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Zehn hoch fünfhundert . . .

. . . und ein fantastisch Vielfaches davon. Stephen Hawking hat 1988 das viel gekaufte - ob viel gelesen, weiß niemand - Buch über die „kurze Geschichte der Zeit" veröffentlicht.

Hawking ist jener Physiker, der vor allem aufgrund seiner eigenartigen Krankheit, die ihn praktisch bewegungsunfähig und stumm macht, zum Star der Medien wurde. Soeben erschien sein zusammen mit einem Koautor verfasstes neuestes Werk „Der Große Entwurf: Eine neue Erklärung des Universums".
Kernaussage ist, so heißt es, dass der Gedanke eines Schöpfergottes unnötig sei, weil „spontane Schöpfung" der Grund dafür sei, „warum es statt des Nichts doch etwas gibt, warum das Universum existiert, warum wir existieren". Garantiert wird mit einer derartigen Botschaft auch dieses Werk wieder ein Riesenerfolg. Hawkings Exfrau brachte es auf den Punkt. Es gibt eine ganz einfache Antwort auf die Frage, warum in Hawkings Werken so oft von Gott zu lesen ist: „Es hilft Bücher zu verkaufen."
Um das Universum erklären zu können, beruft sich Hawking auf die sogenannte M-Theorie. „Sie ist die vereinheitlichte Theorie, die Einstein zu finden hoffte", behauptet er kühn und natürlich unwiderlegbar, denn Einstein kann sich dagegen nicht mehr wehren. Es handelt sich dabei um ein höchst spekulatives Konzept, das sich vor allem durch das Fehlen von experimenta crucis auszeichnet und daher eher esoterischer als physikalischer Natur ist. Der brillante Richard Feynman hat sich bereits abfällig über den Vorläufer, die String-Theorie, geäußert. Aber Feynman ist schon lange tot, und die Apologeten der M-Theorie versuchen weiter unverdrossen ihre Luftschlösser zu vermarkten.
10500 Universen braucht man, um mit der Theorie beginnen zu können. Und da jedes Quantenereignis, deren Zahl Legion ist, eine Vervielfachung jedes dieser Universen bewirken würde, sieht man sich bei dieser Theorie Zahlengiganten ausgeliefert, die auch nur annähernd in Worte zu fassen schier unmöglich ist. Astrologie, Vogel- und Eingeweideschau sind im Vergleich zu solchem Irrwitz seriös.
Abgesehen davon, dass keine der Hochreligionen Gott auch nur irgendwie aus der Natur geoffenbart verkündet, sondern allein durch sein Wort. Der Gott, dem Hawking abschwört, hat mit demjenigen, an den ein Jude, Christ, Moslem, Hindu, etc. glaubt, gar nichts gemein. Hawkings Ausflug in die Theologie dient tatsächlich allein der Vermarktung, nicht aber der ernsthaften Auseinandersetzung.
Wer nicht auf eine „Erklärung des Universums" hofft, die Hawking ankündigt, aber sicher nicht liefern kann, sondern einfach nur wissen will, mit welchen Problemen sich die Physik auseinandersetzt, ohne den Anspruch zu erheben, letzte Antworten zu erfahren, ist besser beraten, das witzig geschriebene Buch „Wer nichts weiß, muss alles glauben" zu lesen. Seine Autoren, die Science Busters, behaupten wenigstens nicht, alles zu wissen.
Rudolf Taschner ist Mathematiker und Betreiber des math.space im quartier21, MQ Wien.

 

Rudolf Taschner ist Mathematiker und Betreiber des math.space im quartier21, MQ Wien.


meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.09.2010)