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Film: Goebbels als eitler Karnevalsprinz

(c) APN (Petro Domenigg)
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Kinopremiere von "Jud Süß - Film ohne Gewissen": Oskar Roehlers kontroverses Drama über die Entstehung des NS-Hetzfilms sucht die Subversion. In der Rolle des Goebbels: Moritz Bleibtreu.

Der Tagebucheintrag von NS-Propagandaminister Josef Goebbels liest sich knapp: „Mit Marian über den Jud-Süß-Stoff gesprochen. Er will nicht recht heran, den Juden zu spielen. Aber ich bringe ihn mit einigem Nachhelfen doch dazu.“ Um einiges komplizierter verläuft der Prozess in Oskar Roehlers Historienfilm Jud Süß – Film ohne Gewissen, der um die Entstehung von Veit Harlans berüchtigter antisemitischer NS-Großproduktion Jud Süß (1940) kreist – und insbesondere um das Gewissensdrama des Wiener Schauspielers Ferdinand Marian, der schließlich die Titelrolle übernahm.

Es war ein Herzensprojekt von Goebbels: Nachdem der Kompilationsfilm Der ewige Jude nicht den gewünschten Erfolg hatte, wurde die hetzerische Propaganda als UFA-Entertainment verpackt. Üppige Historienstoffe und große Gefühle: Die Rothschilds (1940) und vor allem Jud Süß – auch als Antwort auf die relativ werktreue, prosemitische Verfilmung von Lion Feuchtwangers Roman durch deutsche Exilanten in England von 1934. Mit Feuchtwangers Buch über den württembergischen Hofjuden Joseph Süß Oppenheimer hatte die Nazi-Neuauflage nichts mehr zu tun. Ansatzpunkte fand man in Wilhelm Hauffs gleichnamiger Novelle; für die perfide Botschaft mobilisierten die Macher propagandistische Stereotypen und sexuelle Ängste: Zum (jämmerlichen) Tode verurteilt wird die Titelfigur des Films für die „fleischliche Vermengung“ mit einer Christin. Dann wird die Wiedereinführung des „Judenbanns“ verkündet.

Bei Roehler drängt Goebbels (von Moritz Bleibtreu als rheinisch brüllende, wild fuchtelnde Karikatur angelegt) also seinen Regisseur (Justus von Dohnányi): „Ich brauche den Film bis morgen – eigentlich gestern!“ Doch Goebbels' Wunschdarsteller Marian ziert sich. Tobias Moretti spielt ihn mit weichem Wiener Akzent als beschränkte Persönlichkeit: Aus Eitelkeit, Egozentrik und Gefallsucht gibt er schließlich nach, obwohl das Drehbuch in einer von mehreren fahrlässigen Faktenverdrehungen seiner Gattin auch noch kurzerhand jüdische Wurzeln andichtet, Marian so bis an die Grenze zur Entlastungsfiktion erpressbarer macht.

 

Vorwurf der „Legendenbildung“

Nicht nur damit hat Roehlers Film seit seiner umstrittenen Berlinale-Premiere Debatten ausgelöst. Der Marian-Biograf Friedrich Knilli sprach von „Legendenbildung“, Charlotte Knobloch, die Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, verfasste gar einen Brief, in dem sie der Produktion antisemitische Tendenzen vorwarf und sich gegen ihre öffentliche Vorführung aussprach – scheinbar, wie oft bei medial geschürten Kontroversen heutzutage, ohne das zur Diskussion stehende Werk überhaupt gesehen zu haben. Kurz darauf revidierte der Zentralrat: der Film sei „zwar grottenschlecht, aber eindeutig nicht antisemitisch.“

Tatsächlich ist Jud Süß – Film ohne Gewissen vor allem irritierend widersprüchlich: Für Marians Tragödie mobilisiert Roehler melodramatische Mittel, die teilweise aufs Kino der Kriegs- und Nachkriegsjahre zurückgreifen, kreuzt das bewusst mit grotesken Entgleisungen ins Absurde. Bleibtreus enthemmter Goebbels führt sich wie ein eitler Karnevalsprinz auf und schwingt zwischendurch Hassreden zur „Judenfrage“.

„Sie wären ein glänzender Schauspieler“, sagt der Film-Harlan zum Film-Goebbels, der erwidert nur: „Ich bin es!“ In den Momenten erahnt man das theatralische Gesamtkunstwerk, das Roehler vorschwebte, von der Eröffnung mit „Othello“ zum Parteischergen-Kommentar: „Wir spielen doch alle unsere Rollen.“ Die Skandalszene des Films macht das brennende Berlin zur Bühne für den auch bei Harlan beschworenen Nexus von Sex und Tod: Nach der Jud Süß-Premiere nimmt Marian die sich aus dem Fenster lehnende Frau eines KZ-Kommandanten (Gudrun Landgrebe) mit Panoramablick von hinten. Auch Roehler lehnt sich da weit aus dem Fenster, und darin liegt die Sprengkraft seines Films im deutschen Gegenwartskino, wo das Bild der NS-Ära mit einer biederen Bunker-Ehrfurcht à la Der Untergang vermittelt wird, die einer letztlich ebenso falschen „Authentizität“ huldigt.

Aber die absichtlich geschmacklose, befreiende Subversion kollidiert immer wieder mit einem Drama, dass sich den Zwängen dann doch nicht ganz entziehen kann: Vielleicht hätte der Stoff – gerade mit seinen zweifelhaften historischen Freiheiten – eher als Schlüsselfilm angelegt werden sollen. So geht das Resultat zwar öfter produktiv zu weit, aber letztlich auch nicht weit genug.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.09.2010)