Was hat Jean Racine dem Direktor des Wiener Burgtheaters angetan? Hose runter, Hose rauf, Drehtür zu, Drehtür auf. Oh Gott, mein Gatte! Fertig ist Hartmann Hackebeilchen mit der armen, armen, armen Phädra.
Was hat Jean Racine dem Direktor des Wiener Burgtheaters angetan? Ist es enttäuschte Liebe, oder hat Matthias Hartmann kein Vertrauen in den eleganten Text? Racine schuf mit der 1677 uraufgeführten „Phädra“ eine große Tragödie, viele hielten damals in Paris diesen klassischen Fünfakter sogar für besser als die antiken Vorbilder, die Dramen von Euripides oder Seneca.
Jetzt aber kommt Hartmann mit dem Hackebeilchen und stutzt das edelste Schauspiel der Franzosen in seiner Inszenierung auf eine Kammerspielposse von 90 Minuten: Reife Frau will den Stiefsohn verführen, holt sich eine Abfuhr, beschuldigt den Spröden der Nötigung, wütender Ehemann verstößt den Sohn. Dann wird allgemein gestorben, alles ruck, zuck, ohne echten Tiefgang – „Phädra“, eine Vergewaltigung. Den ersten Durchlauf gab es bei den Salzburger Festspielen im August, nun war das schrille Trauerspiel am Mittwoch im Wiener Akademietheater als Premiere zu sehen.
Der Ozean lauert auf seine Opfer
Es ist hier einfach gebaut, beginnend beim schönen Bühnenbild (Johannes Schütz), einer formatfüllenden Drehtür, die auf der einen Seite weiß, auf der anderen schwarz ist. Wird sie bewegt, hört man Meeresrauschen, ahnt das Schicksal des Hippolytos (Philipp Hauß) und der von ihm geliebten Arikia (Sylvie Rohrer) voraus. Sie werden wie die Amme Önone (Therese Affolter) am und im Meer enden, während Phädra (Sunnyi Melles) den Tod durch Gift sucht. Türe auf – schwarz. Türe zu – weiß. Agiert wird sparsam im schmalen Flur vor der riesigen Tür.
Was bei den Requisiten passt, ist bei der Inszenierung zu wenig. Hartmann hat aus der Tragödie einen Bastard gemacht. Er lässt Melles, die oft schon in Komödien entzückt hat, eine tragisch liebestolle Frau so übertrieben spielen, dass dies streckenweise peinlich komisch wirkt, die ernsten Momente belastet. „Liiiebe!“, schreit sie und wechselt zur Farce. Dort trifft sie auf Affolter, die die Karikatur einer Intrigantin spielen muss, mit Mimik und Gestik wie im Kasperltheater. Nicht schwarz-weiß, sondern buntscheckig.
Nun ist es zuweilen üblich, auch in besseren Tragödien Clowns auftreten zu lassen, aber Hauptdarsteller sind sie selten. Hartmann jedoch macht aus Phädra eine Lachnummer, aus Hippolytos eine Mischung aus Komplexler und tragischem Brüter, dem die Stiefmama die Hose runterreißt, um ihr Gesicht an seinen Unterleib zu pressen. Er windet sich im Geschlechterkrampf wie unter Schmerzen. Nach solch verschwitzten Bildern ist aller Ernst wie weggeblasen.
Zwei Nebenfiguren spielen jedoch tatsächlich berührende Tragödie; Rohrer als liebende Prinzessin und Hans-Michael Rehberg als Erzieher des Hippolytos sind eine Klasse für sich. Ach, hätten sie doch Phädra und Athens König Theseus gespielt! Den gibt Paulus Manker. Seine Interpretation des getäuschten Gatten und impulsiven Machtmenschen ist am schwersten zu bewerten. Ist es eine Komödie? Ist es eine Tragödie? Manker, der Charakterkopf, hält sich bedeckt. Er ist ein grantiger Schaffner, der zwei Schwarzfahrer erwischt hat; er ist ein Triebtäter, der kurz daheim vorbeischaut; er ist ein schwacher Vater und Ehemann. Meist blickt er dabei aus schmalen Sehschlitzen in die böse Welt. Von der Provinzposse bis zum großem Welttheater reicht Mankers Repertoire, aber warum tut er sich diesen Mord an Racine überhaupt an?
Das bleibt wohl ein Geheimnis. Theater ist auch Metamorphose. Vielleicht muss sich diese Aufführung noch entwickeln, sie sollte nachdunkeln. Vorerst aber braucht man wohl ein, zwei Flaschen Wein als Vorbereitung, um es als tragisch schön zu empfinden, wenn die Königin im Delirium wild zuckend endet. Da sind die Grenzen des Geziemenden längst überschritten. Einen Vers entfremdend, kann man also nur behaupten: „Racines ,Phädra‘ ist nicht mehr!“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.09.2010)