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Hochstapler: "Die Welt will betrogen werden"

Hochstapler Welt will betrogen
Lüge(c) Bilderbox
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Wenn jemand vortäuscht, Pilot zu sein, neigen wir dazu, ihn für seine Chuzpe zu bewundern. Wenn jemand behauptet, einen Berg erklommen zu haben, fühlen wir uns gelegt. Vom komplizierten Verhältnis zu Hochstaplern.

Unsere Welt funktioniert nach dem olympischen Prinzip. Womit nicht der Schmäh gemeint ist, dass dabei sein alles ist, sondern die andere Idee, die etwas kompromisslosere rund um „schneller, höher, besser“. Das gilt im Berufsleben sowieso, immer mehr auch in der Familie mit und ohne Kinder, in der Freizeit, beim Sport und auch in so intimen Dingen wie Gesundheit, Aussehen, Liebe, Altern oder Sex. Coaches, Therapeuten, Trainer, Selbsthilfegruppen, Seminare und Ratgeber stehen bereit, gegen entsprechendes Honorar die richtigen Tipps zu geben beziehungsweise jene ausgebrannten Opfer körperlich und seelisch zu reparieren, die als Kollateralschäden auf der Strecke geblieben sind.

In dieser Welt gilt auch die Annahme, dass alles möglich ist und jeder alles sein kann. Dieser Anspruch ist etwas anstrengend, vor allem, wenn man die vorgeschriebenen Stufen eine nach der anderen erklimmt. Weshalb die Versuchung groß ist, hie und da im Lebenslauf ein wenig zu schummeln. Die neuen Medien erleichtern das Leben und seinen Lauf gewaltig. Denn erstens ist es ungleich einfacher geworden, Berufsnachweise mithilfe von Internetvorlagen zu fälschen, und zweitens kann sich jeder eine Identität seiner Wahl zulegen. Auch wenn Facebook & Co. ein zweischneidiges Schwert sind. Denn die Social Media machen's zwar möglich, erhöhen aber gleichzeitig auch die Gefahr aufzufliegen.

Vielleicht ist es diese generelle Liebe zum Abschneider, die in uns ein Faible für Aufschneider hervorgebracht hat: für jene, die uns – und vor allem allen anderen – erfolgreich etwas vormachen. „Der Mensch ist ein kognitiver Faulpelz“, sagt Salvatore Giacomuzzi, Psychotherapeut und Dozent für Psychologie an der Uni Innsbruck. Daher neige man dazu, Menschen zu bewundern, die sich ihre Luftschlösser nicht nur erträumten, sondern sie auch tatsächlich lebten – ohne Rücksicht auf soziale Konventionen, Standesvorschriften und Gesetze. In einer Gesellschaft, die die Bestrafung von Rechtsbrechern und Regelüberschreitern als eine der Säulen ihrer Existenz betrachtet und mit einer gewissen Hingabe betreibt, ist es ebenso erstaunlich wie erklärenswert, dass ausgerechnet der Hochstapler oft das Zeug zum modernen Helden hat.

Robin Hood oder Betrüger? Oft, aber eben nicht immer. Es gibt Unterschiede. Wenn jemand die Chuzpe hat, sich als Arzt auszugeben oder als Pilot zu arbeiten (ohne Schaden anzurichten), überwiegen die positiven Reaktionen. Schwieriger wird es bei Hochstaplern, die aus finanziellen Motiven handeln. Jene, die den Reichen und Schönen das Geld aus der Tasche ziehen, haben noch gute Chancen, dank des Schadenfreude-Gens als Robin Hoods durchzugehen, auch wenn sie nicht zur Umverteilung neigen. Wer hingegen Durchschnittsmenschen um ihr Erspartes erleichtert oder Personen seelische oder körperliche Verletzungen zufügt, darf nicht auf Sympathie hoffen.

Ähnlich ergeht es Sportlern, die nur vorgeben, etwas aus eigener Kraft geleistet zu haben und sich dafür feiern lassen. Sei es, dass sie des Dopings überführt werden oder sich herausstellt, dass sie eine Aufgabe gar nicht gemeistert haben – ein Publikum, das auf immer neuen Rekorden besteht, fühlt sich davon betrogen.

So erging es jedenfalls dem K2-Läufer Christian Stangl. Niemand bezichtigt ihn der Hochstapelei oder der absichtsvollen Täuschung. Er selbst bleibt dabei, dass er im besten Wissen und Gewissen ein Bild von sich auf dem Gipfel des K2 geschossen habe, auch wenn sich diese Besteigung später als Irrtum herausgestellt habe. Nach seinem Eingeständnis, dass er offenbar doch 1000 Meter unterhalb des Gipfels war, ist Mitleid das Beste, auf das Stangl hoffen kann. Und auf einen Platz als tragische Figur in der Geschichte des alpinen Sports. „Ich habe nur mir selbst geschadet“, meinte der Sportler.

Am liebsten mag das Publikum die Hochstapler, die entweder gar niemandem schaden – auch nicht sich selbst – oder „den Richtigen“. Diese Definition legt die Mehrheit fest. Gemeint sind damit zum Beispiel alle jene, die mehr Geld als Verstand haben. Aber auch abstraktere Autoritäten, wie Behörden oder Standesvertretungen. Oder ganze Berufsgruppen. So meinte etwa der gelernte deutsche Postbote Gert Postel, der ohne entsprechende Ausbildung als Arzt und Psychiater arbeitete, er sei ein Hochstapler unter Hochstaplern gewesen. Für zahlreiche Psychiatrieskeptiker wurde Postel zum Helden.

