Volkstheater: "Baby Doll ist wie ein Stück Seife"

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Regisseur Niels-Peter Rudolph im Gespräch mit der "Presse" über das Dunkle bei Tennessee Williams, das schwer zu Fassende der Titelheldin und das Freilegen von Sätzen in der Textwüste.

„Die Presse!: Das Volkstheater bringt neuerdings bevorzugt Dramatisierungen von Filmen. Sie inszenieren „Baby Doll“, das am Freitag Premiere hat. Ist das eine neue Erfahrung für Sie?

Niels-Peter Rudolph: In diesem Fall ist es ein wenig anders. Tennessee Williams hat zwei Einakter geschrieben, die verfilmt wurden, bevor sie noch auf die Bühne kamen. Regisseur Elia Kazan bat Williams, ihm ein Drehbuch daraus zu machen. Der Film ist gut geworden. Danach geht man eben ganz lange nicht an den Text ran. In den Einaktern wurde allerdings schon immer eine kurze Betrachtungsweise angelegt. Heute würde man sagen, Williams hat „Takes“ gemacht.

Wie kriegen Sie beim Inszenieren den Film aus dem Kopf? Kann man mit Hollywood konkurrieren, mit einem Klassiker von 1956?

Rudolph: Ich habe den früher einmal gesehen, inzwischen aber nicht angeschaut und werde das jetzt auch nicht machen. Sie haben recht, diese intensiven Bilder guter Filme kriegt man nicht mehr raus.

Der Film über einen Baumwollfarmer und seine jugendliche, noch unberührte Frau, die von einem Konkurrenten verführt wird, war ein Skandal. Es gab moralische Entrüstung. Ist die Erregung noch zu spüren?

Rudolph: Nein, da sind wir inzwischen ganz andere Sachen gewohnt. Es gab übrigens keine unzüchtigen Situationen. Was kritisiert wurde, war das Kino im Kopf. Es ist eine Geschichte der Menschwerdung, über eine junge Frau, die ihre Kindheit nicht verlassen will. Vordergründig geht es um Sexualität, im Grunde aber um Macht, zwischen Männern und Frauen, die sie mit subtilen Mitteln aufeinander ausüben. Die Männer haben Angst vor ihrer eigenen Schwäche und setzen Kraft ein, die das überdecken soll. Baby Doll ist keine intellektuelle Frau, aber sie ist nicht naiv, sondern wie ein Stück Seife, das einem zwischen den Händen durchrutscht. Jeder Mann sieht etwas anderes in ihr.

Was bedeutet Ihnen Tennessee Williams?

Rudolph: Ich hätte mir nicht gedacht, dass sich seine Texte so gut halten. Die Dramaturgie erscheint merkwürdig einfach, das ist aber nur die Oberfläche. Er musste damals in den repressiven Fünfzigerjahren seine Homosexualität verstecken, darunter hat er sehr gelitten. Als gebildeter Mensch sehnte er sich nach Europa, nach dem europäischen Drama. Dieser Kern hat sich erhalten. Da ist die ewige Geschichte von der jungen Frau, dem alten Mann und dem Liebhaber nicht mehr trivial. Wenn man will, kann man in den kommentierenden Figuren zweier Schwarzer den antiken Chor erkennen. Der Latin Lover Baby Dolls ist ebenfalls ein Kontrast zu den Südstaaten, er ist Europäer.

Bleiben Ihnen Stellen des Textes dunkel?

Rudolph: Mein Berufswunsch war Archäologe. Jetzt lege ich eben Texte frei. Wochenlang fragen wir in den Proben, was die Sätze meinen. Die Textwüste birgt Geheimnisse. Bei Übersetzungen wie bei „Baby Doll“ ist das schwieriger. Sie müssen frisch sein, da weht dann der Zeitgeist durch. Der Text ist durch viele Bäder gegangen. Wichtig für uns ist, welche Bilder er auslöst. Im Stück ist von bösen Geistern die Rede. Das erinnert mich an die Erinnyen. Bei Williams laufen traumatische Besessenheiten zu Fuß durch die Gemächer. Zum Dunklen erlauben Sie mir einen Vergleich: Für mich als Norddeutschen sind bestimmte Aspekte österreichischer Literatur so etwas wie die Südstaaten. Da gibt es noch Geister in Szenen von Horváth oder der „Strudlhofstiege“. Das ist anders als in der scheinbar nüchternen Welt Preußens. Es gibt eine Stelle im Stück für den großartigen Schauspieler Marcello de Nardo, die ist dunkel, da sprechen wir nicht darüber. Das hat mit seiner süditalienischen Vergangenheit zu tun. Das übergebe ich der Figur, es soll dunkel bleiben. Bei Williams wird das Traumhafte später immer wilder.

Was reizt Sie an der Arbeit in Wien?

Rudolph: Wien ist Theater. Ich inszeniere nicht Ideen, für mich sind die Schauspieler das Wesentliche, eine bestimmte Art der Beglaubigung von Situationen kommt aus den Menschen heraus. Da ist es letztlich egal, was drumherum als Weltgebäude erfunden wurde. Der Kern sind die Begegnungen. In Wien sind die Schauspieler wichtig. In Deutschland ist Schauspiel längst nicht mehr das wichtigste Medium. Dort sind die Groupies vor den Theatern verschwunden.

Zu Person und Werk

Niels-Peter Rudolphwurde am 2. Mai 1940 in Wuppertal geboren. Acht Inszenierungen von ihm waren beim Berliner Theatertreffen. Er stammt aus einer Theaterfamilie und ist mit der Schauspielerin Hildegard Schmahl verheiratet. [Volkstheater]

„Baby Doll“ wurde 1956 von Elia Kazan verfilmt. Drehbuch: Tennessee Williams.

Volkstheater-Premiere: 10. 9., 19.30 Uhr

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.09.2010)

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