In der Hochsaison seltsamer Verbote

Der Spätsommer ist eine grausame Zeit. Man ahnt schon, dass sich die Blätter der knorrigen Bäume bald zornig verfärben werden.

Bei den Menschen sind jetzt die Unversöhnlichen am Wort. Die brüllen dann in besonders schlechten Jahren „Von nun an wird zurückgeschossen!“ oder erklären den September für schwarz oder machen Wolkenkratzer aus reiner Mordgier platt.

In diesem Jahr sind offenbar jene Eiferer besonders heftig zugange, die sich neue Verbote ausdenken: „Du darfst keinen Gebetsraum jenseits der Wallstreet bauen!“ Ist Beten jetzt eine Sünde? „Du darfst kein Buch verbrennen!“ Warum sollte ich? Ich heiße ja nicht Goebbels. Aber gilt das Brandverbot dann nicht nur für Bibel und Koran, sondern auch für die Schriften de Sades, für Voltaire und den neuen Reißer von Thilo Sarrazin? Oder darf man nach den Vorschriften der neuen Tugendwächter Deutschland schafft sich ab künftig mindestens 666 Meter im Umkreis der deutschen Bundesbank nicht mehr lesen, weil sonst die Gebetsruhe des Kapitals gestört wird? Weder Kirchen noch Kalifate verraten, was in diesem Falle schicklich ist, obwohl diese Institutionen erfahren im Verfassen von Indizes sind.

Aber noch besteht Hoffnung auf mehr Vernunft. In den Südstaaten der USA zum Beispiel hat man vor gar nicht langer Zeit nicht nur unschuldiges Papier angezündet. Das Bücherverbrennen ist dort also bereits ein Fortschritt. Und selbst bei uns im angeblich zivilisierten Europa war die Bibellektüre von Laien vor Luther verpönt oder verboten. Heute darf man sogar verschiedene Übersetzungen wählen. Und das ist gut so. Das libertinäre Gegengift ist nämlich skeptisch, wenn es um Beschränkung geht, und unversöhnlich, wenn lächerliche Verordnungen erfunden werden.


Der Erzbischof von Melbourne zum Beispiel hat eben erlassen, dass in mehr als 200 australischen Kirchen bei Trauerfeiern kein Pop mehr sein darf: „Säkulares Liedgut darf bei einer katholischen Beerdigung nicht gespielt oder gesungen werden“, sagt der Kirchenfürst mit dem bezeichnenden Namen Hart. Will er wirklich verbieten, dass die schönen weltlichen Weisen, die Johann Sebastian Bach mittels frommer Texte in seine kirchliche Musik einschmuggelte, künftig in Kirchen erklingen? Oder ist er gar ein Verehrer Johannes XXII., der in der „Docta sanctorum“ Anfang des 14. Jahrhunderts die neue Musik bannen wollte, weil sie zu weltlich war? Man befürchtete, dass die Ars nova die Hälse der Spielleute aufblähte. Also weg mit den Spielleuten aus den Kirchen!

Nein, „Oh Haupt voll Blut und Wunden“, das ursprünglich zum Text „Mein G'müt ist mir verwirret von einer Jungfrau zart“ gesungen wurde, darf nicht verbrannt werden!

In einem Falle aber bin ich für drakonische Härte: „Du sollst dein Mobiltelefon ausschalten, bevor im Akademietheater die Phädra beginnt!“ Da sage ich mit dem biblischen Zorn eines Propheten: „Ergreift den Lumpen, er ist ein Rezensent!“


norbert.mayer@diepresse.com

Keine reißerische Lektüre in der Bundesbank, kein Pop in Kirchen „down under“. Was noch?

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.09.2010)

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