Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Schnellauswahl
Wort der Woche

Woher kommen wir?

Forscher konnten nun einen Blick in die Welt werfen, in der unsere Urvorfahren entstanden sind. Das bringt uns einer Antwort auf die alte Frage, woher wir kommen, ein bisschen näher.

Das Experiment, das Stanley Miller 1953 als Doktoratsstudent gemeinsam mit Harold Urey durchführte, revolutionierte das Bild der Wissenschaft von der Welt, v. a. von der Entstehung des Lebens: Die Forscher schickten Blitze durch eine Mischung aus Gasen, die mutmaßlich auf der frühen Erde vorkamen, und dabei bildeten sich organische Moleküle wie etwa Aminosäuren, Harnstoff oder Milchsäure. Damit war bewiesen, dass jene Moleküle, die für Lebensprozesse essenziell sind, auf völlig natürliche Weise aus anorganischen Substanzen entstehen können – ohne dass man beim Übergang zur organischen Welt überirdische Phänomene, eine Art „Lebenskraft“ oder göttliches Wirken annehmen muss.

Irgendwann vor 3,5 bis vier Mrd. Jahren formierten sich aus diesen Bausteinen Zellen, die einen Stoffwechsel besitzen und sich fortpflanzen können. So entstand der Urvorfahr aller heutigen Lebensformen auf der Erde, der Luca (Last Universal Common Ancestor) genannt wird; die Rekonstruktion dieses Organismus zählt derzeit zu den spannendsten Forschungsthemen überhaupt. So meinen Wissenschaftler z. B., dass 355 Gene bzw. Protein-Cluster zur notwendigen Grundausstattung allen Lebens zählen.

Wie die „Urzellen“ wirklich aussahen, ist freilich Spekulation. Denn durch Funde nachweisbar sind sie nicht. Die ältesten Fossilien von Mehrzellern (Gabonionta) sind rund 2,1 Mrd. Jahre alt, ebenso rätselhafte Spuren von wurmartigen Organismen. Noch ältere Relikte von Lebensvorgängen sind Stromatolithen (schichtförmig abgelagerter Kalk) und Bändereisenerze – diese zeigen allerdings nur die geologisch konservierten Folgen des Stoffwechsels von hypothetischen Organismen.

Viel unmittelbarer sind die Funde, mit denen deutsche Forscher um Helge Mißbach (Uni Göttingen bzw. Köln) nun aufhorchen ließen: Eingeschlossen in 3,5 Mrd. Jahre alte Baryt-Kristalle aus Westaustralien fanden sie Flüssigkeitströpfchen, die eine ungeahnte Fülle und Vielfalt an organischen Molekülen enthalten, etwa Ethanol, Essigsäure, Propanal, Benzaldehyd oder Styrol (Nature Communications, 17.2.). Ob diese Moleküle tatsächlich als Substrate oder gar als Stoffwechselprodukte von frühen Lebensformen angesehen werden können, ist unklar.

Das tut der Faszination aber keinen Abbruch: Die Funde erlauben einen einzigartigen Blick in die Welt, in der unsere Urvorfahren entstanden sind.

Der Autor leitete das Forschungsressort der „Presse“ und ist Wissenschaftskommunikator am AIT.

meinung@diepresse.com

www.diepresse.com/wortderwoche

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.02.2021)