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Fokus auf
Dossier der FHWien WKW

Krieg, Krebs, Klimaretter: Wunderwaffe Kernkraft?

Zehn Jahre nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima fließt weltweit Atomstrom, wird Kernforschung betrieben und Nuklearmüll produziert. So auch in Österreich – dem einzigen Land, in dem vor 50 Jahren ein AKW gebaut, aber nie in Betrieb genommen wurde.

Ein Dossier in Zusammenarbeit mit der FHWien WKW.

Am 11. März 2011 erschütterte ein Erdbeben mit einer Stärke von 9 die Küste Japans, löste einen gewaltigen Tsunami aus. Flutwellen von bis zu 40 Metern Höhe trafen auf die Küsten des Landes, zerstörten Städte, mehr als 18.000 Menschen starben. Im Kernkraftwerk Fukushima Daiichi fiel der Strom aus, die Regierung erklärte den atomaren Notstand – und sollte recht behalten: In den folgenden Wochen bestätigte sich der Verdacht einer Kernschmelze. Seit März 2017 gilt Fukushima wieder als bewohnbar, doch die Skepsis ist vielfach geblieben – nicht nur in Japan.

Für die meisten Österreicher heißt es auch 50 Jahre nach der Baubewilligung für das AKW Zwentendorf: „Atomkraft, nein danke“. Dabei fließt im Land vielfach Atomstrom, Nuklearmüll wird produziert und Kernforschung betrieben. Auch im medizinischen Bereich ist die Strahlkraft des Urans begehrt.

Die Gefahren einer neuerlichen atomaren Katastrophe sind bei Weitem nicht gebannt. Während viele Länder, allen voran Frankreich, aufgrund der direkten CO2-Neutralität seit Jahren auf die scheinbar grüne Energie setzen, findet auch auf dem politischen Parkett ein nukleares Kräftemessen statt.

Nuklearwissenschaftler scheinen sich einig zu sein: Die Zukunft liegt jedenfalls in der Kernfusion. Wie und wann dieser Durchbruch geschafft wird, ist noch offen. Ebenso unbeantwortet sind die Fragen der Endlagerung und danach, wie nachfolgende Generationen vor den radioaktiven Stoffen gewarnt werden sollen.

Wie strahlend ist die Zukunft wirklich? „Die Presse“ führt durch ein facettenreiches Thema, das nicht nur Meinungen spaltet.

Das Dossier ist im Rahmen einer Lehrveranstaltung am Institut für Journalismus und Medienmanagement der FH Wien der WKW (Träger: Wirtschaftskammer Wien und der Fonds der Wiener Kaufmannschaft) entstanden. Dabei haben folgende Studierende mitgearbeitet: Valerie Heine, Leslie Keferstein, Florian Koch, Pia Lenz, Felix Novak, Eva Rottensteiner, Theres Scheiblauer, Konradin Schuchter, Michael Stadler und Florian Zsifkovics. 

Uran

Vom Element zur Energie

Die Beziehung ist ambivalent: Es schützt und bedroht das menschliche Leben zugleich. Es ist kaum greifbar, doch liefert jede Menge Energie. Gemeint ist: das Uran. Eine Spurensuche vom Kosmos ins Kraftwerk.

Von Florian Koch

Es liegt in der Erdkruste, verborgen in Gestein. Auch Meerwasser enthält es. Man findet es auf fast allen Kontinenten, selten ist es nicht. Ein Schwermetall – schwerer als Blei, weicher als Stahl. Von Natur aus leicht radioaktiv, zerfällt es über mehrere Milliarden Jahre hinweg. In Elemente, die wiederum zerfallen. Nur ein Kilogramm liefert so viel Strom wie 16.000 Kilogramm Steinkohle. Es ist das Element, das den Brennstoff für die Kernkraft liefert: Uran.

Wie alle Elemente stammt es aus dem Weltall. Lang gingen Wissenschaftler davon aus, dass Uran einer Supernova entsprungen ist. Eine Supernova markiert den Tod eines Sterns, also den Zeitpunkt, wenn er explodiert. Radioaktives Material verteilt sich als interstellarer Staub im Kosmos und lagert sich in Gesteinen ab. Wurde Uran vor Jahrmillionen so ein Teil unserer Erde? Mittlerweile ist sich die Wissenschaft nicht mehr sicher. „Es müsste in kosmischen Ereignissen geschehen, die viel seltener sind“, erklärt Karin Hain, Isotopenphysikerin an der Universität Wien. Anhand eines Plutoniumisotopes habe man gezeigt, dass die Elementklasse der Aktiniden, zu der auch Uran gehört, auf der Erde eigentlich zu wenig vorkommt. Daher würden sie eher nicht aus Supernovae stammen. Mit ihren Kollegen nutzt Hain Uran und dessen Spaltprodukte, um etwa Auswirkungen der Klimakrise auf Meeresströmungen zu untersuchen.

Nach gegenwärtigem Verständnis sind Physiker wie Hain davon überzeugt: Ohne radioaktive Elemente wie Uran wäre die Erde ein unwirtlicher Ort. Die Radioaktivität von Uran und anderen Elementen sorgt dafür, dass das Erdinnere flüssig bleibt. Anders könne man nicht erklären, dass das Magma noch nicht abgekühlt sei, sagt Hain. Erst durch die inneren Strömungen entstehe das Erdmagnetfeld, das uns vor Strahlung aus dem Weltall und von der Sonne abschirmt. Ob der Mensch sich ohne diesen Schutz entwickelt hätte, ist unklar.

Uran-Abbau auf Kosten der Umwelt

Das Element kommt auf der ganzen Erde vor, doch die größten Reserven befinden sich in Australien (1.692.700 t), Kasachstan (906.800 t) und Kanada (564.900 t). Wo immer Uran aus dem Boden geholt wird, werden weite Landflächen benötigt. Denn nur ein winziger Teil des geförderten Uranerzes, das Isotop Uran-235, eignet sich bisher für die Kernkraft. „Für eine Tonne Kernbrennstoff in einem Atomreaktor braucht es mehrere Tausend Tonnen Uranerz“, erklärt Reinhard Uhrig, Atomkraftexperte bei Global 2000. „Je nach Urangehalt bis zu 10.000 Tonnen. Das muss erst einmal aus dem Boden gerissen werden.“

Erze, die nach dem Abbau nicht benötigt werden, bleiben als Abfallprodukte vor Ort. Sie werden auf Halden oder flüssig in Schlammbecken deponiert. Gehen Minenbetreiber pleite, verfallen die Minengelände und die Teiche trocknen aus. Was übrig bleibt, ist radioaktiver Staub, der vom Wind vertragen wird. Mancherorts brechen Dämme und radioaktives Wasser flutet das Umland. Mit schweren gesundheitlichen Folgen für Minenarbeiter und die angrenzende Bevölkerung.

Uran in Österreich?

Auch in Österreich gibt es Uran. Jedoch so wenig, dass sich der Abbau nicht lohnt. „Es sind keine wesentlichen Vorkommen, die eine wirtschaftliche Ausbeutung rechtfertigen würden“, meint David Reinberger von der Wiener Umweltanwaltschaft. In den 1960er/70er Jahren, als Österreich ein eigenes Kernenergie-Programm auf die Beine gestellt hat, habe man geprüft, ob es Vorkommen gibt. Teils mit Erfolg. Doch es kam ohnehin anders. Das Atomkraftwerk Zwentendorf ging nach der Volksabstimmung von 1978 nie ans Netz. Seit 1999 gilt das Bundesverfassungsgesetz für ein atomfreies Österreich. Es untersagt den Betrieb von Leistungsreaktoren und den Transport von spaltfähigem Material. Explizit ausgeschlossen wird der Abbau von Uran durch das Gesetz jedoch nicht.

Noch Jahrzehnte später leiden sie unter Folgeschäden wie Krebs- oder Atemwegserkrankungen. Das ist etwa bei Arbeitern der Fall, die nach dem Zweiten Weltkrieg im ostdeutschen Erzgebirge für das Unternehmen Wismut Uran abbauten.

Neben dem Tief- und Tagebau nutzen Minenbetreiber den Lösungsbergbau, um das Uranerz effizienter zu gewinnen. Dabei wird unter hohem Druck Säure in Bohrlöcher gepumpt, wodurch das Uranerz gelöst und herausgedrückt wird. Umweltschonend ist diese Methode nicht. „Man könnte sogar sagen, dass es noch problematischer ist als traditioneller Bergbau“, sagt Uhrig. Es führe zu weiträumiger Verseuchung der Umgebung und des Bodens.

