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Ignoranz statt Toleranz: Moslems in USA

Ignoranz statt Toleranz Moslems
USA(c) AP (Matt Rourke)
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In der "Moschee-Debatte" und zum 9/11-Jahrestag kulminierten die lange verdrängten Spannungen zwischen der Supermacht und der Weltreligion.

Zum Jahrestag wölbte sich wieder ein strahlend blaues Firmament über Manhattan. Bürgermeister Michael Bloomberg, Abordnungen von Feuerwehrleuten und Polizisten, Angehörige der 9/11-Opfer, religiöse Fanatiker und Gegendemonstranten pilgerten zum Gedenken an die Terrorangriffe vor neun Jahren zum „Ground Zero“, die damals buchstäblich aus heiterem Himmel gekommen waren.

Während in Washington Präsident Obama vor dem Pentagon an die dunkelste Stunde der Nation erinnerte, Sarah Palin und Glenn Beck – das Traumpaar der radikalen Tea-Party-Bewegung – in Anchorage in Alaska zu Eintrittspreisen von bis zu 110 Dollar eine Gedenkveranstaltung abhielten, und der geltungssüchtige Pastor Terry Jones den Imam Feisal Abdul Rauf treffen wollte, war im Stadtteil Tribeca der nationale Konsens empfindlich gestört.

In die Stille der Verlesung der Namen der 2752 Opfer in den Twin Towers, dem jährlichen Ritual, platzten die Eiferer, die sich Schützenhilfe aus Europa geholt hatten. Der niederländische Rechtspopulist und notorische Islam-Kritiker Geert Wilders sollte den Furor der Gegner eines islamischen Kulturzentrums anstacheln. Zwei Drittel der Amerikaner lehnen den Bau des Kulturzentrums laut Umfragen ab – und das Paradoxe daran ist: umso mehr, je weiter sie davon weg leben.

Die Demonstranten und die Gegendemonstranten standen sich vor dem abgeriegelten Park Plaza gegenüber: jenem Straßenzug, in dem in der Nachbarschaft von Nachtclubs und der Stripbar „New York Dolls“ aus der ehemaligen „Burlington Coat Factory“ das Projekt „Park 51“ des moderaten Imam Rauf entstehen soll – ein integriertes Gemeindezentrum auf 13 Stockwerken samt Restaurants, einem Swimmingpool, einem Fitnessklub, einem Konferenzsaal und einem Gebetsraum. Keine Moschee, kein Minarett, und das alles zwei Blocks nördlich von „Ground Zero“ entfernt.

Das ursprüngliche „Cordoba-House“-Projekt hatte über den Sommer in den USA eine schrille Kontroverse über Religionsfreiheit und Toleranz angefacht. „Darf der heilige Ort entweiht werden durch die Stätte einer Religion, auf die sich die Attentäter beriefen“, lautet zugespitzt die Kernfrage.

In der Nacht zuvor hatten sich Lichtkegel wie Laserstrahlen des Selbstbehauptungswillens New Yorks in den Himmel gebohrt. Donnernd heulten die Motoren der Harley-Davidson-Maschinen auf, die als Tribut an die Toten unentwegt um den Krater kreisten. Der Friedhof der St. Paul's Chapel grenzt an „Ground Zero“, aus dem nach neun Jahren endlich ein erstes Wolkenkratzer-Skelett herausragt. Drinnen in der Kirche fand eine Vigil statt – eine Nachtwache mit von Totenbildern gezierten Altären und Tafeln.

Islamische Vielfalt. Eine halbe U-Bahn-Stunde entfernt, an der Ecke 96 Street/3rd Avenue, liegt das prächtige „Islamic Cultural Center“, errichtet vom Vater von Feisal Abdul Rauf. Über der Moschee wölbt sich eine Kuppel mit der Sichel obenauf, daneben ragt ein Minarett in die Höhe, auf dem Lautsprecher für das Muezzin-Gebet installiert sind. Koran-Verse, die zu Frieden und Versöhnung aufrufen, flimmern über eine Leuchttafel. Hier zelebrierten die Gläubigen während des Ramadan bei Einbruch der Dunkelheit das Ritual des Fastenbrechens. Hier zeigt sich die Weltreligion – in den USA ohne herausragende Führerfigur – in ihrer schillernden Vielfalt: Indonesische Studenten in Jeans, westafrikanische Frauen in farbenprächtigen Gewändern, Frauen in Burka und Tschador, bosnische Flüchtlinge.

Vis-à-vis der Moschee brutzelt Mohammed el-Said auf seinem Stand Kebab, Lammfleisch und Falaffel und hackt Zwiebel klein. Er ist 1986 aus Ägypten nach New York ausgewandert, wo ein Gutteil der zweieinhalb bis sieben Millionen US-Moslems lebt. Niemals, so behauptet er, sei ihm Hass entgegengeschlagen. Und überhaupt werde um die ganze Sache zu viel Wind gemacht, meint er. „Zu viel Propaganda.“

lslamophob? Am Highway I-95, kurz vor New York, verkündet eine Werbetafel: „Du verdienst mehr über den Islam zu wissen.“ Eine Untersuchung des renommierten Pew-Instituts hat gerade erst herausgefunden, dass die Amerikaner zu wenig Ahnung haben vom Islam. „Alles, was ich wissen muss, habe ich bei 9/11 gelernt“, skandieren die Demonstranten in New York trotzig. Andrew Kohut, der Chef des Pew-Instituts, resümiert: „Die Einstellungen gegenüber dem Islam sind gemischt, nicht mehr so positiv wie vor acht Jahren. Aber es gibt kein Zeichen für einen Anstieg anti-islamischer Gefühle.“

Dennoch hegt fast die Hälfte der Amerikaner eine negative Haltung gegenüber dem Islam; immerhin ein Drittel – um die Hälfte mehr als 2002 – glaubt, dass er die Gewalt befördert. Hat nicht vor einem Jahr der Armee-Psychiater Nidal Hasan Malik in der Militärbasis Fort Hood in Texas 13 Kameraden niedergemäht? Und entstammen nicht immer mehr der Selbstmordattentäter dem radikal-islamischen Milieu, gezüchtet auf amerikanischem Boden?

Die „Islamic Society of North America“ sorgt sich denn auch vor einer „Flut an Intoleranz“. In einer Titelgeschichte fragte „Time“ unlängst: „Ist Amerika islamophob?“ Als Kronzeugen zitiert das Magazin den moslemischen Autor Arsalan Iftikhar: „Die Feindlichkeit gegenüber dem Islam ist in den USA zu einer akzeptierten Form des Rassismus geworden. Es könnte ein permanenter politischer Grabenkampf werden.“ Und Mohammed Hafez, ein Experte für nationale Sicherheit, pflichtete ihm in einem Interview bei: „Das ist ein vergifteter Diskurs. Es könnten weitere Episoden folgen.“

Ferhan Ashgar, ein etablierter Arzt aus Cincinnati, gerät darob ins Grübeln: „Werden wir je richtig von der US-Gesellschaft akzeptiert werden?“ Um im nächsten Atemzug festzustellen: „In keinem anderen Land genießen wir so viele Freiheiten.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.09.2010)