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Wanderer und Sozialforscher: Ernst Gehmacher ist tot

Der Soziologe Ernst Gehmacher baute ab 1965 das Markt- und Meinungsforschungsinstitut Ifes auf. Er war einer der prägenden sozialdemokratischen Intellektuellen der Siebziger- und Achtzigerjahre.

Als noch nicht alle Welt auf Meinungsumfragen hörte, war der in Salzburg geborene Soziologe Ernst Gehmacher ein Pionier dieser Branche: Nach einer Zeit als Student der Landwirtschaft, dann als Redakteur der „Arbeiter-Zeitung“, als Student der Soziologie und als Uni-Assistent bei Leopold Rosenmayr baute er ab 1965 auf Anregung von Karl Blecha das Markt- und Meinungsforschungsinstitut Ifes auf, dem er bis 1995 verbunden blieb - ab 1968 als dessen wissenschaftlicher Leiter und ab 1976 als Geschäftsführer.

Mit seinem wilden Schopf und seinem Bergsteigerhabitus eine charismatische Erscheinung, war Gehmacher in den Siebziger- und Achtzigerjahren einer der prägenden sozialdemokratischen Intellektuellen – und erkannte früh, welche Werte sich auch für seine Bewegung änderten. So engagierte er sich, selbst betont bescheiden lebend, gegen Konsumismus, für Ökologie. Er schrieb zahlreiche Bücher und Publikationen, etwa "Aufbau der Soziologie in Österreich" (1988), "Zukunft: Die Falle geht nur nach vorne auf/Jahrtausendwende - gesellschaftliche Trends" (1991), "Gewinner, Verlierer, Zögerer - Fragen zu einem künftigen Europa" (1993) oder "Das Ende des Nationalismus. Neue Fremdenfeindlichkeit und neonationalistische Aufbrüche in Ost- und Westeuropa" (1996). Als Coautor widmete er sich zuletzt "Sozialkapital - Glück und Liebe messen und machen" (2016) sowie "Wege zum Glück" (2018). Schon 1982 beschrieb er im Buch „Zu Fuß durch Österreich“ seine Wanderungen auf den Spuren Joseph Kyselaks, des wandernden Hofkammerbeamten, der im frühen 18. Jahrhunderts seinen Namen überall hinterlassen hat.

Forschung über Sozialkapital und Glück

Gehmacher begleitete viele Projekte, die ihm ein Anliegen waren, sozialwissenschaftlich, von der Errichtung der Donauinsel über die Kampagne gegen das Ausländervolksbegehren bis zur Gründung der Sir-Karl-Popper-Schule. Er war ein wissenschaftlicher Begleiter des gesellschaftlichen Wandels der 70er und 80er Jahre in Österreich, der Forschungsarbeiten zu Themen wie Arbeit, Alterung, Armut, Fristenlösung oder Drogen und Sexualaufklärung vorlegte. Vom Sozialkapital – im Gegensatz zum Finanzkapital – sprach er gern und meinte damit nicht, wie heute oft üblich, angesammelte Überstunden.

Als "Vollblut-Sozialforscher, der stets bestrebt war, mit seinen Untersuchungen die Gesellschaft positiv zu verändern und gerechter zu machen", bezeichnete das Ifes-Institut einmal seinen ehemaligen Leiter. Auch nach seiner Pensionierung 1996 blieb Gehmacher höchst aktiv, er gründete das Büro für die Organisation angewandter Sozialforschung (BOAS), übernahm von 1997 bis 1999 die Geschäftsleitung des Österreichischen Instituts für Berufsbildungsforschung (ÖIBF) und war 1999/2000 wissenschaftlicher Leiter der Paul Lazarsfeldgesellschaft (PLG). 2001 wurde er Beauftragter des Bildungsministeriums im OECD-Projekt "Measuring Social Capital", wo er sich dafür engagierte, "das Sozialkapital des 'Herzens' und das Humankapital des 'Hirns' gleichwertig zum Finanzkapital der 'Börse' hinzustellen". Daneben widmete er sich weiter einem seiner Lieblingsthemen: der Frage, wie der Mensch glücklich wird. Demokratische Gesellschaften wie Österreich seien am glücklichsten, betonte er. In einem seiner vielen Bücher gab er einen stoischen Ratschlag: „Erwarte das Schlimmste und freue dich darauf.“ Am Wochenende ist Ernst Gehmacher im Alter von 94 Jahren gestorben.

(APA)