Uranproduktion weltweit

Laut der World Nuclear Association wurden in Kasachstan, Kanada und Australien im Jahr 2019 am meisten Uran gefördert. In Europa mischten Tschechien und Rumänien lange bei der Produktion mit, 2019 förderte nur noch die Ukraine Uran zutage. Viele Staaten setzen auf Atomkraft und sind damit von Uran-Importen aus dem Ausland abhängig. Besonders deutlich zeigen das Zahlen aus den USA: Im Jahr 2018 wurden hier nur 582 Tonnen Uran produziert, aber knapp 20.000 Tonnen verbraucht.

 

Vom Yellowcake zu Pellets

Das abgebaute Uranerz wird chemisch aus dem Gestein gelöst. Je nach Verfahren mit Säure oder Lauge. Die Flüssigkeit durchläuft verschiedene Reinigungsverfahren, bis schließlich Ammoniak beigefügt wird. Bei der chemischen Reaktion entsteht ein gelbes Pulver, der „Yellowcake“. So nennt man das herausgelöste Uran.

Gelbes Pulver: Das gewonnene Yellowcake
Gelbes Pulver: Das gewonnene Yellowcake(c) imago stock&people

Neben sogenannten Diffusionsverfahren ist es der gängigste Weg, das Uran mittels Zentrifugen anzureichern. Das bedeutet, die Konzentration des spaltbaren Isotops Uran-235 von 0,7 Prozent auf ca. drei Prozent zu erhöhen. Ein Kernkraftwerk benötigt pro Jahr rund 20 Tonnen angereichertes Uran, knapp 55 kg pro Tag, um rund 8,5 Milliarden Kilowattstunden Strom zu produzieren. Für die Anreicherung lässt man das Yellowcake zunächst mit Fluor reagieren, wodurch das Gas Uranhexafluorid entsteht. Dieses wird nun in verschiedenen Zentrifugen nacheinander rotiert. Wurde genug U-235 gesammelt, überführt man das Uran mittels chemischer Reaktion wieder in Uranoxid, das zu Pellets gepresst wird. Diese werden dann in Rohre eingefüllt. Ein paar hundert Rohre werden gebündelt: Das sind die Brennstäbe, die in den Kernreaktor eingeführt werden.

Doch wie genau wird aus Uran Energie gewonnen? Am einfachsten lässt sich der Urankern mit einem Wassertropfen vergleichen. Im Reaktor fängt der Kern ein langsames Neutron ein. Der Wassertropfen wird durch das zusätzliche Neutron in so starke Schwingungen versetzt, dass er platzt. Es entsteht Energie, die an das Kühlwasser abgegeben wird. Wasserdampf steigt auf, der eine Turbine antreibt und über einen Generator Strom erzeugt. Wie der Journalist Karl Grossman die Atomenergie einmal beschrieb: „Es ist einfach die gefährlichste Art, Wasser zu kochen, die je entwickelt wurde.“

Gefährlich, das sind nicht nur Reaktorunfälle, wie sie in Tschernobyl und Fukushima passiert sind. Problematisch ist auch der radioaktive Abfall, den die Spaltung von Uran im Kernkraftwerk hinterlässt. Er strahlt über mehrere Millionen Jahre hinweg und ist damit ein Problem für künftige Generationen. Der Abfall muss an einem sicheren Ort eingeschlossen werden, wo er kein Risiko für Mensch und Umwelt darstellt. Am besten unter der Erde, umgeben von Ton, Salz oder Granit. Länder wie Deutschland suchen derzeit noch nach einem solchen Endlager, das die geologischen Voraussetzungen erfüllt.

Die endliche Geschichte

Derzeit lässt sich schwer sagen, wie lang die Uranreserven für die Kernenergie noch reichen. „Es kommt auf die Annahmen an, die man hat“, sagt Uhrig. „Geht man davon aus, dass man die derzeitigen Reaktoren weiterbetreibt, gehen die Schätzungen in Richtung 50 bis 60 Jahre.“ Seriös ließe sich keine Prognose stellen – es komme aber immer darauf an, wie genau die Kernreaktoren betrieben werden. Uhrig vertritt die These, dass man letzten Endes mehr Uran in der Erde lassen werde, da Atomkraftwerke nicht mehr wirtschaftlich seien. „Solarkraft ist in den letzten zehn Jahren um 90 Prozent billiger geworden, Windkraft um 70 Prozent. Atomkraft wurde in der gleichen Zeit um 26 Prozent teurer“, sagt Uhrig.

Schon heute gilt: Je schwerer das Uran zu fördern ist, desto weniger rentabel ist der Abbau. Es bleibt eine Frage des Geldes: Zuletzt lag der Uranpreis bei knapp 17 Euro pro Kilo. Bleibt er unter 80 Euro, bleibt auch das Uran eher im Boden. In Pilotprojekten wurde bereits erfolgreich Uran aus Meerwasser gewonnen. Doch auch hier lohnt sich die Filterung erst ab mehreren Hundert Euro pro Kilo. Zumal es mit einem großen Energie- und Ressourcenaufwand verbunden ist. „Irgendwann ist der Aufwand finanziell und energetisch einfach zu groß, um das Uran zu gewinnen“, sagt David Reinberger von der Umweltanwaltschaft.

Ein menschengemachtes Problem

Kein Wunder, dass die Nuklearindustrie auf Alternativen hofft. Kerne, die sich genauso leicht spalten lassen, gebe es schon, sagt Hain. „In den Variationen ist man aber limitiert. Man muss etwas haben, was natürlich vorhanden, aber instabil genug ist, dass es spaltet. Wirklich zur Verfügung hat man in den notwendigen Mengen nur Uran und Thorium.“ In der Erdkruste kommt Thorium häufiger als Uran vor. Es ließe sich zwar für die Kernkraft aufbereiten, erfordert jedoch neue Reaktortypen, deren Entwicklung wiederum viele Jahre dauert. Es bleibt wie bisher: Die Nuklearindustrie ist auf Uran angewiesen.

Unter noch ungeklärten Umständen gelangte Uran aus dem Weltall auf die Erde, wo es lang unangetastet ruhte. „Negativ ist, was der Mensch daraus gemacht hat“, sagt Hain. Wie unzählige andere Rohstoffe macht sich der Mensch Uran zunutze. Er verwandelt es in eine verwertbare Energiequelle. Durch sein Eingreifen geschieht das weltweit auf Kosten von Mensch und Natur. Indem er das Uran ans Tageslicht holt, schafft der Mensch ein Problem, mit dem künftige Generationen leben müssen. Doch wie man es auch auslegt: Uran ist ein Teil unseres Planeten. So wie die Menschen, die darauf leben.

Grüne Energie

Wie grün ist Atomenergie wirklich?

Während die Atomenergie in Österreich kaum mehr Thema ist, betreiben Länder wie Frankreich und Schweden seit Jahren Atomkraftwerke und konnten durch deren Ausbau ihren CO2-Ausstoß deutlich senken. Könnte Atomenergie im Kampf gegen die Klimakrise also helfen? Kann sie gar als grüne Energie eingestuft werden?

Von Pia Lenz

1978 entschieden sich die Österreicher mit knapper Mehrheit gegen die Inbetriebnahme des fertig gebauten AKWs Zwentendorf. Seither ist Kernenergie in der breiten Öffentlichkeit kaum mehr Thema. Doch mit der Debatte rund um die Erreichung der Klimaziele ploppt auch die Kernenergie wieder auf und entfacht die seit jeher umstrittene Diskussion rund um deren Klimafreundlichkeit neu. Denn während einige Wissenschaftler und Politiker stark gegen sie plädieren, wird sie von anderen als klimafreundliche Energielösung gepriesen.

Wie zuletzt auch von Hannes Androsch, Industrieller und Ex-Finanzminister (SPÖ), Ende 2020 in seinem Buch „Was jetzt zu tun ist“. So schreibt er: „Beim Übergang zu alternativen Energien kann man auf Atomenergie nicht verzichten.“ Im Doppelinterview mit dem Magazin „Trend“ sieht anschließend auch Neos-Chefin Beate Meinl-Reisinger Kern- statt fossiler Energie nicht als abwegig an. Es hagelt harsche Kritik von Grünen-Klubchefin Sigi Maurer und ÖVP-Energiesprecherin Tanja Graf. Auf Anfrage der „Presse“  sagt Androsch daraufhin, dass er zwar deutliche Gefahren in der Atomenergie sehe, doch man müsse diese in Relation zur Gefahr des Klimawandels sehen.

