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Fokus auf
Covid-19

Ein Jahr Corona: Die Menschen und die Krise

„Die Presse“ hat ein Jahr nach dem Ausbruch der Pandemie mit Menschen gesprochen. Von der Krankenpflegerin über Politiker bis zur Schülerin standen und stehen sie vor großen Herausforderungen.

In diesem umfangreichen „Presse"-Dossier porträtieren wir Menschen aus ganz unterschiedlichen Bereichen. Mediziner, Wissenschaftler, Politiker, Schüler, Gastronomen, Unternehmer um nur einige zu nennen. Sie erzählen uns, wie sie das Krisenjahr erlebt haben, mit welchen Problemen und Ängsten sie kämpfen, was sie von der Politik erwarten und wie es weitergehen sollte.

Intensivpflege-Leiterin Sabine Gubi.
Die Intensivpflegerin

„Da waren viele sehr emotionale Momente“

Sabine Gubi betreut seit einem Jahr Covid-Patienten auf ihrer Intensivstation.

Für Sabine Gubi hat der Covid-Einsatz früh und dramatisch begonnen. Sie leitet die Pflege auf der Intensivstation für Innere Medizin 3 an der Uniklinik St. Pölten – damit an einer der Stationen, auf der im März 2020 einer der ersten Covid-Patienten behandelt wurde. „Wir hatten einen Patienten, bei dem man erst nichts von der Infektion wusste, es haben sich mehrere Mitarbeiter angesteckt“, berichtet Gubi aus einer Zeit, in der Unsicherheit den Alltag bestimmte.

„Wir wussten noch wenig darüber, wie sich die Erkrankung entwickelt, in den Abläufen, vom Anlegen der Schutzkleidung bis zur Behandlung, mussten sich Routinen einspielen.“ Dazu kam die körperliche und emotionale Belastung, „Kolleginnen sind in Vollausrüstung viele Stunden durchgehend im Patientenzimmer. Man kommt mit Druckstellen im Gesicht und nassgeschwitzt heraus. Als es uns in St. Pölten zuerst getroffen hat, war das auch ein Schock. Wir mussten mit der Ausrüstung sehr haushalten, haben uns Abläufe überlegt, aber es war trotz allem ein toller Zusammenhalt“ – und eine emotionale Zeit. „Ich erinnere mich an einen Samstag, ich war im Garten im Waldviertel, am Himmel war nur ein Flugzeug zu sehen, ich wusste, das ist der Flieger, mit dem Ausrüstung aus China kommt. Das war ein sehr emotionaler Moment.“

Herausfordernd ist auch die Versorgung der Patienten, „man kommt zu ihnen wie ein Marsmännchen, sie erkennen einen kaum. Man versucht mit den Augen zu kommunizieren, aber es ist für die Patienten sehr schwer. Es fehlt der Besuch, die Angehörigen“, erzählt Gubi aus der Zeit, in der mit einem iPad auf der Station oder mit den privaten Handys der Patienten versucht wurde, Kontakt zu ermöglichen. Nun ist zumindest bei Palliativpatienten Besuch eingeschränkt möglich. Das Leiden und Sterben der Covid-Patienten belastet trotzdem. „Auf der inneren Intensivstation ist man mit dem Thema Tod sowieso regelmäßig konfrontiert, das ist oft schwer.“ Hier helfe der Austausch mit Kolleginnen – auch wenn der anders wurde, es gilt auch in Pausen FFP2-Maskenpflicht. Aber so konnten auf ihrer Station Ansteckungen innerhalb des Personals seit März verhindert werden.

Oft helfe auch der Austausch im privaten Umfeld – aber der wurde in diesem Jahr mitunter schwierig. „Im Sommer gab es öfter Bekannte, die meinten, die Spitäler seien eh leer, das sei alles gelogen, das sei wie eine Grippe. Ich verstehe, dass viele Existenzen bedroht sind und hier viele Ängste mitspielen. Aber solche Diskussionen sind nicht förderlich, wenn man sieht, wie es Covid-19-Patienten mit schwerer Atemnot geht oder sie beatmet um ihr Leben kämpfen.“ Es bestehe und bestand natürlich auch die Sorge, das Virus mit nach Hause zu nehmen. Pflege und Intensivpflege würden von der Gesellschaft jetzt mehr wertgeschätzt und wahrgenommen. „Aber die Idee, hoch qualifiziertes Personal aus den Ärmeln zu schütteln zu können, ist nicht umsetzbar.“

Ihr Resümee dieses Jahres mit Corona? „Da sind ganz unterschiedliche Gefühle, Angst, Unsicherheit, Stolz auf das Team, auch große Freude bei Erfolgen.“ Und die Erleichterung, die die Impfung brachte. „Das bringt etwas Sicherheit für einen selbst, verändert hat sich dadurch aber noch nichts. Alle Sicherheitsmaßnahmen werden uns auch noch eine Zeit lang begleiten, so realistisch muss man sein, aber es ist alles routinierter geworden. Das alles ist jetzt Teil des Alltags, auch wenn wir alle so gern wieder ein normales, unbeschwertes Leben hätten.“

Der Minister

Die kritischen Wochen des Anti-Kurz

Wie der anfangs unterschätzte Rudolf Anschober in der Pandemie zum heimlichen Regierungschef wurde.

Rudolf Anschobers Jahr eins in der Bundesregierung kann als harmlose österreichische Variante der Netflix-Serie „Designated Survivor“ mit Kiefer Sutherland erzählt werden. In dem gut erfundenen Politthriller wird der unbedeutende Minister für Bauwesen ausgewählt, während der State-of-the-Union-Rede an einem sicheren Ort in Washington zu bleiben, falls dem Präsidenten, der Regierung, der versammelten politischen Führung des Landes etwas zustößt. Ein Terroranschlag macht das Unmögliche real, der glücklose Minister ist plötzlich Präsident.

Rudolf Anschober war vor einem Jahr noch nicht einmal lang genug im Amt, um glücklich oder glücklos zu sein. Er galt als erfahrener Landespolitiker, hatte Respekt vor dem Sozialministerium mit seinen Milliarden und Pensionen. In der ÖVP hielt man ihn für einen ideologischen Hardliner oder besser Softliner in Asylfragen und damit für einen natürlichen Feind der Türkisen. Als grüne Schwergewichte wurden Budgetsiegerin Eleonore Gewessler, die bei den extremen Rechten verhasste Alma Zadić und natürlich der Volkstribun Werner Kogler angesehen. Aber Anschober? Wird hoffentlich nicht zum dauerhaften Provokateur in der Koalition.

Doch dann kamen die Pandemie und das dazugehörige Gesetz, plötzlich war der Gesundheitsminister der heimliche Regierungschef. Eigentlich hätte Anschober öfter nach Oberösterreich pendeln wollen. Eigentlich hätte er sich einen Tag pro Woche freispielen wollen. Eigentlich hätte er ausgedehnte Spaziergänge von seinem neuen Zweitwohnsitz, dem Servitenviertel, mit seinem Hund Agur unternehmen wollen. Wenige Tage vor dem ersten Lockdown saß Anschober noch mit Hund, Melange und der „Süddeutschen“ in einem Café der kleinen Servitengasse, genoss die frühe Märzsonne und ahnte – wie ganz Europa – nicht, wie sehr die Pandemie die Welt verändern sollte.

Ein Jahr später ist ihm nur eines geblieben: der tägliche Spaziergang mit seinem Golden Retriever. In einem Jahr machte der 60-Jährige die Erfahrungen eines ganzen Politikerlebens: mit dem Auf und Ab in der Gunst der Öffentlichkeit vulgo Umfragen, mit Unterstützung und Fouls des Koalitionspartners, Eifersüchteleien, falschen Einschätzungen, zu vielen Experten und zu wenig Hausmacht, mit den Befindlichkeiten der Landeshauptleute, mit zu viel eigenem Zögern und Zaudern. Und mit einer theoretischen Allmacht, die Anschober nie wollte.

 

Wie einst Van der Bellen

Der Gesundheitsminister legte seine Politik an wie früher Alexander Van der Bellen: differenzierender, leise, an harmlosen Stellen selbstkritisch, ein bisschen kompliziert und immer allen lauschend. Anschober bildete den ruhenden Gegenpol zu den schnell agierenden, klar argumentierenden und modisch gewand(e)ten neuen Politikern rechts der Mitte. Er gab den freundlichen Anti-Kurz. Links der Mitte wurde er in den ersten pandemischen Monaten verehrt. Ehrfurchtsvoll scharte Anschober Wissenschaftler um sich, während Kurz lieber jenen beiden Mitarbeitern vertraute, die ihr Handwerk bei großen Beratungsunternehmen gelernt hatten und sich lieber an Zahlen als an Experten orientieren: Kabinettschef Bernhard Bonelli und dessen Stellvertreter Markus Gstöttner.

