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Castro: Der alte Mann und die Einsicht

(c) REUTERS (DESMOND BOYLAN)
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Es war einmal die Revolution. Ex-Staatschef Fidel Castro (84) gibt zu, dass Kubas Staatsmodell nicht einmal mehr auf Kuba funktioniere und er damals während der Kubakrise 1962 überreagiert habe.

Er trägt legere Outdoor-Kleidung und Turnschuhe. Er mag Bratfisch mit Salat, tunkt Weißbrot in Olivenöl und nimmt zu Mittag ein Glas Rotwein. Delfine mag er auch – aber dafür sein Verhalten während der Kubakrise von 1962 gar nicht mehr. Und den Glauben an jenes marxistische Staatsmodell, das er selbst ab 1959 auf Kuba eingeführt hat, hat er, Fidel Castro, auch verloren.

Das sind einige der teils überraschenden Erkenntnisse, die US-Journalist Jeffrey Goldberg jüngst aus Kuba mitbrachte, wohin ihn Ex-Staatschef Fidel Castro (84) eingeladen hatte. Sie trafen einander mehrfach während dreier Tage. Was dabei geschah, schreibt Goldberg im US-Magazin „The Atlantic“ (www.theatlantic.com). Es ging dabei nicht nur um trockene Polit-Themen wie die Zukunft des Sozialismus oder Kriegsgefahr in Nahost – als einen Höhepunkt beschreibt Goldberg den Besuch der Delfin-Show im Aquarium von Havanna mit Castro – der „schönsten Delfin-Show auf der Welt“, wie der zerbrechlich, doch geistig hochaktiv wirkende Castro wortreich betont habe.

 

Kämpfer für Atomabrüstung

Castro hat Goldberg demnach eingeladen, nachdem er einen seiner Artikel zum Konflikt vor allem zwischen Israel und den USA mit dem Iran wegen dessen Atomprogramm gelesen hatte. Castro, der 2008 als Präsident wegen einer Darmerkrankung abgetreten ist und erst seit wenigen Monaten wieder öffentlich erscheint, gibt sich seit geraumer Zeit als Kämpfer für die nukleare Abrüstung.

Beim Lunch wurde Castro gefragt, ob es das „Kubanische Modell“ weiter wert sei, exportiert zu werden. Seine amüsiert-resignierende Antwort: „Das kubanische Modell funktioniert nicht einmal mehr bei uns.“Tatsächlich hat Fidel Castros Nachfolger an der Staatsspitze, sein Bruder Raúl (79), vor allem in den letzten Monaten marktwirtschaftlich angehauchte Reformen eingeleitet. So wurden Privatfirmen und Einstellung von Dienstnehmern erlaubt. Binnen fünf Jahren sollen 20 Prozent der ca. sechs Millionen Beschäftigen (fast alles Staatsbedienstete) in Privatjobs unterkommen. Grunderwerb durch Ausländer wurde legal, aber nicht durch US-Bürger. Grund dafür sind freilich die Embargogesetze der USA, die Investitionen auf Kuba verbieten. Das sei „scheinheilig und dumm“, so Goldberg, die USA dürften zusehen, wie Europäer und Brasilianer die besten Hotels und Böden Kubas aufkaufen.

Über seine Rolle bei der Kubakrise im Oktober 1962, als die Welt wegen der Stationierung sowjetischer Atomraketen auf Kuba und der folgenden Blockade durch die US-Navy kurz vor einem Atomkrieg stand, gab sich Castro zerknirscht; er hatte damals UdSSR-Staatschef Chruschtschow in einem Brief sogar ermuntert, einen Atomschlag gegen die USA zu führen. „Nach allem, was ich seither gesehen und erlebt habe, war es das alles nicht wert“, so der greise Revolutionär.

 

„Juden wurden am meisten beschimpft“

Dafür fürchte er wegen des Konflikts um Irans A-Programm die Gefahr eines Krieges, ja Atomkrieges. Drohungen würden Teheran nicht einschüchtern. Castro mahnte aber Irans Präsident Mahmoud Ahmadinejad: Er solle mit seinem Antisemitismus und der Holocaust-Leugnung aufhören; immerhin seien die Juden stets mehr als jedes andere Volk beschimpft worden. Glosse Seite 31

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.09.2010)