15-Jährige verurteilt: "Wollte, dass Mama lieb zu mir ist"

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Als 14-Jährige erstach Angelika ihre Mutter nach einem wüsten Streit. Die Geschworenen entscheiden einstimmig auf Mord, nicht auf Totschlag. Die – noch nicht rechtskräftige – Strafe: fünf Jahre Haft.

WIEN. Sie ist ein zierliches Mädchen. Ganz in Weiß – weiße Bluse, weiße Hose, weiße Schuhe – sitzt sie auf der Anklagebank. Verloren. Weinend. Ihre langen brünetten Haare verdecken schützend ihr Gesicht. Immer wieder greift Angelika zu einem Taschentuch, um ihre Tränen zu trocknen. Am 13. April hat sie mit sieben Stichen ihre Mutter erstochen. Das gibt Angelika am Mittwoch vor den Geschworenen zu. Gewünscht hätte sie sich etwas anderes: „Dass die Mama lieb zu mir sein soll.“

„Aggression ist kein Charakterbestandteil ihrer Persönlichkeit. Sie ist kein aggressiver, losstürmender Typ“ – wohl aber sei Angelika „emotional mangelversorgt gewesen“. Das meint Gerichtspsychiater Werner Gerstl. Dauernde Streitereien mit der Mutter, wechselseitige vulgäre Beschimpfungen, sogar regelrechte Schlägereien hatten eine familiäre Situation verursacht, die Angelikas Verteidiger Ernst Schillhammer so beschreibt: „Ein kleiner Funke hat ausgereicht, dass dieser Kochtopf explodiert.“ Ähnlich drückt es Gutachter Gerstl aus: Der letzte, der tödliche Streit „war wie ein Bogen, den man überspannt“. Die 14-Jährige – mittlerweile ist Angelika 15, den polytechnischen Lehrgang hat sie während der U-Haft abgeschlossen – habe „die Affektkontrolle verloren“. Womit ein Stichwort fällt, das der Verteidiger dankbar aufgreift. Das Töten der Mutter sei kein Mord gewesen, wie dies der Staatsanwalt anklagt, sondern Totschlag. Das Töten sei nicht „kaltblütig geplant“ gewesen, sondern Resultat einer „heftigen Gemütsbewegung“.

Wie alles begann

Als sie ungefähr zehn Jahre alt war, habe „das alles“ begonnen, antwortet Angelika artig auf Fragen von Richterin Beate Matschnig. „Meine Mutter hat mich immer beschimpft.“ Die Richterin: „Was hat sie gesagt?“ Antwort: „Hure, Schlampe.“ Und: „Sie hat mich auch oft geschlagen, meist auf den Rücken. Einmal mit einer Metallstange.“ Die Richterin: „Hat es auch Momente gegeben, in denen Ihre Mutter zärtlich war?“ Angelika: „Nie.“ – „Als Kind auch nicht?“ Angelika: „Ich glaub nicht.“

Der Vater der weinenden Angeklagten, ein 54-jähriger Maschinenschlosser, so wie die getötete Mutter tschechischer Herkunft, lässt keinen Zweifel daran, dass er trotz allem zu seiner Tochter steht. „Meine Gattin begann sich zu verändern“, erzählt der ruhige, grauhaarige, gefasst wirkende Mann in wohlgesetzten Worten. „Sie war mit ihrem Leben unzufrieden, sie brauchte einen Blitzableiter und das war Angelika.“

Aber da gab es auch die andere Seite des Mädchens – eine hässliche Seite, die sich in Internet-Blogs offenbarte: „Eigentlich schade, dass ich kein Messer genommen und ihr den Hals aufgeschlitzt habe“. Dies schrieb das Mädchen schon nach einem früheren Streit über ihre Mutter. Oft, so auch am Tag der Bluttat, hatte sich die Mutter geärgert, dass Angelika gleichzeitig fernsah und im Internet surfte. Angelika im Internet: „Ich sollte sie umbringen, dann krepiert sie endlich und ich werde megahappy.“ Über ihren zwei Jahre jüngeren Bruder sagt Angelika nun vor Gericht: „Ich hasste es, dass meine Mama meinen Bruder mochte und mich hasste.“ Im Internet las man über den Buben: „Ich muss mir noch ausdenken, wie er umzubringen ist, vielleicht in kleine Stücke schneiden und die Toilette runter spülen.“ – Ernst habe sie all das nicht gemeint, „ich wollte mich nur abreagieren“.

Die Küchenmesser-Attacke auf die Mutter führte Angelika hinterrücks. Das Opfer war gerade im Bad. „Ich wollte sie nicht töten, ich wusste nicht, was ich da tu.“ Nach den Stichen versperrte Angelika das Bad von außen und lief davon. Das Messer steckte noch in der Toten, als diese gefunden wurde.

Die Geschworenen entscheiden einstimmig auf Mord, nicht auf Totschlag, die – noch nicht rechtskräftige – Strafe: fünf Jahre Haft.

MORDPROZESS

Mit 14 Jahren tötete eine in Wien geborene Schülerin ihre Mutter nach einem Streit ums Fernsehen bzw. ums Surfen im Internet. Am Mittwoch wurde Angelika wegen Mordes zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.09.2010)

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