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Coronavirus

"Ein echter Rückschlag": Lieferprobleme bei AstraZeneca verzögern Impfplan

Ein Bild aus der Astrazeneca-Produktion in Pune, Indien.
Ein Bild aus der Astrazeneca-Produktion in Pune, Indien.APA/AFP/PUNIT PARANJPE
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Im Februar kommen nur 340.000 Dosen von AstraZeneca, für den März ist die Planung überhaupt unklar. Insgesamt sollten im ersten Quartal eigentlich zwei Millionen Dosen geliefert werden. Gesundheitsminister Anschober hofft, dass es sich nur um eine Verzögerung handelt.

Die über 65-Jährigen und das medizinische Personal im ersten Quartal durchimpfen, die restliche Bevölkerung zu einem großen Teil im zweiten Quartal: Dieser Plan zur Bekämpfung der Coronapandemie wackelt bedenklich – zumindest was den ersten Teil betrifft. Denn am Freitag bestätigte einer der Hersteller, nämlich AstraZeneca, Berichte, wonach im ersten Quartal deutlich weniger Impfstoff an die EU geliefert wird, als bisher geplant, ohne genaue Mengenangaben zu machen. Kolportiert wird, dass Österreich statt zwei Millionen Impfdosen nur 600.000 erhalten soll.

„Ein echter Rückschlag, den wir heute erhalten haben“ - in der „ZiB2“ im ORF nannte Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) konkretere Zahlen. Es scheine so zu sein, dass im Februar nur 340.000 statt der 650.000 vereinbarten Dosen von AstraZeneca nach Österreich geliefert werden. Wie viele es dann im März sein werden, sei überhaupt unklar. Denn man wisse noch nicht, ob es sich bei den Produktionsproblemen nur um Aufschiebungen oder Reduktionen der vereinbarten Liefermengen handle, so Anschober. Erst wenn das geklärt sei, könne man auch den Impfplan dementsprechend adaptieren. „Es wird im ersten Quartal aller Voraussicht nach zu Verzögerungen kommen."

AstraZeneca ist noch gar nicht zugelassen, eine Entscheidung der EU-Behörden ist für 29. Jänner, also Freitag kommender Woche, angekündigt. Und es ist auch noch nicht klar, ob AstraZeneca die volle Zulassung bekommen wird, oder nur eine für die Bevölkerungsgruppe bis 55 Jahre. Anschober hofft jedenfalls, dass der Impfstoff von AstraZeneca für alle Altersgruppen zugelassen wird, sagte er im ORF-Interview. Aber: Bisher waren große Hoffnungen auf den britischen Impfstoff gerichtet worden. Erstens, weil er logistisch einfacher zu behandeln ist als die Impfstoffe von Biontech und Moderna und auch in Arztpraxen verimpft werden kann. Und zweitens, weil er rasch in großen Mengen zur Verfügung stehen sollte.

Geringere Produktion

Letzteres könnte sich nun als Trugschluss erweisen. „Die anfänglichen Volumina werden aufgrund reduzierter Erträge der Impfsubstanz an einem Produktionsstandort innerhalb unserer europäischen Lieferkette geringer ausfallen als ursprünglich erwartet“, heißt es in einer schriftlichen Stellungnahme von AstraZeneca. Das sei „völlig inakzeptabel“, fand Gesundheitsminister Anschober in seiner ersten Reaktion am Freitagnachmittag. „Zugesagte Liefermengen müssen eingehalten werden.“ Gleichzeitig zeige diese mögliche Entwicklung, wie wichtig es war, dass Österreich in den vergangenen Wochen große zusätzliche Mengen an Impfstoff von Biontech/Pfizer eingekauft hat.

Kommt es tatsächlich zu der nun avisierten Lieferkürzung, wäre der Zeitplan für die Impfung in Österreich nicht aufrechtzuerhalten. Bisher waren an Liefermengen im ersten Quartal geplant: 1,1 Millionen Dosen von Biontech, 200.000 Dosen des Moderna-Impfstoffs sowie eben zwei Millionen Dosen von AstraZeneca. Da jede Impfung aus zwei Dosen besteht, verabreicht mit einem mehrwöchigen Abstand, könnte man damit mehr als 1,6 Millionen Österreicher impfen, das entspricht in etwa der Gruppe der über 65-Jährigen. Wenn AstraZeneca tatsächlich weniger liefert, sind es nur noch 900.000. Im zweiten Quartal stünden dann acht Millionen Dosen, also Impfstoff für vier Millionen Österreicher zur Verfügung.

