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Junge Forschung

Auf Feldforschung im Marktstandl

„Mich hat schon immer interessiert, was die Leute tun und warum“, sagt Barbara Glinsner vom Zentrum für Soziale Innovation.
„Mich hat schon immer interessiert, was die Leute tun und warum“, sagt Barbara Glinsner vom Zentrum für Soziale Innovation.Die Presse/Clemens Fabry
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Die Sozioökonomin Barbara Glinsner ergründet gesellschaftliche Probleme – und wie sie sich überwinden lassen. Die Ideen dazu sollen von den Menschen vor Ort kommen.

Die Frage, ob es in ihrem mit „Arbeit und Chancengleichheit“ betitelten Themenbereich je befriedigende Antworten gibt, entlockt der 34-jährigen Wienerin Barbara Glinsner ein Lachen. „Natürlich nicht“, sagt sie. Aber immerhin leiste man mit dem gewonnenen Wissen einen Beitrag für Verbesserungen. Und: Allein könne man die Welt ohnehin nicht revolutionieren, dafür sei sie zu komplex.

Komplex, aber dennoch nah am Leben der Menschen sind auch die Themen, mit denen sich Glinsner am Zentrum für Soziale Innovation (ZSI) in Wien befasst. „Wir wollen wissen, welche Probleme es in der Gesellschaft gibt und wie sich diese innovativ und kreativ überwinden lassen“, erklärt sie. Wichtig dabei: dass die Betroffenen – Menschen, Gruppen oder Organisationen – die Lösungen auch annehmen. Gelinge es, mache es Spaß zu sehen, wie die eigene Tätigkeit wirkt, sagt Glinsner.

 

Mit Fruchtpresse und Glücksrad

Doch was bedeutet das konkret? Aktuell forscht die Sozioökonomin beispielsweise in einem EU-Projekt zu sozialen Innovationen in ländlichen Regionen in Mitteleuropa. Diese kämpfen oft mit schlechten Arbeitsmarktperspektiven und Abwanderung. Anders als in Städten gebe es dort aber kaum Raum für die Ideen jener, die etwas zum Besseren verändern und die Menschen in den Regionen halten wollen, sagt Glinsner.

Und so planten Forscher aus sieben europäischer Staaten, mit Marktstandln auszurücken und diesen Raum zu öffnen. Man wollte sich vor Ort ein Bild von der Situation machen und Ideen sammeln, wie sich manches verändern ließe. Im Burgenland etwa wollte man den Leuten mit einer Fruchtpresse schmackhaft machen, ihre Meinung kundzutun. „So war es zumindest vor Corona geplant“, sagt Glinsner. Doch nur das slowenische Forschungsteam startete tatsächlich – indem es mit einem Glücksrad, bei dem es auch etwas zu gewinnen gab, an eine Oldtimershow andockte. Alles andere verlagerte sich ins Internet, wo die Wissenschaftler einen Kurs zu Innovationen im ländlichen Raum erarbeiteten, der bereits – kostenfrei – zu konsumieren ist. Glinsner hofft freilich, die Feldarbeit im Marktstandl bald aufnehmen zu können. Schließlich arbeite sie extrem gerne empirisch und auch die Verknüpfung mit der Praxis mache ihr Spaß. „Mich hat schon immer interessiert, was Leute tun und warum“, schildert sie.

In ihrer Dissertation an der WU Wien untersuchte sie, wie AMS-Angestellte Jugendliche beraten. In Befragungen und Beobachtungen erkannte die Forscherin, wie stark strukturiert, also in einen festgeschriebenen Ablauf gepresst, und bürokratisch dieser Prozess ablief. „Auch ein Zuspätkommen der Jugendlichen wurde erfasst.“ Wie viel Raum Emotionales in den Gesprächen einnehme, sei hingegen ganz Sache des Beraters oder der Beraterin gewesen.

Wie erlebt sie, die bereits universitäre und nicht universitäre Forschung kennengelernt hat, die Unterschiede zwischen den Systemen? „An der Uni musst du publizieren, publizieren, publizieren und zeigen, welchen Beitrag du auf theoretischer Ebene für ein bestimmtes Feld leisten kannst“, sagt Glinsner. Man sei Spezialistin. Zudem gebe es für Karrierefreudige nur sehr wenige Stellen, die viel bieten. In der außeruniversitären Forschung hingegen arbeite man viel mehr im Team, auch international. „Es ist sehr spannend, unterschiedliche Herangehensweisen kennenzulernen.“ Man habe zwar einen Fokus, agiere aber inhaltlich breiter und könne so aktuelle Fragen aufgreifen. Außerdem sei sie nun von der Akquise über die Durchführung bis zur Kommunikation in alle Phasen eines Forschungsprojekts involviert. „Ich führe Interviews, moderiere Fokusgruppen, lese und schreibe, mache aber genauso Abrechnungen“, berichtet sie. Eine Vielfalt, die ihr sehr gefällt.

Privat glüht sie, angesteckt von ihrer Schwester, für den Salsa. „Den Tanz möchte ich in meinem Leben nicht mehr missen“, sagt Glinsner. Wegen Corona muss sie momentan aber dennoch pausieren – und den Kopf auf andere Weise freibekommen: „Ich gehe jetzt so viel spazieren wie noch nie“, erzählt sie.

ZUR PERSON

Barbara Glinsner (34) promovierte an der WU Wien in Sozioökonomie. Sie verfolgt in ihrer Forschung v. a. Fragen zu Wechselwirkungen von Gesellschaft und Wirtschaft. Zunächst arbeitete sie an universitären Projekten mit, seit 2017 ist sie am Zentrum für Soziale Innovation (ZSI) in Wien tätig. Das Doktorat schloss sie 2019 mit einer Arbeit über die Beratung von Jugendlichen am AMS ab.

Alle Beiträge unter: diepresse.com/jungeforschung

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.02.2021)