Sparen nach Allahs Regeln: Großer Nachholbedarf

(c) Michaela Bruckberger
  • Drucken

Viele Muslime in Österreich legen ihr Geld in den Sparstrumpf. Da es aber bei österreichischen Banken nahezu keine entsprechenden Angebote auf dem Finanzmarkt gibt, bleibt das Gesparte oft zu Hause liegen.

Für gläubige Muslime gibt es in Österreich kaum Finanzprodukte, die den Vorschriften des Islam entsprechen. Dabei liegen laut Experten die internationalen Wachstumsraten bei 15 bis 20 Prozent und in Großbritannien boomt gerade das islamkonforme Geschäft.

„Das Geld wird im Kopfpolster versteckt“, sagt Günther Ahmed Rusznak, Präsident des s (IIDZ) in Österreich. „Ich kenne viele, die das machen!“ Rusznak schätzt, dass dieses Sparverhalten bei 15 Prozent der Muslime in Österreich ausgeprägt ist. „An verlässlichen Datenmaterial fehlt es aber“, betont er. Warum gläubige Muslime ihr Geld bevorzugt zu Hause hamstern, hängt nicht nur mit der Mentalität, sondern sehr eng auch mit den Zinsen zusammen. Gläubigen Muslimen ist es verboten, Zinsen zu erhalten oder zu geben. Die Finanzprodukte müssen „halal“ (rein) sein und den Islamregeln entsprechen.

Neben dem Zinsverbot gilt für Bankgeschäfte nach dem islamischen Recht auch ein Verbot des Handels mit Alkohol, Tabak und Schweinefleisch. Diese Regeln werden von einem Korangelehrten (Sharia-Board) überwacht.

Da es aber in Österreich nahezu keine entsprechenden Angebote auf dem Finanzmarkt gibt, bleibt das Gesparte eben oft zu Hause liegen. „Das ist kein Gerücht, viele Muslime machen es, aber keiner traut es sich öffentlich zu sagen“, bestätigt Johannes Fürlinger, Inhaber der Baraka GmbH, die seit zwei Jahren islamkonforme Fonds in Wien anbietet.

„Wir haben zirka 200 Kunden gewinnen können“, erzählt Fürlinger, „das ist viel, es kann aber mehr werden“. Das Potenzial ist nämlich da. Laut Statistik Austria leben in Österreich 400.000 Muslime, in den nächsten fünf Jahren soll ihre Zahl auf 500.000 steigen. Das Sparverhalten der Muslime liegt wiederum laut einer Studie der Strategieberatung Booz & Company bei 18Prozent – also erheblich höher als die österreichische Durchschnittssparquote von 9,7 Prozent.

Mit dem Islamic-Fond in Wien ist aber die Nachfrage nach islamischen Finanzprodukten bei Weitem nicht gesättigt. „Jeder, der Geld verdient, braucht zum Beispiel auch ein Girokonto, selbstverständlich ohne Habenzinsen“, erklärt Fürlinger, „und das Angebot für den Durchschnittskonsumenten fehlt“. Die Banken müssten das Geschäft in Form einer eigenen Gesellschaft, die nicht selbst Bank ist, betreiben. Große europäische Banken wie beispielsweise die BNP Paribas haben das schon getan.

Eine andere Möglichkeit wäre, ein sogenanntes Islamic Window, eine islamische Abteilung, bei den heimischen Banken einzurichten. Aber hier stößt man nicht nur auf strukturelle Probleme, denn ein Islamic Window müsste eine eigene Buchhaltungs- oder IT-Abteilung haben und eben auch von Sharia- Boards überwacht werden. Von diesen gibt es aber nur wenige auf der Welt. Hinzu kommt, dass sich die heimischen Banken zurückhalten, islamkonforme Angebote zu machen. Günther Ahmed Rusznak vom Islamischen Informations- und Dokumentationszentrum ist dennoch zuversichtlich: „Für die Banken wird das ein zusätzliches Geschäft werden.“

Das sieht Philipp Wackerbeck, Projektleiter bei der internationalen Strategieberatung Booz & Company, der sich unter anderem auf islamgerechte Finanzanlagen spezialisiert hat, etwas anders: „Grundsätzlich besteht in Österreich ein attraktives Marktpotenzial für Islamic Banking. Allerdings sind die Banken bislang noch sehr zögerlich, dieses Potenzial auch zu erschließen.“ Der Experte betont, eine Einführung von islamischen Finanzprodukten sei mit zahlreichen Herausforderungen nicht nur in der Abwicklung verbunden, sondern insbesondere auch in der zielgruppengerechten Vermarktung und im Vertrieb. Als Erfolgsbeispiel nennt er Großbritannien. Hier hätten die etablierten Banken nach der Gründung der Islamic Bank of Britain schnell reagiert und sich mit eigenen Islamic-Banking-Angeboten am Markt positioniert. „Dort spielt weder die Religion noch die Herkunft eine Rolle, sondern das, was der Kunde möchte“, erzählt Philipp Wackerbeck, „Österreich hat in dieser Hinsicht im internationalen Vergleich noch Nachholbedarf.“ Das Thema Islamic Banking ist wegen der weltweiten Finanzkrise auch deshalb aktuell, da sich die islamischen Finanzprodukte im Vergleich zu anderen gut gehalten haben.

Anlage gilt als krisenresistent

Das interessanteste Beispiel kommt aus Malaysia. „Dort sind nicht so sehr die muslimischen Malaien die größten Kunden des islamkonformen Geschäfts, sondern Chinesen, weil die Anlagen als krisenresistent gelten und eine überdurchschnittliche Rendite erwirtschafteten.“

Zurück nach Österreich. Muslimische Bürger gelten als sehr streng in ihrer Rückzahlungsmoral bei Darlehen. „Die Kreditausfälle sind bei Muslimen sehr gering, da dies aus religiösen Gründen weniger toleriert wird“, meint Wackerbeck. „Deshalb ist der gesellschaftliche und religiöse Druck bei der Rückzahlung sehr hoch.“ Aus Risikogesichtspunkten spricht also einiges dafür, islamische Finanzierungen anzubieten, zumal ein erheblicher Teil des Finanzierungsgeschäfts bislang am Bankensektor vorbeigeht.

Auch Wackerbeck bestätigt „das Sparen zu Hause“ sei eine sehr verbreitete und bekannte Variante. „Man behält das Geld zu Hause und leiht es sich gegenseitig in der Familie, ohne Zinsen dafür zu verlangen.“

Laut Fürlinger gab es in Österreich seitens der Oberbank bereits Versuche, ein islamkonformes Angebot aufzustellen, diese seien jedoch gescheitert. Auf der anderen Seite sind auch muslimische Kunden vorsichtig geworden, da sie laut Booz&Company-Studie mit den vermeintlich islamgerechten Finanzprodukten schlechte Erfahrung gemacht hätten.

AUF EINEN BLICK

Islam-Finanzprodukte:
Islamkonforme Finanzprodukte müssen den strengen ethischen Regeln des Islam entsprechen. Zinsen, Spekulationsgeschäfte und der Handel mit Alkohol, Tabak oder Schweinefleisch sind verboten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.09.2010)

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.