerk, dem muss sich Kreisky beugen“, schallt es am 26. Oktober 1977 über den Ballhausplatz: Die Inbetriebnahme des Atomkraftwerks Zwentendorf im niederösterreichischen Tullnerfeld soll verhindert werden. Bundesweit finden Protestkundgebungen statt. Mittendrin: Hildegard Breiner, Atomkraftgegnerin der ersten Stunde. Neun Jahre später protestiert die Vorarlbergerin in Bayern unter widrigen Umständen gegen die Errichtungspläne der Wiederaufarbeitungsanlage in Wackersdorf: In beiden Fällen sollte die Umweltaktivistin erfolgreich sein. Eine kurze Geschichte des zivilen Ungehorsams.

Vor dem Hintergrund der Atombombenabwürfe über Hiroshima und Nagasaki, des Endes des Zweiten Weltkriegs und der zunehmenden Spannungen zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion begann in den 1950er- und 1960er-Jahren der Siegeszug der sogenannten friedlichen Nutzung der Atomenergie. Auch Österreich sollten die scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten der Kernenergie eine „strahlende Zukunft“ bescheren, wie das Nachrichtenmagazin „Profil“ 1974 titelte. Den Bau des ersten österreichischen Atomkraftwerks im niederösterreichischen Tullnerfeld bei Zwentendorf plante bereits die ÖVP-Alleinregierung unter Josef Klaus 1969. Der endgültige Baubeschluss sollte zwei Jahre und eine Nationalratswahl später, am 22. März 1971, unter Bundeskanzler Bruno Kreisky (SPÖ) gefällt werden.

Von der Schutzkleidung bis zu den Brennstäben wartete nach Beendigung der Bauarbeiten 1978 alles auf die Inbetriebnahme des Prestigeprojekts der Regierung Kreisky. Bedenken gegen die strahlende Zukunft Österreichs gab es seitens des Establishments kaum. Kritiker der Atomkraft galten als Feinde des Fortschritts, als „Lausbuben“, wie Kreisky die Aktivisten betitelte. Bereits ein halbes Jahr vor dem tatsächlichen Baubeschluss des AKWs organisierte eine Gruppe von Umweltschützern und Wissenschaftlern eine erste Fahrt zum Baugelände in Zwentendorf an der Donau. Die kleine Ansammlung von Atomkraftgegnern sollte sich bis zur Volksabstimmung über die Inbetriebnahme des AKWs Zwentendorf vertausendfachen und weit über die Grenzen Österreichs hinaus agieren.

Lausdirndln und -buben gegen Atomkraft

Der Widerstand der österreichischen Bevölkerung in der ersten Hälfte der 1970er-Jahre war anfänglich vor allem lokal begrenzt: Die Pläne, welche die Regierung unter Kreisky für den Bau eines weiteren AKWs in St. Pantaleon vorlegte, provozierten Proteste rund um den geplanten Bauplatz. Nach Bekanntwerden von Überlegungen zu einem Atommüllendlager im Waldviertel wehrten sich auch dort die Anwohner. In Vorarlberg demonstrierten Tausende auf dem Marktplatz in Feldkirch gegen das AKW Rüthi, gleich hinter der Schweizer Grenze. Unter den Demonstrierenden befand sich auch die heute 84-jährige Vorarlbergerin Hildegard Breiner. Vom Widerstand war sie wie elektrisiert, als Kind der Nachkriegszeit entzückt über Demokratiemomente wie diesen. Zusammen mit ihrem Mann, Franz Viktor, und einem Kreis von Mitstreitern sammelte sie Tausende Unterschriften, immer mit dem Anti-Atomkraft-Button am Revers und oft mit Freundin Maria Summer an ihrer Seite.

Hildegard und Franzviktor Breiner um 1980
Hildegard und Franzviktor Breiner um 1980(c) Hildegard Breiner

Die Aktionen der Atomkraftgegner waren mitunter fantasievoll, auch wegen der fehlenden Finanzierung. Sie reichten von Blaskapellenaufmärschen bis zu einem dreitägigen Hungerstreik vor dem Bundeskanzleramt, welcher mit dem, wohlgemerkt nicht eingelösten, Versprechen seitens der Regierung endete, sich des Anliegens der Frauen anzunehmen. Letztere Protestaktion wurde mitangezettelt von Summer, die Breiner als eine kleine, zarte, aber ungemein energievolle Person in Erinnerung geblieben ist.

