Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

LITERATUR

Hunde vor bröckelnden Fassaden

Gerhard Roth als Fotograf: Seine Venedig-Bilder stechen aus der Flut der Bildbände nicht hervor.

Gerhard Roth liebt es bekanntlich, seine Romane in Zyklen anzulegen. Seine jüngsten Romane sind durch den Ort der Handlung, durch Venedig, miteinander verknüpft. Bekannt ist auch, dass dieser Autor seine schriftstellerische Arbeit seit je durch Fotografieren begleitet hat. Das Ergebnis mag mancherlei Funktion haben. Dem Schreibenden können die Fotos als Gedächtnisstütze dienen, als Inspiration, die einen Wirklichkeitseindruck verlängert und transformiert, als Verführung zum mikroskopischen Blick, der in Roths Prosa oft nicht nur den Stil bestimmt, sondern sogar thematisiert wird. Für den Leser mögen die Fotos Illustrationen, visuelle Ergänzungen zum Wort sein oder auch einfach Kunstwerke „in their own right“, Fotos eben.

Jetzt ist ein prächtiger Band erschienen mit dem schlichten Titel „Venedig“ und demetwas großsprecherischen Untertitel „Ein Spiegelbild der Menschheit“ (ließe sich der nicht auch auf Peking, Paris oder New York anwenden?). Ein Plan mit Markierungen auf dem Vorsatzblatt trägt die Aufschrift „Gerhard Roths Wegpunkte in Venedig und der Lagune“. Das rechtfertigt die Erwartung einer Bindung von Roths Fotos an einschlägige Romane. Sagen wir es unverblümt: Die Erwartung wird nicht eingelöst. Zahlreiche Motive gehören zum Kanon der Venedig-Ikonografie, eine spezifische Roth'sche Perspektive ist nur selten auszumachen.

Die schlagende Differenzqualität gegenüber der Flut von Fotobänden, die man sich von dem so minutiösen Schriftsteller erhofft, ist nur ausnahmsweise zu entdecken. Und auch jene typische Atmosphäre, die Gerhard Roth mit Sprache zu beschwören versteht, findet sich nur in wenigen Bildern. Die meisten stimmen, um einen riskanten Vergleich zu wagen, mit der Erzählung weniger überein als beispielsweise die Illustrationen von George Cruikshank oder von Phiz mit den Romanen von Charles Dickens.

Eins der überzeugenden Beispiele ist das erste Foto. Es zeigt einen schwimmenden weißen Handschuh und hat mit Venedig nichts, umso mehr aber mit Roths Poetik zu tun. Weitere Beispiele: die auf den Tischen abgestellten Stühle im Café Florian nach der Sperrstunde, in der Tiefe des Bildes ein Mann, der sich seitlich spiegelt, mit dem Rücken zur Kamera; Bettler auf Treppen, im Sonnenlicht oder im Halbdunkel; ein Obdachloser an einer Vaporetto-Station; Menschen mit Hunden auf Plätzen mit bröckelnden Fassaden; ein schäbiges platzsparendes siebenstöckiges Haus im Ghetto; drei Nonnen im einem Vaporetto, von außen durchs Fenster beobachtet; Schnee schippende Venezianer; die Bilder von der Buchhandlung „Acqua alta“; das verfallene Ospedale al Mare am Lido.

Einzelne Fotos lassen den Bezug auf Roths Romane zwar vermissen, bestechen aber durch ihre ästhetische Qualität: so ein Bild vom Campo del Ghetto Novo im Nebel, als wäre es von Monet oder Turner gemalt; auch die gegenstandslosen „Kompositionen“ von Mauerflecken. Demgegenüber: der Markusplatz mit den obligatorischen Tauben; dann der Markusplatz in Aufsicht, diesmal mit Touristen; der Markusplatz, überflutet; wieder Touristen vor der Seufzerbrücke (weiter kann man von Roths literarischer Welt nicht entfernt sein); die Postkartenansichten von der Santa Maria della Salute oder von der Insel San Giorgio Maggiore; Karnevalsmasken von geringer Signifikanz; eine Skulptur von Marino Marini vor dem Guggenheim Museum; brav symmetrisch die Logen im Teatro la Fenice.

Ganz am Ende sieht man, streng geometrisch, die Umrisse eines Mädchens mit Reifen in der grellen Sonne einer arkadenbegrenzten Straße. Das Bild haucht den Atem der Rätselhaftigkeit von Gerhard Roths Romanen und wird dort auch erwähnt. Es ist aber von Giorgio de Chirico und hängt nicht in Venedig, sondern in New York.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.02.2021)