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Junge Forschung

Naturstoffe als Glücksquelle

Sie liebt Wien und ihre Arbeit im Labor: Ulrike Grienke lag bei der Wahl von Wohnort und Beruf richtig. Beides bringt die Augen der Tirolerin zum Leuchten.
Sie liebt Wien und ihre Arbeit im Labor: Ulrike Grienke lag bei der Wahl von Wohnort und Beruf richtig. Beides bringt die Augen der Tirolerin zum Leuchten.Die Presse/Clemens Fabry
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Die Pharmazeutin Ulrike Grienke fasziniert, wie Stoffgemische aus der Natur zusammengesetzt sind – und wie sie dem Menschen nutzen können.

Dass sie als Pharmazeutin gern kocht, ist für Ulrike Grienke nichts Ungewöhnliches. „Wenn man täglich mit genauem Einwiegen und experimentellen Abläufen konfrontiert ist und dann nicht kochen kann, stimmt etwas nicht, oder?“ sagt sie. Wer sich nun einen von Apothekerwaage und Salbentiegeln geprägten Berufsalltag vorstellt, irrt allerdings. In der Pharmakognosie, der Wissenschaft der biogenen, also von der Natur abgeleiteten Arzneimittel, spielt vielmehr Chromatografie (Trennung von Stoffgemischen, Anm.) eine Rolle – und zunehmend auch der Einsatz von Big Data.

Die Naturstoff-Forschung, der sich Grienke verschrieben hat, ist ein weites Feld. In Irland beschäftigte sich die Pharmazeutin mit marinen Organismen – Muscheln und Algen; in Brasilien mit einem psychoaktiven Pflanzeninhaltsstoff. Nicht minder interessant sind heimische Naturstoffe, so zum Beispiel bestimmte Substanzen der Meisterwurz oder des Rotrandigen Baumschwamms. „Wir kümmern uns darum, komplexe Naturstoffgemische, vor allem Pflanzen- und Pilzextrakte, mittels diverser chromatografischer Verfahren in Einzelkomponenten aufzudröseln“, sagt Grienke. „Speziell fokussieren wir dabei darauf, bisher unbekannte bioaktive Inhaltsstoffe zu entdecken.“ Ziel sei, neue Kandidaten für die Arzneistoffentwicklung aufzuspüren.

 

Rätselhafte Wirkung

Landläufig als Naturheilmittel bekannte Naturstoffe sind hochkomplexe Gemische. Für die pharmazeutische Forschung besteht die Herausforderung darin, dem Rätsel ihrer Wirkung auf den Grund zu gehen, um ihre Eignung als Arzneimittel mit wissenschaftlicher Evidenz festzustellen. Das Bestreben der Fachrichtung Pharmakognosie habe sie schon während ihres Studiums in Innsbruck sehr fasziniert, erzählt Grienke. Mit der Pharmazieprofessorin Judith Rollinger, bei der sie schon damals Vorlesungen gehört hat, arbeitet sie inzwischen wieder am Department für Pharmakognosie der Universität Wien in einem Forschungsteam zusammen.

Auch das Thema Covid-19 geht an Grienke nicht vorbei. Zusammen mit Rollinger startete sie kürzlich ein vom Wissenschaftsfonds FWF gefördertes Forschungsprojekt. Ziel ist es, mit innovativen Methoden Wirkstoffe aus der Natur aufzuspüren, die im Kampf gegen Infektionen der Atemwege eingesetzt werden können. Der Fokus liegt dabei auf Grippeviren, dem neuartigen Coronavirus und den für Lungenentzündungen bekannten Pneumokokken. Vor allem Arzneistoffkandidaten, die sowohl gegen Viren als auch Bakterien wirksam sind, haben es den Forscherinnen angetan.

Ein Forschungsschwerpunkt Grienkes ist zum Beispiel das sogenannte Elina-Protokoll(„Eliciting nature´s activities“, wörtl. „natürliche Aktivität entlockend, Anm.). „Durch eine statistische Korrelation von chemischen und biologischen Datensätzen können wir damit wie ein Spürhund schon sehr früh bioaktive Komponenten in Vielstoffgemischen erkennen.“ Ins Schwärmen gerät die Pharmazeutin, wenn sie über das Labor für überkritische Flüssigkeitschromatografie spricht, das ihre Gruppe in Wien aufgebaut hat: „Das ist schon ein tolles Setting, eine geniale, umweltschonende Technik, um Lösungsmittel einzusparen. Das bringt die Augen jedes Naturstoffforschers zum Leuchten.“

Im Privatleben ist es vor allem das kulturelle Leben der Stadt Wien, das ihre Augen zum Leuchten bringt. Der Tirolerin haben es insbesondere die Museen der Bundeshauptstadt angetan. „Für solche Dinge wäre ich früher Hunderte Kilometer angereist.“ Nicht nur beim Wohnort, auch bei der Berufswahl lag sie richtig. Ursprünglich wollte sie nach dem Studium das Aspirantenjahr in einer Apotheke absolvieren, erzählt Grienke. Zufällig sei damals Professorin Judith Rollinger auf der Suche nach einer Doktorandin für ein FWF-Projekt gewesen. Dann mache ich das mit der Apotheke eben später, habe sie sich in diesem Moment gedacht. Aus dem später wurde ein nie. Seit 13 Jahren arbeitet Grienke inzwischen in der Forschung. „Die Apotheke als Arbeitsfeld kann ich mir jetzt wirklich nicht mehr vorstellen“, sagt die Pharmakognostin. Demnächst wird sie ihre Habilitationsschrift einreichen.

ZUR PERSON

Ulrike Grienke (38) studierte Pharmazie und promovierte an der Universität Innsbruck. Neben anderen Auszeichnungen erhielt Grienke 2012 in New York für ihre Dissertation den Egon Stahl Award der „Society for Medical Plant and Natural Product Research“. Seit Herbst 2020 arbeitet die Forscherin als Senior Scientist am Department für Pharmakognosie der Universität Wien.

Alle Beiträge unter:diepresse.com/jungeforschung

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.02.2021)