Die Entlarvung des Systems. Salvatore Giacomuzzi überrascht so eine Reaktion nicht. „Die Welt will betrogen werden“, sagt er. „Die Lüge hat heute schon fast eine Ebene erreicht, die der der Wahrheit entspricht.“Die meisten Menschen seien gezwungen, sich besser zu verkaufen und als kompetenter darzustellen, als sie wirklich seien. Das erzeuge negativen Wettbewerbsdruck.

Ein Hochstapler, der sein Metier verstehe, erfülle da gleich auf mehreren Ebenen eine komplexe Funktion. Er helfe uns, ein System zu enttarnen, von dem sich viele ohnedies unterdrückt und ungerecht behandelt fühlten. Gleichzeitig führe er soziale Konventionen vor, indem er sie hochspiele, nur um sie anschließend zu brechen. Chuzpe, Kaltblütigkeit, Verwandlungsfähigkeit und Anpassungsvermögen sind Eigenschaften, die Hochstaplern von ihren Fans zugeschrieben werden.

An dieser großzügigen Sicht haben auch die Wirtschaftskrise und ihre Proponenten nicht allzu viel geändert. Ganz im Gegenteil, sie scheinen den Namen „ehrlicher“ Hochstapler reingewaschen zu haben. Denn Banker, die Geldgeschäfte – oft mit dem Sanktus ihres Arbeitgebers – auf der Basis fiktiver Vermögenswerte tätigen und damit Millionen Menschen in finanzielle Nöte bringen, erscheinen vielen Leuten verwerflicher als ein Hochstapler, der vorgibt zu sein, was er nicht ist. Wohl deshalb, weil die Krisenbanker genau das waren, was sie sein sollten, und damit zum Inbegriff eines moralisch maroden Systems wurden.

Zielgruppe Ärzte, Anwälte. Daher ist es wohl auch kein Zufall, dass sich jene, die gern Identitäten erfinden, besonders oft den Stand der Ärzte, der Rechtsanwälte oder der Akademiker allgemein zum Ziel wählen. Schon der Schriftsteller Karl May gab sich mit 22 Jahren als Augenarzt Dr. Heilig aus, ehe er mit Abenteuerromanen über Plätze, an denen er nie gewesen war, weltberühmt wurde.

Wer sich akademische Titel aneignet, die er oder sie nie erworben hat, spielt dabei allerdings in der untersten Liga und wird mit ähnlicher Verachtung und Häme bedacht wie schummelnde Sportler. Der Grund dafür dürfte im Motiv zu suchen sein: mehr Geld oder mehr Ruhm zu erwerben.

Wer aber höhere Zwecke damit verfolgt, beziehungsweise sich durch besondere Kaltschnäuzigkeit auszeichnet, hat das Zeug zum Kassenschlager. Wie Frank Abagnale jr., der als Arzt, Rechtsanwalt und Pilot arbeitete, ohne auch nur für einen einzigen dieser Berufe eine Berechtigung zu haben. Der Film über sein Leben, „Catch me if you can“ mit Leonardo di Caprio, wurde ein Publikumshit. Abagnale tat das, was auch der Schwede Thomas Salme und der Deutsche Christian Ehret als Beweggründe ins Treffen führten: Er wollte mehr aus sich machen und stellte irgendwann fest, dass er es mit einem System zu tun hatte, das nur darauf wartete, betrogen zu werden.

Thomas Salme träumte immer davon, Pilot zu werden, hatte aber nicht das Geld für die Ausbildung, um große Verkehrsmaschinen zu fliegen. Also übte er am Simulator und fälschte einen Pilotenschein. Christian Ehret stand eine Karriere als Arzt vor Augen, das entsprechende Studium schloss er allerdings nicht ab. Beiden Männern kam in der öffentlichen Beurteilung zugute, dass während ihrer Abenteuer kein Unschuldiger zu Schaden gekommen war.

Jeder kann ein Star sein. Für viele „Fans“ führten diese Männer nicht nur das System ad absurdum, sondern trafen auch einen gesellschaftlichen Nerv, der heute noch viel blanker liegt als vor einigen Jahren oder Jahrzehnten. „Wir leben in einer Massengesellschaft, in der jeder mehr oder weniger durchschnittlich ist“, sagt Giacomuzzi. „Da wächst der Drang, das eigene Ich zu erhöhen.“ Die Medien leisten diesem Bedürfnis willig Vorschub. Jeder ist einzigartig, suggeriert die Werbung. Jeder kann ein gesuchter Superstar sein, versprechen TV und Internet. „Man kann heutzutage beliebige Rollen spielen, kann beliebige Eigenschaften annehmen und neue Persönlichkeiten entstehen lassen“, meint Giacomuzzi.

Oft müsse man bei dieser Realitätsflucht allerdings vorgeben, Dinge zu können, die man gar nicht zu leisten vermag. Die einfachste Art, das zu tun, ist hochzustapeln. Und zu hoffen, dass man nicht allzu tief fällt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.09.2010)