Auch die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg, die sich eigentlich als Gegnerin der Atomkraft bezeichnet, äußert sich im Kampf gegen die Klimakrise zu dieser Form der Energie vorsichtig positiv. So schrieb sie im März 2019 auf Facebook: „Laut dem Weltklimarat kann sie ein kleiner Teil einer sehr großen neuen kohlenstofffreien Energielösung sein.“

Nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch ist die Atomenergie mancherorts aufgrund des Klimaarguments beliebt, beispielsweise in Finnland. Das nordische Land baut gerade an einem Kernkraftwerk, das in Zukunft zu den leistungsstärksten der Welt gehören soll. Grund dafür ist laut den Finnen neben der Unabhängigkeit des Landes in der Energieversorgung auch der Klimaschutz. Denn ohne Atomenergie sei das Klimaziel nicht erreichbar, argumentiert sogar die grüne Partei des Landes. Doch inwiefern stimmen diese Argumente? Und warum spricht sich Österreich seit jeher dann so vehement gegen Atomenergie aus?

Wenig CO2-Ausstoß bei Atom-Stromgewinnung

Laut dem Bericht des Weltklimarates (IPCC) 2018 (Kapitel Energiesysteme) könnte Kernenergie im Kampf gegen den Klimawandel eine entscheidende Rolle spielen. So heißt es im Bericht, dass es immer noch möglich sei, die globale Erderwärmung auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen: „Es gibt mehrere Optionen zur Verringerung der Treibhausgasemissionen im Energieversorgungssektor. Dazu zählt unter anderem die Umstellung der Energieversorgung von fossilen Brennstoffen auf Quellen mit geringen Treibhausgasemissionen wie erneuerbare Energien und Kernenergie.“ Der IPCC spricht zudem davon, dass bei der Stromgewinnung aus Kernenergie 60-mal geringere CO2-Emissionen entstehen als bei Kohlekraftwerken und die Kernenergie CO2-technisch sogar die Solarenergie schlage.

Schlussfolgernd kommen Länder mit hohem Anteil an Atomstrom wie Schweden oder Frankreich vor allem daher den Klimazielen deutlich näher als Österreich.

Ein genauer Blick lohnt sich

Um zu beleuchten, inwiefern diese Aussagen zum CO2-Ausstoß stimmen, muss laut dem Umweltministerium, Global 2000 und der  österreichischen Energieagentur aber tiefer gegraben werden. „Im IPCC werden einzelne Bereiche behandelt, andere einfach ausgelassen“, sagt Patricia Lorenz, Atomsprecherin bei Global 2000. Denn wie sich zeige, entsteht zwar im direkten Betrieb der Atomkraftwerke tatsächlich weniger CO2 als bei anderen Energieträgern, auch beispielsweise bei Fotovoltaik, aber die Vorketten, wie der Uranbergabbau, werden in dieser Rechnung außen vorgelassen. „Bei diesem Vorgang muss viel Masse bewegt werden, um Uranerz zu gewinnen, zudem muss es anschließend noch angereichert werden, das treibt die Emissionen stark in die Höhe“, sagt Günter Pauritsch von der Österreichischen Energieagentur. Zusätzlich weist das Umweltministerium auf die Endlichkeit der Ressource Uran hin, denn je weniger Uran im Gestein zu finden ist, desto energieintensiver ist der Prozess des Abbaus.

Definition grüne Energie

Was macht eine grüne Energie aus?

• kein Ausstoß von CO2 (Emissionsfrei oder Emission wird kompensiert) -> direkte Klimaauswirkung
• keine negativen Auswirkungen auf Flora, Fauna und Mensch -> Umweltauswirkung (indirekt Klimaauswirkung)
• keine Begrenzung der Ressourcen -> Umweltauswirkung (indirekt Klimaauswirkung)
• keine Einschränkung des Energievorrats künftiger Generationen

Zu grünen Energien zählen:

• Solarenergie (Photovoltaik) – Umwandlung von Sonnenenergie
• Wasserkraft – Umwandlung von bewegten Gewässern
• Windkraft - Umwandlung von Bewegungsenergie des Windes
• Geothermie – Umwandlung von Erdwärme
• Bioenergie – Umwandlung von organischen Stoffen (z.B. Holz)

Neben den Klimaauswirkungen müssen für einen grünen Energiecheck aber auch die Umweltauswirkungen betrachtet werden. „Allein die Reaktorunfälle in Tschernobyl und Fukushima zeigen, welche fatalen Umweltauswirkungen Kernenergie haben kann“, gibt Günter Pauritsch zu bedenken. Beide Male wurden langlebige radioaktive Elemente freigesetzt, die sowohl zu genetischen Mutationen in der Tier- und Pflanzenwelt als auch zu Tausenden Krebserkrankungen und Todesfällen bei Menschen führten. Zudem sei in Sachen Umwelt auch die Frage der Lagerung des Atommülls seit rund 60 Jahren weitgehend ungeklärt. Umfassende Studien sucht man dazu vergeblich.

Olkiluoto als Vorbild?

Die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEA) sieht das anders und verweist auf Anfrage der „Presse“ auf das Endlager Onkalo in Finnland, das gerade fertiggestellt wird. Einen halben Kilometer unter der Erdoberfläche entsteht auf der finnischen Insel Olkiluoto derzeit das weltweit erste Endlager für hoch radioaktive Brennstäbe von Atomkraftwerken. 2025 sollen hier die ersten Fässer mit dem Problemmüll eingelagert werden. Dabei ist das Endlager laut Erbauern so konzipiert, dass der Müll rund 100.000 Jahre gelagert werden kann. Ausgehend von Simulationen soll auch im Fall eines Erdbebens der Anteil an Radioaktivität, der aus der Tiefe an die Oberfläche tritt, nur geringfügig sein.

Atomsprecherin Lorenz von Global 2000 kann das nicht überzeugen: „Da ist noch vieles total unklar. Es gibt derzeit zwischen 130 und 140 AKWs in Europa und dafür einfach keine umfassende Lösung. Beispielsweise hofft man, Fässer aus Materialen verwenden zu können, die besondere Eigenschaften aufweisen, die es aber noch nicht gibt. So sollen sie wärmeableitend sein, gleichzeitig aber komplett dicht. Zudem entsteht bei der Endlagerung eine gefährliche Zersetzung des hoch radioaktiven Mülls.“

Atomenergie nur ein kleiner Player

Generell dürfe es laut Lorenz zur Diskussion um die Nutzung von Atomenergie derzeit aber einfach nicht mehr kommen, denn die Rolle der Atomkraft sei in der Energieversorgung sehr niedrig. Atomenergie als Klimaretter sei allein deshalb also Unsinn. Tatsächlich – werden die Daten der weltweiten Energienutzung genauer betrachtet, zeigt sich, dass der Beitrag der Kernenergie zur Stromversorgung zwar bei rund elf Prozent liegt, der Großteil der Energieversorgung jedoch nicht die Stromversorgung darstellt. Insgesamt ist Atomkraft mit rund vier Prozent in Wirklichkeit nur ein Mini-Player auf dem weltweiten Energiemarkt. „Atomenergie kann, wenn man an die Zukunft denkt, also keinen signifikanten Beitrag leisten“, sagt Pauritsch.

Wieso greifen so viele Länder zur Atomenergie?

Global 2000 und der Energieagentur zufolge ist das vor allem eine politische und machttechnische Frage der großen Länder. So sei auch der IPCC-Bericht durchaus von diesen Ländern gepusht, erklärt Günter Pauritsch von der Energieagentur: „Die CO2-Emissionen sind das letzte denkbare Argument. Alles andere hat sich als unwahr herausgestellt.“

Die IAEA vertritt hier eine andere Meinung und sieht Kernenergie als Teil der Lösung: „Die Kernkraft bietet eine stetige, zuverlässige Stromversorgung und liefert kontinuierlich CO2-armen Strom, der die schwankende Energieeinspeisung von erneuerbarer Elektrizität aus Wind oder Sonne unterstützen kann.“ Laut Umweltministerium müsste die Kernenergie dann aber dauerhaft gewonnen werden, denn eine wiederholte Steigerung und Drosselung der Leistung sei bei Kernkraftwerken technisch nicht möglich.