Wobei nun zu hören ist, dass sich Kurz und Anschober nach kurzen Hochs und langen Tiefs in ihrer Arbeitsbeziehung rund um Weihnachten wieder angenähert hätten. Nie sei die Zusammenarbeit enger gewesen als im Tirol-Konflikt, heißt es. Werner Kogler werde nun nicht mehr als Mediator benötigt. Manch einer mutmaßt, das könnte damit zu tun haben, dass Anschobers Beliebtheitsgrafik schon länger kein exponentielles Wachstum mehr anzeigt, weshalb sich der Kanzler auch nicht mehr von ihm bedroht fühlt. Was Sebastian Kurz vehement bestreiten würde.

Bei den Grünen jedenfalls hätte dem Gesundheitsminister kaum jemand diesen „langen Atem“ zugetraut. Um es mit Rudolf Anschober zu formulieren: Er hat schon sehr viele kritische Wochen hinter sich.

ZUR PERSON

Rudolf Anschober (60) ist seit Jänner 2020 Minister für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz. Davor war er Landesrat in Oberösterreich (ab Oktober 2003), Landtagsmandatar sowie Verkehrs-, Sicherheits- und Atomsprecher der Grünen im Nationalrat. Vor der Politik arbeitete er als Volksschullehrer und Journalist.

Peter Hacker (SPÖ), Stadtrat in Wien.
Der Stadtrat

Roter Rebell, Held der Linken mit rechtem Mentor

Peter Hacker macht Opposition – mal mehr, mal weniger subtil.

Gesundheitsstadtrat.Was Peter Hacker so wirklich antreibt, ist schwer zu sagen. Hacker macht jedenfalls Opposition – mehr oder weniger subtil. Gegen Sebastian Kurz und die Regierung, aber auch gegen Pamela Rendi-Wagner und Michael Ludwig. Als sich der Wiener Bürgermeister das erste Mal mit Sebastian Kurz hinstellte, um schärfere Maßnahmen zu verkünden, hatte Hacker davor Zweifel gesät, ob das wirklich notwendig sei.

Im Frühjahr, in Phase eins der Coronapandemie, war Hacker so etwas wie der schwedische Honorarkonsul in Wien. Er hinterfragte diverse Maßnahmen, mahnte Verhältnismäßigkeit ein, fand das alles nicht so notwendig, war eher auf dem Laisser-faire-Weg. Auch Ende des Jahres wollte er die Sportstätten wieder öffnen, als sich das Land auf den nächsten Lockdown zubewegte.

Mit seiner widerständigen Art, seinen flapsigen Sagern, seiner spürbaren Abneigung gegenüber Sebastian Kurz und dessen Mitstreitern wurde Peter Hacker zu einem Helden der Linken, so mancher sieht ihn schon als künftigen SPÖ-Vorsitzenden. Dabei begann seine Karriere einst unter Helmut Zilk im Rathaus, auch so eine Art politischer Lebensmensch für Hacker. Und Zilk zählte im SPÖ-Universum seinerzeit zur Rechten. (oli)

Ursula von der Leyen, Kommissionschefin.
Die EU-Kommissionspräsidentin

Perfektionistin im rauen Wind

Ursula von der Leyen wird an ihrem kühnen Ziel, bis Sommer 70 Prozent der Europäer geimpft zu sehen, gemessen werden.

Zusagen über 2,6 Milliarden Dosen Impfstoff für heuer und 2022: Das ist die bisherige Bilanz jener Impfstrategie, welche die Europäische Kommission am 17. Juni vorigen Jahres ins Leben rief. Acht Monate nach Beginn dieses Unterfangens hat die Union sechs Verträge mit Herstellern geschlossen, zwei weitere sind in Vorbereitung. Zwar wurden von diesen Kontingenten seit Impfstart rund um Neujahr erst rund 25 Millionen Dosen verabreicht. Doch ab Ende März sollten die Lieferungen stark genug steigen, um das Ziel, bis Ende des Sommers unionsweit mindestens sieben von zehn Erwachsenen gegen das Virus immunisieren zu können, zumindest numerisch erreichbar zu machen.

Diese Impfquote von 70 Prozent hat Ursula von der Leyen ausgegeben. An ihrer Erreichung, oder an ihrem Scheitern, wird die Präsidentin der Europäischen Kommission gemessen werden. In der Sache selbst gestehen auch Kritiker der 62-jährigen früheren deutschen Bundesministerin zu, die richtige Strategie gewählt zu haben: Gemeinsame Einkäufe für alle 27 Mitgliedstaaten ermöglichen auch den kleineren und ärmeren Zugang zu leistbaren und ausreichenden Mengen von Impfstoffen. Die um ihre Stilisierung als perfektionistische Macherin bemühte Präsidentin hat aber krass unterschätzt, wie wichtig die Kontrolle über das Narrativ in der Politik ist. Wochenlang musste sie sich angesichts von Lieferproblemen vorhalten lassen, zu langsam und zu naiv mit den Pharmakonzernen verhandelt zu haben. Als sie in Reaktion darauf eine Exportkontrolle für Impfstoffe einführte und dabei irrtümlich für Ärger auf der irischen Insel sorgte, versuchte sie, sich vor Verantwortung zu drücken. Das hat auch innerhalb der Kommission für Unmut gesorgt. Denn Chefsache ist Chefsache – vor allem, wenn die Chefin so darauf erpicht ist, die Lorbeeren zu ernten.

Mediziner Christoph Wenisch, Experte für Infektionskrankheiten – und Viren.
Der Mediziner

„ . . . dann beginnt die Geschichte von Neuem“

Christoph Wenisch behandelt seit einem Jahr Covid-Patienten, erklärt das Virus und wurde zum Impf-Testimonial. Der Arzt über die verbesserte Behandlung, Versäumnisse der Politik und Ernüchterung nach der Euphorie.

Gäbe es Sinnbilder für ein absehbares Ende der Pandemie, für den Triumph von Wissenschaft und Medizin über die Seuche, das Bild von Christoph Wenisch und seiner erhobenen Faust am 27. Dezember, es wäre sicher eines davon. Aber wenige Wochen nach dem Impftermin, angesichts der Probleme beim Impfen und mit Mutanten, ist die Euphorie einer Ernüchterung gewichen.

Wenisch ist Infektiologe, er leitet die Covid-Stationen der Klinik Favoriten, neben dem Alltag dort und in der Forschung – in der Klinik wurde etwa der Gurgeltest entwickelt – ist er als Erklärer dieses Coronavirus, der Pandemie und der Behandlung von Covid-19 öffentlich sehr präsent. Schließlich ist Wenisch einer jener Experten, die zwar früh warnten, das mit der Pandemie werde zäh und eher länger dauern, aber dem es auch gelang, die Seuche verständlich und mit einer Art heiteren Gelassenheit zu erklären.

Wie blickt er auf sein Jahr mit Corona zurück? Wenisch spricht von Phasen. Die große Unsicherheit am Anfang, als mit emotionalem, wenig rationalem Handeln auf das Virus, über das man wenig wusste, reagiert wurde. März, April folgte strukturiertes Vorgehen. Studien, Therapien, Medikamente wurden erarbeitet und ausprobiert. „Wir haben schnell gesehen, dass Cortison wirkt, dass man Blutverdünner einsetzen kann. Seit April, Mai wissen wir, was wir therapeutisch machen können und haben einen Standard.“

Dann kam der Sommer, die Covid-Station blieb voll, vor allem mit Patienten, die Clustern zugeordnet werden konnten, aber außerhalb des Spitals schien das Problem mit dem Virus eher im Hintergrund. „Ich hatte oft das Gefühl: ,He, warum tut's ihr nicht weiter?'“ sagt Wenisch, spricht Versäumnisse etwa in der Impfstoff-Beschaffung an. Dann kam die zweite Welle im Herbst, schließlich die Entlastung, die Euphorie gegen Ende des Jahres, als klar war: Die Impfstoffe sind da, sie wirken, sie werden zugelassen. „Das war eine große Freude“ – die der Ernüchterung wich.

„Dass beim Impfen nichts weitergeht, ist eine Riesenenttäuschung. Es wurde zu wenig gekauft, man hat auch nicht nach Alternativen geschaut, etwa, übrigen Impfstoff aus Israel zu kaufen. Da habe ich auch Kritik an den Ministerien, hier wurde die Zeit im Sommer nicht gut genutzt.“ Ebenso unzureichend wurde aus Sicht des Mediziners auf die Virus-Varianten reagiert. „Da wurde gesellschaftlich und politisch jede wissenschaftliche Logik missachtet. Eine Mutation kann heißen, dass wir den Reset-Knopf drücken. Wirkt die Impfung nicht, beginnt die ganze Geschichte von Neuem und wir brauchen neuen Impfstoff. Alles, was wir dem Virus sonst entgegensetzen können, Abstand, Maske, das ist ja nur ein Pfusch mit Nebenwirkungen. Aber wir haben sonst nichts.“

 

