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Filmpreis

Golden Globes: Diesmal tat der Spott weh

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Jubel vor der Webcam: Bei den 78. Golden Globes wurde Emma Corrin für ihre Darstellung der Lady Diana in der Serie „The Crown“ ausgezeichnet.APA/AFP/NBCUniversal/CHRISTOPHER
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Dass die Stars bei der Golden-Globes-Gala die Jury verhöhnen, gehört zur Tradition. Heuer wiegen die Vorwürfe schwerer: Kein einziges Jury-Mitglied ist schwarz. Die Organisation gelobt Besserung.

Man beißt nicht die Hand, die einen füttert – das weiß man auch in Hollywood. Aber zärtlich an ihr knabbern darf man schon. Es gehört zu den liebgewonnenen Traditionen der US-Filmbranche, dass die jährliche Golden-Globes-Verleihung genutzt wird, um den Verband, der sie ausrichtet, ausgelassen zu verspotten. Was durfte sich die Hollywood Foreign Press Association (HFPA), der Verband der Hollywood-Auslandspresse, schon anhören! Der oftmalige Gala-Moderator Ricky Gervais bezeichnete die Mitglieder des Verbands einmal als „nette, alte, verwirrte Journalisten, die dir persönlich ein Stück Metall geben wollen, damit sie ein Selfie mit dir machen können.“

„Schauen wir mal, wen diese europäischen Weirdos heuer nominiert haben“, sagte am Sonntagabend die Komikerin Tina Fey, die gemeinsam mit Amy Poehler die heurige Ausgabe moderierte. Man spreche bei diesem Verband stets von ungefähr 90 Mitgliedern, „denn ein paar von ihnen könnten Gespenster sein. Und es geht das Gerücht um, dass das deutsche Mitglied eigentlich ein Würstchen ist, auf das jemand ein Gesicht gemalt hat.“

February 28, 2021, USA: Pictured in this screen grab: (l-r) Hosts, TINA FEY and AMY POEHLER at the 78th Annual Golden G
Mit Kameratricks vereint: Die Moderatorinnen Tina Fey und Amy Poehler.imago images/ZUMA Press

Solche Spitzen gegen die Organisation, die seit 1944 die Golden Globes verleiht, wären eigentlich nichts Besonderes. Die Wahl ihrer Nominierungen gilt seit Langem als eigenwillig bis absurd, ihre Aufnahmepolitik als verhabert und intransparent, ihre Mitglieder gelten als Promi-narrisch, weltfremd und ein bisserl korrupt: Regelmäßig wird berichtet, dass mancher Nominierung Geschenke und exklusive Einladungen des jeweiligen Studios vorangegangen sind.

Im Vorfeld der heurigen Gala wurden die alten Vorwürfe allerdings in besonderer Deutlichkeit laut – durch die Klage einer norwegischen Journalistin und eine Recherche der „Los Angeles Times“, die einige ethische und finanzielle Ungereimtheiten nahelegt. Und eine weitere Schwachstelle offenbarte: Der Verband hat kein einziges schwarzes Mitglied.

Fünf Katzen in der Jury

Die Entrüstung darüber war schon vor der Gala groß. Moderatorin Fey (die die witzigeren Sätze an diesem Abend lieferte) kommentierte die mangelnde Diversität erst noch in der üblichen Schmäh-Manier. Der Pixar-Film „Soul“, der als bester Animationsfilm prämiert wurde, handle von einem schwarzen Mann, der sich in eine Katze verwandelt – „die HFPA fühlte sich davon wirklich angesprochen, weil unter ihren Mitgliedern fünf Katzen sind.“ Schon bald richtete sie dem Verband aber ernste Worte aus: „Inklusion ist wichtig.“ Keine schwarzen Mitglieder? „Das müsst ihr ändern.“ Die HFPA gelobte in einer Ansprache Besserung und kündigte einen „Aktionsplan“ an, um Mitglieder aus unterrepräsentierten Gruppen aufzunehmen.

Zu den Preisen

Die Golden Globe Awards werden seit 1944 von den 87 Mitgliedern der Hollywood Foreign Press Association verliehen, internationalen Journalisten, die in Hollywood arbeiten. Der Verband steht seit Längerem wegen angeblicher Beeinflussbarkeit in der Kritik, heuer kam der Vorwurf mangelnder Diversität dazu: Kein einziges Mitglied ist schwarz.