Hohe Kosten, langer Bau

Wer sich zu den derzeit entstehenden Atomkraftwerken in Europa einliest, merkt zudem schnell, dass die Bauzeit der Kraftwerke meist deutlich länger ausfällt als geplant und auch die Kosten deutlich höher zu Buche schlagen. Ein aktuelles Beispiel dafür: Hinkley Point C in Großbritannien. Das Kraftwerk hätte bereits 2018 ans Netz gehen sollen, wird aber wohl frühestens 2025 Strom liefern können. Die Kosten sind zudem von ursprünglich 4,7 Milliarden Euro auf 26,6 Milliarden Euro gestiegen.

Auch die Inbetriebnahme des finnischen Kraftwerks Olkiluoto dauert aufgrund technischer Probleme deutlich länger als angenommen. Eigentlich hätte es 2009 fertig sein sollen, derzeit geht man jedoch davon aus, es erst im Februar 2022 zur kommerziellen Stromerzeugung nutzen zu können. Zudem würden die Kosten auch hier geradezu explodieren, sagt Pauritsch. „Kernkraft braucht für die Errichtung im Durchschnitt doppelt so lang wie gedacht und kostet meist doppelt so viel wie berechnet“, stellt er eine Faustformel auf. Somit sei die Kernenergie als Klimaschutzmaßnahme schlicht zu langsam und zu teuer, heißt es auch in einer Stellungnahme des Umweltministeriums.

Kein leichtes Spiel

Doch auch wenn der Großteil der österreichischen Politik und Experten gegen die Kernenergie plädiert, wird sie hierzulande zu rund 14 Prozent aus Stromimporten genutzt. Das stört auch Androsch: „Scheinheilig importieren wir seit Jahren und tragen dabei die Risken ebenso mit. Wir sind Schildbürger, wenn es um die Energiepolitik geht. Anstatt sich immer hinter Ankündigungen zu verstecken, sollten wir alles Notwendige jetzt tun, um unseren Planeten zu retten.“ Ein Schritt in diese Richtung will die Bundesregierung mit der „Mission2030“ gehen. So soll 2030 in Österreich mindestens gleich viel Strom aus erneuerbaren Energieträgern erzeugt werden wie insgesamt verbraucht wird, heißt es in einem Statement aus dem Umweltministerium. Um die dann benötigten Energiemassen aus erneuerbaren Quellen zu gewinnen, muss jedoch der Anteil von Wind und Fotovoltaik von heute zwölf Prozent auf ganze 42 Prozent gesteigert werden.

Während dieses Prozesses also auch in Österreich auf Kernenergie statt Kohle, Öl und Gas setzen? Wohl kaum, denn auch wenn für manche Länder wie Finnland vor allem der niedrige direkte CO2-Ausstoß für die Energie spricht, zeigt sich in der Diskussion mit den österreichischen Experten, dass wegen der Umweltauswirkungen, wie der Risiken durch Unfälle, der Endlagerung sowie der Endlichkeit der Ressource Uran in Österreich genügend Punkte gegen eine Klassifizierung als „grüne“ Investition sprechen, ganz abgesehen von Kosten und Dauer der Erbauung von AKWs. Um in Zukunft ganz ohne sie auszukommen, muss laut den Experten jedoch auch der Energieverbrauch jedes Einzelnen sinken und die Energieeffizienz deutlich steigen. Nur so kann eine „grüne“ Zukunft mit erneuerbaren Energien auch bei Dunkelflauten, also in Zeiten ohne Wind und Sonne, funktionieren.

Strahlentherapie

Die Sonnenseite der Strahlung: Kernenergie in der Medizin

Die moderne Medizin ist ohne den Einsatz von atomarer Strahlung nicht denkbar. Sowohl in der Diagnostik als auch in der Behandlung kommt Kernenergie auf vielfältige Art zum Einsatz. Noch immer hat sie bei vielen Patienten einen schlechten Ruf. Experten erklären, warum dieser nicht gerechtfertigt ist.

Von Theres Scheiblauer

Atomare Strahlung hat die Kraft, einen Menschen innerhalb kürzester Zeit zu töten. Atomare Strahlung hat aber auch die Kraft, Menschenleben zu retten. Angelika S. würde heute vielleicht nicht mehr leben, wenn es nukleare Diagnose- und Therapiemethoden nicht gäbe. Vor fünf Jahren fiel bei der heute 67-Jährigen im Zuge einer routinemäßigen Mammografie etwas Ungewöhnliches auf. Wenig später erhielt die Burgenländerin die Diagnose Brustkrebs, eine Operation und gezielte Bestrahlungen folgten. Heute gilt Angelika S. als geheilt und ist dankbar für die Möglichkeiten der modernen Medizin: Sowohl in der Diagnose als auch in der Behandlung war atomare Strahlung involviert.

Medizinische Versorgung ohne atomare Diagnose- und Behandlungsmethoden ist heute nicht mehr vorstellbar. Der Einsatz von Röntgen, Computertomografie, Szintigrafie (nuklearmedizinisches Verfahren zur Diagnose von Herz- oder Schilddrüsenerkrankungen) und strahlentherapeutischen Anwendungen ist unverzichtbar geworden. Auf dem wissenschaftlichen Feld der Strahlentherapie und Nuklearmedizin hat sich in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten viel getan, noch nie konnte so präzise diagnostiziert und behandelt werden. Dabei ist der medizinische Einsatz von atomarer Energie älter als die „Radioaktivität“ selbst. Dieser Begriff wurde nämlich erst im Jahr 1911 von der Physikerin Marie Curie geprägt. Der medizinische Einsatz indes geht schon auf das Jahr 1896 zurück und ist damit bereits 125 Jahre alt.

Am Anfang stand das X

Der Name Röntgen ist ein allseits bekannter Begriff, ist die nach dem Physiker Wilhelm Conrad Röntgen benannte und von ihm entdeckte Strahlung doch eine der bekanntesten Untersuchungsmethoden der Medizin. Im Jahr 1896 zeigte der deutsche Wissenschaftler erstmals einem Fachpublikum die Aufnahme einer Hand, die er mittels radioaktiver Strahlung durchleuchtet hatte. Nachdem Röntgen die Funktionsweise der unsichtbaren Strahlen noch nicht klar war, nannte er sie „X-Strahlen“, wobei das X für eine unbekannte Variable stand. Noch heute wird die Untersuchungsmethode im englischsprachigen Raum X-Ray genannt, obwohl die Funktionsweise mittlerweile klar ist: Röntgenstrahlung ist eine elektromagnetische Strahlung, die dadurch entsteht, dass Elektronen beschleunigt und schnell wieder abgebremst werden.

Wenn diese Strahlung menschliches Gewebe durchdringt, kann auf der anderen Seite des Geräts ein Abbild davon geschaffen werden. Je dichter das durchleuchtete Gewebe ist, desto weniger Strahlung lässt es durch. Diese Stellen sind dann auf der Röntgenaufnahme hell. Die starken Nebenwirkungen, wie Verbrennungen des Gewebes oder Tumorbildungen, die damals mit den Röntgenuntersuchungen einhergegangen sind, haben sich drastisch reduziert, weil die Strahlungsdosis für eine Röntgenaufnahme heute in etwa 1000 Mal geringer als im frühen 20. Jahrhundert ist.

Radioaktive Strahlung für den Blick ins Innere

In Österreich werden jährlich mehr als zwölf Millionen Röntgenuntersuchungen durchgeführt, womit Röntgenstrahlung die bei Weitem am öftesten eingesetzte radioaktive Strahlung im medizinischen Bereich ist. Während Röntgenaufnahmen zweidimensionale Bilder von Knochen, Zähnen oder Organen wie der Lunge machen, sind computertomografische Untersuchungen dazu imstande, den Körper dreidimensional abzubilden. Dabei werden viele einzelne Röntgenaufnahmen gemacht, die dann durch ein Computerprogramm zu einem einheitlichen Bild zusammengefügt werden.