„Mutationen können Reset-Point sein“

Er kritisiert auch, dass das System zur Sequenzierung und damit zur Früherkennung der Ausbreitung von Mutanten nicht früher besser aufgestellt wurde. Oder, dass auf lokale Mutations-Cluster nicht mit umgehenden Quarantänen von Bezirken reagiert wurde. „Da haben wir Verantwortung für ganz Europa, wir haben wichtige Wochen verloren. Ich hoffe, dass man die Virus-Mutanten noch aufhalten kann, aber sicher bin ich mir nicht.“ Ob es gelingen wird, darüber werde man in wenigen Wochen bis Monaten mehr wissen. Auch darüber, was das für den Schutz durch die Impfung oder mögliche Re-Infektionen bedeute. Aber: „Die Mutationen sind ein riesiges Problem, da muss sofort draufgehaut werden. Wenn die Politik das nicht macht, trägt sie die Verantwortung. Man muss immer Medizin und Hedonismus abwägen, das gilt noch immer und das haben wir an die Politik delegiert. Aber so werden wir die Lockdownerei nur verlängern.“

Auch auf seiner Station schlägt sich das klar auf die Stimmung. „Wir haben die Situation, dass sich bisher 20 bis 30 Prozent des Personals infiziert haben. Manche sind schwer erkrankt, einige habe ich ganz verloren, weil sie diese Arbeit nicht mehr machen können. Mit der Impfung hatten wir das Gefühl, wir haben es geschafft. Jetzt kommen Varianten, gegen die man vielleicht eine neue Impfung braucht. Ich verstehe die Zögerlichkeit nicht, man setzt das Personal dieser Gefahr wieder aus. Wissen Sie, was das mit uns macht?“ Aber immerhin, bisher sind, seit in seiner Abteilung geimpft wurde, im Personal keine Infektionen mehr aufgetreten.

War die Geste des Triumphes beim Impfen also voreilig? „Nein, der Triumph ist da, man gefährdet ihn nur mit Unachtsamkeit und Zögerlichkeit.“ In Summe ist sein Ausblick durchaus zuversichtlich – und es gab im Coronajahr auch Gutes: „Das Tollste war, wie die Wissenschaft, alle Life Sciences zusammengearbeitet haben, so etwas habe ich nie erlebt. Global betrachtet – Österreich ist ja noch etwas wissenschaftsfeindlich.“

 

„Das Virus verschwindet nicht mehr“

Aber hier erwartet er positive Effekte: An der Infektiologie gibt es nun ungleich mehr Interesse, in Zukunft wäre man auf Pandemien wohl besser vorbereitet. Und vielleicht funktioniert die Zusammenarbeit besser. Die sei vielfach sehr gut gewesen, aber „es gab Häuser, die uns im Stich gelassen haben, die lang keine Covid-Patienten genommen haben. Das kann nicht sein, man kann sich doch nicht wegducken und Angst vor einer Krankheit haben. Es ist Pandemie, das geht uns alle an. In der Pandemie sind alle gefragt, alle müssen aufs Spielfeld, Sie und ich und jeder andere auch. Wir müssen zusammenhelfen.“

Wie lang die Pandemie noch andauern wird? „Meine jüngste Tochter, ich habe ja fünf Kinder, hat mich das vor Kurzem auch gefragt: Wann ist Corona wieder weg? Ich hab ihr gesagt, das bleibt da, Viren gehen nie wieder ganz weg. Außer den Pocken hat die Menschheit noch kein Virus ausgerottet. Wie lang die Pandemie dauert, da hat sich die Prognose mit den Mutationen wieder geändert. Es kann sein, dass das ein Reset-Point ist und alles von vorn beginnt. Normal dauert eine Pandemie zwei Jahre, im positivsten Szenario ist sie in einem Jahr vorbei. Es kann sich auch in der Behandlung viel tun, dann ist das einfach eine Krankheit von vielen.“

Zur Person

Christoph Wenisch leitet die 4. Medizinische Abteilung mit Infektions- und Tropenmedizin und Intensivstation an der Klinik Favoriten und damit die dortigen Covid-Stationen. Seit einem Jahr ist Wenisch auch als Erklärer der Pandemie stark präsent – und gilt als Impf-Testimonial: Das Bild seiner erhobenen Faust, nachdem ihm Ende 2020 die erste Dosis injiziert wurde, ging um die Welt, es wurde unter anderem von der „New York Times“ publiziert.

Simulationsforscher Nikolas Popper
Der Simulationsforscher

Nikolas Popper: „Die Prognose ist nur ein Nebenaspekt“

Er untersucht, welche Maßnahmen wirken. Oder wirken könnten.

Vielleicht kommt es von seinem Interesse an der Philosophie? Nikolas Popper formuliert die Dinge gern positiv – trotz allem. Wenn man ihn fragt, ob die dritte Welle und der nächste Lockdown anstehen, sagt er: „Viele – auch aus meinem Team – würden Ihnen sagen, sobald wir leicht steigen – und das tun wir – ist das unvermeidbar. Aber man könnte auch sagen: Wir screenen allein in den Schule jede Woche eine Million Leute. Das kann sehr effektiv sein, vor allem wenn der nächste Schritt – die Quarantäne – klappt.“

Popper, Simulationsforscher an der TU Wien und Mitinhaber der Forschungsfirma dwh GmbH und sein Team sind Teil des Prognosekonsortiums. Er erinnert aber gern daran, dass „die Prognose nur ein Nebenaspekt ist“. Denn eigentlich modellierten seine Modelle Maßnahmen und dynamische Effekte. Man untersucht, wie sie wirken oder wirken könnten, wenn genügend Menschen mitmachen. Als Experte für Interventionsmodellierung (also dafür, wie Maßnahmen wirken) sah er auch die Lockdownmüdigkeit früh voraus. Als größten Fehler sieht er das „ gegenseitige Fingerzeigen unter politischen Entscheidungsträgern, aber manchmal auch unter Wissenschaftlern“. (uw)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.02.2021)

Li Hong Jun in ihrem Kaffeehaus in Wuhan.
Die Frau aus Wuhan

Als in Wuhan niemand auf die Straße durfte

Von der Millionenmetropole Wuhan nahm die Pandemie ihren Ausgang. Kaffeehausbesitzerin Li Hong Jun erinnert sich zurück an die zweieinhalb Monate der radikalen Quarantäne, als sie Snacks für medizinische Helfer vor die Tür hängte.

Wenn Li Hong Jun ein Jahr später über den Lockdown in ihrer Heimatstadt Wuhan redet, dann fühlt sich das für sie bereits wie eine „weit entfernte Erinnerung“ an. Doch erst vor Kurzem, als die 55-Jährige eine Museumsausstellung über den traumatischen Kampf gegen Covid-19 besuchte, kamen die alten Erinnerungen wieder in ihr hoch. „Diese Zeit haben wir gemeinsam hinter uns gebracht“, sagt sie.

An einem feuchtkühlen Winterabend sitzt Li Hong Jun, eine geschwätzige Frau, die bodenständige Herzlichkeit und kosmopolitische Weltgewandtheit miteinander vereint, in der wohligen Stube ihres Kaffeehauses. Sie bietet Laugengebäck und Zimtschnecken zum Espresso an. Die gläserne Fassade ihres Lokals gibt den Blick auf den nächtlichen Westsee frei. Die Fassaden neonbeleuchteter Hochhäuser spiegeln sich im stillen Wasser.

 

Die Schicksalsgemeinschaft

Wenig erinnert daran, dass jene Stadt, die längst ihren Weg zurück zur Normalität gefunden hat, vor einem Jahr als erstes Corona-Epizentrum vollständig abgeriegelt war: Zweieinhalb Monate lang blieben mehrere Millionen Einwohner in ihren Wohnungen eingesperrt. Weder Busse noch Taxis sind auf den Straßen gefahren, sämtliche Autobahnzufahrten wurden abgeriegelt. Die Krankenhäuser waren überfüllt, die Bewohner erlebten einen kollektiven Kontrollverlust.

Doch Li Hong Jun, die vor zehn Jahren aus dem bitterkalten Nordosten des Landes ins subtropische Wuhan gezogen war, wollte trotz allem nicht untätig bleiben. Elektrisiert durch die vielen Freiwilligengruppen, darunter viele Studenten, die durch Spendenaufrufe Masken, Handschuhe und Schutzausrüstung für das medizinische Personal sammelten, sperrte sie schon bald ihr Café „21 Grad“ wieder auf.

Jeden Morgen bereitete sie Snacks und Kaffeebeutel vor, um diese an der Eingangstür aufzuhängen. Schon bald kamen die erschöpften Ärzte und Pflegeteams aus den Krankenhäusern, um sich am Nachmittag zwischen ihren Schichten damit zu stärken.

Ob die traumatische Zeit von damals die Leute zusammengeschweißt habe? „Der Zusammenhalt versteckt sich meist, im Alltag ist er nicht sichtbar. Doch wenn wir eine solch extreme Situation durchmachen, dann tritt der Zusammenhalt hervor“, sagt Frau Li.

Die massiven persönlichen Opfer, die die Bevölkerung Wuhans in Kauf nehmen musste, darunter der fast vollständige Verlust der Bewegungsfreiheit, zahlten sich indes schon bald aus. Die täglichen Infektionszahlen in Wuhan konnten auf praktisch null heruntergedrückt werden, die Neun-Millionen-Metropole in Zentralchina war nach einem kompletten Stillstand des Alltagslebens praktisch virusfrei.

