Schnellauswahl

Kulturkampf: US-Fanatiker will Koran verbrennen

(c) AP (John Raoux)
  • Drucken

Zum 9/11-Jahrestag will ein Pastor namens Terry Jones ein Zeichen gegen den Islam setzen. General David Petraeus warnt vor Racheakten in Afghanistan. Ressentiments gegen Moslems in den USA nehmen zu.

Bis vor Kurzem hat die Nation – geschweige denn die Welt – keine Notiz genommen von der Existenz des Terry Jones, eines obskuren Predigers einer 50-köpfigen Kirchengemeinde mit der vollmundigen Bezeichnung „Dove World Outreach Center“ in Gainesville in Florida. Doch seit der evangelikale Pastor für den Jahrestag der Terroranschläge des 11. September 2001 am Samstag die Verbrennung von Koran-Schriften angekündigt hat, geht sein Name als Feindbild durch die islamische Welt und sein Konterfei wird in den Straßen Jakartas und Kabuls demonstrativ in Brand gesteckt. „Der Islam ist des Teufels“, lautet das Credo von Terry Jones.

Die ausufernden Protestkundgebungen haben jetzt David Petraeus, den US-Kommandeur der Afghanistan-Truppen, aufgescheucht. Im „Wall Street Journal“ warnte er vor der Gefahr für die US-Soldaten am Hindukusch, vor einer fatalen Eskalation des Kriegs und vor einem Scheitern der westlichen Mission. „Das ist genau die Art von Aktion, die die Taliban ausnützen und die uns schwere Probleme bereiten könnte – nicht nur hier, sondern überall, wo wir es mit der islamischen Gemeinschaft zu tun haben.“

Jones entgegnete, die Befürchtung des Generals seien zwar legitim. Es sei indes erforderlich, den „radikalen Elementen des Islam eine klare Botschaft“ zu schicken. Die USA, so der Standpunkt Jones', dürften sich nicht von islamischen Drohungen einschüchtern lassen.

 

Irritation Nahost-Konflikt

Es ist nicht das erste Mal, dass die US-Generäle an der „Heimatfront“ vor einer Aufwühlung der Emotionen der Moslems Alarm schlagen. Zuletzt gab der Stillstand des Nahost-Friedensprozesses dem Pentagon Anlass zur Sorge. Die Blockade zwischen Israelis und Palästinensern könnte sich als Quell der Irritation im Irak und in Afghanistan auswirken, argumentierte Generalstabschef Mike Mullen.

Zuvor schon hatten Gerüchte über Zwischenfälle im US-Gefangenenlager Guantánamo – das später in Abrede gestellte Hinunterspülen des Koran in der Klomuschel – für böses Blut gesorgt. Als einem US-Ausbildner in Afghanistan der Koran versehentlich auf den Boden fiel, musste das Training abgebrochen werden.

Der programmierte Eklat der Koran-Verbrennung wirft überdies ein Scheinwerferlicht auf eine Kontroverse, die die USA im Sommer erhitzt hat: den von schrillen Begleittönen orchestrierten Konflikt um das geplante islamische Kulturzentrum, zwei Straßenblocks von „Ground Zero“ entfernt – den Krater, den die Terrorattacken von 9/11 in Downtown Manhattan gerissen haben. Mit einem Mal steht die religiöse Toleranz, auf die sich die USA bisher so stolz berufen haben und die im ersten Zusatzartikel zur sakrosankten Verfassung zusammen mit der Meinungs- und Redefreiheit verankert ist, auf dem Spiel.

In wüster Polemik hetzen die Gegner gegen das Kulturzentrum „Park 51“, in dem neben einem Schwimmbad unter anderem auch ein moslemischer Gebetsraum untergebracht werden soll. Eine selbst ernannte Sprecherin der 9/11-Opfer zeterte jüngst, der Bau käme einem Affront gleich: Dies wäre so, als würden die Moslems auf dem „Ground Zero“ einen Tanz aufführen.

Das politische Spektrum ist in der Streitfrage weit gefächert: New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg plädiert für den Bau, die Republikanerin Sarah Palin spricht sich dezidiert dagegen aus – und Präsident Barack Obama, von Radikalen zunehmend als Moslem punziert, laviert herum.

 

Ramadan-Ende fällt auf 9/11

Für das Ende des Fastenmonats Ramadan – das traditionelle Eid-Fest, das heuer zufällig mit dem 9/11-Gedenktag zusammenfällt – haben islamische Gruppen in den USA die Parole ausgegeben, Zurückhaltung zu üben, um das Gedenken nicht zu desavouieren.

Die Stimmung droht indes zu kippen, antiislamische Ressentiments nehmen zu. In Tennessee ging ein Nebengebäude einer Moschee in Flammen auf, in Kalifornien wurde ein Plastikschwein in eine Moschee geschmissen, in New York ein moslemischer Taxifahrer erstochen. Laut Umfrage der „New York Times“ hegt jeder fünfte New Yorker Misstrauen gegenüber den US-Moslems.

Dabei haben sich diese bisher viel auf ihre Assimilierung zugute gehalten. In den Nachwehen von 9/11 appellierte Präsident George W. Bush bei einem ostentativen Moscheebesuch: „Moslems sind unsere Nachbarn und Freunde.“ Indessen sprechen manche US-Moslems bereits über ein Auswandern nach Kanada – derzeit noch im Scherz. Eboo Patel, Gründer eines Islam-Zentrums in Chicago, erklärte: „Ich fürchte mich jetzt mehr als nach 9/11.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.09.2010)