Ein anderes Diagnoseinstrument ist die sogenannte Szintigrafie. „Dabei wird dem Patienten ein Radiopharmakon, also ein radioaktives Arzneimittel, injiziert, und der Patient selbst ist die Strahlenquelle“, erklärt Marcus Hacker, Leiter der nuklearmedizineschen Abteilung an der Medizinischen Universität Wien. „Mit einer speziellen Kamera können so Stoffwechselvorgänge sichtbar gemacht werden“, führt Hacker weiter aus. Die häufigsten szintigrafischen Anwendungen fänden im Bereich des Herzens, der Lunge, der Nieren und zur Untersuchung von Tumoren statt.

Die Strahlenbelastung der verschiedenen bildgebenden Verfahren variiert stark: Bei einem Schädelröntgen, das nur wenige Minuten dauert, wirkt zum Beispiel eine Strahlenmenge von 0,01 mSV (Millisievert) auf den Kopf des Patienten. Zum Vergleich: Bei einem Transatlantikflug von Europa in die USA, bei dem man in etwa acht bis zehn Stunden in der Luft ist, wirken durch die kosmische Strahlung in etwa 0,05 mSv auf den Körper ein. Ungleich stärker ist die atomare Belastung bei computertomografischen Untersuchungen. Dabei wirken Strahlungsmengen von etwa zwei bis zehn mSv auf den Körper ein.

Die Szintigrafie ordnet sich in Hinblick auf die Strahlenbelastung mit etwa zwei mSv pro Untersuchung zwischen den beiden anderen Diagnoseverfahren ein. Da eine zu hohe Dosis an radioaktiver Strahlung für den menschlichen Körper zellschädigend sein und zu zukünftigen Mutationen führen kann, muss die radioaktive Menge so gering wie möglich gehalten werden. Deswegen sei es „in der Diagnose immer wichtig, zwischen der Strahlenbelastung und dem möglichen Nutzen einer Untersuchung abzuwiegen. Die meisten Patienten überschätzen die nukleare Belastung durch Röntgen und Computertomografie“, meint Onkologe und Chef der Österreichischen Krebshilfe, Paul Sevelda. Die Digitalisierung habe zu einem besseren Austausch der Bilder zwischen den Ärzten untereinander geführt, was eine Doppelbelastung durch mehrmalige Untersuchungen minimiert habe.

Bestrahlungen retten Leben

In der Behandlung von Tumorerkrankungen ist der Einsatz von atomarer Strahlung laut Sevelda unerlässlich: „Die Strahlentherapie ist heute neben operativer Therapie, Chemotherapie und in jüngster Zeit Immuntherapie eine der vier Säulen in der Behandlung von Krebserkrankungen.“ Je nach Art und Ausprägung des Tumors werde von den Experten die richtige Mischung an Therapieformen zusammengestellt, um einen optimalen Behandlungserfolg zu erzielen.

In manchen Fällen, zum Beispiel bei Gebärmutterhalskrebs, Lungenkarzinomen oder Knochenmetastasen, kann auch eine reine Behandlung durch Bestrahlung ausreichen. Sevelda ist auf Brustkrebsbehandlungen spezialisiert und kennt demnach die Ängste der Patientinnen gut: „Die Chemotherapie hat ein sehr schlechtes Image, und auch Bestrahlungen werden oft sehr ambivalent betrachtet.“ Viele Patienten haben Angst vor verbranntem Gewebe oder Spätfolgen in Form von geschädigten Zellen und Mutationen. „Operative Eingriffe hingegen haben eine lange Tradition und auch Akzeptanz“, führt Sevelda weiter aus. Das Wichtigste sei aber immer, dass man sich in einem langen Vorgespräch Zeit für die Patientinnen und all ihre Fragen und Ängste ernst nehme.

Eine Einschätzung, die Angelika S. teilt. Zwischen der Mammografie und dem Ergebnis der Biopsie, durch das sich der Verdacht der Gynäkologin, dass es sich um Brustkrebs handle, erhärtet hat, sind nur wenige Tage vergangen. „Meine Ärztin hat mir geraten, mich gleich operieren zu lassen, und wollte am liebsten auf der Stelle einen Termin vereinbaren“, sagt Angelika S. „Der Schock saß aber sehr tief, und ich brauchte ein bisschen Zeit und vor allem mehr Informationen, um so eine Entscheidung zu treffen“, erzählt die Burgenländerin. Mittlerweile gilt sie als geheilt, will ihren Namen aber dennoch nicht preisgeben: „Mir wäre es unangenehm, wenn jeder wüsste, dass ich Brustkrebs hatte. Ich habe es nur meinem engsten Kreis anvertraut.“ Zur Operation und den Bestrahlungen ist sie regelmäßig nach Wien gefahren: „Ich habe mich sehr vor der Bestrahlung gefürchtet. Tatsächlich war es aber nicht schlimm. Die Behandlung dauert nur wenige Minuten und tut nicht weh.“

Nebenwirkungen in der Nebenrolle

Die Nebenwirkungen von strahlentherapeutischen Anwendungen hängen stark davon ab, welcher Körperteil behandelt wird. So sind Übelkeit, Erbrechen und Durchfall klassische Folgen von Bestrahlungen im Bauchbereich, bei Bestrahlung des Gehirns kann es auch zu Haarausfall kommen. Die meisten Patienten, die Nebenwirkungen verspüren, klagen vorübergehend über Müdigkeit, Fieber oder Appetitlosigkeit. Angelika S. hat keine besonderen Nebenwirkungen ihrer Strahlentherapie bemerkt, lediglich müde sei sie in dieser Phase oft gewesen. Dies bestätigt auch Mediziner Sevelda: „Früher waren die Nebenwirkungen viel schwerwiegender. Dass das Nebengewebe verbrannt ist, das gibt es heute dank der Präzisionstechnologien praktisch nicht mehr.“ Entscheidend dafür sind eine exakte Planung und modernste Technik.

An den strahlentherapeutischen Diagnose- und Behandlungsmethoden wird stetig geforscht. Insbesondere die pharmazeutische Industrie, aber auch universitäre Einrichtungen und staatliche Forschungsinstitute weltweit tragen dazu bei, dass in diesem Feld in den vergangenen Jahrzehnten so eine schnelle Entwicklung möglich war. Marcus Hacker von der Med-Uni Wien betont: „Die Nuklearmedizin ist ein interdisziplinäres Feld, in dem Pharmazeuten, Chemiker, Physiker, Molekularbiologen und Bioinformatiker mit Medizinern zusammenarbeiten.“ Insgesamt könne man sagen, dass es ein neues Verständnis dafür gebe, wie man Patienten personalisiert therapiert. „Diese zielgerichtete Krebstherapie kann aber Kosten von mehreren Tausend Euro pro Monat verursachen, Strahlentherapie ist im Gegensatz dazu noch eine relativ günstige Form der Behandlung“, erläutert Sevelda.

Krebserkrankungen gehen zurück

Aktuelle Daten der Statistik Austria zeigen, dass österreichweit in den vergangenen zwei Jahrzehnten die Krebserkrankungen pro 100.000 Einwohner stetig sinken. Obwohl die Fälle bei beiden Geschlechtern zurückgehen, sind Männer immer noch häufiger von Krebs betroffen als Frauen. Die häufigsten Krebsarten sind Brustkrebs, Prostatakrebs, Lungenkrebs und Darmkrebs. Die Gründe für diese positive Entwicklung sieht Sevelda, Chef der Österreichischen Krebshilfe, in drei Faktoren: bessere Diagnosemöglichkeiten, gezieltere Behandlungsmöglichkeiten und ein stärkeres Bewusstsein für einen gesunden Lebensstil – auch durch Aufklärungskampagnen. Findet die Diagnose frühzeitig statt, haben Frauen wie Angelika heute eine 90-prozentige Chance, von ihrem Brustkrebs geheilt zu werden – nicht zuletzt durch die Kraft der nuklearen Diagnose- und Behandlungsmethoden.

Atomprotest

Eine kurze Geschichte der Anti-Atomkraft-Bewegung in Österreich

Mit dem Widerstand gegen das Atomkraftwerk Zwentendorf begann in Österreich eine beispiellose Bewegung des zivilen Ungehorsams, die über die Grenzen hinausreichte: Eine Aktivistin erinnert sich.

