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Es muss brennen

Was die zwei Frauen in Sofi Oksanens Roman "Fegefeuer" verbindet? Beide wurden Opfer sexueller Übergriffe. Politische Gewalt schließt Gewalt gegen Frauen stets ein: von der Hölle der Verbannung bis zu jener der Sexindustrie. Bedrückend.

Die Idee des Fegefeuers verspricht die schmerzhafte Läuterung der Seele als Eintrittskarte in den Himmel. Sie geht paradoxerweise vom gleichzeitigen Vorhandensein des Guten und der grundsätzlichen Schuldigkeit des Menschen aus. So muss am Ende gebüßt und bedauert werden, wenn Schuld getilgt und Scham überwunden werden soll. Es muss brennen. Das tut es auch in „Purge“, „Fegefeuer“, wie der deutsche Titel des berückenden Romans von Sofi Oksanen lautet. Für ihn hat die junge finnische Autorin nicht von ungefähr heuer den Nordischen Literaturpreis verliehen bekommen.
Das Bild des Purgatoriums trifft, denn es dreht sich in „Fegefeuer“ letztlich alles um Schuld und Scham, um Angst und Mut, obwohl es anfangs nicht so sehr danach aussieht. So könnte eine Familiengeschichte, eins Generationenroman, starten: Da macht eines alte Frau in der Küche ihrer Datscha Jagd auf Fleischfliegen.

Feuer im Herd, der Kühlschrank brummt. Die Birken wehen im Wind. Fast glaubt man die Pilze, die Beeren und den Zuckerrübensirup riechen zu können, die den Alltag einer alten estnisch-russischen Bäuerin füllen. sDoch dann bemerkt sie das geschundene Bündel Mensch in ihrem Garten – Zara. Sie wird es retten, ins Haus lass-6;0sen, verarzten, bekochen, befragen, belügen. sMit dieser jungen Frau, diesem „ungewöhnlich gehorsamen Mädchen“, ist die Alte, Aliide Truu, auf ungeahnte und ungeheuerliche Weise verbunden. Alte Ängste erstehen aus dem Grab, das Gefühl von Scham und Schande schleicht sich zurück. Sehr subtil geht die Autorin hier ans Werk.

Mit dem Bedauern und dem Büßen ist es in „Fegefeuer“ allerdings so eine Sache: Wenn es im Roman so etwas wie die Einsicht in die eigene Schuld gibt, dann erfolgt sie erst zum Schluss. Dass die Erzählerin der Selbsterkenntnis ihrer Hauptfigur lange Aufschub gewährt, davon lebt die Geschichte zu einem Gutteil. Dieser Umstand nämlich bietet Oksanen auch die Möglichkeit, so starke Spannungen aufzubauen, sodass für den Leser das Echo der Geschichte noch nicht verklungen ist, wenn er Aliide Truu bereits seine Absolution erteilt hat. Man hört den Nachhall der eigenen Kriegsgeneration: „Wir haben alle doch nur auf Befehl gehandelt.“ „Ich war eine gute Genossin“, sagt Aliide. Selbstgerechtigkeit übergeht jedes moralische Bedenken. Als sei es nur Zufall, ideologisch gerade auf der falschen Seite zu stehen.

Der Originaltitel des Romans, „Pudhistus“, finnisch „Säuberung“, verweist genauer auf seine räumlichen und zeitlichen Umstände. Er rückt das politische gleichberechtigt neben das individuelle Schicksal. Er verweist sowohl auf die ethnischen Säuberungen der Stalinzeit als auch auf die „Reinigung“ von Scham und Schande. Prekärerweise fühlt sich oft auch das Opfer eines Verbrechens schuldig. Wo ist sein Anteil an den sexuellen Übergriffen, an den seelischen Folterungen, die es zu erleiden hat? Letztlich verdiene sie es, denkt Zara, „im Waschbecken zu ertrinken“.

Die Erzählgegenwart datiert in 1992. Der Ort: Estland ein Jahr nach seiner Unabhängigkeit von der zerfallenden Sowjetunion. Den weitest entfernten geografischen Punkt in der Erzählung markiert Wladiwostok, die Stadt im äußersten Sibirien. Weiter von seiner geliebten estnischen Heimat weg konnte unter Stalin niemand deportiert werden, sofern er es bis dorthin überlebt hatte. Viele verschwanden schon vorher in den Folterkellern, in den Wäldern.

