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Am Herd

Wie ich lernte, Zoom zu lieben

Mittlerweile mag ich sogar Videokonferenzen, so kann ich die Gesichter meiner Kollegen sehen, ob sie mürrisch sind oder gut gelaunt, ausgeschlafen oder müde, und manchmal winke ich zum Abschied in die Kamera.

Neulich hat mir Hannahs Freund eine Sprachnachricht geschickt. Zwei Minuten, fünf Sekunden lang. Und voll mit Gekicher. Hannah wie sie gluckst, wie sie laut lacht, dann wieder leiser, wie sie dazwischen irgendetwas sagt, was aber in Gegluckse untergeht, es war eine Nachricht voller Freude, so ansteckend war Hannahs Übermut, dass ich gar nicht wissen musste, was sie da so amüsierte.

Es war schön, sie zu hören. Zumal sie ja im März ausgezogen ist, ihr eigenes Leben führt, Kilometer entfernt. Und zumal sie uns in dieser Woche nicht besuchen konnte: Die Mutter von Hannahs Freund hatte nämlich Halsweh.

Auch so ein Satz, der vor Corona keinen Sinn ergeben hätte.

Ich war Hannahs Freund dankbar. Und ich bin froh, dass es technische Möglichkeiten gibt, die uns mit den entfernten Lieben ein wenig mitleben lassen, uns ein bisschen Nähe spüren lassen, wo wir einander nicht berühren können, dem anderen vielleicht Wochen nicht begegnet sind. Mittlerweile haben wir in unserer Familie drei Whatsapp-Gruppen (Eibel, Eibel plus und Next Generation Eibel, auf die wir Eltern keinen Zugriff haben) und einen Discord-Channel, auf dem auch meine Mutter sich hin und wieder (wenn auch skeptisch) tummelt und wo ich meinem Neffen schon einmal anhand der „Bürgschaft“ den Verssprung erkläre. Und ich treffe Freundinnen auf Zoom. Ich schenke mir vorher ein Glas Wein ein und stelle mir vor, sie säßen mir gegenüber, so reden wir eine Stunde und mehr.

Alte und neue Tricks. Mittlerweile mag ich sogar Videokonferenzen, all die Kollegen und Kolleginnen, mit denen ich früher ein Zimmer teilte und die mir so abgehen, ihre Geschichten und Geschichtchen, die flapsigen Bemerkungen zwischendurch. So kann ich wenigstens ihre Gesichter sehen, ob sie mürrisch sind oder gut gelaunt, ausgeschlafen oder müde, und manchmal winke ich zum Abschied in die Kamera wie ein Kind oder jemand, der am Bahnsteig steht und weiß: Der im Zug sitzt, wird nicht so rasch wiederkehren.

Und so hangeln wir uns von Monat zu Monat, jeder mit seinen alten und neuen Tricks, wir telefonieren und schicken einander Memes von Bernie Sanders mit den wollenen Fäustlingen, wir zoomen und spielen gemeinsam Minecraft (in unserer Familie ist das Marlene) oder wir schicken einander Videos wie das über den Fischer, der unter dem beliebten Motto „Am I the Asshole?“ wissen will, ob es okay ist, wenn ein Hummer ihm wichtiger ist als das eigene Kind.

Also sooo witzig wie Hannah fand ich das eigentlich nicht. ⫻

bettina.eibel-steiner@diepresse.com

diepresse.com/amherd

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.01.2021)