Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Schnellauswahl
Mein Montag

Wie ein Anglizismus das Sportinterview veränderte

Realisieren, der Prozess der langsamen Bewusstmachung.
Realisieren, der Prozess der langsamen Bewusstmachung.REUTERS
  • Drucken
  • Kommentieren

Realisieren bedeutete früher, etwas umzusetzen. Heute ist etwas ganz anderes daraus geworden.

Zugegeben, Live-Interviews mit Sportlern sind oft keine investigativen Glanzleistungen. („Wie fühlen Sie sich?“) Und nur selten kommt es vor, dass Athleten ihr Missfallen bezüglich der Fragestellung offen zur Sprache bringen. („Des is die nächste depperte Frog!“, Fußballer Günther Neukirchner 2005 nach einem 0:4 auf die Frage: „Haben Sie nicht Angst gehabt vor einer noch höheren Niederlage?“) Da flüchtet man sich als Sportler lieber in Phrasen, die ähnlich wenig Aussagekraft haben wie die Frage. „Wie sehr würden Sie sich freuen, wenn es wirklich Gold wird?“, wurde etwa der Führende der Herren-Abfahrt bei der Ski-WM während des Rennens gefragt. „Ich kann das noch gar nicht realisieren.“ Anstatt aber nun eine Philippika gegen banale Dialoge bei Sportübertragungen zu halten, zerlegen wir doch lieber das eine Wort, das Sportler bei Interviews gern aus dem sprachlichen Baukasten holen: realisieren.

Es gab eine Zeit, in der klar war, dass der Sportler, der mit einer Medaille behängt auf dem Stockerl stand, schon etwas realisiert hatte. Denn die ursprüngliche Bedeutung des vom französischen réaliser entlehnten Begriffs war, dass man etwas verwirklicht, in die Tat umgesetzt hat. Im Fall von größeren sportlichen Ereignissen mag auch die zweite Bedeutung zutreffen, dass man nämlich etwas zu Geld macht. Doch dann passierte das, was wir in der Sprache so häufig erleben – im Englischen gibt es einen ähnlichen Begriff. Allein, „to realize“ hat die Bedeutung, sich einer Sache bewusst zu werden. Und weil wohl mehrere englischsprachige Sportler beim Interview diesen Prozess der langsamen Bewusstmachung zur Sprache brachten, kam dieser falsche Freund bei uns an. Mit dem Effekt, dass jetzt auch deutschsprachige Sportler ihre Sprachlosigkeit in einen Moment des Realisierenmüssens verpacken.

Aber macht dieser Anglizismus nun Sinn? (Hehe!) Gute Frage, das muss ich erst einmal realisieren . . .

E-Mails an: erich.kocina@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.02.2021)