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Papst Franziskus im Irak

Vom Massenexodus der irakischen Christen

Erstkommunionsfeier chaldäischer Christen in Arbil, Nordirak - Bild von 2018, noch vor CoronaAPA/AFP/SAFIN HAMED
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Als Diktator Saddam Hussein 2003 gestürzt wurde, gab es 1,5 Millionen Christen im Irak. Heute dürften es noch etwa 400.000 sein. Vielfach sind sie gezielter Gewalt und Unterdrückung ausgesetzt.

Einige flohen bald nach dem Einmarsch der USA 2003, andere flüchteten in späteren Jahren vor religiösen Konflikten oder jihadistischen Angriffen: Die christliche Gemeinschaft im Irak wurde in den vergangenen zwei Jahrzehnten stark dezimiert, sowohl durch die „allgemeine" Gewalt im Land als auch durch gezielt gegen sie gerichtete Akte.

"Im Alter von 24 Jahren hatte ich bereits drei Kriege durchlebt und überlebt", sagt die irakische Christin Sally Fawsi, die der chaldäisch-katholischen Kirche angehört. Sie verließ ihr Land vor mehr als einem Jahrzehnt und lebt jetzt im US-Bundesstaat Texas. Andere Christen aus dem Irak flohen in die autonome kurdische Region im Norden des Landes, ins Nachbarland Jordanien, nach Europa oder Australien. Viele haben die Hoffnung auf eine Besserung der Lage in ihrer Heimat verloren, daran dürfte der Besuch des Papstes ab Freitag wenig ändern.

Die christliche Gemeinschaft in dem mehrheitlich moslemischen Land ist eine der ältesten und vielfältigsten der Welt und umfasst unter anderem chaldäische, assyrische, syrisch-orthodoxe und syrisch-katholische Christen sowie Protestanten. Als Machthaber Saddam Hussein 2003 gestürzt wurde, lebten rund 1,5 Millionen Christen im Irak. Heute bekennen sich Schätzungen zufolge noch etwa 400.000 Menschen im Irak (rund 40 Millionen Einwohner) zum Christentum.

Fluchtwelle wegen IS-Offensive

Die Ausbreitung der Jihadistenmiliz "Islamischer Staat" (IS) habe 2014 zu einem "gewaltigen Exodus" geführt, der bis heute anhalte, sagt der Sprecher des Zentralrats Orientalischer Christen in Deutschland, Simon Jacob. Die nach Deutschland geflüchteten Christen seien "mehr als glücklich, Sicherheit genießen zu können, ohne Angst vor Anschlägen oder Entführungen und als gleichgestellte Bürger leben zu können".

Der Neuanfang in Deutschland gestaltete sich aber oftmals schwierig. Auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise habe es Konflikte zwischen Christen und Muslimen in den Unterkünften gegeben, berichtet Jacob.

Nach Jahren des Blutvergießens trat der Irak nach dem militärischen Sieg über den IS in eine Phase relativer Ruhe ein. Heute zählt die marode Wirtschaft zu den Hauptgründen für die Emigration. "Christen versuchen genug Geld zu sparen, und sobald sie können, wandern sie aus", sagt der Pfarrer Yunan al-Farid aus Bagdad. Er zählt zu denen, die im Irak blieben, während sein Bruder nach Kanada und seine Schwester in die USA ausgewandert sind. Bagdads christliche Gemeinschaft, einst 750.000 Gläubige, ist inzwischen um 90 Prozent geschrumpft.

Rana Said hatte bis zuletzt versucht, zu bleiben. Ihre Tante und ihr Onkel waren 2007 von US-Soldaten erschossen worden, die nach einem Anschlag in Mosul (Mossul) das Feuer auf der Straße eröffneten. Im Jahr darauf flüchteten sie und ihr Mann Ammar al-Kass schließlich nach einer Reihe von Angriffen auf Christen in die Kurdenregion im Nordirak. Als sich dort nach einigen Jahren die Sicherheitslage verschlechterte, suchten sie schließlich 2013 in Australien Zuflucht. Ein Jahr später fiel die IS-Miliz in Mosul ein.

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Rana Said (Mitte) und ihr Mann Ammar Al-Kass, syrisch-orthodoxe Christen, flohen 2013 aus dem Irak nach Australien.APA/AFP/JASON O'BRIEN

Heute lebt die Familie mit drei Töchtern an der wunderschönen Gold Coast im nordöstlichen Bundesstaat Queensland. Es sei schwierig gewesen, die Ereignisse aus der Ferne mitzuerleben, erzählt Kass. Insbesondere die Zerstörung der Kirche der Jungfrau Maria in Mosul habe ihn geschmerzt. "Mein Vater hat dort geheiratet. Die Kirche wurde dem Erdboden gleichgemacht." Rana Said berichtet über Albträume, in denen IS-Kämpfer "meine Familie vergewaltigen und töten". Ihre drei Töchter haben die Heimat ihrer Eltern noch nie besucht.

Ein Mann des Friedens im Land der Kriegsfürsten

Die wirtschaftliche Misere, die schlechte Lebensqualität und der mangelnde Freiraum für Minderheiten - für den chaldäischen Christen Hawal Emmanuel ist die politische Klasse, die notorisch korrupt ist, an all dem schuld. Der Papst könne dagegen kaum etwas tun: "Er ist wie ein Engel, der in den Irak kommt, aber wie viele Dämonen wird er hier vorfinden? Ein Mann des Friedens besucht eine Gruppe von Kriegsfürsten. Wie sollte er sie ändern können?"

Emmanuel, dessen Tochter in dem Chor mitsingt, der den Papst bei seiner Ankunft im kurdischen Erbil empfangen soll, fügt mit einem bitteren Lächeln hinzu: "Wir erwarten den Papst, aber wir erwarten nicht viel von seinem Besuch."

(APA/AFP)