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Klimek: "Virus mit unvorhersehbaren Schritten verwirren?"

Peter Klimek vom Complexity Science Hub Vienna (CSH) stellt die Öffnungsstrategie infrage.
Peter Klimek vom Complexity Science Hub Vienna (CSH) stellt die Öffnungsstrategie infrage.(c) Reuters
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Komplexitätsforscher Peter Klimek stellt die türkis-grüne Öffnungsstrategie infrage. Denn: "Die Zahlen steigen tatsächlich. Wir können diesen Anstieg nicht nur auf die Tests zurückführen."

In der aktuellen Situation im Angesicht insgesamt wieder steigender Covid-19-Fallzahlen und dem Durchmarsch der britischen Varianten (B.1.1.7) in Österreich seien die am Montagabend in Aussicht gestellten vorsichtigen Öffnungen sind nach Meinung des Komplexitätsforschers Peter Klimek "hochriskant". Die Zahlenanstiege seien nicht den vielen zuletzt durchgeführten Tests geschuldet, man sehe Anzeichen einer noch versteckten dritten Welle durch B.1.1.7.

Nachdem noch vor wenigen Wochen eine Sieben-Tages-Inzidenz von um die 50 quasi als Voraussetzung für Öffnungen angeführt wurde, und man nun auch bei sich anbahnenden Werten von um die 200 neuen Fällen pro Woche und 100.000 Einwohnern und Bundesland über Lockerungen nachdenkt, veranlasst den Wissenschafter zu einem gewissen Sarkasmus: "Anscheinend ist die Strategie, das Virus mit unvorhersehbaren Öffnungsschritten zu verwirren."

"Warum werden Information nicht so ernst genommen?"

Österreich habe es geschafft, "in den letzten Wochen und Monaten ein europaweit ziemlich erstklassiges Surveillance-Netzwerk aufzubauen, was die Varianten anbelangt", sagte der Forscher vom Complexity Science Hub Vienna (CSH) und der Medizinischen Universität Wien. Nun sehe man den starken Anstieg vor allem der britischen Variante mit ihrer höheren Ansteckungsrate in den vergangenen Wochen deutlich. So verortet der "Variantenbericht" der AGES den Anteil von B.1.1.7 und der südafrikanischen Variante (B.1.351) österreichweit bei knapp unter 60 Prozent (Stand: 26. Februar).

"Es ist aus meiner Sicht nicht nachvollziehbar, warum diese Information nicht so ernst genommen wird, wie sie es eigentlich verdienen würde", so Klimek. De facto habe man bereits so etwas wie eine dritte Welle durch das Umsichgreifen der neuen Variante, die das Infektionsgeschehen eindeutig übernehme.

Positiv sei, dass in den nächsten zwei Wochen die angekündigten Lockerungen im Jugend- und Schulsport sowie die großflächigeren Öffnungen in der "Pilotregion" Vorarlberg noch nicht kommen. Die bundesweiten Lockerungen für Schanigärten sind dann erst für Ende des Monats vorgesehen. Zumindest habe man jetzt noch etwas Zeit, um zu bewerten, "ob sich dieser Trend fortsetzt", so das Mitglied des "Covid-Prognosekonsortiums". Steigen dann die Zahlen stärker, müsse man auch den vorsichtigen Öffnungsplan hinterfragen.

Anstieg nicht nur auf Tests zurückführen

Sehr intensiv habe man zuletzt im Konsortium analysiert, ob die aktuellen Zuwächse der extrem gestiegenen Anzahl an Tests geschuldet sind. "Die Antwort ist ganz klar: Die Zahlen steigen tatsächlich. Wir können diesen Anstieg nicht nur auf die Tests zurückführen - zumindest, wenn man keine jenseitige Annahme für die Dunkelziffer macht." Angesichts der aktuellen Entwicklungen müsse man davon ausgehen, dass sich der Zuwachs weiter fortsetzt, "die Frage ist, wie schnell das geht", so der Forscher.

Bei den Intensivkapazitäten habe man zum Glück zur Zeit noch Luft. Wenn die Impfprogramme die Risikogruppen noch besser erreichen und der erhoffte positive Effekt durch die wärmeren Temperaturen dazu kommt, sollte auch die Pandemiekontrolle etwas leichter werden. Dann sollten auch Öffnungsschritte leichter zu setzen sein. Damit aber bereits Mitte März zu beginnen, "wenn all das noch nicht eingetreten ist", sei riskant. "Da ist eher der Wunsch Vater des Gedanken und nicht die epidemiologische Entwicklung", sagte Klimek.

Die Idee, Vorarlberg als Öffnungs-Testregion vorauszuschicken, betrachtet der Komplexitätsforscher ambivalent. Am Beispiel Tirol zeige sich, dass regionale Maßnahmen - in dem Fall Verschärfungen - etwas bringen. Jetzt plane man aber regionale Öffnungen, wo die Inzidenz niedriger ist. "Das stellt das Konzept halt auf den Kopf", so Klimek. Sehe man sich die Entwicklung der Varianten im westlichsten Bundesland an, zeige sich, dass der B.1.1.7-Anteil zwar auch dort ansteigt, aber mit Stand Ende Februar erst bei rund 33 Prozent lag. Wenn diese Entwicklung analog zu den östlichen Bundesländern hier zeitversetzt durchschlägt, sei auch im momentan mit niedriger Inzidenz gesegneten Vorarlberg in rund zwei Wochen mit Zunahmen zu rechnen.

(APA)