Die Tiefe von Oksanens „Fegefeuer“-Zeit reicht bis vor den Zweiten Weltkrieg; Nazi-Deutschland hatte unter den estnischen Nationalisten Sympathisanten gefunden. Das waren Menschen wie Hans Pekk, von dem man im Roman verstreut verzweifelte Tagebucheintragungen findet. Notizen aus dem Untergrund, aus denen die berechtigte Sorge um seine Familie sprechen, seine Frau Ingel sund seine Tochter Linda. sIngel ist Aliides große strahlende Schwester, bevorzugt von Geschick und Ausstrahlung. In ihrem Schatten leidet Aliide. „Aus der Erde der Verzweiflung wachsen schlechte Blumen“, warnt sie die Wunderheilerin. Doch der Hass wuchert. Neid und Eifersucht lassen die von der Natur Benachteiligten im politischen Gehorsam ein grausames Ventil finden.

Ein halbes Jahrhundert, von der Naziherrschaft bis zum Mafia-Kapitalismus, wird hier in eine ausgezeichnet komponierte und bilderreiche Erzählung übersetzt. Sofi Oksanen hat sich intensiv in die politischen Wirren Estlands vor und nach dem Zweiten Weltkrieg vorgearbeitet, überdies liegen ihre Wurzeln mütterlicherseits in Estland. Dennoch ist „Fegefeuer“ kein explizit politisches Buch. Angelegt wurde der Stoff zuerst als Drama. Man kann sich gut vorstellen, wie packend es auf der Bühne funktioniert hätte: ein Zwei-Personen-Stück, in dem sich eine alte Frau Wahrheiten stellt, die sie sonst mit ins Grab genommen hätte, und eine junge Frau, der sie sie schuldet. Die Personen, die aus der Erinnerung auftauchen, sind Schatten, Leichen im Keller, Verbannte.

Die Personen, die die Gegenwart in die dörfliche Szenerie spült, sind Hooligans und Peiniger, Zaras Zuhälter. Die beiden Frauen verbindet über zwei Generationen hinweg, dass sie Opfer sexueller Gewalt wurden. Politische Gewalt schließt Gewalt gegen Frauen immer mit ein. Die Deportation in den Gulag und die Deportation in die Hölle der Sexindustrie legt Oksanen als Parallele aus: Wie sehr sich die Dinge doch gleichen, auch wenn die Menschen und Zeiten andere sind.

Das Bühnenbild in diesem Stück Fegefeuer bliebe meist dasselbe, dieses alte estnische Bauernhaus, dessen Schlafkammer nicht benützt wird, weil darin Massen an Kräutern trocknen, und die eigene Tochter längst nach Finnland ausgewandert ist. Es ist ein Haus, in dem auf dem Holzherd ein Topf mit Schweinsohren schmurgelt, das das Bild eines scheinbaren dörflichen Friedens vermittelt.

Aliide ist mit ihrer Schwester Ingel darin aufgewachsen. Von hier wurden ihre Eltern verschleppt. Sie kehrten niemals wieder. Hier haben die Schwestern Hans Pekk, den stolzen Nationalisten, eine Zeit lang vor den Sowjets versteckt halten können. Dieses Haus hat Genossin Aliide mit ihrem fanatischen Mann ganz übernommen. An diesen Ort hat Zara instinktiv auf der Flucht vor ihren Zuhältern zurückgefunden, unwissend, dass dort eine Rechnung zu begleichen ist.

Und da sind noch die Vorhöllen in der Erinnerung von Aliide und Zara, Folterkeller und Hotelzimmer. Sehr geschickt wechselt die Autorin zwischen diesen Zeiten und Orten hin und her. Als wäre es ein Gesetz, dass sich die Dinge lösen, wenn man siemit psychologischer Umsicht erzählt, hat dieses Zusammentreffen der beiden Frauen auch sprachlich etwas Unausweichliches. Zu einem Schluss kommen, der einen befreit, und sei es von seinem Leben. 


Sofi Oksanen liest am 17. September, 20 Uhr, im Wiener Theater Rabenhof, Rabengasse 3, aus ihrem Buch.s

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.09.2010)