Von Leslie Keferstein

„Wir wollen kein Atomkraftwerk, dem muss sich Kreisky beugen“, schallt es am 26. Oktober 1977 über den Ballhausplatz: Die Inbetriebnahme des Atomkraftwerks Zwentendorf im niederösterreichischen Tullnerfeld soll verhindert werden. Bundesweit finden Protestkundgebungen statt. Mittendrin: Hildegard Breiner, Atomkraftgegnerin der ersten Stunde. Neun Jahre später protestiert die Vorarlbergerin in Bayern unter widrigen Umständen gegen die Errichtungspläne der Wiederaufarbeitungsanlage in Wackersdorf: In beiden Fällen sollte die Umweltaktivistin erfolgreich sein. Eine kurze Geschichte des zivilen Ungehorsams.

Vor dem Hintergrund der Atombombenabwürfe über Hiroshima und Nagasaki, des Endes des Zweiten Weltkriegs und der zunehmenden Spannungen zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion begann in den 1950er- und 1960er-Jahren der Siegeszug der sogenannten friedlichen Nutzung der Atomenergie. Auch Österreich sollten die scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten der Kernenergie eine „strahlende Zukunft“ bescheren, wie das Nachrichtenmagazin „Profil“ 1974 titelte. Den Bau des ersten österreichischen Atomkraftwerks im niederösterreichischen Tullnerfeld bei Zwentendorf plante bereits die ÖVP-Alleinregierung unter Josef Klaus 1969. Der endgültige Baubeschluss sollte zwei Jahre und eine Nationalratswahl später, am 22. März 1971, unter Bundeskanzler Bruno Kreisky (SPÖ) gefällt werden.

Von der Schutzkleidung bis zu den Brennstäben wartete nach Beendigung der Bauarbeiten 1978 alles auf die Inbetriebnahme des Prestigeprojekts der Regierung Kreisky. Bedenken gegen die strahlende Zukunft Österreichs gab es seitens des Establishments kaum. Kritiker der Atomkraft galten als Feinde des Fortschritts, als „Lausbuben“, wie Kreisky die Aktivisten betitelte. Bereits ein halbes Jahr vor dem tatsächlichen Baubeschluss des AKWs organisierte eine Gruppe von Umweltschützern und Wissenschaftlern eine erste Fahrt zum Baugelände in Zwentendorf an der Donau. Die kleine Ansammlung von Atomkraftgegnern sollte sich bis zur Volksabstimmung über die Inbetriebnahme des AKWs Zwentendorf vertausendfachen und weit über die Grenzen Österreichs hinaus agieren.

Lausdirndln und -buben gegen Atomkraft

Der Widerstand der österreichischen Bevölkerung in der ersten Hälfte der 1970er-Jahre war anfänglich vor allem lokal begrenzt: Die Pläne, welche die Regierung unter Kreisky für den Bau eines weiteren AKWs in St. Pantaleon vorlegte, provozierten Proteste rund um den geplanten Bauplatz. Nach Bekanntwerden von Überlegungen zu einem Atommüllendlager im Waldviertel wehrten sich auch dort die Anwohner. In Vorarlberg demonstrierten Tausende auf dem Marktplatz in Feldkirch gegen das AKW Rüthi, gleich hinter der Schweizer Grenze. Unter den Demonstrierenden befand sich auch die heute 84-jährige Vorarlbergerin Hildegard Breiner. Vom Widerstand war sie wie elektrisiert, als Kind der Nachkriegszeit entzückt über Demokratiemomente wie diesen. Zusammen mit ihrem Mann, Franz Viktor, und einem Kreis von Mitstreitern sammelte sie Tausende Unterschriften, immer mit dem Anti-Atomkraft-Button am Revers und oft mit Freundin Maria Summer an ihrer Seite.

Hildegard und Franzviktor Breiner um 1980
Hildegard und Franzviktor Breiner um 1980(c) Hildegard Breiner

Die Aktionen der Atomkraftgegner waren mitunter fantasievoll, auch wegen der fehlenden Finanzierung. Sie reichten von Blaskapellenaufmärschen bis zu einem dreitägigen Hungerstreik vor dem Bundeskanzleramt, welcher mit dem, wohlgemerkt nicht eingelösten, Versprechen seitens der Regierung endete, sich des Anliegens der Frauen anzunehmen. Letztere Protestaktion wurde mitangezettelt von Summer, die Breiner als eine kleine, zarte, aber ungemein energievolle Person in Erinnerung geblieben ist.

Sowohl privat als auch geschäftlich blieben Breiner und ihr Mann immer im Protestmodus: Auch bei wichtigen Geschäftstreffen, sie führten ein kleines Unternehmen in der Maschinenbau- und Handelsbranche, trugen die Breiners den Anti-Atomkraft-Button am Revers. Nie hätten sie ihre Meinung beim Portier abgelegt, vielmehr nahmen sie jede Gelegenheit wahr, ihre Mitmenschen über die Gefahren der Atomkraft aufzuklären. Zusammen vervielfältigten sie 1978, kurz vor der Volksabstimmung über die Inbetriebnahme des AKWs Zwentendorf, einen Artikel aus dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ über die schwerwiegenden Folgen der Atomkraft. Versehen mit einem Randkommentar schickten sie die Kopien tausendfach an die Wiener Hochschülerschaft „zum Zwecke der Verbreitung und Aufklärung“.

Zwentendorf Koblacher Musikverein beim Sternmarsch 12.6.1977 Tulln-Zwentendorf
Zwentendorf Koblacher Musikverein beim Sternmarsch 12.6.1977 Tulln-Zwentendorf(c) Hildegard Breiner

Mit der Initiative Österreichischer Atomkraftgegner, kurz IÖAG, formierte sich der Widerstand in der ersten Hälfte des Jahres 1976 zu einer bundesweiten Bewegung mit zentralen Anliegen: keine Inbetriebnahme des AKWs Zwentendorf, keine Atomkraftwerke in Österreich und keine Atommülllagerung an österreichischen Grenzen. Die bundesweite Informationskampagne „Kernenergie“ der Regierung Kreisky im Herbst erwies sich als weiterer Zündstoff für den Widerstand.

Die PR-Aktion wurde zur Plattform der aufgeklärten Demonstranten. Bei einer Großveranstaltung in Feldkirch stand Breiner auf, meldete sich zu Wort, argumentierte gegen die Männer, die vor ihr auf dem Podium saßen und ihr erzählten, dass Atomkraft keine Gefahr darstelle. Sie blieb sachlich, bis sich einer der Abgesandten Kreiskys vorbeugte und sie mit dem Satz „Na, gnä’ Frau, wollen S' Ihre Wäsch vielleicht dann weiter am Bach waschen?“ vor Wut innerlich zum Kochen brachte. Sie schwieg in diesem Moment, doch noch heute ist sie fassungslos, wenn sie an den Hochmut dieses Mannes denkt.

Nein zu Zwentendorf

Im Laufe des Jahres 1977 entstanden mehrere bundesweite Protestaktionen. Die Protestfahrt, auch Sternenfahrt genannt, am 12. Juni und die Demonstration auf dem Ballhausplatz am Nationalfeiertag, welche die berühmte Aussage Kreiskys provozierte, „Ich habe es nicht notwendig, mich von ein paar Lausbuben so behandeln zu lassen“, riefen ein breites Medienecho hervor. Die Proteste der „Lausbuben“ färbten auf die Parteipolitik ab, FPÖ und ÖVP traten gegen die Kernenergie auf, ein gemeinsamer Parlamentsbeschluss für die Inbetriebnahme des Kernkraftwerks vor dem Sommer 1978 war demnach nicht mehr zu erreichen.

Die erste bundesweite Volksabstimmung in der Zweiten Republik wurde ausgerufen: Bei einer Beteiligung von 64,1 Prozent der stimmberechtigten Bürger Österreichs votierten rund 50,5 Prozent gegen die Inbetriebnahme des AKWs Zwentendorf. Im besonders widerständischen Vorarlberg lag die Quote bei 84 Prozent. Noch im Dezember wurde im Nationalrat einstimmig das Atomsperrgesetz beschlossen. Ein Gesetz, das bis heute die Nutzung von Kernkraft zur Energiegewinnung und den Bau von dazu benötigten Anlagen verbietet und die Einstellung der Österreicher zu dem Thema Atomkraft maßgeblich prägte. Das Ende der Proteste markierte dieser Sieg für die überzeugte Aktivistin Breiner jedoch noch lang nicht.

Tradition des zivilen Ungehorsams

Hatte die Anti-Atomkraft-Bewegung ihren Zenit eigentlich mit Ende der 1970er-Jahre erreicht, entfachte die Nuklearkatastrophe in Tschernobyl am 26. April 1986 in Reaktorblock 4, nahe der ukrainischen Stadt Prypjat, erneut den Widerstand.

