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9/11-Jahrestag: Die Untoten und ihre Rachegeister

911Jahrestag Untoten ihre Rachegeister
(c) EPA (MARCEL ANTONISSE)
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Am 9/11-Jahrestag hatten an diesem Wochenende die Missionare und die Apokalyptiker rund um "Ground Zero" ihre Bühne. Radikale Islamgegner prallten auf liberale Verfechter der Grundrechte.

New York. Für jeden Geschmack war etwas dabei an diesem Wochenende in New York, der Hauptstadt der Weltverbesserer und Weltverschwörer, der Exzentriker und Selbstdarsteller, der Erweckungsprediger und Untergangspropheten. Tennisfans pilgerten hinaus nach Flushing Meadows zu den Finals der US Open in Queens. Fashionistas und Hipster strömten zu den Aftershow-Partys der Fashion Week in den angesagten Meatpacking District in Chelsea. Und rund um „Ground Zero“ hatten die selbsternannten Missionare und die von Zorn und Hass erfüllten Rachegeister ihre Bühne.

 

„Freiheit von Religion“

Die Mennoniten aus Massachusetts – die Frauen in weißen Häubchen und biederen Kleidchen –, die zum Glockengeläut der Trinity Church an der Wall Street zum 9/11-Jahrestag heitere Chorgesänge darbringen, sind noch von der harmloseren Sorte. Jugendliche Seelenfänger aus Texas gehen ihrer Mission nach. „Haben Sie schon einmal über den Tod nachgedacht?“, fragen sie unweit der Stelle, an der 2752 Menschen ihr Leben so abrupt verloren haben – darunter auch 60 Moslems. „Das Ende ist nah“, ruft ein Apokalyptiker, mit der Bibel überm Kopf.

Jerry Mazza und seine Gesinnungsgenossen haben sich entlang des Friedhofs der St. Paul's Chapel aufgefädelt, anklagend in schwarzen T-Shirts und weißem Mundschutz, um eine Untersuchung der Terrorattacken einzumahnen. „Das Pentagon und ein paar Saudis haben das Ganze ausgeheckt. Wie sonst ist zu erklären, dass der Wolkenkratzer von Larry Silverman (ein Finanzinvestor) stehen blieb und geräumt war?“

Vor der abgesperrten Seitenstraße Park Plaza, in der sich das geplante islamische Kulturzentrum unscheinbar im Schatten der Wolkenkratzer duckt, ziehen Christen mit einem Holzkreuz voran im Schweigemarsch vorbei. Einer trägt sein Credo auf seinem T-Shirt vor sich her: „Nein zu Abtreibung. Nein zu Feminismus. Nein zu Liberalismus. Der Islam ist eine Lüge.“ Mit schnellem Witz ruft ein Passant: „Nicht Religionsfreiheit, sondern Freiheit von Religion!“

 

Meinungsfreiheit zum Exzess

Es ist das Aufmarschgebiet der Demonstranten und Gegendemonstranten, auf hohem Ross argwöhnisch beobachtet von zwei Dutzend berittenen Polizisten und Hundertschaften von Einsatzkräften per pedes, die die Gruppen brüllend auseinandertreiben. Und es ist der Ort, an dem die für ihre Toleranz gerühmte Metropole das Prinzip der Rede- und Meinungsfreiheit bis zum Exzess praktiziert.

„American-American“, prangt auf einem T-Shirt. Amerikanischer geht es kaum noch. Einer hetzt gegen den vermeintlichen Moslem Barack „Hussein“ Obama. Der zum Islam konvertierte Geo Caras wittert wirr eine Verschwörung Israels, um die US-Kriege zu befeuern: „Die moslemischen Taxifahrer in New York haben ja nicht das Geld, eine Moschee zu bauen.“

Vorn auf dem Podest verkündet der niederländische Populist Geert Wilders unter Gejohle: „New York darf nicht New Mecca werden.“ Unter all den Sternenbannern der Patrioten und Sympathisanten der Tea-Party-Bewegung schwenkt einer ein Transparent: „200 Moscheen in New York, 0 Kirchen und Synagogen in Mekka.“ Irgendwo im Gewühl zerreißt einer den Koran und zündet die Seiten an. „Keine Moschee, keine Moschee“, skandiert die Menge.

 

Identitätskrise einer Nation

Nach Abschluss der Kundgebung liefern sich radikale Islamgegner und liberale Verfechter der Grundrechte wie die beiden Historiker Alejandro Gomez de Moral und Matthew Friedman Schreiduelle. Es blitzt ein Hass auf, der so gar nicht recht zum Land passen will. Mit abgekühltem Kopf analysieren die beiden: „Da braut sich schon lange was zusammen. Die USA sind in einer Identitätskrise, verschärft durch die Wirtschaftslage. Es ist ein Kulturkampf.“

Die überwiegende Mehrheit der New Yorker aber lässt den lieben Gott – ob christlich, moslemisch, jüdisch oder sonstwie – einen guten Mann sein und aalt sich in den Parks in der Spätsommersonne.

AUF EINEN BLICK

Islamisches Kulturzentrum.
Die Kontroverse um die Errichtung des islamischen Kulturzentrums „Park 51“ , unweit des „geweihten Ortes“ von „Ground Zero“, trifft einen Nerv und legt verschüttete Ressentiments in den USA offen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13. September 2010)