Der einst gefährlichste Ort der Coronapandemie wandelte sich in wenigen Monaten zum vielleicht sichersten der Welt. Nur die Masken, die die meisten Bewohner Wuhans weiterhin auch im Freien tragen, erinnern noch an jene harte Periode. Abseits davon üben sich die Leute darin, ihre verlorene Lebenszeit wieder aufzuholen. Die Kneipen und Restaurants der Stadt etwa sind gut besucht, in den Liveclubs spielen wieder die Rock- und Punkbands der Stadt, und im alten Kolonialviertel genießen junge Pärchen Cappuccino und Topfenkuchen nach westlicher Art.

 

Das Trauma von 2003 brach wieder auf

Li Hong Jun macht all das nun schon zum zweiten Mal durch. Denn Anfang der Nullerjahre lebte sie gerade in Peking, als die damals grassierende Sars-Pandemie für Panikstimmung in der Hauptstadt sorgte. Zwar tötete diese Form des Coronavirus „nur“ etwa 800 Menschen in China und Hongkong, dennoch brachte die Virenwelle Chinas Hauptstadt zum Erliegen. Für viele Pekinger war das eine traumatische Erfahrung, die sich nun im vergangenen Jahr zu wiederholen drohte.

„Verglichen damit war die Nervosität 2003 während Sars sogar noch größer, weil es damals nicht dieselben Kommunikationsmittel gab“, erinnert sich die Chinesin. Denn während sich die Bewohner Wuhans im vergangenen Jahr per Smartphone in Echtzeit über den neuesten Stand informierten, breitete sich Sars damals lange Zeit eher im Verborgenen aus – das aber auch, weil die Regierung das tatsächliche Ausmaß der Epidemie lange Zeit unter Verschluss hielt.

 

Angst vor einer dritten Seuche

Ob Li Angst vor einer dritten Pandemie hat? „Als einzelner Mensch kann ich nicht verhindern, dass das geschieht, ich kann mich nur, so gut es geht, darauf vorbereiten“, sagt sie – und fügt an: „Wenn es passieren sollte, dann würde ich alles noch einmal genauso machen wie beim Lockdown in Wuhan.“

Zur Person

Li Hong Jun besitzt ein Kaffeehaus in Wuhan, wo die Coronapandemie ausgebrochen ist. Für die 55-Jährige war es nicht die erste Seuche. Sie lebte 2003 in Peking, als Sars grassierte. Auch damals musste die chinesische Hauptstadt in eine Art Lockdown. Das damalige Virus forderte „lediglich“ 800 Menschenleben.

Der Ausbruch der Pandemie war für Don Mario auch deshalb vom Tod dominiert, weil seine Kirche zum Zwischenlager für Coronatote wurde.
Der Pastor von Bergamo

Wo sich die Särge in der Gemeindekirche gestapelt haben

In Seriate bei Bergamo wütete Corona brutal. Der Pfarrer, Don Mario Carminati, berichtet, wie seine Gemeinde um Normalität ringt.

Zwölf Monate sind vergangen, seit die Verbreitung des Coronavirus in Europa begonnen hat. Zwölf Monate, die unser aller Leben verändert haben. Doch während die meisten Menschen sich an das Leben mit der Pandemie gewöhnt haben, gibt es Teile Italiens, in denen die Coronapandemie einer offenen Wunde gleicht. Die Kleinstadt Seriate (rund 25.000 Einwohner), die an die norditalienische Stadt Bergamo angrenzt, ist so ein Fall.

Sie gehörte im März zu den Hotspots der Pandemie. Das Coronavirus hatte sich hier wohl schon über Wochen unbemerkt verbreitet und entfaltete so im März seine tödliche Schlagkraft. Mitten im Zentrum dieses Ausbruchs befand sich Don Mario Carminati (65), Pfarrer in Seriate.

In seiner Gemeinde starben allein im April 150 Menschen, meist am Coronavirus. So viele Gemeindemitglieder sterben normalerweise über ein ganzes Jahr verteilt. Der Ausbruch der Pandemie war für Don Mario auch deshalb vom Tod dominiert, weil seine Kirche zum Zwischenlager für Coronatote wurde, als die städtischen Verbrennungsöfen mit der Menge der Verstorbenen überfordert waren. „Es wird noch sehr lang dauern, bis wir diese Monate verkraftet haben“, sagt Don Mario im Telefonat mit der „Presse“. Bis heute spüre er die Nachbeben des Schreckens in seiner Gemeinde. „Die Menschen, die gestorben sind, fehlen uns jeden Tag.“ Sie fehlten in den Familien, in seiner Gemeinde, in der Stadt. Ihre Abwesenheit sei eine tägliche Erinnerung an das Virus.

 

Er verlor seinen 34-jährigen Neffen

„Nach der ersten Welle haben viele Menschen versucht, das Virus zu vergessen, so zu tun, als ob alles vorbei sei“, berichtet Don Mario. Doch in seiner Gemeinde sei es stets präsent geblieben. „Ich habe viele meiner Gemeindemitglieder seit einem Jahr nicht mehr gesehen, und zwar nicht, weil sie gestorben sind, sondern weil sie solche Angst vor einer Ansteckung haben, dass sie sich nicht vor die Tür trauen“, erzählt er. Teilweise seien es auch die Familien, die Eltern und Großeltern zur Vorsicht anhielten, bis sie geimpft seien. „Wir können nur hoffen, dass die Impfung die Erleichterung bringt, die wir uns davon versprechen“, so Don Mario.

Seiner Meinung nach werde in Italien auch zu wenig über die Spätfolgen von Corona-Infektionen gesprochen. Viele seiner älteren Gemeindemitglieder klagten über anhaltende Müdigkeit, die fast einer Depression ähnle, Herz-, Lungen- oder gar neurologische Probleme.

Auch in seinem persönlichen Umfeld hat das Virus ein Opfer gefordert. Zwar fing sich Don Mario nicht das Virus ein, doch er verlor seinen Neffen: Der 34-jährige Sohn seiner Schwester sei nach fünfmonatiger Erkrankung im August gestorben.

 

Reges Interesse an Messe im Internet

Zum Glück verläuft die zweite Welle bisher ruhig, ob es nun an Herdenimmunität oder an gesteigerter Vorsicht liegt, vermag niemand zu sagen. Aber: „Seit dem Herbst ist nur ein weiteres Gemeindemitglied an Corona gestorben“, berichtet Don Mario, die Erleichterung in seiner Stimme ist zu hören.

Auch wenn er über seine Kirche spricht, die vor wenigen Monaten noch Hunderte Särge beherbergte, klingt er hoffnungsvoll: „Die Gottesdienste finden nun im Internet statt.“ Gerade hätten sie eine neue Kamera installiert, die Predigten live ins Internet übertrage. Abend für Abend schalteten sich Hunderte zu – mehr als vor der Pandemie zu den Gottesdiensten gekommen sind.

ZuR PERSON

Don Mario Carminati ist Pfarrer in Serate bei Bergamo, einem Brennpunkt der ersten Coronawelle in Italien. In seiner Gemeinde starben allein im April 150 Menschen – so viele wie normalerweise in einem ganzen Jahr. Das Virus hat eine große Lücke in dem kleinen Städtchen hinterlassen.

Helmut Fallmann ist auf der Suche nach Entrepreneuren.
Der IT-Unternehmer

„Schockstarre hat es nie gegeben“

Die Linzer Fabasoft erntete in der Krise die Früchte ihrer Forschungsarbeit. Nun will Firmenchef Helmut Fallmann Jungunternehmen helfen und die Entwicklung von Medikamenten beschleunigen.

Als im März vergangenen Jahres der erste Lockdown angekündigt wurde, stellte sich für Helmut Fallmann eine Frage: „Werden nun sämtliche Projekte abgebrochen, oder geht es weiter?“ Es ging weiter – und zwar im vollen Tempo. „Eine Schockstarre hat es nie geben“, sagt der Gründer und Firmenchef von Fabasoft.

Das Linzer Unternehmen liefert IT-Lösungen für die digitale Erfassung und Bearbeitung von unternehmenskritischen Dokumenten und Geschäftsprozessen. Zu den Kunden gehören Regierungen, Behörden und Großkonzerne. Der elektronische Akt in der heimischen Verwaltung funktioniert dank Fabasoft-Technologie. Auch die amerikanische Lebens- und Arzneimittelbehörde FDA und die deutsche Lufthansa setzen auf die Expertise aus Linz. „Wir ernten die Früchte unserer jahrelangen Forschung und Entwicklung“, sagt Fallmann. Die Datensicherheit sei gerade im Home-Office wichtig. Die Tools dazu entwickelte das Unternehmen bereits vor zehn Jahren. Auch bei Fabasoft wird Home-Office großgeschrieben.

Die Teststrategie, die nun in Österreich zu fruchten scheint, hat es bei Fabasoft von Anfang an gegeben. Bereits im März wurden die Mitarbeiter wöchentlich getestet, mittlerweile ist das mindestens dreimal pro Woche der Fall. Vor wenigen Wochen wurde in der Zentrale eine Krabbelstube eröffnet. „Das ist sicher das beste Projekt, das wir für unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gemacht haben“, sagt der Fabasoft-Chef.

