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"Die Jüdin von Toledo"am Marterpfahl fremder Heimat

Juedin Toledoam Marterpfahl fremder
DIE JÜDIN VON TOLEDO(c) APA/GEORG HOCHMUTH (GEORG HOCHMUTH)
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Burgtheater: Verspielte Version einer späten Tragödie Grillparzers. Am Ende steht nicht nur der Tod einer Jüdin, sondern ein Pogrom.

Der Beginn des vierten Aktes von Franz Grillparzers später Tragödie „Die Jüdin von Toledo“ hat Regisseur Stephan Kimmig offenbar so gut gefallen, dass er ihn zweimal spielen lässt, in seiner einfallsreichen, manchmal überladenen, manchmal aber auch berührenden Version des Stückes, das am Samstag im Burgtheater Premiere hatte. Der Höhepunkt des vierten Aufzugs, die Verurteilung der Jüdin Rahel (Yohanna Schwertfeger), ist auch am Anfang zu sehen, unmittelbar nach einem hinterlistig hinzugefügten Vorspiel. Zwei Stunden dauert der Abend samt moderner Einsprengsel, das Original wurde kräftig gekürzt, zulasten des historischen Kolorits, zugunsten der schärferen Konturierung der Charaktere.

Erst also räsoniert König AlfonsoVIII. (Peter Jordan) vor einem bunten Vorhang über Heimat und Gefühl. Das Bild hinter ihm zeigt nicht Kastilien, sondern ein Alpenpanorama. Die Heimatdebatte ist anscheinend aktuell, und auch der König, der Ende des 12.Jahrhunderts lebte, dessen Reich mitten im Kampf mit dem Islam war und auch Juden brutal verfolgte, verweist aufs Heute. Er macht später einen beiläufigen Scherz über Autobomben, als ob er König Juan Carlos und die ETA Mauren wären.

 

Intimität der Rache

Und dann wird verurteilt. Der König ist abwesend, im Thronsaal (Bühne: Katja Haß), der einem modernen Gerichtssaal gleicht, mit einem Kreuz zentral an der Wand, verhandeln die Granden, die Königin Eleonore (Caroline Peters) und das Prinzenkind (Bernhard Mendel) über das Schicksal der Jüdin, die den Monarchen verführte und ihn so von den Pflichten ablenkt. Das Urteil: Tod. Die Königin spricht es sachlich aus. Wie eine Marionette wiederholt das Kind den Spruch, wie ein Marionettenmeister macht das auch Manrique, Graf von Lara (Bernd Birkhahn), der die harte Entscheidung seiner Herrin überlässt.

Peters kann also in dieser Schlüsselszene zweimal brillieren. Zuerst als Vorwegnahme der Tragödie hochoffiziell, dann an der richtigen Stelle, nachdem wir die Tändeleien Alfonsos mit Rahel in Retiro gesehen haben und seine hässliche Auseinandersetzung mit Eleonore von England. Beim zweiten Mal ist sie im vierten Akt allein mit Manrique. Abgekämpft schauen die beiden Machtmenschen aus, die Königin hat ihre Schuhe abgestreift, ihre Beine hat sie auf dem Schreibtisch hochgelagert. Ganz leise fällt sie diesmal das Todesurteil, aber nicht minder bestimmt. Sie ist eine tief verletzte Frau. Im authentischen Ehestreit hat sie sich liegend an die Füße des Königs geklammert so wie zuvor die alles riskierende Rahel. Aus Verzweiflung die eine, aus Übermut die andere. Die Tragödie ist hier weniger historisch, sondern eher privater Natur.

Allein aber wegen der intimen Charakterstudie von Macht, Eifersucht und Rache lohnt sich der Abend, der auch mit überflüssigem Zeitgeist aufwartet, von dem Kimmig selbst in gelungenen Produktionen nicht lassen kann.

 

Das Klischee des Juden

Aber er hat diesmal das Glück, mit einem perfekten Ensemble zu arbeiten. Nicht nur Peters, Birkhahn und Jordan, auf den diese Inszenierung fokussiert ist, sind souverän. Auch Juergen Maurer als des strengen Manriques leichtsinniger Sohn hat Raffinesse; Don Garceran ist ein Weiberheld, der dem König die Affäre organisiert, aber er zeigt neben viel Gefühl auch Schwäche und Verstellung, zudem höfische Härte und Anpassungsfähigkeit, wie ein kleiner König eben. Übers Ziel wird hinausgeschossen, wenn die Granden, Vater und Sohn, zu raufen beginnen wie die Schulbuben.

Martin Schwab als Isaak gelingt es sogar, dem Klischeehaften des Juden bei Grillparzer Tiefe zu geben. Er ist mehr als nur ein geldgeiler Jammerer. Katharina Lorenz als seine brave Tochter Esther wirkt in ihren pointierten Auftritten, denen im Text Elemente des Widerstands zugefügt wurden, ebenfalls stark: Am Ende steht ihr Fluch gegen den stolzen König, der sich aufmacht, um seinen Sündenfall durch Krieg, durch den Sieg des Christentums zu tilgen.

Schwertfeger aber als eitle, riskant lebende Rahel überzeugt mit frecher Frische und frühreifer List. Jordan stellt sich darauf ein, zieht alle Register und bleibt dabei stilsicher, zum Glück für Kimmig, denn der übertreibt schamlos, wenn er im dritten Akt den König und die Mätresse im Lustschloss Indianer spielen lässt. Rahel stellt sich als Squaw gefesselt unters Kreuz wie am Marterpfahl, schreit, dass sie nicht sterben will. Der König tritt als wilder Trapper auf und schneidet sie los, das hat wunderbare Symbolkraft.

Doch das Spiel geht weiter, es entgleitet. Im Kanu auf der Flucht ahmen die Liebenden Vogelstimmen nach, dazu erklingt das Leitmotiv der Winnetou-Filme. Dann spielen sie Piraten, es folgt auch noch abrupt eine brutale Sexszene, Rahel schreit vor Schmerz. Nun wird auch eine versuchte Vergewaltigung durch Garceran draufgepackt. Tändelei und Gewalt gehören zusammen – in den Motiven von Kimmig frei nach dem Stück von Grillparzer – bei diesem ungleichen Paar, das Bilder mit Magie, Lüsternheit mit Liebe verwechselt und ohne Rücksicht in regressives Verhalten flüchtet.

 

Feuerlöscher fürs Lichtermeer

Das Verhängnis ist vorbestimmt. Am Ende steht nicht nur der Tod einer Jüdin, sondern ein Pogrom. Darauf deutet ein Lichtermeer im Hintergrund der Bühne hin. Mit einem Feuerlöscher erstickt Garceran die Flammen hunderter Kerzen. Dann werden die Fäuste geballt, wird vom Sieg gegen die Heiden gebrüllt. Das kommt recht abrupt an diesem durchwachsenen Abend, der eher einer Strindberg-Variation mit aufgesetzter Aktualität gleicht als einem ausgewachsenen Historiendrama.

POSTUME PREMIERE

Franz Grillparzer (1791–1872) ließ sein 1851 abgeschlossenes Drama „Die Jüdin von Toledo“ in der Schublade. Aus Verbitterung hatte er sich 1838 vom Theater zurückgezogen. Das historische Trauerspiel in fünf Aufzügen wurde in Prag im November 1872 erst nach seinem Tod uraufgeführt.

Nächste Burg-Termine: 14.9., 20Uhr, 18., 21., 22.9., 19.30Uhr.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.09.2010)