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Gastkommentar

Coronakrise: Aspekte des Unbehagens

Die Presse/Clemens Fabry
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Ist Lockdown um Lockdown wirklich die einzig mögliche Reaktion auf die Pandemie? Das Unbehagen nimmt zu.

Gastkommentare und Beiträge von externen Autoren müssen nicht der Meinung der Redaktion entsprechen.

In der Zeit von Lockdown zu Lockdown entwickelten sich verschiedene sogenannte Narrative und Framings in den Medien, in der Gesellschaft, die zunehmend Unbehagen auszulösen imstande waren und sind; Unbehagen aufgrund eines Mangels intellektueller Redlichkeit diese betreffend, Unbehagen aufgrund der Beobachtung, dass ein differenzierter Diskurs nicht mehr wirklich möglich ist und man entweder eines absoluten Solidaritätsmangels, der Schwurbelei oder überhaupt gleich des Rechtsextremismus' beschuldigt wird, wenn man von der Meinung abweicht, dass Lockdown um Lockdown die einzig mögliche Reaktion auf die Pandemie sei.

Wenn man nicht für den Lockdown ist oder sich nicht daran hält, ist man unsolidarisch und asozial

Während Lockdown Nr. 1 war diese These durchaus vertretbar. Man wusste kaum etwas über das Virus und die Länge des Lockdowns schien begrenzt. Einige Wochen ohne Sozialkontakte, das geht, einige Wochen ohne „richtige“ Schule, das geht. (Wobei auch hier zu sagen ist: Vielleicht hätten sich sämtliche westliche Länder nicht von Beginn an an China und dessen Reaktion orientieren sollen, da sie nicht zu unserer offenen und freien Gesellschaft passt.)
Im dritten Lockdown sah bzw. sieht es nun anders aus: Die psychischen Erkrankungen nehmen überhand, Geschäfts- und Lokalbesitzer verlieren ihre Existenzgrundlage, häusliche Gewalt nimmt zu, Kinder verwahrlosen, Jugendlichen werden prägende Erfahrungen verunmöglicht. Eine Umverteilung des Leides findet statt, vor allem zu den Jüngeren hin – wenngleich freilich auch ältere Personen zu vereinsamen drohen und sie ihre oft wenige verbleibende Zeit freudlos absitzen (sollen).

Langsam greift die Idee um sich, differenzierter abzuwägen; Leben wieder zu ermöglichen, um Grauen zu minimieren.

Wenn man nicht für den Lockdown ist, zeigt man seine Wissenschaftsfeindlichkeit

Langsam beginnt sich die Öffentlichkeit auch wieder daran zu erinnern, dass Wissenschaftlichkeit nicht darin besteht, auf EINE bestimmte Wissenschaft zu „hören“, sondern darin, viele und gleich relevante Wissenschaften miteinzubeziehen. Die Frage, was alles und vor allem auch wie lange etwas in Kauf genommen wird, um ein Virus einzudämmen, muss gestellt werden: Depressive Kinder? Dicke und bewegungsfaule Kinder mit Folgekrankheiten? Suizide von Jugendlichen? Vereinsamte alte Menschen? Vernichtete Existenzen? Eine massive Wirtschaftskrise? Kulturverlust? Eine Gewöhnung der Missachtung der Verfassung? Denunziantentum? Biedermeier und ein Frauenbild der 50er?

Wissenschaftlichkeit heißt auch nicht, dass man jeden Satz eines Wissenschaftlers absolut stellt; Wissenschaft ist ein Prozess, der auch mit Irrtümern und Interpretationen verbunden ist – aber freilich immer noch das beste Fundament für Entscheidungen darstellt, die allerdings Politikerinnen und Politiker treffen müssen.

Die Zeit der Philosophie, der Psychologie, der Soziologie, der Politologie scheint (wieder) angebrochen; Geistes- und Sozialwissenschaften sind dringend notwendig, um die derzeitige Überlast der Naturwissenschaften auszugleichen.
Letztere sind von unschätzbarem Wert, doch wie wir leben sollen und möchten: Das erfahren wir von ihnen nicht.

Wenn man ein Demonstrationsverbot schlecht findet, ist man rechts oder dumm

Die Dinge verkehren sich: Vor Angst bibbernd argumentieren nun auch Linke für ein Demonstrationsverbot – wer hätte das gedacht? Eine polemische Unterstellung: Diese Angst ist nicht (nur) einer allfälligen Zunahme von Infektionen geschuldet, sondern vor allem der größten jedes satten Bobo-Linken: in die rechte Ecke oder auch nur in die Nähe derselben gestellt zu werden. Das wertvolle Selbstbild darf nicht ins Wanken geraten, also kann man nicht mit Kickl einer Meinung sein – völlig unabhängig von den Inhalten.

Diese durchaus verständliche Angst vor Zuschreibungen aller Art (mit der auch die Verfasserin dieser Zeilen befasst ist), darf die Achtung vor Grundrechten nicht überwiegen.

Wenn Rechtsextreme auf einer Demo sind, macht man sich als „normaler“ Teilnehmer mit ihnen gemein

Auch bei diesem Argumentationsstrang werden Inhalte marginalisiert; es geht nicht um Inhalte, um die allfällige Legitimität von diversen Anliegen, sondern um das Diskreditieren aller Teilnehmerinnen und Teilnehmer an Demonstrationen gegen Regierungsmaßnahmen, indem man darauf hinweist, dass daran auch Rechtsextreme teilnehmen.

Somit ließe man sich also von radikalen Gestalten instrumentalisieren: Weil sieben von diesen teilnehmen (könnten), sei jedem anderen die Teilnahme an einer Demonstration, deren Inhalte er weitgehend teilt, moralisch untersagt. Das Handeln würde somit indirekt von ihnen regelrecht bestimmt werden.
Kann man das wollen? Die „Hauptgesellschaft“ als Foto-Negativ von Rechtsextremen?

Ist es nicht besser, klüger, vernünftiger, sich selber für ein Bild verantwortlich zu zeichnen?

Einen Blick auf Schweden zu werfen ist irgendwie unanständig

Wenn wieder einmal von Politikern die Alternativlosigkeit allfälliger Maßnahmen (umfassende Arbeitsverbote, Mannschaftssportverbote, Demonstrationsverbote, Unterrichtsverbote, Kontaktverbote, Ausgehverbote etc.) gepriesen wird, möchte man sich gerne vor sie stellen und mit der Schwedenfahne wacheln – so demonstrativ wird meist auf das skandinavische Land vergessen.

Es hat die Krise natürlich auch nicht vorbildhalft gemeistert, aber zumindest von Anfang an allfällige fatale Kollateralschäden drastischer Maßnahmen mitgedacht und deswegen auf selbige verzichtet.
In humanistischer Manier werden Grundrechte nicht als Privilegien oder Geschenke betrachtet, sondern als das, was sie eben sind: sehr wertvolle Grundrechte - an deren Außerkraftsetzung man sich nicht gewöhnen darf. Menschen gewöhnen sich aber nun mal an alles Mögliche und Unmögliche, was in diesem Zusammenhang durchaus gefährlich sein kann.

Einschränkungen und Beschränkungen, um eine Überlastung der Intensivstationen zu vermeiden, sind natürlich in Kauf zu nehmen, aber keine substantiellen Schädigungen von Menschen durch exzessive Dauer-Lockdowns.

Die Autorin

Martina Scheuringer hat in Wien Psychologie, Philosophie und Germanistik studiert und unterrichtet seit 14 Jahren an einem Linzer Gymnasium Deutsch und Psychologie und Philosophie.