Im Geschäftsjahr 2019/2020 wuchs der Umsatz um mehr als 25 Prozent auf 51,1 Millionen Euro. Das Betriebsergebnis erhöhte sich von 8,9 auf 11, 7 Millionen Euro. Fabasoft ist an der Frankfurter Börse gelistet. Notierte die Aktie nach dem ersten Lockdown bei 16,70 Euro, so lag der Kurs am Freitag knapp unter 50 Euro.

 

Mit Big Data gegen das Virus kämpfen

Ob man im Kampf gegen die Pandemie mehr auf Digitalisierung setzen sollte? „Medizinische Probleme muss man auch medizinisch lösen“, antwortet Fallmann. Informationstechnologie könne aber helfen zu erkennen, wie sich das Virus verbreitet. „Das wurde viel zu wenig beforscht“, sagt er. Mithilfe von Big Data und künstlicher Intelligenz könne man etwa eruieren, welche Maßnahmen gegen die Verbreitung des Virus sinnvoll und welche nicht sinnvoll waren. „Ich glaube nicht, dass man meinen Friseur jemals hätte zusperren müssen“, sagt er.

Fallmann hat sich aus dem operativen Geschäft zurückgezogen und konzentriert sich auf strategische Beteiligungen. „Am Ende des Tages suche ich Entrepreneure“, sagt er. Es gehe darum, die Mehrheit an Unternehmen zu übernehmen. Die Gründer arbeiten weiter und profitieren von Fabasofts Finanzkraft, Netzwerk und Organisation.

Welcher Gründer gibt denn gern die Mehrheit an seinem Unternehmen ab? „Das machen echte Unternehmer, die keine Kontrollfreaks sind“, antwortet Fallmann und erinnert an Steve Jobs, Bill Gates oder Larry Ellison, die kurz nach der Gründung von Apple, Microsoft und Oracle die Mehrheit an Investoren abgegeben haben und genau deshalb schnell gewachsen sind. Mittlerweile haben die Fabasoft-Gründer Fallmann Leopold Bauernfeind auch die Mehrheit am Unternehmen abgegeben.

Längst hat Fabasoft mit dem Einstieg bei IT-Unternehmen wie Mindbreeze und X-Publisher gezeigt, dass diese Symbiose für einen Wachstumsschub sorgt. „Als kleines Unternehmen wird man von den Großkonzernen oft nicht ernst genommen, mit Fabasoft an Bord schon“, sagt Fallmann.

Und auch neue Beteiligungsprojekte sind bereits geplant. Fallmann verrät nur so viel: „Die Pharmaindustrie hat sehr dokumentenintensive Prozesse bei der Zulassung von Medikamenten. Wir gehören zu jenen, die in der Lage sind, diese Prozesse zu beschleunigen.“

Zur PERSON

Helmut Fallmann hat gemeinsam mit Leopold Bauernfeind 1988 die Firma Fabasoft gegründet. Das Unternehmen entwickelte Software für sensible Daten, etwa für den elektronischen Akt. Neben der Republik Österreich gehören auch die US-Arzneimittelbehörde FDA und die Lufthansa zu den Kunden. Auch in der Krise konnte Fabasoft wachsen.

„Auch unter den Piloten gibt es Existenzängste“, sagt Christian Flatschart.
Der Pilot

Mit gestutzten Flügeln

Die Luftfahrt wurde von Corona getroffen wie kaum eine andere Branche. Pilotenvertreter Christian Flatschart über Sorgen und Hoffnungen in der Fliegerei.

Dass das Coronavirus sein Leben direkt beeinflussen wird, realisierte Christian Flatschart wahrscheinlich früher als die meisten anderen Österreicher. Denn schon Ende Jänner 2020 stellte die AUA sämtliche Flüge nach China ein – und damit auch Routen, auf denen der Langstreckenpilot und Vizepräsident der heimischen Pilotenvereinigung unterwegs war. „Für uns war das schon eine massive Reduktion“, so Flatschart. In den Wochen danach ging es aber Schlag auf Schlag weiter: Im Februar sank auch auf allen anderen Strecken die Zahl der Passagiere kontinuierlich, und am 19. März erfolgte dann das Grounding, die vollständige Einstellung des Flugbetriebs, die bis Mitte Juni dauerte.

Unter den Piloten machten sich dann auch schnell Sorgen breit. Zwar gab es wie für Betroffene aus anderen Branchen mit der Kurzarbeit eine großzügige finanzielle Regelung. Um die Fluglizenz behalten zu können, braucht es aber eine regelmäßige Betätigung im Cockpit. „Viele hatten Angst, die Lizenz zu verlieren. Und ohne sie ist ein Pilot nicht einsetzbar“, so Flatschart.

 

Von Corona über die Klippe gestoßen

Außerdem traf die Krise die Branche in einer heiklen Phase. Vor allem in Wien war der Kampf zwischen Billigfluglinien und der etablierten Lufthansa-Tochter in den Jahren zuvor auf die Spitze getrieben worden. Viele Fluglinien operierten bereits an der Grenze der Wirtschaftlichkeit. Und auch bei der AUA war ein scharfes Sparpaket auf Schiene gebracht gewesen.

Die Coronakrise hat bei einigen Airlines daher auch das Schicksal besiegelt. So ging der in Wien beheimatete Billigflieger Level in Konkurs. Und auch die Verlagerung von Laudamotion nach Malta wurde durch Corona zumindest beschleunigt. „In ganz Europa haben aufgrund von Covid-19 rund 18.000 Piloten ihren Job verloren oder sind davon bedroht“, so Flatschart mit Verweis auf Zahlen der europäischen Pilotenvereinigung. Und das öffentliche Bild von Top-Verdienern, die viel Geld und Glamour für wenig Arbeit erhielten, stimme einfach nicht mehr. „Gerade die Jungen haben eine Menge Geld in die Hand nehmen müssen, denn die Ausbildung kostet ungefähr 90.000 Euro.“ Viele hätten daher noch hohe Schulden, und vor allem bei den Billigfluglinien seien die Gehälter weit davon entfernt, dass man reich werde. „Geld bekommt man oft nur dann, wenn man fliegt.“

 

Kurzfristige Euphorie im Sommer

Daher habe es im Juni eine richtiggehende Euphorie gegeben, als zuerst das Rettungspaket für die AUA gestanden sei und kurz darauf auch der Flugbetrieb wieder aufgenommen wurde. „Es gab eine Aufbruchsstimmung, die noch verstärkt wurde, als wir in den Sommermonaten auch den Business-Plan übertroffen haben.“ Dem tat es auch keinen Abbruch, dass sich die äußeren Umstände deutlich verschlechtert hatten. Konnte früher ein mehrtägiger Stopp im Ausland für Besichtigungen genutzt werden, wurden die Crews in manchen Ländern nun in Quarantäne gesteckt. Flatschart erinnert sich etwa an einen Flug nach Shanghai, um Masken zu holen. „Zuerst wurden wir mit Desinfektionsmittel besprüht, bis wir die Nässe auf der Haut gespürt haben. Und dann durften wir drei Tage lang das Hotelzimmer bei hoher Strafe nicht verlassen.“

Im Herbst drehte sich dann allerdings auch die Stimmung, und die Euphorie wich erneut den Sorgen. Zwar kam es zu keinem neuerlichen Grounding, die Zahl der Flüge sank jedoch wieder auf nur zehn bis 15 Prozent des Vorkrisenniveaus, wo sie bis heute verharrt. Für die Beschäftigten bedeutet das eine Teilung in zwei Gruppen, so Flatschart. Jene, die fliegen, sind regelmäßig in der Luft, um die Routine zu erhalten. Dafür kommen andere überhaupt nicht mehr zum Einsatz und haben zum Teil auch ihre Lizenzen verloren. Unter den Flugbegleitern machen sich daher auch schon Tendenzen zur Abwanderung in andere Branchen bemerkbar. Bei den Piloten sei das aufgrund der sehr spezifischen Ausbildung schwieriger. Hier würden die meisten abwarten und hoffen.

„Derzeit fehlt einfach die Planbarkeit für viele Menschen, weshalb es auch kaum Buchungen für den Sommer gibt“, sagt Flatschart. Er wünscht sich mehr konkrete Vorgaben von der Politik. Und auch die Impfung sei wichtig. „Wir sind es gewohnt, Impfungen zu bekommen, um in Länder einreisen zu können.“ Dadurch ergebe sich für Piloten und Flugbegleiter sozusagen ein indirekter Impfzwang. „Wenn die USA fordern, dass ich eine Impfung habe, dann muss mir klar sein, dass mich die Fluglinie nicht einsetzen kann, wenn ich mich nicht impfen lasse.“

ZuR PERSON

Christian Flatschart ist Langstreckenpilot und Vizepräsident der Austrian Cockpit Association. Der 51-Jährige ist seit 1991 bei der AUA tätig und seit 2005 Kapitän, zuerst am Airbus A320, seit 2012 auf der Boeing 767. Zudem ist Flatschart auch CRM-Trainer. CRM ist eine Methode, die Flugunfälle durch menschliches Versagen verringern soll.

