Mit Büchern kann man auch Mäuse erschlagen!

Buechern kann auch Maeuse
Michael Rohrwasser(c) Clemens Fabry

Der Literaturwissenschaftler Michael Rohrwasser hat sich auf die Suche nach dem etwas anderen Verwendungszweck von Literatur gemacht.

Es ist eine Geschichte, fast zu kurios, um nicht von H. C. Artmann erfunden zu sein, und dennoch ist sie wahr: Als der Dichter noch ein junger Mann war, rettete ihn ein Langenscheidt-Wörterbuch vor dem sicheren Tod. Der Band Deutsch/Spanisch bremste eine Kugel aus einem russischen Maschinengewehr ab! 2006 war er in der Wien-Bibliothek ausgestellt. Der in Wien lehrende Germanist Michael Rohrwasser hat den Vorfall in sein „Kleines Lexikon der anderen Verwendungsformen des Buches“ aufgenommen. Er besteht darauf, dass diese Geschichte wirklich passiert ist. Und so einmalig sei das auch gar nicht: „Jeder Antiquar kann Ihnen ein Buch zeigen, in dem eine Kugel steckt.“


„Dilemma mit Büchern“. Michael Rohrwasser, 1949 in Freiburg geboren, hat nachgeforscht, was man denn mit Büchern so alles anstellen kann, wenn man sie nicht gerade liest: Er hat dafür das Wissen von Freunden und Uni-Kollegen angezapft – und aus dem Ergebnis ein kleines Lexikon verfertigt: Nicht alle Verwendungsformen des Buches fallen dabei so spektakulär aus wie die Artmann'sche: Sehr viel häufiger dienen Bücher dazu, Tische zu stabilisieren, Mäuse zu erschlagen oder Hosen zu bügeln: Alfred Polgar erzählt etwa in dem Prosastück „Dilemma mit Büchern“ von einem Arzt für „kleine Übel und kleine Leute“: „Er war so arm wie seine Patienten. Immerhin besaß er eine Enzyklopädie der Medizin. Und wenn seine Hosen schon ganz verkrumpelt waren, legte er sie nachts auf den Fußboden und über sie die zwölf Bände der Enzyklopädie. So ersparte er sich das Plättenlassen.“

Enzyklopädien und Gesamtausgaben haben einen großen Vorteil: Sie sind schwer, womit sich die Bandbreite der Verwendungszwecke erhöht: „Vielen Büchern geht es wie den Goldklumpen in Irland. Sie dienen lange Jahre nur als Gewichte“, schrieb schon Novalis. Und über Sartres philosophisches Hauptwerk „Das Sein und das Nichts“ heißt es, es habe sich darum so gut verkauft, weil es genau ein Kilogramm schwer war: Fischhändler hätten damit ihre Ware abgewogen. „Wobei das ein Schmäh ist, ein böses Gerücht. Ich habe es von einem nach Paris emigrierten Arbeiterdichter – er hat Sartre gehasst, weil er ihm zu elitär war. Dieser Arbeiterdichter hat zu mir gesagt: ,Na ja, auch wenn seine Heidegger-Rezeption nichts taugt – wenigstens war sie zum Fischabwiegen gut.‘“


Den Fetisch entzaubern. In Rohrwassers „Kleinem Lexikon“ finden sich viele solcher Geschichten: Von Paul Austers Held Marco Fogg etwa, der sich die ganze Wohnung mit Bücherkartons möbliert. Von Jean Paul, der einen Pfarrer mit der Bibel nach Mäusen schlagen lässt. Oder von Carl Spitzweg, dessen „Armer Poet“ in seiner Dachkammer friert und deshalb seine Manuskripte verfeuert: „Er verheizt seine Texte, um neue schreiben zu können – man kann sagen, er hat das Perpetuum mobile erfunden.“ In einem Lexikoneintrag erfahren wir, dass Bücher zum Einwickeln von Gurken dienen können (Brechts „Mutter Courage“), in einem anderen, dass ein Lehrer Schülern das Buch auf den Kopf schlägt mit den Worten „Wir werden einen Weg finden, dir dein Wissen einzubläuen“. „Gegen eins, das durchgelesen wird, werden Tausende durchgeblättert, andere werden auf Mauslöcher gepresst, nach Ratten geworfen, auf anderen wird gestanden, gesessen, getrommelt, Pfefferkuchen gebacken, mit anderen werden Pfeifen angesteckt, hinter dem Fenster damit gestanden“, schrieb schon Georg Christoph Lichtenberg in seinen „Sudelbüchern“.

