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Kambodscha: Der Aufstand der Näherinnen

(c) EPA (MAK REMISSA)
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Im Billiglohnland, wo westliche Markenfirmen zu Hungerlöhnen produzieren lassen, streiken erstmals zehntausende Arbeiterinnen. Die Streikenden verlangen eine Lohnerhöhung von 56 auf 93 US-Dollar im Monat.

San Champey steht der Ärger ins Gesicht geschrieben. Mit einigen Dutzend wütenden Kolleginnen ist die 27-jährige Kambodschanerin vor der Textilfabrik in Phnom Penhs Stadtteil Teuk Thla aufmarschiert. An normalen Tagen sitzen die Frauen hinter den Nähmaschinen der Fabrik. Doch heute ist kein normaler Tag. Heute sind San Champey und die anderen nicht hier, um zu arbeiten. Heute sind sie hier, um zu protestieren – gegen die kargen Löhne, die kaum zum Überleben reichen. Eine Frau Mitte zwanzig schreit Parolen durch ein Megafon, die übrigen Arbeiterinnen antworten in Sprechchören. Tuktuk-Chauffeure, Auto- und Motorradfahrer auf der Straße bremsen ab, um sich die Szene anzuschauen. Die 500 Frauen, die hier für internationale Markenfirmen T-Shirts und Polohemden herstellen, haben sich dem größten Streik angeschlossen, den es in Kambodscha je gegeben hat.

Insgesamt haben zehntausende Arbeiterinnen im ganzen Land die Arbeit niedergelegt. Zunächst wollen sie einmal bis Freitag streiken.

Doch die meisten Arbeiterinnen der Fabrik in Teuk Thla sind nicht zur Demonstration gegangen. Zu groß ist die Angst vor den Behörden, die schon seit Wochen drohen, gegen die Streikenden vorzugehen. Doch San Champey hat sich bewusst dafür entschieden, auf die Straße zu gehen: „Wir arbeiten wirklich hart. Wir leisten auch viele Überstunden, aber das Gehalt reicht trotzdem nicht aus, um unsere täglichen Ausgaben zu decken. Die Regierung muss verstehen, wie schwer es für uns ist.“

 

Verdienst: 43 Euro im Monat

Textilarbeiterinnen verdienen in Kambodscha gerade einmal 56 US-Dollar im Monat, umgerechnet 43 Euro. Weltweit bekommen nur Näherinnen in Bangladesch noch weniger. Die Streikenden verlangen eine Erhöhung ihres Lohnes auf 93 Dollar. Doch Staat und Arbeitgeber bieten lediglich einen Lohn in Höhe von 61 Dollar an, der zudem bis 2014 nicht weiter angehoben werden soll.

Wie viele der Arbeiterinnen kommt San Champey vom Land. An ihre Eltern zu Hause kann sie jedoch fast nie Geld schicken, da das gemeinsame Einkommen von ihr und ihrem Mann, der auf Baustellen arbeitet, auch nicht annähernd die Kosten in der teuren Hauptstadt deckt. „Also leihen wir uns häufig Geld von Freunden. Jedes Mal verwende ich einen Teil meines Lohns, um das geliehene Geld zurückzuzahlen“, erzählt San Champey.

Eine andere Frau sagt sichtlich aufgebracht: „Wir appellieren an die Regierung, sie soll anerkennen, wie schwer es uns fällt zu überleben. Wir müssen immer mehr arbeiten und können uns nicht mal das Nötigste leisten.“ Sie versucht, ihre Tränen zu unterdrücken. „Es ist wirklich hart.“

 

Mit Steinen beworfen?

Kambodschas Regierung, die Arbeitgeber des Landes und die staatlichen Gewerkschaften, die gemeinsam die Höhe des landesweit in der Textilbranche gezahlten Lohnes festlegen, zeigen bislang jedoch nur wenig Entgegenkommen. Ken Loo, Generalsekretär der Arbeitergebervereinigung GMAC wirft den Streikenden sogar vor, andere Arbeiterinnen daran zu hindern, zur Arbeit zu gehen.

„Sie haben die Eingänge blockiert und Lautsprecher aufgestellt, um ihre Agenda hinauszuschreien, also haben manche Arbeiterinnen Angst, zur Arbeit zu erscheinen“, sagte er der Tageszeitung „The Cambodia Daily“. In manchen Fällen seien arbeitswillige Näherinnen von den Streikenden mit Steinen beworfen worden. Der Polizeichef der Hauptstadt Touch Naruth wies diese Vorwürfe jedoch zurück.

Tatsächlich war es der Staat, der kürzlich bei einer Kundgebung die Muskeln spielen ließ. Polizisten in Kampfanzügen lösten in Phnom Penh einen spontanen Protest von Textilarbeitern gewaltsam auf. Sie waren auf die Straße gegangen, nachdem ihr Gewerkschaftsvertreter ohne Angabe von Gründen entlassen worden war. Einige der Demonstranten erklärten später, sie seien von den Polizisten geschlagen und mit Elektroschockern verletzt worden. Die Behörden bestreiten das aber.

