Fußfesselfetisch

Oder: Warum der Österreicher sich heimlich nach etwas Hausarrest sehnt.

Seit dieser Woche können also österreichische Häftlinge Fußfesseln beantragen. Der Ansturm ist angeblich beträchtlich. Mit der Fußfessel kann eine verbleibende Gefängnisstrafe (im Jargon auch „Arrestrestl“) außerhalb einer Haftanstalt verbüßt werden. Auch U-Häftlinge wird man demnächst in der U-Bahn antreffen.

In aller Regel wird die Reststrafe aber innerhalb der eigenen vier Wände verbüßt, wir sprechen also von einer Art Hausarrest – ein Wort, das in Österreich in aller Regel eher mit Fernsehverbot und Taschengeldentzug assoziiert wird. Seit der Causa Roman Polanski haftet dem Hausarrest freilich auch etwas Mondänes an.

Der unbelehrbare Österreicher, der in Wahrheit viel weiter verbreitet ist als der oft bemühte gelernte Österreicher, würde die Fesselung seiner Füße kaum als Strafe empfinden – sondern eher als Wohltat. Diese Art von Hausarrest kommt seiner Vorstellung von einem gemütlichen Leben ziemlich nahe. Denn zwischen 16 Uhr abends (der Nachmittag endet um 16 Uhr, geht dann flugs in den Feierabend über) und sechs Uhr morgens ist er ohnedies am liebsten zu Hause. Die Fußfessel könnte da eine willkommene Ausrede liefern. Solange nur Fernseher und Kühlschrank verlässlich funktionieren.

Vom Style-Aspekt her ist die Fußfessel allerdings ein ziemlicher Reinfall: ein breites graues Kunststoffband, dass eng um den Knöchel gelegt wird, ein Handy, das aus der Mitte der 1990er-Jahre stammen könnte, und ein klobiger Peilsender, der dafür sorgt, dass der Arretierte einen festgelegten Radius nicht verlässt. Tut er das dennoch, wird er angerufen, hebt er nicht ab, sofort zur Fahndung ausgeschrieben. Ziemlich ernüchternd jedenfalls, wenn moderne technische Lösungen so gar nicht dem entsprechen, was Hollywood-SiFi-Produktionen uns jahrelang weisgemacht haben.

Da werden regelmäßig ganze Städte per Video überwacht, die Bewegungen jedes Bürgers können auf großen Leinwänden in riesigen Überwachungsräumen nachvollzogen werden, dem gefährlichen Häftling Snake Plissken hat Regisseur John Carpenter schon 1981 eine explosive Kapsel in die Blutbahn spritzen lassen, um seine Flucht zu verhindern.

Wer sich im Netz über Fußfesseln informieren will, muss aufpassen, nicht auf einschlägigen Fetischseiten zu landen. Nur für den Fall.

florian.asamer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.09.2010)

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