„Mir gefällt es, wenn Bücher eine Funktion im Haushalt übernehmen“, meint Rohrwasser: „Dass ich etwa in Ernest Bornemans ,Psychoanalyse des Geldes‘ einen 50-Euro-Schein verstecke für den Fall, dass ich einmal dringend Bargeld brauche. Als ich noch in Berlin lebte, hatte ich einen wackeligen Lattenrost – den habe ich mit einer Karl-May-Ausgabe gestützt. Mit Büchern kann man Gelsen erschlagen, es gibt Menschen, die machen mit Büchern Hanteltraining, man kann mit Büchern jemandem auf den Kopf hauen“. Wie das etwa Luc Bondy 2002 bei einem Jour fixe des Zsolnay-Verlags getan haben soll: Vor lauter Zorn, weil er sich von Karl Markus Gauß ungerecht porträtiert sah, schmiss er ein Buch nach dem Autor. Durchaus folgerichtig warf er den inkriminierten Band „Mit mir, ohne mich“.

Das klingt natürlich alles ziemlich prosaisch. Aber gerade das ist Michael Rohrwasser sehr recht: Es sei durchaus seine „geheime Intention“ gewesen, mit seinem „Kleinen Lexikon der anderen Verwendungsformen“ das Buch als Fetisch zu entzaubern: „Es gibt ja diesen Bücherkitsch à la: Meine Bibliothek ist mir heilig, wo Bücher brennen, da brennen auch bald Menschen et cetera.“ Wenn das Buch so zur Ikone hochstilisiert wird, ist es eine interessante Aufgabe, ihm den Heiligenschein zu rauben.

Dass Bücher in jedem Fall gescheiter machen, hält Rohrwasser übrigens ebenfalls für eine „fromme Idee“: „Man kann sich auch dumm lesen, indem man sich ständig Bücher sucht, die einem die eigene Dummheit erhalten. Indem man in der Literatur nur Bestätigungen sucht.“


Sammler sind meist männlich.
Und man kann mit Büchern natürlich trefflich angeben. Die Repräsentation ist eine der wichtigsten „anderen Verwendungsformen“ des Buches. Die umfassende Bibliothek dient der Selbstdarstellung. Man hat eine Sammlung, auf die man stolz verweisen kann – Michael Rohrwasser etwa auf die ersten 400 Bände der „edition suhrkamp“, die nach Nummern gereiht nebeneinandergestellt einen sich wiederholenden Regenbogen ergeben. „Das ist natürlich eine ästhetische Angelegenheit. Kein Mensch braucht alle 400 Bücher! Man braucht vielleicht ein Drittel oder ein Viertel. Wobei ich wenige Frauen kennengelernt habe, die sammeln. Ich habe ja viel zu tun mit Antiquaren, die erzählen mir alle, dass die Frauen draußen bleiben. Die Männer sind die Fetischisten, die am liebsten jungfräuliche Erstausgaben in der Hand haben wollen.“

Das Suhrkamp-Prinzip hat sich übrigens durchgesetzt: Sogar die Donald-Duck-Comicbände ergeben mittlerweile nebeneinander aufgereiht ein Bild – was die Kinder dazu verführen soll, Jahrgänge komplett zu erwerben – ein erster Einstieg in die Sammelleidenschaft.

Doch es muss nicht gleich eine ganze Bibliothek sein: Um zu renommieren, kann es genügen, mit dem „richtigen“ Buch herumzulaufen: Franz Schuh hat in den Siebzigerjahren für dieses Verhalten den Begriff „Steckbuch“ geprägt: Man trägt sie nach neuester Mode, beispielsweise einen Band Lacan. „In so einem Fall funktionieren Bücher wie Accessoires.“ Sie schmücken den Besitzer.