Vier Wochen nach der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl kam es zur „Pfingstschlacht von Wackersdorf“, einer der gewalttätigsten Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und der Staatsgewalt in der Geschichte der Anti-Atomkraft-Bewegung. Schauplatz und Protestgrund: die Wiederaufarbeitungsanlage (WAA) im bayrischen Wackersdorf, weniger als 300 Kilometer Luftlinie von Vorarlberg entfernt. „Die Stimmung der Vorarlberger war aufgeheizt, nirgendwo sonst wusste man so viel über Atomkraft“, beschreibt Hildegard Breiner im Gespräch mit der „Presse“ diese Tage.

Sie selbst sieht sich als „Stachel im Fleisch“, für die Vorarlbergerin ist der anfängliche Widerstand aus Notwehr bereits eine Tradition des zivilen Ungehorsams geworden. Mit ihrem Mann organisierte sie ab 1986 Fahrten zu dem Baugelände der WAA in Bayern. Die Protestfahrten begannen für die Österreicherin und ihre Mitstreiter um sechs Uhr in der Früh, bedeuteten insgesamt acht Stunden Autofahrt, stundenlange Grenzkontrollen und kilometerlange Fußmärsche durch den Taxöldener Forst, hin zum Bauzaun der WAA.

Als Breiner mit ihrem Mann und einer kleinen Truppe Vorarlberger, Oberösterreicher und Salzburger am Pfingstwochenende 1986 auf dem Baugelände ankam, fand sie Zustände vor, die nichts mit den friedlichen Protestzügen in Österreich gemein hatten. Die bayrischen Behörden hatten die Situation falsch eingeschätzt, einer völlig überforderten Exekutive standen Zehntausende Demonstranten gegenüber. Tieffliegende Helikopter warfen Reizgas-Kartuschen ab, mit Wasserwerfern wurden die Demonstranten auseinandergetrieben: „Es war wie im Krieg“, sagt Breiner und erzählt von Polizisten hinter dem Bauzaun, die aus den Toren der WAA mit Knüppeln und Schilden in die Menge der Demonstranten drängten.

Ein Schauspiel, das sich wie in einer Zeitschleife wiederholte: Keine der beiden Parteien wollte zurückweichen. „Ich konnte am Ende weder klar sehen, noch richtig sprechen“, schildert Breiner. Sie sollte noch auf dem Protestgelände von einem Studenten aus Regensburg mit einer aus Papier gebastelten Rotkreuzbinde am Oberarm versorgt werden. Die jungen Leute schätzten das Engagement der damals schon über 50-jährigen Breiner, die von vielen Momenten der Solidarität und Freundschaft in dieser bewegten Zeit zu berichten weiß.

Die Pfingstschlacht beim Wackersdorfer Bauzaun 1985 mit Hildegard und Franzviktor Breiner(c) Hildegard Breiner

Hildegard Breiner sollte nach der Pfingstschlacht von Wackersdorf noch 16-mal die Autofahrten, Grenzkontrollen und Fußmärsche zum Bauzaun auf sich nehmen, bis im April 1989 der Baustopp der Wiederaufarbeitungsanlage verkündet wurde. Nach Wackersdorf, Ende der 1990er-Jahre, engagierte sie sich unter anderem gegen das heute aktive Kernkraftwerk Temelín in Tschechien, gegen Endlagerprobebohrungen und Leistungserhöhungen der Schweizer AKW und gegen das ebenso noch aktive Atomkraftwerk in Gundremmingen, Deutschland. Bei Vorträgen in Schulklassen erzählt die 84-Jährige noch heute die Geschichte ihres Widerstandes und erinnert damit an die „Notwendigkeit des zivilen Ungehorsams“. Immer mit dabei: ihr Anti-Atomkraft-Button, ein Stück des massiven Nato-Drahts von dem Bauzaun in Wackersdorf und ein altgedientes Transparent, zum ersten Mal im Einsatz bei den Protesten in Zwentendorf, mit der Aufschrift „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“.

Heute ist Hildegard Breiner Obfrau des Naturschutzbunds Vorarlberg und Vizepräsidentin des Naturschutzbunds Österreich. Sie erhielt für ihr herausragendes Engagement unter anderem das Silberne Ehrenzeichen des Landes Vorarlberg und den Nuclear-Free Future Award in der Kategorie Lebenswerk. Seit Beginn ihres Widerstandes setzt sie sich für die Nutzung von erneuerbaren Energien ein und steht zu diesem Thema im ständigen Austausch mit dem Land Vorarlberg.

Ausdemonstriert?

Wer denkt heute noch an Atomprotest?

Die Anti-Atom-Bewegung in Österreich stirbt aus. Sagt wer? Die Alten. Haben sie recht? Porträt einer der erfolgreichsten sozialen Bewegungen Österreichs.

Von Eva Rottensteiner

Es ist ein Plakat, das Heinz Stockinger im März 1977 am Eingang des damaligen Salzburger Stadtkinos unweit des Hauses der Natur ins Auge sticht, während er über den gepflasterten Anton-Neumayr-Platz spaziert. Was genau darauf stand, daran kann er sich heute nicht mehr erinnern. Doch es hat ihn dazu bewegt, ins niederösterreichische Zwentendorf mitzufahren und sich dort den Protesten gegen das AKW anzuschließen. Dass er die Proteste von da an mitorganisieren würde und bis heute aktiv für eine atomkraftfreie Zukunft kämpft, hätte sich der mittlerweile pensionierte Französisch- und Frankreichkunde-Hochschullehrer wohl nicht gedacht.

Damals lag es im Geist der Zeit, sich politisch zu engagieren. Heute ist Stockinger Obmann und Sprecher der Salzburger „Plattform gegen Atomgefahren – Für neue Energien", kurz Plage, einer Organisation gegen Atomkraft, die sich schon seit dem Widerstand im bayerischen Wackersdorf engagiert. Bei dem Protest gegen den Bau einer Wiederaufarbeitungsanlage haben sich hauptsächlich österreichische Anti-Atom-Gegner engagiert.  

Politischer Konsens ist das Erbe von Zwentendorf

Die Plage steht für eine Reihe von Organisationen, die sich dem Kampf gegen Atomkraft verschworen hat. Es sind die Anti-Atom-Aktivisten der ersten Stunde, die in Zwentendorf auf die Barrikaden gegangen sind und denen Tschernobyl, also die Explosion eines Reaktorblocks und die damit verbundene Freisetzung radioaktiven Materials in der heutigen Ukraine, noch tief in den Knochen sitzt. Auf die Barrikaden gehen diese Gruppen inzwischen kaum noch. Sie machen Bildungsarbeit, halten Vorträge, organisieren Petitionen und lobbyieren bei regionalen und überregionalen Politikern. Seit Zwentendorf ist es zum gesellschaftlichen und politischen Mainstream geworden, gegen Atomkraft zu sein. Konsens darüber, dass Österreich keine Atomkraftwerke haben soll, ist wohl das Höchste, was die Protestbewegung erreichen konnte.

Heinz Stockinger und eine weitere Aktivistin in Hungerstreik im September 1988 vor der Wiener Hofburg. Grund ist die Jahrestagung der IAEO zweieinhalb Jahre nach der Katastrophe in Tschernobyl.
Heinz Stockinger und eine weitere Aktivistin in Hungerstreik im September 1988 vor der Wiener Hofburg. Grund ist die Jahrestagung der IAEO zweieinhalb Jahre nach der Katastrophe in Tschernobyl.(c) Kirchenzeitung Salzburg

Und sie ist noch aktiv. Ihr Widerstand hat sich institutionalisiert. Die meisten Anti-Atom-Aktivisten können sich sogar bezahlt engagieren. „Österreich ist das einzige Land ohne Atomkraft, in dem sich ein solcher Widerstand am Leben erhalten hat. Das ist in Portugal nicht der Fall, in Griechenland nicht, auch in Italien nicht“, sagt Stockinger. Das liegt auch an den ständigen Störfällen in den Nachbarländern, die wie tickende Zeitbomben bedrohlich auf das Sicherheitsgefühl drücken. Von einer Bewegung will er trotzdem nicht mehr sprechen. Seine Mitstreiter des Österreichischen Netzwerks Atomkraftfrei (ÖNA) altern. Junge Menschen lassen sich nur fallweise mobilisieren.