 

Größte Einnahmequelle

In jedem Fall ist der Regierung und den Arbeitgebern ihre Nervosität anzumerken. Viel steht auf dem Spiel: Die Textilindustrie ist nach dem Tourismus die zweitgrößte Einnahmequelle des verarmten Landes; sie stellt bei Weitem den größten Anteil der Exporte. Rund 330.000 Menschen, mehrheitlich Frauen, sind in der Branche beschäftigt, mehr als ein Viertel aller Industriearbeiter des Landes.

Die Regierung hat mit Garantien zahlreiche internationale Markenhersteller nach Kambodscha gelotst. Regierung und Arbeitgeber versichern, dass an den Arbeitsplätzen „humane Bedingungen“ herrschen. Neben Nike und Levi's haben auch die deutschen Markenfirmen Adidas und Puma einen Teil ihrer Produktion in Kambodscha angesiedelt.

 

Mekka der Markenhersteller

Kong Athit, Generalsekretär des unabhängigen Gewerkschaftsbundes „Cambodian Labour Confederation“, der zu dem Streik aufgerufen hat, wirft den internationalen Auftraggebern dennoch vor, sie kümmerten sich zu wenig um die Rechte der Menschen, die für sie arbeiten.

„Es ist gut, dass die großen Markenhersteller in Kambodscha Arbeitsplätze schaffen, und das ist auch wichtig. Aber sie müssen aufmerksamer sein. Sie sind ein Teil des Prozesses. Sie stehen nicht außen vor, denn sie profitieren ja von den niedrigen Löhnen“, sagt Athit, ein energischer Mann Anfang Vierziger. Er wirft den Markenherstellern vor, sie würden „ein Auge“ verschließen: „Über die Kette zwischen Hersteller, Zwischenhändler und Markenunternehmen versuchen sie, sich vor der Verantwortung zu drücken.“ Dabei gehe es nicht nur um Gehaltsforderungen, fügt er hinzu. Den Arbeitern würden grundlegende Rechte verwehrt, wie Versammlungsfreiheit, Redefreiheit und das Recht, sich selbstständig gewerkschaftlich zu organisieren.

 

Produzenten ziehen weiter

Für die Arbeiterinnen ist das unmittelbar größte Problem, dass ihr Einkommen nicht zum Überleben reicht. „Die aktuellen Mindestlöhne sind in ganz Asien so tief, dass sie nur 20 bis 60 Prozent der täglichen Ausgaben decken“, sagt Christa Luginbühl, Koordinatorin der „Clean Clothes Campaign“ in der Schweiz, die sich für eine gerechtere Bezahlung für Textilarbeiter weltweit einsetzt.

Auch Luginbühl möchte, dass die Markenfirmen weiter in Kambodscha produzieren – und dabei für ihre Produktion einen Existenzlohn bezahlen. „Wir stellen fest, dass sich die Produktion oft rasch verlagert, wenn Löhne angehoben oder strengere Gesetze durchgesetzt werden. Regierungen fürchten daher, dass sie nicht mehr wettbewerbsfähig bleiben“, beschreibt sie das Dilemma.

 

„Keine Angst vor Jobverlust“

Die Frauen vor der Fabrik in Teuk Thla wollen auf jedem Fall weitermachen. „Ich und die anderen Streikenden haben keine Angst, unsere Jobs zu verlieren. Denn wir alle wissen, dass das, was wir hier tun, legal ist. Wir verlangen ja nur Löhne, die ausreichen, um unsere täglichen Ausgaben zu decken“, sagt San Champey.

Sie habe auch von den Streiks gehört, die es kürzlich in China und in Bangladesch gegeben hat, fährt die junge Frau selbstbewusst fort. Offenbar gebe es das Problem in vielen Ländern Asiens, dass Firmen viel Geld verdienten, ihre Arbeiter aber sehr schlecht bezahlten. San Champey meint siegessicher: „Wenn alle Arbeiter in Kambodscha an dem Streik teilnehmen, dann werden wir hundertprozentig erfolgreich sein.“ Und sollten sie das nicht tun? „Dann werden wir und die anderen Arbeiterinnen wieder in den Ausstand treten.“

AUF EINEN BLICK

Streik in Kambodscha. Nach China und Bangladesch erschüttert eine Streikwelle das Niedriglohnland Kambodscha. An dem Protest beteiligen sich rund 60.000 Menschen aus 40 Fabriken – zehn Prozent der Textilfabriken des Landes sind somit betroffen.

Arbeitgeber warnen, durch die Streiks könnten dem Land große Marktanteile verloren gehen. In dem südostasiatischen Land leben mehr als 30 Prozent der 14 Millionen Einwohner von weniger als 50 Cent pro Tag.

Westliche Konzerne wie etwa Adidas, Puma, Gap und Benetton lassen in Kambodscha fertigen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.09.2010)