Blattlinie: Nachrichten aus der Redaktionskonferenz

Thilo Sarrazin, das deutsche Treibhausklima und die österreichische Debattenwüste.


Das Debattenkrokodil dieses Sommers heißt Thilo Sarrazin. Seine These lässt sich auf einen Satz verknappen, den der (scheidende) Bundesbanker zum Titel seines Buches machte: „Deutschland schafft sich ab" (weil es zu viele Muslime ins Land holt, die mit ihrer höheren Geburtenrate das allgemeine Bildungsniveau senken). Das ist leicht zu verstehen und vielen Leuten schon immer auf der Zunge gelegen. Ein solcher populistischer Tabubruch ist wie geschaffen für Debatten im Zeitalter der Unterhaltungsindustrie, die wie bei Ringkämpfen auf dem Heumarkt ihre fix verteilten Rollen in den Talkshows kennen. Der Provokateur nimmt dabei eine Doppelrolle ein: Er spricht aus, was die Mehrheit denkt, und kann sich trotzdem als Opfer stilisieren, weil er einen derart pauschalierenden (in Sarrazins Fall an völkischen Rassismus grenzenden) Ton anschlägt, dass die elitären Hüter des öffentlichen Diskurses sofort einschreiten.


Dieses Alarmsystem erklärt sich aus der deutschen Geschichte, die es mit Österreich gemeinsam hat. In Österreich schlagen die Brandmelder trotzdem vergleichsweise spät oder oft gar nicht an. Das liegt vermutlich an einem gewissen Grundrauschen ausländerfeindlicher Äußerungen im öffentlichen Raum. Österreich hat auch kein Treibhausklima, das Debatten hochschießen lässt wie jetzt den Streit um Sarrazin. Hierzulande herrscht eher ein wüstenähnliches Debattenklima: Nicht intelligente Rede und Gegenrede im Ringen um Wahrheit und Zukunft der Gesellschaft treiben die Diskussion, sondern der Reflex. Debatten in Österreich gleichen kurzen Schlägen auf die Patellasehne unterhalb des Knies: schematische Antworten auf Reize, das Hirn bleibt ausgeschaltet. Prototyp dieser „Diskussionskultur" ist die OTS, die Originaltextsendung, die politische Parteien über die Austria Presse Agentur in die Welt schicken. Michael Prüller hat dieser Literaturgattung unser heutiges Debattenbuch gewidmet. Entlarvend. CU

christian.ultsch@diepresse.com

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