Die 78. Verleihung fand zum Teil als virtuelle Gala statt. Die Stars waren aus ihren Wohnzimmern zugeschaltet. Tina Fey und Amy Poehler moderierten getrennt in New York und L. A. - mit technischen Tricks wurde in der Übertragung der Eindruck vermittelt, sie stünden auf derselben Bühne.

Der Cecil B. deMille Award fürs Lebenswerk ging heuer an Jane Fonda.

Mehr Konfrontation wurde nicht gewagt bei dieser Verleihung. Die Golden Globes mögen belächelt und kritisiert werden – einflussreich ist die Gala, für deren Übertragung der Sender NBC 60 Millionen Dollar auf den Tisch legt, halt doch. Nicht zuletzt, weil traditionell – und auch heuer – kurz nach den Golden Globes die Nominierungsphase für die Oscars beginnt. Da ist die Aufmerksamkeit, die die stets launige Gala bringt, viel wert.

Diesmal kommt sie mitunter recht unscheinbaren Filmen zuteil. Unter den Preisträgern sind Produktionen wie „The Mauritanian“ (beste Nebendarstellerin: Jodie Foster) oder „Judas and the Black Messiah“ (bester Nebendarsteller: Daniel Kaluuya). Beide harren hierzulande noch ihrer Kinostarts – wie der große Siegerfilm des Abends, „Nomadland“, der als bestes Drama ausgezeichnet wurde und der Regisseurin Chloé Zhao den Regiepreis brachte (siehe Artikel rechts). Das Drama soll in Österreich (zumindest nach derzeitigem Plan des Verleihs Disney) am 8. April auf die Leinwände kommen.

Darüber hinaus ist es keine Überraschung, dass nach einem Jahr der Kinoschließungen die Streamingdienste groß abräumten. Sacha Baron Cohen gewann für seine „Borat“-Fortsetzung, die auf Amazon erschien, den Preis für die beste Komödie und wurde als bester Komödien-Schauspieler ausgezeichnet. Bester Drama-Darsteller wurde posthum Chadwick Boseman („Ma Rainey's Black Bottom“, Netflix). Hauptdarstellerpreise gingen auch an die Soulsängerin Andra Day (für die Filmbiografie „The United States vs. Billie Holiday“, in Übersee auf Hulu zu sehen) und Rosamund Pike (sie spielt eine eiskalte Sachwalterin in „I Care a Lot“, Netflix).

Rosamund Pike accepts the Best Actress - Motion Picture - Musical/Comedy award for 'I Care a Lot' in this handout photo from the 78th Annual Golden Globe Awards in New York
Rosamund Pike (angekündigt von Ben Stiller) gewann den Preis für die beste Komödien-Darstellerin.via Reuters

Vier Preise gingen an die Royals-Serie „The Crown“ bzw. an die Darsteller von Lady Diana (Emma Corrin), Prince Charles (Josh O'Connor) und Margaret Thatcher (Gillian Anderson). Zwei Preise holte „The Queen's Gambit“ mit Anya Taylor-Joy als junges Schachgenie (beide Netflix).

Somit blieben große Sensationen – die erst 12-jährige Deutsche Helena Zengel war als Schauspielerin nominiert gewesen – genauso aus wie grobe Peinlichkeiten: Das umstrittene Regiedebüt von Popstar Sia, „Music“, ging ebenso leer aus wie die von der Kritik als seicht und klischeehaft verrissene Serie „Emily in Paris“, deren Nominierung die Korruptionsvorwürfe heuer befeuert hatte.

Relativ unzufrieden dürfte auch die Klatschpresse sein: Der rote Teppich wurde gar nicht erst ausgerollt, die Stars zeigten ihre Roben vor der Webcam. Fey und Poehler hielten ihre Doppelconférence getrennt in New York und Los Angeles ab – vor systemrelevanten Arbeitern, die mit Maske und viel Abstand im Saal sitzen durften –„damit die Celebrities sicher daheim sein können“.


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.03.2021)