Mit welchem Buch Rohrwasser auf keinen Fall gesehen werden möchte? „Ich habe einmal mit Wendelin Schmidt-Dengler (Anm.: dem verstorbenen Germanisten) geredet, der ja unglaublich viel gelesen hat, er hat Bücher regelrecht gefressen. Ich habe zu ihm gesagt: ,Man kann nicht alle Bücher dieser Welt lesen.‘ Er hat geantwortet: ,Man kann's versuchen.‘ Und dann hat er noch gemeint: ,Aber mit manchen möchte man lieber nicht ins Bett gehen.‘ Ich habe zum Beispiel eine gewisse Scheu vor gewissen Kultbüchern, speziell der Siebzigerjahre. Damals ist man mit dem ,Don Juan‘ von Castaneda herumgelaufen – einem Buch über die Bewusstseinserweiterung in der Wüste, mit alten Indianern, mit denen man Peyote (ein halluzinogenes Kakteengewächs, Anm.) isst, woraufhin die Geister kommen und man die Welt sieht, wie sie wirklich ist... Wenn man das ein paarmal gemacht hat, weiß man: Das möchte man nicht mehr tun.“


Wegwerfen will gelernt sein. Auch sonst hat sich Rohrwassers Umgang mit Büchern im Laufe der Jahre verändert: „Ich habe lange gebraucht, bis ich den Sprung geschafft habe, in Bücher etwas hineinzuschreiben, zuerst nur sehr zart, mit Bleistift. Dabei ist es sehr vernünftig, sich im Buch Notizen zu machen, so kann man später die eigenen Arbeitsspuren nachvollziehen“. Vor Kurzem ist Rohrwasser auch dazu übergegangen, den einen oder anderen Band dem Papierkorb zu überantworten: „Früher habe ich in der Wohnung ein Regal gehabt, in das ich Bücher gestellt habe, die ich nicht mochte– und wenn jemand vorbeigekommen ist, habe ich gesagt: ,Nimm‘. Oder ich habe versucht, sie zu verkaufen. Mittlerweile habe ich keine großen Bedenken mehr, sie in den Müll zu werfen – meist sind das Bücher, von denen ich gar nicht will, dass sie irgendjemand liest, weil sie einfach zu blöd sind.“

Seitdem Rohrwasser sein „Kleines Lexikon“ in dem Sammelband „Seitenweise“ veröffentlicht hat, erweitert er seine Sammlung ständig. Da erzählt ein Journalist von einer britischen Pension, in der eine Charles-Dickens-Gesamtausgabe stand – und als er den Band herausziehen wollte, war es eine Attrappe: eine Erfahrung, die stark an Adornos Erlebnis mit einer „Potemkin'schen Bibliothek“ erinnert, die er in einer Villa in Maine fand. Und ein anderer Bekannter wusste zu berichten, dass Radfahrer Bücher neuerdings dazu verwenden, ihre Fahrzeuge ergonomisch auszurichten. „Sie messen damit die richtige Länge zwischen Sattel und Pedalen ab. Sie klemmen sich ein Buch zwischen die Beine und befestigen daran ein Senkblei.“

Der Sammelband „Seitenweise – Was das Buch ist“ versammelt Beiträge von Wissenschaftlern, Schriftstellern und Kulturmanagern wie Aleida Assmann („Das Buch - Nährstoff des Geistes, politische Waffe und Lebensgeister“), Gundi Feyrer („Man kann ein Buch wie einen Bach in die Hände nehmen...“), Johanna Rachinger („Wenn ein Buch und ein Kopf zusammenstoßen“,) Walter Bohatsch („Inhaltsraum Buch“) und Daniela Strigl („Vergessene Bücher“).

Michael Rohrwasser hat eigens für diesen Band nachgeforscht, wie, auf welche Weise und von wem Bücher zweckentfremdet werden und daraus ein Lexikon gestaltet – von Angeberei bis Zimmerschmuck.

Herausgegeben wurde der schön gestaltete Band von Thomas Eder, Samo Kobenter und Peter Plener (Bundespressedienst 2010).