Sowohl privat als auch geschäftlich blieben Breiner und ihr Mann immer im Protestmodus: Auch bei wichtigen Geschäftstreffen, sie führten ein kleines Unternehmen in der Maschinenbau- und Handelsbranche, trugen die Breiners den Anti-Atomkraft-Button am Revers. Nie hätten sie ihre Meinung beim Portier abgelegt, vielmehr nahmen sie jede Gelegenheit wahr, ihre Mitmenschen über die Gefahren der Atomkraft aufzuklären. Zusammen vervielfältigten sie 1978, kurz vor der Volksabstimmung über die Inbetriebnahme des AKWs Zwentendorf, einen Artikel aus dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ über die schwerwiegenden Folgen der Atomkraft. Versehen mit einem Randkommentar schickten sie die Kopien tausendfach an die Wiener Hochschülerschaft „zum Zwecke der Verbreitung und Aufklärung“.

Zwentendorf Koblacher Musikverein beim Sternmarsch 12.6.1977 Tulln-Zwentendorf
Zwentendorf Koblacher Musikverein beim Sternmarsch 12.6.1977 Tulln-Zwentendorf(c) Hildegard Breiner

Mit der Initiative Österreichischer Atomkraftgegner, kurz IÖAG, formierte sich der Widerstand in der ersten Hälfte des Jahres 1976 zu einer bundesweiten Bewegung mit zentralen Anliegen: keine Inbetriebnahme des AKWs Zwentendorf, keine Atomkraftwerke in Österreich und keine Atommülllagerung an österreichischen Grenzen. Die bundesweite Informationskampagne „Kernenergie“ der Regierung Kreisky im Herbst erwies sich als weiterer Zündstoff für den Widerstand.

Die PR-Aktion wurde zur Plattform der aufgeklärten Demonstranten. Bei einer Großveranstaltung in Feldkirch stand Breiner auf, meldete sich zu Wort, argumentierte gegen die Männer, die vor ihr auf dem Podium saßen und ihr erzählten, dass Atomkraft keine Gefahr darstelle. Sie blieb sachlich, bis sich einer der Abgesandten Kreiskys vorbeugte und sie mit dem Satz „Na, gnä’ Frau, wollen S' Ihre Wäsch vielleicht dann weiter am Bach waschen?“ vor Wut innerlich zum Kochen brachte. Sie schwieg in diesem Moment, doch noch heute ist sie fassungslos, wenn sie an den Hochmut dieses Mannes denkt.

Nein zu Zwentendorf

Im Laufe des Jahres 1977 entstanden mehrere bundesweite Protestaktionen. Die Protestfahrt, auch Sternenfahrt genannt, am 12. Juni und die Demonstration auf dem Ballhausplatz am Nationalfeiertag, welche die berühmte Aussage Kreiskys provozierte, „Ich habe es nicht notwendig, mich von ein paar Lausbuben so behandeln zu lassen“, riefen ein breites Medienecho hervor. Die Proteste der „Lausbuben“ färbten auf die Parteipolitik ab, FPÖ und ÖVP traten gegen die Kernenergie auf, ein gemeinsamer Parlamentsbeschluss für die Inbetriebnahme des Kernkraftwerks vor dem Sommer 1978 war demnach nicht mehr zu erreichen.

Die erste bundesweite Volksabstimmung in der Zweiten Republik wurde ausgerufen: Bei einer Beteiligung von 64,1 Prozent der stimmberechtigten Bürger Österreichs votierten rund 50,5 Prozent gegen die Inbetriebnahme des AKWs Zwentendorf. Im besonders widerständischen Vorarlberg lag die Quote bei 84 Prozent. Noch im Dezember wurde im Nationalrat einstimmig das Atomsperrgesetz beschlossen. Ein Gesetz, das bis heute die Nutzung von Kernkraft zur Energiegewinnung und den Bau von dazu benötigten Anlagen verbietet und die Einstellung der Österreicher zu dem Thema Atomkraft maßgeblich prägte. Das Ende der Proteste markierte dieser Sieg für die überzeugte Aktivistin Breiner jedoch noch lang nicht.

Tradition des zivilen Ungehorsams

Hatte die Anti-Atomkraft-Bewegung ihren Zenit eigentlich mit Ende der 1970er-Jahre erreicht, entfachte die Nuklearkatastrophe in Tschernobyl am 26. April 1986 in Reaktorblock 4, nahe der ukrainischen Stadt Prypjat, erneut den Widerstand.

