Weltwirtschaftsforum: Asien zieht davon

Weltwirtschaftsforum Asien zieht davon
China Money(c) AP (STR)

In Tianjin treffen die Wirtschaftsmacher der Welt einander im Boomland Nummer eins. Während die klassischen Wirtschaftsmächte stagnieren, trotzt Asien der Krise und wächst weiter.

Spätestens seit der Weltwirtschaftskrise, die am 15. September 2008 mit dem Kollaps der US-Investmentbank Lehman Brothers offenbar wurde, scheint alles sonnenklar: Wir erleben die wohl größte Verschiebung der geopolitischen Plattentektonik seit Menschengedenken – und treten in eine asiatische Epoche ein.

Bis 2030 wird der bevölkerungsreichste Kontinent für die Hälfte des Welt-Bruttosozialprodukts verantwortlich sein. Der Aufstieg Asiens, speziell Chinas, ist phänomenal: Noch 1950 produzierte es nicht mal ein Viertel der globalen Wirtschaftsleistung. Nun geht es besonders rasant: Die Wirtschaften des Westens dümpeln im Gefolge der Krise dahin, doch China steht wieder unter Volldampf: In Kaufkraftparitäten gerechnet, wird es in wenigen Jahren auf Platz eins der Liste der größten Ökonomien landen. Kürzlich hat das Reich der Mitte Japan von Platz zwei auf dem Stockerl verdrängt.

 

Chinas strategischer Vormarsch

Für Japan ist das umso schmerzlicher, da China auch strategisch seinen Einflussbereich ausweitet. In Gwadar (Pakistan), Hambantota (Sri Lanka) und Sitwe (Birma) werden mit Unterstützung Chinas neue Häfen errichtet, die wohl auch Kriegsschiffe aufnehmen können. Neben Japans Admirälen fürchten auch Indiens Strategen Chinas neues „strategisches Dreieck“. Jüngst zog sich US-Außenministerin Hillary Clinton den Ärger Chinas zu, als sie Amerikas strategische Interessen im südchinesischen Meer bekräftigte. Derzeit droht ein Streit zwischen China und Japan um territoriale Rechte auf die Diaoyu-Inseln (japanisch: Senkaku) zu eskalieren.

Lange staunte der Westen über Asiens sagenhaften Aufstieg. Doch zuletzt wurden kritische Stimmen lauter: Der „Spiegel“ etwa fragte, ob Chinas Aufstieg, von dem Deutschland mehr als jedes andere EU-Land profitieren konnte, der europäischen Wirtschaftslokomotive Deutschland nicht gefährlich werden könne. Im Juli klagte der Siemens-Vorstand, dass fremde Firmen, die in China öffentliche Aufträge wollen, ohne Chance seien. Er rief Peking dazu auf, Handels- und Investmentbarrieren im Auto- und Finanzbereich abzubauen.

 

Die USA jammern

Jeffrey Immelt, der Chef von General Electric (dem amerikanischen Pendant zu Siemens), kritisierte, dass der Protektionismus in China wachse. Die USA beklagen gebetsmühlenartig den ihrer Meinung nach zu niedrigen Kurs der chinesischen Währung Renminbi-Yuan, der Chinas Exporteuren einen Vorteil verschaffen soll.

Das Handelsbilanzdefizit der USA im Handel mit China ist bis Juli 2010 um 18 Prozent auf 145,4 Milliarden Dollar gestiegen. Gewerkschaften und US-Industrielle werden den Druck auf Obama erhöhen, für eine ausgewogenere Handelsbilanz zu sorgen.

 

Die Musik spielt in Asien

Aber alles Jammern hilft den Bossen der Industrie wenig. Die Weltwirtschaftskrise führte allen vor Augen: Die Musik spielt in Asien. Während einzelne Länder der Eurozone noch tief in der Schuldenkrise stecken und Amerika einen neuen Wirtschaftseinbruch fürchtet, wächst Asiens Wirtschaft nach einer kleinen Delle längst wieder ungebrochen: 2009 erneut mit 5,6 Prozent, wenn man den „kranken Mann im Pazifik“, das seit zwei Jahrzehnten schwächelnde Japan, außer Acht lässt.

China wird 2010 und 2011 um mindestens neun Prozent wachsen. Der private Konsum ist einer der wichtigsten Wachstumsmotoren. Und vom 585-Milliarden-Dollar-Konjunkturpaket hat nicht nur China profitiert, sondern eine ganze Reihe anderer Länder, die wirtschaftlich mit China verflochten sind – so Österreich und Deutschland.

Die enorme Wirtschaftskraft ist in Peking auch in einem gestiegenen Selbstvertrauen zu spüren. Cheng Shu etwa ist Journalismusstudentin an der Renmin-Universität. Sie ist höflich und zurückhaltend, aber die 23-Jährige, die gerade von einem Aufenthalt in Australien zurückgekehrt ist, strotzt nur so vor Optimismus. China sei eben dabei, seine Rolle auf der Weltbühne einzunehmen, sagt sie.

Probleme gebe es sicher genug, meint sie, etwa wachsende soziale Ungleichheit und Umweltverschmutzung. Wie viele junge Chinesen arbeitet sie bei einer NGO mit, diesfalls beim WWF. Bei den „T“-Fragen (Tibet, Taiwan) versteht sie aber keinen Spaß: Das Ausland gehe das nichts an.

Chinas studentische Jugend ist sanft und sympathisch, aber selbstbewusst und patriotisch. Doch auch die jungen Arbeiter, die in Südchinas Fabriken alles von iPods bis Jeans zusammenbasteln, fordern ihre Rechte. Erst vor ein paar Wochen brachten Streiks bei Honda den japanischen Autohersteller in Bedrängnis. Speziell die Jugendlichen, die nach 1990 geboren sind, haben höhere Ansprüche an ihren Job als die Generationen davor. Da das Bevölkerungswachstum aufgrund der Ein-Kind-Politik zurückgeht, erwarten Experten, dass Chinas Fabriken bessere Arbeitsbedingungen bieten müssen.

 

Der Wohlstand verteilt sich

Der Wohlstand sollte also steigen und sich gleichmäßiger verteilen: Immer mehr Niedriglohnfabriken ziehen von den teuer gewordenen Küstengebieten um Shanghai und das Perlflussdelta ins Landesinnere. Mehr Jobs sollen dort den Migrationsdruck der Wanderarbeiter mildern – ein weiterer, von der Regierung erwünschter Effekt. Bis 2025 werden einer Studie zufolge nämlich weitere 350 Millionen Chinesen in Städte ziehen.

(c) Die Presse / GK

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.09.2010)