Kampusch-Biografie: Alice im Horrorland

Kampusch Biografie
Kampusch Biografie(c) REUTERS (HEINZ-PETER BADER)
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Keine neuen Antworten, aber viele Einsichten. Im Buch bleibt Kampusch ihrem Prinzip im Umgang mit der Öffentlichkeit treu – es ist ein Spiel nach ihren Regeln. Antworten, die sie nicht geben will, bleiben ausgespart.

Beim Verkaufsstart am Mittwoch gab es keine Warteschlangen, schrieb die Austria Presse Agentur. Das klang beinahe hämisch. Ungewollt freilich, trotzdem ist es ein Indiz dafür, dass die Erwartungen an die Natascha-Kampusch-Biografie „3096 Tage“ hoch sind. Und ambivalent. Denn was soll man von dem groß angekündigten Buch erwarten, wie soll man es lesen?

Als (therapeutischen) Befreiungsschlag, als Enthüllung letzter Wahrheiten im Jahrhundert-Kriminalfall, als Literatur oder als Versuch, Geld zu verdienen? Was mehr als legitim wäre, nicht zuletzt weil in den vergangenen vier Jahren viele andere mit Kampusch Quote gemacht haben.

Im Buch bleibt Kampusch jedenfalls ihrem Prinzip im Umgang mit der Öffentlichkeit treu – es ist ein Spiel nach ihren Regeln. You don't own me, die zitierte Songzeile darf man nicht nur an den Entführer, sondern auch an den Rest der Welt gerichtet deuten. Antworten, die sie nicht geben will, bleiben ausgespart – etwa zu sexuellem Missbrauch: „Ich werde über diesen Teil meiner Gefangenschaft nicht schreiben – es ist der letzte Rest an Privatsphäre, den ich mir noch bewahren möchte“, schreibt sie. Nur soviel: Kleine sexuelle Übergriffe habe es gegeben, aber in den Nächten, die sie gefesselt neben dem Entführer verbringen musste, „ging es nicht um Sex“. Lieber wollte er „kuscheln.“ Auch über mögliche Mittäter – Hauptthema der Spekulation – sagt sie nichts Neues. Aber wohl nicht, weil sie nicht will, sondern weil sie nicht kann: Sie wisse nicht, ob Hintermänner existierten oder Priklopil sie damit nur einschüchtern wollte.

Der Name kommt im Buch selten vor. Meist ist er „der Entführer“. Heike Gronemeier und „News“-Vizechefredakteurin Corinna Milborn, die als Ghostwriter fungierten, ist es gelungen, Kampuschs Sprechweise einzufangen: reflektiert, nüchtern, etwas gespreizt, aber stets kitschfrei – auch in den schlimmsten Momenten. Und davon gibt es viele. Denn auch ohne spektakuläre neue Enthüllungen gibt das Buch intensiv Einblick in Kampuschs Leben: Schonungslos wird die einsame Kindheit (Scheidung, Bettnässen, überforderte Mutter) geschildert, die Entführung (eine Angelegenheit von Sekunden) und schließlich die Gefangenschaft, die zwischen plötzlicher, extremer Brutalität und absurden Situationen („Mensch ärgere dich nicht“-Spielen im Verlies) oszilliert.

Frei in der Gefangenschaft

Kampusch vergleicht ihre Situation mit „Alice im Wunderland“, einem der ersten Bücher, die sie in Gefangenschaft las: „Auch ich war in einer Welt gefangen, in der alle Regeln, die ich kannte, außer Kraft gesetzt waren.“ Um das Absurde, die inneren Widersprüche drückt sich das Buch nie. Der Raub ihrer Identität habe ihr mitten in der Gefangenschaft Freiräume eröffnet, gibt Kampusch zu. Und sie schildert Priklopil sehr differenziert, was sie aber – sehr bestimmt – nicht als Stockholmsyndrom gedeutet wissen will. Wichtig ist ihr auch Verständnis dafür, warum sie nicht früher fliehen konnte. Ein ganzes Kapitel ist dem Thema gewidmet. Die (seelische) Überwindung zur Flucht und das vorangegangene stete Ringen um inneren Widerstand gegen Priklopil zählen zu den eindrucksvollsten Stellen des Buchs. Das man auch so lesen sollte, lesen muss: als Dokument des Überlebens, des Muts.

Auf einen Blick

3096 Tage ist im List-Verlag erschienen und wird heute, Donnerstag, in der Buchhandlung Thalia (Wien-Mitte) von Kampusch selbst um 19 präsentiert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.09.2010)

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