Vier Wochen nach der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl kam es zur „Pfingstschlacht von Wackersdorf“, einer der gewalttätigsten Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und der Staatsgewalt in der Geschichte der Anti-Atomkraft-Bewegung. Schauplatz und Protestgrund: die Wiederaufarbeitungsanlage (WAA) im bayrischen Wackersdorf, weniger als 300 Kilometer Luftlinie von Vorarlberg entfernt. „Die Stimmung der Vorarlberger war aufgeheizt, nirgendwo sonst wusste man so viel über Atomkraft“, beschreibt Hildegard Breiner im Gespräch mit der „Presse“ diese Tage.

Sie selbst sieht sich als „Stachel im Fleisch“, für die Vorarlbergerin ist der anfängliche Widerstand aus Notwehr bereits eine Tradition des zivilen Ungehorsams geworden. Mit ihrem Mann organisierte sie ab 1986 Fahrten zu dem Baugelände der WAA in Bayern. Die Protestfahrten begannen für die Österreicherin und ihre Mitstreiter um sechs Uhr in der Früh, bedeuteten insgesamt acht Stunden Autofahrt, stundenlange Grenzkontrollen und kilometerlange Fußmärsche durch den Taxöldener Forst, hin zum Bauzaun der WAA.

Als Breiner mit ihrem Mann und einer kleinen Truppe Vorarlberger, Oberösterreicher und Salzburger am Pfingstwochenende 1986 auf dem Baugelände ankam, fand sie Zustände vor, die nichts mit den friedlichen Protestzügen in Österreich gemein hatten. Die bayrischen Behörden hatten die Situation falsch eingeschätzt, einer völlig überforderten Exekutive standen Zehntausende Demonstranten gegenüber. Tieffliegende Helikopter warfen Reizgas-Kartuschen ab, mit Wasserwerfern wurden die Demonstranten auseinandergetrieben: „Es war wie im Krieg“, sagt Breiner und erzählt von Polizisten hinter dem Bauzaun, die aus den Toren der WAA mit Knüppeln und Schilden in die Menge der Demonstranten drängten.

Ein Schauspiel, das sich wie in einer Zeitschleife wiederholte: Keine der beiden Parteien wollte zurückweichen. „Ich konnte am Ende weder klar sehen, noch richtig sprechen“, schildert Breiner. Sie sollte noch auf dem Protestgelände von einem Studenten aus Regensburg mit einer aus Papier gebastelten Rotkreuzbinde am Oberarm versorgt werden. Die jungen Leute schätzten das Engagement der damals schon über 50-jährigen Breiner, die von vielen Momenten der Solidarität und Freundschaft in dieser bewegten Zeit zu berichten weiß.

Die Pfingstschlacht beim Wackersdorfer Bauzaun 1985 mit Hildegard und Franzviktor Breiner(c) Hildegard Breiner

Hildegard Breiner sollte nach der Pfingstschlacht von Wackersdorf noch 16-mal die Autofahrten, Grenzkontrollen und Fußmärsche zum Bauzaun auf sich nehmen, bis im April 1989 der Baustopp der Wiederaufarbeitungsanlage verkündet wurde. Nach Wackersdorf, Ende der 1990er-Jahre, engagierte sie sich unter anderem gegen das heute aktive Kernkraftwerk Temelín in Tschechien, gegen Endlagerprobebohrungen und Leistungserhöhungen der Schweizer AKW und gegen das ebenso noch aktive Atomkraftwerk in Gundremmingen, Deutschland. Bei Vorträgen in Schulklassen erzählt die 84-Jährige noch heute die Geschichte ihres Widerstandes und erinnert damit an die „Notwendigkeit des zivilen Ungehorsams“. Immer mit dabei: ihr Anti-Atomkraft-Button, ein Stück des massiven Nato-Drahts von dem Bauzaun in Wackersdorf und ein altgedientes Transparent, zum ersten Mal im Einsatz bei den Protesten in Zwentendorf, mit der Aufschrift „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“.

Heute ist Hildegard Breiner Obfrau des Naturschutzbunds Vorarlberg und Vizepräsidentin des Naturschutzbunds Österreich. Sie erhielt für ihr herausragendes Engagement unter anderem das Silberne Ehrenzeichen des Landes Vorarlberg und den Nuclear-Free Future Award in der Kategorie Lebenswerk. Seit Beginn ihres Widerstandes setzt sie sich für die Nutzung von erneuerbaren Energien ein und steht zu diesem Thema im ständigen Austausch mit dem Land Vorarlberg.