Valerie Micko besucht ein Gymnasium in Wien.
Die Schülerin

Zahlreiche Baustellen in der Bildung

„Das wird cool“, glaubte die 12-jährige Valerie – bevor der Lockdown ihr Leben auf den Kopf stellte.

Valerie Micko hat gerade die Hälfte ihres ersten Schuljahrs im Gymnasium in der Währinger Haizingergasse hinter sich, als sich im vergangenen Frühjahr der Alltag für die Erstklässlerin auf den Kopf stellt. „Am Anfang war es richtig cool“, erzählt die 12-Jährige ein knappes Jahr später. „Das hörte sich richtig gut an: Ferien und Ausschlafen. Das dachte ich zumindest.“

Als am 26. Februar an einem Gymnasium in der Wiener Josefstadt der erste Coronavirus-Verdachtsfall in einer Schule bekannt wird, konnte sich wohl niemand der 1,1 Millionen Schüler, 130.000 Lehrer und zwei Millionen Eltern im Land tatsächlich vorstellen, was da auf sie zukommen sollte. Nur zwei Wochen später, am 16. März, wird der Schulunterricht zur Gänze ausgesetzt. Kindergärten und Universitäten schließen ebenfalls. Nur bei dringendem Bedarf (nicht nur in Wien wird dafür zeitweise die „Systemrelevanz“ der Eltern als Kriterium herangezogen) gibt es für unter 14-Jährige eine Betreuung. Bis Ostern aber sind nicht einmal drei Prozent der Schüler in ihren Klassen, in Wien sogar noch weniger als auf dem Land.

In dieser Zeit ist der „hybride“ Unterricht noch nicht ausgereift. Arbeitsgeräte fehlen, nicht selten arbeiten Schüler mit ihrem Smartphone von daheim aus. Die Umstellung auf Distance Learning stellt viele Pädagogen vor eine nie dagewesene Herausforderung. Aus Überehrgeiz überhäufen sie die Schüler teilweise mit Arbeit, anderen mangelt es an Engagement, Expertise und Motivation, virtuell zu unterrichten.

Für Valerie aber ist der Frühjahrs-Lockdown vorerst „kein Problem“, sagt sie. „Ich fand das irgendwie cool, zu Hause zu sein, das war entspannend.“ Auch weil der Vater seither nicht mehr so oft geschäftlich verreist, verbringt die Familie viel Zeit zusammen. „Wir picken so aufeinander und verstehen uns immer noch gut“, freut sich das Einzelkind – und das obwohl ihre Hobbys Tanzen und Turnen seit knapp einem Jahr pausieren müssen.

In vielen Familien aber herrscht seither Ausnahmezustand. Um Defizite möglichst auszugleichen, gibt es im August und im September erstmals eine Sommerschule. Trotz einer allgemein positiven Resonanz bleibt sie ein erster Feuerlöscher. Denn das neue Schuljahr kehrt schon wenige Wochen nach Beginn wieder in das Distance Learning zurück. Die Psyche der Jugend ist Monate später auf dem Tiefpunkt. Als übervolle Kinderpsychiatrien Anfang 2021 Alarm schlagen, ist klar: Die Schulen müssen wieder öffnen. Seit zwei Wochen ist das mittels Tests, FFP2-Masken und Schichtbetrieb geglückt. Wie lang, bleibt abzuwarten.

Das Coronajahr zeigte dem Schulsystem deutlich auf, wo genau seine Defizite liegen. Der analoge Dornröschenschlaf hat sich gerächt, der Acht-Punkte-Plan der Regierung, der die 5. und 6. Schulstufen ab 2021/22 mit Laptops ausstattet, kommt zu spät. Die Föderalismusfalle schnappte zudem kaum irgendwo schneller zu: Das Kompetenzchaos zwischen Ländern und Bund bzw. Bildungs- und Gesundheitsministerium war für schnelle Entscheidungen hinderlich. Auf der Habenseite bleibt die Sommerschule übrig, die gesteigerte Wertschätzung von Pädagogen und die Erkenntnis, dass das Klassenzimmer als sozialer Ort nicht ersetzbar ist. Inzwischen geben auch Beispiele wie jene von Valerie Hoffnung: „Meine Schule macht es wirklich richtig gut“, sagt sie. „Ich fühle mich so gut aufgehoben.“ Aufdie Frage, was sie sich für das zweite Coronajahr wünscht, ist ihre Antwort aber klar: „Dass die ganze Klasse wieder in die Schule kommt.“

Virologin Dorothee von Laer
Die Virologin

„Dann muss sich eben jemand unbeliebt machen“

Sie warnte früh vor der Südafrika-Mutante in Tirol – und wurde nicht gehört. Jetzt warnt die Virologin Dorothee von Laer erneut: vor einer bösen Überraschung im Herbst. Und sie erklärt, warum man zumindest das Gesundheitspersonal in Tirol besser mit Moderna oder BioNTech impfen sollte - und was sie von Taxifahrern lernt.

Die Presse: Ihre Ischgl-Studie zeigt, dass eine Durchseuchung bzw. Durchimpfung von 40 bis 45 Prozent plus Maske und Abstand reicht, um eine neue Infektionswelle zu verhindern. Welchen Schluss kann die Politik daraus ziehen?

Dorothee von Laer: Aktuell nichts, aber Richtung Herbst bedeutet es: Wenn man es schafft bis dahin zumindest die Hälfte der Bevölkerung durchzuimpfen, kann man unter Einhaltung der Hygieneregeln die für die kältere Jahreszeit erwartete Infektionswelle verhindern. Aber nur wenn man die Immunescape-Varianten bis dahin unten hält.

Bevor wir über diese Mutanten reden, möchte ich noch kurz bei der Immunität bleiben. Kann man den die Durchseuchung in Ischgl mit der Durchimpfung Österreichs vergleichen. Bei der Impfung werden ja vielleicht andere Gruppen geimpft, als jene, die in Ischgl krank sind. Also die Jungen, sehr mobilen werden im Herbst noch nicht geimpft sein.

Das könnte natürlich einen Unterschied machen. Aber die Fälle werden weniger schwer verlaufen, wenn die Älteren geimpft sind.

Studien zeigen, dass eine Impfdosis für Menschen, die bereits die Erkrankung durchgemacht haben, zunächst reichen würde. Wären Sie dafür, dass man diesen Menschen fix nur eine Dosis?

Das wäre sinnvoll.

Aber das steht noch nicht so als fixe Vorgabe im Impfplan? Es ist nur eine Empfehlung.

Ich denke, weil es logistisch zu aufwendig ist. Weil man sonst bei jedem vorher einen Antikörpertest machen müsste. Aber wenn jemand den Nachweis hat, sollte man das tun. Auch weil man davon ausgehen kann, dass eine zweite Impfdosis, die dann eine dritte Bekanntmachung des Körpers mit dem Virus wäre, zu stärkeren Impfreaktionen führt. Es gibt aber noch keine größeren Studien dazu.

In Brasilien, in Manaus, ging man von einer 70prozentigen Herdenimmunität aus. Nun hat man durch die brasilianische Mutante wieder eine Infektionswelle. Ist das der worst case, sollte bei uns im Herbst die Südafrika-Variante durchrauschen?

Genau das ist es, wovor ich gewarnt habe.

Wobei die Situation außerhalb Tirols  unter Kontrolle scheint. Es gibt einzelne Fälle, aber die kommen aus dem Ausland.

Oberhand wird die Mutante erst gewinnen, wenn viele geimpft sind und nur mehr dieses Virus Menschen infizieren kann. Deshalb müssen wir es eindämmen, bis der Impfstoff an die Variante – oder: an die Varianten – angepasst ist. Denn es ist auch zu erwarten, dass die brasilianische Variante uns irgendwann erreicht. Gelingt das nicht, geht alles wieder von vorne los: Infektionswelle, Lockdown.

Sind Sie denn zufrieden, wie die Causa Tirol ausgegangen ist? Reichen die verpflichtenden Tests bei der Ausreise?

Es ist natürlich deutlich zu spät passiert. Vor allem für Tirol. Die Südafrika-Variante hat sich praktisch über ganz Tirol ausgebreitet. Man hätte nach dem ersten Fall sofort den Bezirk abriegeln müssen. Zehn Tage bevor ich öffentlich vorgeschlagen habe, Tirol zu isolieren, habe ich intern vorgeschlagen, das Zillertal zu isolieren. Ich bin  nicht durchgedrungen. Zuletzt wurde energisch reagiert, aber um die Variante auszulöschen, war es zu spät. Wir werden in Tirol weiter aufpassen und die Extrameile gehen müssen.

Wie läuft denn derzeit die Überwachung der Mutanten? Wird da genug gemacht?

