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Generationen

Junge Europäer befragen die alten

Die Idee entstand kurz nach dem Brexit-Referendum im Juni 2016, als feststand, Großbritannien wird aus der EU austreten.
Die Idee entstand kurz nach dem Brexit-Referendum im Juni 2016, als feststand, Großbritannien wird aus der EU austreten.Imago Images
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Was eine Gruppe um die deutschen Autoren Simon Strauss und Nora Bossong mit dem digitalen „Archiv der Stimmen“ zum Nachlesen und -hören bewirken wollen.

Die Idee entstand kurz nach dem Brexit-Referendum im Juni 2016, als feststand, Großbritannien wird aus der EU austreten. Der Schriftsteller und „FAZ“-Journalist Simon Strauss, die Autorin Nora Bossong und ein Dutzend weiterer junger Menschen aus Deutschland wollten nicht daran glauben, dass die Idee eines geeinten Europa zerbröseln sollte. In den Geschichtsbüchern steht viel über die Entstehung der EU, über Konflikte und geschaffte Hürden, aber wie ganz normale Menschen dieses Kontinents, inner- und außerhalb der EU-Grenzen, dieses Europa erlebt haben, wissen die wenigsten. Das wollten die jungen Menschen mit ihrer Stiftung „Arbeit an Europa“ ändern.

So entstand nach vielen Beratungen die Idee zum „Europäischen Archiv der Stimmen“, unterstützt vom deutschen Goethe-Institut, der Gerda Henkel Stiftung sowie der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung, beraten von dem Soziologen Heinz Bude und der Erinnerungsforscherin Aleida Assmann. Zuerst wurden junge Europäer aus jedem Land gesucht, die für das Archiv einen europäischen Zeitzeugen (Jahrgang 1920–1945) in ihrer Muttersprache befragen sollten. Unter den Interviewten sind auch bekanntere Persönlichkeiten, wie der niederländische Schriftsteller Cees Nooteboom, die russische Schriftstellerin Ljudmila Ulizkaja und Adriano Moreira, einst unter António Salazar Minister in Portugal.

Komplett im Mai

Seit wenigen Wochen ist die Webseite Arbeit an Europa fertig und dort wird nun das Gesprächsarchiv immer voller. Die zu Beginn grau unterlegte Landkarte Europas wird seither immer bunter. Sobald ein Interview aus einem Land hochgeladen und veröffentlicht wird, bekommt das Land eine Farbe. Mit einem Klick kann man das jeweils geführte Gespräch in der Originalsprache anhören und in englischer Übersetzung nachlesen. Die österreichische Stimme ausgewählt und befragt hat "Presse"-Journalistin Anna-Maria Wallner. Sie entschied sich die 1940 geborene Wienerin und Autorin Hanna Molden, die Witwe von Verleger Fritz Molden und die Mutter von Musiker Ernst Molden zu interviewen. Das Gespräch fand im August 2019 statt und ist seit kurzem im Archiv der Stimmen abrufbar.

Bis Mai soll das Archiv mit insgesamt 51 Gesprächen (ca. 60 Prozent Männer, 40 Prozent Frauen) komplett sein, sagt Simon Strauss. Kritik an dem Projekt gab es immer wieder. So hieß es etwa, das Projekt sei eine reine PR-Veranstaltung für die EU. Strauss verneint: „Uns geht es gar nicht um die EU, sondern um Europa. Außerdem kommen sehr wohl auch EU-kritische Gedanken zu Wort, zum Beispiel bei dem schwedischen Marxisten Sven-Eric Liedman.“ Die EU habe das Projekt auch mit keinem Cent finanziert.

Wer die Generation der 80- bis 100-Jährigen und ihre Geschichten noch hören will, muss sich beeilen. Das zeigt sich auch hier, schon vor der Pandemie: Fünf Menschen aus dem Archiv sind schon gestorben, seit sie 2019 interviewt wurden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.02.2021)