Dabei steigt die Impfbereitschaft der Österreicher gerade merkbar an, wie Anschober feststellte. 162.000 Impfungen seien bisher verabreicht worden, in der vergangenen Woche sei eine „Stimmungswende“ eingetreten. In den Pflegeheimen gebe es eine Beteiligung von 70 bis 80 Prozent, die sogar noch im Steigen sei: Etliche Pflegeheime würden einen zusätzlichen Impftermin einschieben, weil sich Bewohner und Personal doch noch für eine Impfung entschieden haben.

SPÖ-Kaiser: „Jeder Verzögerung unverantwortlich"

Kärntens Landeshauptmann Peter Kaiser (SPÖ) forderte am Freitag in einer Aussendung sowohl die EU als auch die Hersteller auf, "sich an die Abmachungen zu halten". Es gehe um die Gesundheit der Menschen, hieß es in der Aussendung: "Jede weitere Verzögerung wäre unverantwortlich und den Impfwilligen gegenüber unzumutbar." Kärnten habe seine Hausaufgaben erledigt, sei "bestens vorbereitet" und warte nur noch auf die Lieferung größerer Impfstoffmengen, außerdem würden die Kärntnerinnen und Kärntner laut ersten Erhebungen "eine überdurchschnittlich hohe Bereitschaft, sich impfen zu lassen" zeigen, so Kaiser. "Eine weitere Verzögerung würde das Vertrauen der Bevölkerung schwer erschüttern."

Alarmiert reagierte auch Neos-Gesundheitssprecher Gerald Loacker auf diese Medienberichte. "Hier zeigen sich die fatalen Fehler des türkis-grünen Impfplans deutlich. Die Bundesregierung hat sich zu sehr darauf verlassen, dass der AstraZeneca-Impfstoff früh zugelassen wird und mit einer früheren Lieferung gerechnet." Dass Kanzler Sebastian Kurz (ÖVP) und Gesundheitsminister Anschober jetzt die Schuld auf die Europäischen Behörden schieben, bezeichnete Loacker als "absurd". Er sieht darin "verzweifelte Versuche, vom eigenen Versagen abzulenken. Die Bundesregierung muss den Impfplan jetzt dringend überarbeiten und konsequent durchsetzen."

Loacker forderte erneut einen sofortigen nationalen Impf-Krisengipfel. "Allerspätestens jetzt sollte auch dem Kanzler und dem Gesundheitsminister klar werden, dass sie nicht alles richtig gemacht haben. Jetzt müssen alle Beteiligten an einen Tisch, die Regierung muss die Impfstrategie völlig neu aufsetzen und die Versorgung mit Impfstoff sicherstellen."

Das Problem der geimpften Bürgermeister

Wie sehr die Impfbereitschaft generell in Österreich gestiegen ist, sieht man auch an der Diskussion über „Vordrängler“, also Personen, die eine Impfung bekommen haben, obwohl sie eigentlich noch nicht an der Reihe wären. Auch am Freitag gab es neuerliche Meldungen dazu, hauptsächlich über Bürgermeister, die in ihrer Funktion als Eigentümervertreter von Seniorenheimen geimpft wurden. Das Land Vorarlberg kündigte nun Kontrollen an: Ein eigener „Impfaufpasser“ wird alle Impfaktionen in Seniorenheimen kontrollieren. Auch andere Bundesländer haben verstärkte Kontrollen angekündigt. Anschober erklärte dazu, dass Bürgermeister nicht kraft ihres Amtes Anrecht auf eine Impfung hätten, wohl aber, wenn sie beispielsweise als Freiwillige in einem Pflegeheim mithelfen würden.

Anspruch auf eine rasche Impfung erhebt auch das Personal in den Kindergärten. Die Betreuerinnen müssten prioritär geimpft werden, so die Forderung auf einer von der Gewerkschaft organisierten Demonstration.

EMA könnte Impfstoff noch im Jänner zulassen

Der vom britisch-schwedischen Pharmakonzern AstraZeneca gemeinsam mit der Univerität Oxford entwickelte Impfstoff befindet sich aktuell noch im Zulassungsverfahren. Spätestens bis Monatsende will die unabhängige europäische Arzneimittelbehörde EMA ihre Entscheidung bekannt geben, hieß es zuletzt. Bundeskanzler Kurz und andere europäische Regierungschefs haben zuletzt auf eine raschere Entscheidung gedrängt. Laut einer am 9. Jänner veröffentlichten Studie könnte die Schutzwirkung mit höchstens 70 Prozent deutlich geringer sein als bei den zwei schon zugelassenen Impfstoffen mit über 90 Prozent.

(maf/klepa/Ag.)