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Culture Clash

How to walk the talk?

Versöhnen ist leichter gesagt als getan. Das hat Joe Biden an seinem ersten Arbeitstag gezeigt. Mehr Hoffnung für die US-Seele gab mir Amanda Gorman.

Joe Biden hat recht, wenn er in seiner Antrittsrede sagt, dass es „mehr als nur Worte braucht, um Amerikas Seele wiederherzustellen und seine Zukunft zu sichern“. Es ist gut, wenn ein Präsident von Versöhnung spricht, statt ständig auf Kleinkindart Bezichtigungen zu plärren. Aber die Polarisierung in den USA hat keine rhetorische, sondern eine inhaltliche Ursache: Die Radikalisierung der Positionen der beiden Parteien und die damit verbundenen gegenseitigen moralischen Verurteilungen.

Seit Jahren halten Demokraten und Republikaner einander vor, dass sie böse Menschen oder schlechte Amerikaner sind, wenn sie nicht dieselben Ideen zur Zuwanderung, dem Islam, der Natur von Frau und Mann und Vater und Mutter, der Unterdrückung der Minderheiten oder der Gefährdung des Weltklimas haben. Ein Zweiparteiensystem funktioniert aber nur, wenn es ausreichend „common ground“ gibt. Nur dann erscheint eine Regierungszeit des Gegners nicht als Ungeheuerlichkeit, sondern bloß als vorübergehendes Unglück.

Gleich nach der Angelobungsrede hat Biden Dutzende Maßnahmen verfügt, in Klimaschutz- und Zuwanderungsthemen, von der Wiederaufnahme der Förderungen von Abtreibungen im Ausland bis zur Zulassung von biologischen Männern im Frauensport. Ein bewusstes Zeichen – mit jeder Menge Ohrfeigen für Trump-Wähler. Deutlicher kann man den Ekel über sie und ihre Werte nicht zeigen, als wenn man ihre Agenda so ostentativ im Klo runterspült. Es geht freilich kaum anders, wenn man nicht dafür gewählt wird, schlechte Gesetze durch bessere zu ersetzen, sondern dafür, das Böse durch das Gute auszutreiben. Nur bleibt halt dann von der Rhetorik nicht viel mehr übrig als: Reichen wir einander doch die Hände – und machen in Eintracht kaputt, was euch heilig ist!

In ihrem Angelobungsgedicht hat Amanda Gorman vom Nordosten der USA gesprochen, „wo unsere Vorväter zum ersten Mal Revolution verwirklicht haben“. Viele der Gründerväter der USA waren Sklavenhalter. Und auch die anderen haben an der Herrenrolle der Weißen festgehalten. Hätte eine heutige schwarze Aktivistin nicht allen Grund, von „denen da“ zu sprechen? Nein, sie hat trotz dieser Problematik und trotz aller Reste von Verachtung, Benachteiligung und Verdächtigung gesagt: „unsere Vorväter“. Für mich war das der hoffnungsvollste Moment dieses Tages: Ein Zeugnis für die Integrationskraft der amerikanischen Kultur, die schon so oft die Versuchung überwunden hat, die Menschen in Böse und Gute oder in Wertlose und Wertvolle einzuteilen – und damit Böses durch Gutes ersetzt.


Der Autor war stv. Chefredakteur der „Presse“ und ist nun Kommunikationschef der Erzdiözese Wien. ⫻

meinung@diepresse.com

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.01.2021)