Ich muss sagen, dass innerhalb in kürzester Zeit, also binnen eines Monats, bundesweit ein enorm effizientes System zur Testung der Varianten aufgebaut wurde. In Tirol wird jeder positive Fall sequenziert und ich glaube, es ist nur eine Frage der Zeit, bis in ganz Österreich jeder positive Fall zuerst mit einer Varianten-PCR vorgetestet und dann sequenziert wird. Darüber hinaus werden auch positive Fälle, die keine Variante aufweisen, sequenziert, um die Entwicklung des Virus zu beobachten und mögliche Mutationen, die in Österreich entstehen, zu entdecken

Sie haben kritisiert, dass zu Beginn in Tirol selbst wenig sequenziert wurde, obwohl das Institut für Virologie der Medizinischen Universität Innsbruck dies anbietet. Warum wurde das zunächst nicht angenommen?

Das müssen sie die Landessanitätsdirektion fragen. Wir haben sogar angeboten, dass wir es im Februar umsonst machen.

Warum hat Tirol zunächst nur jene Fälle gezählt, die mit einer Vollgenomsequenzierung bestätigt wurden? Darum sprach der Tiroler Wirtschaftskammerchef zu Beginn nur von acht Fällen.

Ich weiß nicht, wie die Tiroler Landesregierung an ihre Zahlen gekommen ist. Ich habe diese täglich mit unseren verglichen und die stimmten nicht überein.

Sie haben Tiroler Subtypen der südafrikanischen Variante entdeckt. Wissen Sie, ob diese relevante Eigenschaften haben?

Das scheint nicht so zu sein. Offenbar ist es so, dass wir eine seltene Sub-Variante aus Südafrika erwischt haben. In den Untersuchungen scheint sich auch zu bestätigen, dass es ein einziger Fall war, der die Mutante eingetragen hat, offenbar ein Niederösterreicher, der bei einem Freund im Zillertal war.

Manche fordern, dass man in Tirol nicht mit AstraZeneca, sondern mit BioNTech und Moderna impft, weil die besser gegen die Südafrika-Mutante wirken. Sie auch?

Es gibt keine klinischen Studien, dass BioNTech und Moderna besser wirken, aber zumindest weiß man, dass AstraZeneca lausig wirkt. Es verhindert zwar schwere Verläufe, aber gerade für das Ärzte-und Pflegepersonal, die möglichst gar nicht infiziert werden sollen, damit sie das Virus nicht an Patienten weitergeben, ist der AstraZeneca-Impfstoff schlecht. Insofern wäre es sinnvoll, in Tirol die mRNA-Impfstoffe zu verimpfen, weil es hier die Chance gibt, dass sie besser wirken.

Gilt das für alle Tiroler oder nur fürs Gesundheitspersonal?

Tatsächlich könnte man darüber streiten, ob man nicht doch in den Altenheime mit AstraZeneca impft, weil es hier vor allem darum geht, schwere Verläufe zu verhindern, also um den persönlichen Schutz. Dass dagegen bei mir am Labor Mitarbeiter, die die Südafrika-Variante züchten, mit AstraZeneca geimpft werden sollen, ist suboptimal.

Wurden Sie nach Ihrer öffentlichen Warnung in Tirol angefeindet?

Die Anfeindungs-Emails hat meine Sekretärin freundlicher Weise alle gelöscht. Ich habe gesagt, was zu sagen war. Ich will mich – Gott bewahre – nicht langfristig in die Politik einmischen, aber da war ein Moment, wo ich gesehen habe, dass in der Politik offenbar etwas nicht richtig verstanden wurde und ich auch kein Gehör bei der Sanitätsdirektion fand. Und auch Herr Anschober ist da ja nicht weitergekommen.  Da dachte ich, dann muss sich eben jetzt  jemand unbeliebt machen, und das war dann ich. Das ist auch die Funktion einer unabhängigen Wissenschaftlerin an der Universität.

Der Infektiologe Günter Weiss, der auch der MedUni Innsbruck ist, hat Ihnen heftig widersprochen. Haben Sie das ausdiskutiert?

Wir reden wenig über Corona. Ich mache das eher mit Virologen von außerhalb, in Wien oder auch mit Florian Krammer in den USA. Wir arbeiten auch nicht direkt nebeneinander. Günther Weiss ist vor allem Chefarzt an der Landesklinik und steht dadurch dem Land auch deutlich näher als ich als deutsche Frau an der Uni es tue.

Apropos Deutschland: Verstehen Sie die strengen Maßnahmen Deutschlands an der Grenze?

Ja. Nachdem ich Ähnliches selbst vorgeschlagen habe, werde ich das jetzt nicht völlig verkehrt finden, Generell sehe ich aber das Experiment, das wir in Österreich wagen, positiv, nämlich dass wir – anders als Deutschland – es wagen, dass man mit dem regelmäßigen Testen eines Großteils der Bevölkerung ohne Lockdown durchkommt. Ich denke, damit könnte Österreich ein Vorbild für andere Länder werden.

Wenn Sie auf ein Jahr Covid zurückschauen: Was war der größte Fehler?

Dass uns das Virus vor sich hertreibt. Das ist auch in Deutschland so. Man hat sich nie vorher überlegt, was kommt, sondern hat sich überraschen lassen: Ah, die zweite Welle. Ah, eine neue Variante. Aber ich glaube, dass sich das jetzt bessert.

Heißt das, wir müssten jetzt über die nächste Welle reden?

Die Zahlen steigen und Herr Kurz hat ja klar gesagt, dass das Experiment mit den Testungen abgebrochen wird, wenn es nicht funktioniert. Es hängt von der Testbereitschaft der Leute ab, ob wir in den Lockdown müssen. Aber die Menschen sind auch müde: Ich habe zuletzt in Tirol und Wien mit Taxifahrern gesprochen, die mir gesagt haben, dass ihre Hauptarbeitszeit zwischen ein und vier Uhr morgens ist, wenn sie Betrunkene von Partys nach Hause fahren.

ZuR PERSON

Dorothee von Laer. Die gebürtige Hamburgerin ist seit 2010 Professorin am Lehrstuhl für Virologie der Medizinischen Universität Innsbruck.

 

Eine Langversion des Interviews finden Sie auf: www.diepresse.com/coronavirus

Kommissionsleiter Ulrich Herzog.
Die Ampelkommission

Warum die Ampel keine Bezirke mehr schaltet

Auch die Sozialpartner könnten künftig in der Kommission sitzen.

Ihr Image litt an fehlgeleiteten Erwartungen. Die Corona-Ampel verwirrte, weil auf die Schaltungen nicht automatisch Maßnahmen folgten. Tatsächlich war das zuerst so angedacht, so der Leiter der Corona-Kommission, Ulrich Herzog. Rückblickend sei es aber gut, dass Risikoeinschätzung und Maßnahmen getrennt wurden: „Ein starres System nimmt viel Spielraum.“ Verwirrt hätten die regional diversen Maßnahmen. Die Ampel schaltet nur mehr länderweise, nicht jeden Bezirk. „Die Kleinräumigkeit war nicht zielführend.“ Auf Bezirksebene änderten sich die Zahlen zu schnell, die Mutanten hätten die Lage verkompliziert. Deren Risiko wird „qualitativ“, also erst in der Debatte der Kommission, bewertet. Die wachsen könnte: Es werde überlegt, Bezirkshauptleute und Sozialpartner dazuzuholen. (uw)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.02.2021)

Die Kulturmanagerin

„Ein grenzenloses Glücksgefühl!“

Froh, dass die Salzburger Festspiele 2020 stattfinden konnten, ist Helga Rabl-Stadler. Einsam war und ist sie nicht. Vermisst habe sie, ihre Söhne zu herzen.

Es sei „eine sehr schwere, aber auch eine sehr schöne Zeit gewesen“, sagt Helga Rabl-Stadler, Präsidentin der Salzburger Festspiele, über das Coronajahr. Ein „grenzenloses Glücksgefühl“ habe sie durchströmt, als klar war, dass die Festspiele 2020 stattfinden können, was auch heuer der Fall sein werde, ist Rabl überzeugt. Der Kartenverkauf laufe „hervorragend“, aus Deutschland, der Schweiz, Norditalien und Österreich gebe es viele Bestellungen, zurückhaltend seien allerdings Kunden aus Übersee.

