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Wiesenthal-Buch: Fischer verweigerte Gespräch

(c) APA/HANS KLAUS TECHT (HANS KLAUS TECHT)
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Historiker Tom Segev erklärt, dass er beim Präsidenten keinen Termin für Wiesenthal-Recherche bekam. In seinem neuen Buch schreibt Segev auch über die Feindschaft zwischen Kreisky und Wiesenthal.

Wien. Er genoss zwar eine Mini-Hofburg-Führung durch Heinz Fischers Sekretär Bruno Aigner. Einen Gesprächstermin beim Bundespräsidenten bekam der prominente israelische Historiker Tom Segev aber nicht. Sonst ist Heinz Fischer deutlich großzügiger mit seiner Zeit, empfängt Schulklassen und Vereine, auch für Gespräche mit anderen Autoren von historischem Büchern nimmt er sich gerne Zeit.

Segev, dessen Wiesenthal-Biografie am Mittwoch unter enormem Medienecho in Wien präsentiert wurde, betont im Gespräch mit der „Presse“, er habe für einen Termin zwecks Recherche in der Präsidentschaftskanzlei angefragt und die Absage durch Aigner erhalten. Fischer wolle zu der Causa nichts mehr sagen, hieß es nur.

Die „Causa“ ist in dem Buch genau beschrieben und immer wieder innenpolitisches Thema: die tiefe Feindschaft zwischen Bruno Kreisky und Simon Wiesenthal. Wie Segev in seiner Biografie schreibt, ließ Kreisky seinen Widersacher mit Hilfe des gesamten Staatsapparats bespitzeln.

Fischer hatte eine andere Aufgabe: Als Klubobmann übernahm er für Bruno Kreisky Attacken und Drohungen gegen den Nazijäger. Konkret kündigte Fischer die Einrichtung eines Untersuchungsausschusses an, der Wiesenthals Aktivitäten unter die Lupe nehmen solle, falls Wiesenthal Kreisky klage. Dieser hatte nämlich dem Nazijäger Mafia-Methoden und eine Tätigkeit als NS-Helfer unterstellt. Es kam nicht zu dem Ausschuss, Fischer entschuldigte sich viel später im Präsidentschafts-Wahlkampf für sein damaliges Vorgehen. Wiesenthal sprach von seiner schlimmsten Zeit nach dem Holocaust, den er knapp überlebt hatte. Segev meint dazu: „Österreich hat diesen Mann nicht verdient.“

Der Autor hat sich über das mediale Echo auf sein Buch in Österreich geärgert. Es sei absurd, wenn von den Recherchen als Schlagzeile nur übrig bleibe, Wiesenthal sei vom Mossad bezahlt worden und daher nun zum „Mossad-Agenten“ mutiert: Dass der israelische Geheimdienst nach der Ergreifung Adolf Eichmanns Wiesenthal Geld für dessen Arbeit, nämlich das Aufspüren von NS-Verbrechern, bezahlt habe, sei logisch. „Das hat mich eher positiv überrascht und stolz gemacht“, sagt Segev. Der israelische Staat habe sonst nämlich nicht so viel für die Jagd auf hochrangige Nazis unternommen, wie er hätte sollen.

Ob nun die SPÖ beziehungsweise der Bundespräsident in irgendeiner Form auf die durch ihn publik gewordenen Vorwürfe gegen Kreisky und seine Regierung reagieren soll? Das will Segev nicht kommentieren; zu Parteipolitik sage er nichts, nur so viel: Das Verhalten gegenüber Wiesenthal zeige ein gesamtösterreichisches gesellschaftliches Problem und halte dem Land einen Spiegel vor.

 

Fischer: Buch nicht gelesen

Fischer selbst wird wohl bis auf Weiteres nichts bis wenig dazu sagen. Als er am Dienstagabend bei einem Staatsbesuch in Brüssel auf das Buch und die Spitzel-Vorwürfe angesprochen wurde, meinte er nur: „Solange ich ein Buch noch nicht gelesen habe, gebe ich dazu keine Stellungnahme ab.“ Und: „Ich habe aber das letzte ,Profil‘ gelesen, wo einige Stellungnahmen von Herrn Segev relativiert wurden.“ Gegen eine Historiker-Kommission zur Aufarbeitung der Affäre habe er prinzipiell nichts.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16. September 2010)