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Der ökonomische Blick

Österreich hinkt bei der Datengrundlage hinterher

AUSTRIA-HEALTH-VIRUS
APA/AFP/JOE KLAMAR
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Bei der Frage nach den wirtschaftspolitischen Antworten auf die Verteilungswirkung der Coronakrise würde man sich eine fundierte Datengrundlage wünschen. Aber Österreich hinkt anderen Ländern hinterher.

Die anhaltende Coronakrise rückt die Frage nach den Gewinnern- und Verlierern in der Einkommens- und Vermögensverteilung noch stärker in den Mittelpunkt des wirtschaftspolitischen Diskurses. Die Wichtigkeit solche Fragen treffsicher beantworten zu können, um fundierte politische Entscheidungen zu treffen, zeigt sich in dieser Krise ganz besonders im gesundheitlichen Bereich.

In manchen Ländern wie beispielsweise den USA oder Großbritannien gibt es detaillierte Information zu den Erkrankungen, verknüpft mit soziodemografischen Daten wie beispielsweise Beruf, Alter und Geschlecht. Diesbezüglich weist Österreich noch einen starken Aufholbedarf auf. Beispielsweise wurde in der „Zeit in Bild" die Situation von Elementarpädagoginnen in den Kindergärten thematisiert. Im Beitrag wurden Studien angeführt die besagen, dass die Betreuer und Betreuerinnen öfter an Corona erkranken als medizinisches Personal. Die Studie und die Daten stammten allerdings aus Deutschland.

Jede Woche gestaltet die „Nationalökonomische Gesellschaft" (NOeG) in Kooperation mit der "Presse" einen Blog-Beitrag zu einem aktuellen ökonomischen Thema. Die NOeG ist ein gemeinnütziger Verein zur Förderung der Wirtschaftswissenschaften.

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Natürlich ist der internationale Austausch bei wissenschaftlichen Studien zu begrüßen, jedoch sind die Eigenheiten der Coronakrise stark vom nationalen Kontext abhängig. Demnach ist es erstrebenswert länderspezifische Studien durchzuführen, um kritische Fragen evidenzbasiert beantworten zu können. Die Plattform Registerforschung setzt sich für einen erleichterten Zugang zu anonymisierten Daten aus öffentlichen Registern und Statistiken ein. Bei der Frage nach den wirtschaftspolitischen Antworten auf die Verteilungswirkung der Krise würde man sich ebenso eine fundierte Datengrundlage wünschen. Aber auch hier hinken wir hinter anderen westeuropäischen Ländern hinterher.

Das Problem mit den Daten

Für Analysen der Entwicklung und Verteilung der Einkommen werden üblicherweise Befragungs- und Steuerdaten herangezogen. Jedoch sehen sich Befragungsdaten typischerweise mit dem Problem von Messfehlern und der Untererfassung von reicheren Individuen konfrontiert. Des Weiteren bilden Steuerdaten nicht das gesamte Einkommen von Personen ab. In Österreich sind Kapitaleinkommen in der Regel endbesteuert und scheinen daher in den Steuerdaten nicht auf. Auch die Vermögenssteuerstatistik, die in Österreich von 1962 bis 1989 publiziert wurde, gibt es seit der Abschaffung der Vermögenssteuer nicht mehr. Im Gegensatz dazu stehen in Frankreich oder den nordischen Ländern detaillierte Steuerdaten auf Individualebene zur Verfügung. Die höhere Datenqualität in diesen Ländern spiegelt sich in einer höheren Anzahl an wissenschaftlichen Verteilungsstudien wider.

In Österreich ergeben sich bei den Befragungsdaten als auch bei Steuerdaten Lücken im Vergleich zum Gesamteinkommen der Volkswirtschaft, das in der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR) ausgewiesen wird. Neue Methoden wurden in den letzten Jahren entwickelt, um dieser Problematik entgegenzuwirken. Beim Ansatz der „Distributional National Accounts“ werden Befragungsdaten, Steuerdaten und Daten der VGR zu Einkommen durch statistische Methoden miteinander verknüpft. Dadurch können sowohl Datenprobleme als auch -lücken zu einem guten Teil identifiziert und geschlossen werden.

Einkommensungleichheit

Mithilfe dieses statistischen Verfahren können wir nun umfassendere Antworten auf die Frage nach der Verteilung und Umverteilung der Einkommen in Österreich liefern. Die Ungleichheit ist höher als es die Befragungsdaten vermuten lassen. Der Anteil der oberen zehn Prozent am gesamten österreichischen Nationaleinkommen erhöht sich aufgrund dieser neuen Erfassung von einem Viertel auf über ein Drittel. Folglich ergibt sich ein anderes Bild der aktuellen Verteilungssituation.

Die neuen Ergebnisse zeigen, dass vor allem die Dynamik der Kapitaleinkommen für die Entwicklung der Ungleichheit eine fundamentale Rolle spielen. Kapitaleinkommen machen nicht nur einen beträchtlichen Anteil am Gesamteinkommen bei einkommensstarken Beschäftigungsschichten aus, sie sind auch sehr konjunktursensitiv. Anderseits zeigen die neuen Daten auch, dass besonders junge Menschen und Personen mit niedriger Bildung im beobachteten Zeitraum Einkommensverluste hinnehmen mussten. Jedoch wirken die Umverteilungsmaßnamen des Wohlfahrtsstaates treffsicher und können diese Schieflage zum Teil wieder ausgleichen. Insgesamt profitieren mehr als zwei Drittel durch die staatliche Umverteilung in Form von höheren verfügbaren Einkommen im Vergleich zum Markteinkommen vor Steuern.

Wirtschaftspolitik und Daten

Die Sachlage zur Verteilung von Einkommen ist wichtig um wirtschaftspolitische Maßnahmen zu treffen. Welche Gruppen muss man während Krisenzeiten besonders unterstützen? Welche Gruppen können einen steuerlichen Beitrag leisten ohne finanziell zu stark belastet zu werden? Der methodische Zugang des Ansatzes zielt klar darauf ab, bestehende Datenprobleme zu lösen und Auswertungen über die Einkommensverteilung zu liefern, die näher an der tatsächlichen Verteilung liegen. Jedoch gilt weiterhin, dass sich die Politik dafür einsetzen sollte, die Erfassung und den Zugang zu Daten weiter auszubauen und zu erleichtern. Nur so kann eine möglichst erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Politik ermöglicht werden.

Die Autoren

Emanuel List ist Ökonom am Forschungsinstitut Economics of Inequality (WU Wien) und Doktorand am Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) in Düsseldorf.

Stefan Jestl ist Ökonom am Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw) und Lektor an der Wirtschaftsuniversität Wien.

Stefan Jestl und Emanuel List
Stefan Jestl und Emanuel ListVerena Stifter Kogler/Sonja Spitzer

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