„Wir haben ein Präventionskonzept, das Festspiele möglich macht mit 76.000 Besuchern und 3000 Mitarbeitern ohne einen einzigen positiven Test“, betont Rabl. Wie es weitergehe, werde von der Wirtschaftslage abhängen, meint die Präsidentin. Die Festspiele brauchen Subventionen, Sponsoren („Alle sind uns treu geblieben!“) und das Publikum: „Fast die Hälfte unserer Einnahmen kommen aus dem Kartenverkauf!“ Dass sie 2020 als Mutmacherin gefeiert worden sei, will Rabl etwas relativiert sehen: „Wir haben hoch motivierte Mitarbeiter. Wir sind ein starkes Trio mit Markus Hinterhäuser an der Spitze, der ein wunderbares Programm gemacht hat. Und mit dem kaufmännischen Direktor der Festspiele, Lukas Crepaz, der ein großartiges Präventionskonzept erarbeitet hat. Also: Wir sind gut aufgestellt.“

„Wahnsinnig“ macht Rabl der Spruch „die Krise als Chance“: „Die Energiekrise oder die Finanzkrise wären eine Chance gewesen, einen ruinösen Wirtschaftsstil zu ändern. Aber doch nicht eine Pandemie!“ Auch der Satz „Die Hoffnung stirbt zuletzt“ ärgert die Präsidentin: „Kardinal Schönborn hat mir gesagt: ,Die Hoffnung stirbt nie. Das ist das Wesen der Hoffnung.‘ Hoffnung ist mehr als Optimismus. Denn Hoffnung will verändern. Ich bin eine Hoffende.“

Hätten die Politiker Kulturinstitutionen früher öffnen müssen? „Man hätte mehr Vertrauen in uns haben können“, meint Rabl: „Es ist evident, dass die Wiener Staatsoper, das Konzerthaus oder der Musikverein mit ihren hohen Räumlichkeiten und ihren exzellenten Lüftungsanlagen weniger anfällig für Infektionen sind als niedrige Räume im Handel und in der Gastronomie. Aber jetzt müssen wir nach vorn schauen: Ich bin glücklich, dass die Museen offen sind. Wir bei den Salzburger Festspielen haben uns bereits 2020 bewusst mehr auferlegt, als die Behörden verlangt haben. Zum Beispiel haben wir keine Pausen gemacht, weil wir nicht wussten, ob wir dann die Besucherströme gut aneinander vorbei bringen.“ Sie trage schon seit April 2020 eine Maske: „Seit Weihnachten haben wir die FFP2-Masken. Meine Sekretärinnen sind nur abwechselnd hier, und immer mit Maske. Wir haben das Virus sehr ernst genommen.“

 

Bundespräsidentin? „Nein!“

Wie ist es Rabl 2020 persönlich ergangen? „Ich bin gewöhnt, allein zu leben“, sagt sie: „Ich war und bin nie mutlos. In einer Hinsicht allerdings geht es mir wie vielen: Der körperliche Kontakt geht mir ab. Ich habe seit März 2020 meine Söhne nicht mehr umarmt.“ Aber Rabl ist doch immer von Leuten umgeben, Bussi-Bussi-Gesellschaft inklusive. Sie lacht: „Das brauche ich nicht. Ich habe das Glück, ein schönes Freundesnetz zu haben. Jetzt konnte ich immer nur ein Ehepaar treffen statt wie früher sechs oder acht Leute. Das fehlt mir auch.“

Die Kulturinstitutionen brauchen jetzt Unterstützung, fordert Rabl: „Dem Publikum wird suggeriert, die Kulturstätten seien die großen Gefährder. Das ist unfair und falsch. Vom renommierten Fraunhofer-Institut bis zu unseren eigenen Erfahrungen steht fest, wenn ich mit einer FFP2-Maske auf meinem Platz sitze und die Lüftung funktioniert, kann ich mich weniger leicht anstecken als im Supermarkt.“

Seit 1995 ist Rabl Festspielpräsidentin. Heuer endet ihr Vertrag. Es gibt immer wieder das Gerücht, dass sie Bundespräsidentin werden könnte. Rabl winkt ab: „Ich strebe kein öffentliches Amt mehr an. Ich bin ein Kind des Glücks, dass ich so lang die Salzburger Festspiele mitgestalten durfte. Jetzt ist Schluss. Ich habe keine Sorgen, wie ich mich beschäftigen werde: Ich find mir was!“

Zur PERSON

Helga Rabl-Stadler. Die gebürtige Salzburgerin studierte Jus und Politikwissenschaften. Sie war VP-Nationalratsabgeordnete, Präsidentin der Salzburger Wirtschaftskammer und Stellvertreterin des ÖVP-Bundesparteiobmannes. 1995 wurde sie Präsidentin der Salzburger Festspiele. Sie war mit Peter Rabl („Kurier“) verheiratet und hat zwei Söhne.

Peter Friese betreibt das Schwarze Kameel.
Der Gastronom

„Ich würde mir mehr Ehrlichkeit von der Politik wünschen“

Für Peter Friese gibt es nur zwei Möglichkeiten: reintesten oder ehrlich sagen, dass die Gastro erst wieder 2022 aufsperren darf.

Peter Friese beschreibt sich selbst als optimistischen Menschen. Der Optimismus ist ihm derzeit aber ein bisschen abhandengekommen. Immerhin ist er als Betreiber des Schwarzen Kameels in der Wiener Innenstadt, so wie alle seine Kollegen in der Gastronomie, schwer von der aktuellen Situation getroffen. „Wissen Sie, ich habe mein ganzes Leben gearbeitet, da war kein Platz für so viel Freizeit. Jetzt ist es aber bald so, dass ich komplett aus der Arbeit draußen bin. Diese Zwangssperre ist den Leuten zu viel, auch mir ist es zu viel, auch wenn ich eigentlich alles positiv sehen will“, sagt er.

Natürlich bietet auch er Take-away an, von Palatschinken über Austern bis zur Schnitzelsemmel. Aber das sei nicht vergleichbar und lediglich ein Service für die Gäste – und eine Möglichkeit, die insgesamt 180 Mitarbeiter, die derzeit in Kurzarbeit sind, zu beschäftigen.

Friese hat kein Verständnis dafür, warum die Gastronomie nicht aufsperren darf, der Friseur allerdings schon. Wobei es ihm dabei nicht nur um wirtschaftliche Aspekte geht. „Das Einzige, was wir haben, ist das Testen. Der Friseur hat es geschafft, dass jetzt so viele Menschen testen gehen, auch die, die sonst nicht gegangen wären. Ich verstehe nicht, warum man die Chance liegen lässt, die Gastronomie unter ähnlichen Auflagen zu öffnen, dann würden sich noch viel mehr testen lassen“, sagt Friese. Er ist überzeugt davon, dass auch unter der Bedingung von maximal 24 Stunden alten Tests sehr viele Menschen dieses Angebot annehmen würden. Und: „Das darf ruhig etwas kosten, es muss nicht immer alles umsonst sein, das kratzt ja an der Würde der Menschen. Die Leute leisten sich ja auch ein Glas Bier, da wird man fürs Testen auch etwas zahlen.“

 

Es fehle ein Konzept

Für Friese gibt es nur diese eine Möglichkeit. „Sonst soll man ehrlich sein und sagen, dass wir erst 2022 aufsperren dürfen.“ Dann könne man die Zeit dafür nutzen, die Leute zu schulen oder etwaige Sanierungsarbeiten vorzunehmen. „Ich würde mir generell mehr Ehrlichkeit von der Politik wünschen“, so Friese. Denn bis zur Durchimpfung der vulnerablen Gruppe ab 65, daure es sicher noch bis Ende des Jahres. „Oder vielleicht ist es der November, aber wenn das bei dem Tempo so weitergeht, dann können wir erst 2022 zu einem halbwegs normalen Leben zurückkehren.“

Besonders schlimm ist für ihn „dieses ewige Hinauszögern, am 2. November hat es geheißen, wir sperren im Dezember auf, im Dezember, dass wir im Jänner aufsperren. Aber es haben ja alle gewusst, dass bis dahin noch kaum jemand geimpft ist“. Auch seine Kollegen würden ein Konzept, einen Plan vermissen. „Es lässt sich ja berechnen, welche Möglichkeiten man hat. Und dass die Zahlen nicht zurückgehen, da braucht sich niemand wundern. Die Leute sind schon sehr satt von der ganzen Geschichte.“

Die Club-Aktivistin

„So schnell wird man Betreiber von Clubs nicht los“

Martina Brunner von der Vienna Club Commission hofft auf Sommer 2021.

Wann sie das letzte Mal in einem Club getanzt hat, weiß selbst Martina Brunner nicht mehr genau. Dabei hätte 2020 das Jahr werden sollen, in dem die Stadt Wien die Clubszene stärkt: Brunner ist Teil der Vienna Club Commission, einer Servicestelle für Clubs, die im Jänner 2020 als Pilotprojekt ins Leben gerufen wurde. Zwei Monate später mussten die Clubs bereits zusperren.

Die meisten haben seither nicht mehr aufgesperrt. „2020 war für die Clubs wohl das dramatischste Jahr seit ihrer Öffnung“, sagt Brunner. Die Aktivistin der Initiative N8BM, die sich für einen Nachtbürgermeister einsetzt, kann dem Vorjahr aber auch etwas Positives abgewinnen: „Kunst und Kultur haben eine starke öffentliche Wertschätzung erhalten. Das hat auch dazu geführt, dass die Clubkultur positiver gesehen wird.“

Noch greifen die wirtschaftlichen Hilfen, langfristig sehen aber einige schwarz für die Szene. Brunner ist optimistisch: „Clubbetreiber sind Lebenskünstler, die wird man so schnell nicht los. Und ich bin sicher, dass der Nachhol-Hedonismus kommt, wenn die Türen wieder offen sind.“ Derzeit wird an Konzepten gearbeitet, die den Clubbesuch trotz Corona ermöglichen sollen. Die größte Hoffnung ist der Sommer: „Wir gehen davon aus, dass wie im Vorjahr auch im Sommer 2021 Open Air möglich ist.“

Durch Corona wurde die Club Commission, ursprünglich auf ein Jahr angesetzt, übrigens verlängert. Wahrscheinlich ist sie 2021 nötiger als je zuvor. (wal)