Das könnte mehrere Gründe haben: Zum einen sei die Plage eher eine „Stubenpartie“ geworden und Demos seien einfach erfrischender für junge Menschen. Weil Atomkraft innerhalb der Grenzen ohnehin nicht mehr zur Debatte stehe, würden viele die Dringlichkeit des Themas nicht sehen. Dazu kommt laut Stockinger auch ein Grünwaschen der Atomkraft bei der heutigen technikaffinen Jugend. Außerdem seien wohl die sozialen Anliegen zahlreicher geworden.

Manchmal sind andere Themen brennender

Joschka Brangs ist einer der Aktivisten, die fallweise Aktionen gegen Atomkraft organisieren. Seit seinem Umweltkulturpraktikum engagiert er sich bei der Umwelt-NGO Global 2000, auch gegen Atomkraft. Deshalb hat er auch 2019 mit anderen Aktivisten das Büro von Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) geflutet. Nicht mit Wasser, sondern mit Postkarten, mit der Aufforderung, gegen das slowakische AKW Mochovce 3 vorzugehen, das nur 150 Kilometer von Wien entfernt in Betrieb gehen sollte. Außerdem hat er gemeinsam mit anderen Aktivisten die slowakische Botschaft in Wien blockiert. Ausgestattet mit Gasmasken und Schutzanzügen haben sie sich in einer Betonröhre verhakt und so den Eingang versperrt. Ziel war ein Gespräch mit dem Botschafter, was ihnen schließlich auch gelang. Über Mochovce wird heute noch verhandelt, in Betrieb gehen wird es aber wohl nicht mehr.

Joschka Brangs mit anderen Global 2000 - Aktivisten vor der slowakischen Mochovze
Joschka Brangs mit anderen Global 2000 - Aktivisten vor der slowakischen MochovzeGLOBAL 2000 / Christopher Glanzl

Und nein, Brangs ist kein alter Zwentendorfer. Als Teil der Anti-Atom-Bewegung zählt er sich trotzdem, auch wenn sich nicht jede seiner Aktionen um die Atomenergie dreht. Mochovce ist ein Beispiel für eine phasenweise Mobilisierung gegen Atomkraft. Nach den Aktionen ist es wieder ruhiger um die Atomkraft geworden. Brangs findet das nicht problematisch. „Manchmal sind einige Themen brennender als andere“, sagt er. Kampagnenorientierte Mobilisierung funktioniere zuverlässig, gerade weil es hierzulande einen Konsens über Atomkraft gebe. Außerdem unterscheiden die Umweltaktivisten, die sich Global 2000 in den vergangenen Jahren angeschlossen haben, nicht so stark, für welches Thema sie kämpfen: Antiplastik, Klima, Umweltschutz, Anti-Atom – das alles ist auf ihrer Agenda. Wichtig ist ihnen, die soziale Frage mitzudenken und den Klimakampf intersektional anzugehen.

Generationenübergreifendes Lernen

Brangs würde sich wünschen, dass Alt und Jung mehr zusammenarbeiten. Im Haus funktioniere das mit der Stelle für Atomkraft schon ganz gut, meint er. Unter den Aktivisten laufe es aber doch noch mehr auseinander. „Wir müssen nicht dauernd das Rad neu erfinden. Gerade von den älteren Anti-Atom-Aktivisten könnten wir lernen, wie man 40 Jahre Widerstand aufrechterhält“, sagt Brangs. Johanna Nekowitsch sieht das genauso. Die pensionierte Lehrerin ist eine der Frauen hinter der Wiener Plattform Atomkraftfrei, die nur aus weiblichen Mitgliedern besteht.

2008 hat sie gemeinsam mit ihren Mitstreiterinnen und Greenpeace den Eingang der Erste-Bank-Zentrale am Wiener Graben zugemauert. Letztlich hat sich die Erste Bank dann aus der Mitfinanzierung zweier neuer Reaktoren in Mochovce zurückgezogen. Auch Nekowitsch ist überzeugt, dass die Generationen voneinander lernen können. Gerade was die Technik und den Online-Aktivismus angehe, könnte ein Austausch mit den jüngeren Aktivisten nicht schaden. Ein Solidarisieren mit anderen Bewegungen ist Nekowitsch sehr wichtig. Am jährlichen Gedenktag des Atombombenabwurfs auf die japanische Stadt Hiroshima im Zuge des Zweiten Weltkrieges, dem 6. August, haben sie einen Stand bei der Gedenkfeier der Friedensbewegung im ersten Wiener Gemeindebezirk. Und auch bei den „Fridays for Future“-Protesten, die sich für den Klimaschutz einsetzen, sind sie mit dabei. Die Plattform ist gut vernetzt.

Nekowitsch bemängelt, dass der Plattform der Nachwuchs fehlt. „Es ist verständlich, dass die Jungen nicht mit uns am Sitzungstisch sitzen wollen. Wir wollen herausfinden, was sie brauchen würden, um sich uns anzuschließen“, erzählt sie. Ihr bereitet es Sorgen, dass sich gerade junge Männer laut einer Umfrage der oberösterreichischen Organisation Atom-Stop im Zeitraum März 2020 nicht gut über Atomkraft informiert fühlen und Atomkraft auch nicht abgeneigt sind. An der Studie haben 892 Menschen zwischen 16 und 70 Jahren teilgenommen.

Die Frauen der Wiener Plattform Atomkraftfrei boykottieren gemeinsam mit Greenpeace-Aktivisten eine Erste Bank Filiale in Wien.
Die Frauen der Wiener Plattform Atomkraftfrei boykottieren gemeinsam mit Greenpeace-Aktivisten eine Erste Bank Filiale in Wien.(c) Wiener Plattform Atomkraftfrei

Atomkraft werde heute von der Atomlobby als CO2-neutrale und klimafreundliche Energiegewinnung verkauft. Es brauche mehr Berichterstattung und mehr Bildungsarbeit über aktuelle Themen wie die Endlagerdebatte. Diese Themen beträfen schließlich auch die Zukunft der jungen Generation. Die Plattform möchte deshalb ihre Bildungsarbeit ausbauen, um mehr für aktuelle Anti-Atom-Kämpfe zu sensibilisieren.

Anti-Atom-Kampf muss global gedacht werden

Auch Manfred Doppler sorgt sich um die nachkommenden Generationen: „Wer gibt einem das Recht, ein Loch zu graben und dort Atommüll zu lagern? Wir wissen ja nicht einmal, ob es Länder wie Österreich oder Tschechien in 300 Jahren überhaupt noch in der Form geben wird. Wer übernimmt dann die Kosten und die Verantwortung dafür?“ Als Leiter des oberösterreichischen Anti-Atom-Komitees übernimmt er viel Bildungsarbeit an den Schulen.

Manfred Doppler hat die spontanen Blockaden an der tschechischen Grenze in Wullowitz dokumentiert, die sich gegen das Kraftwerk Temelín richteten.
Manfred Doppler hat die spontanen Blockaden an der tschechischen Grenze in Wullowitz dokumentiert, die sich gegen das Kraftwerk Temelín richteten.(c) Manfred Doppler

Ende der 1990er-Jahre hat Doppler zusammen mit oberösterreichischen Bauern auf Traktoren die tschechischen Grenzen blockiert. Grund für diese spontane Offensive war das Kernkraftwerk Temelín, das größte in Tschechien, welches immer wieder mit Störfällen auf sich aufmerksam gemacht hatte. Anders als bei Protesten üblich, haben die Landespolitiker und sogar die Polizei damals die Grenzblockaden zugelassen. „Das zeigt, wie stark der österreichische Konsens gegen Atomkraft ist“, findet er.

Auch wenn die Zeiten der Grenzblockaden vorbei sind, der Kampf gegen Atomkraft ist es noch lang nicht. Die Atomlobby sei noch immer stark, und gerade auf EU-Ebene gebe es mit dem Euratom-Vertrag, der Atomkraft und deren Finanzierung in Europa verankert, noch viel zu tun. Deshalb arbeitet das Anti-Atom-Komitee gemeinsam mit 80 weiteren NGOs in ganz Europa an einer Online-Plattform, die den internationalen Austausch von Anti-Atom-Aktivisten fördern und auf der über Energie-Alternativen diskutiert werden soll. Auch das ist eine wichtige Säule der Anti-Atom-Bewegung. Doppler glaubt an eine internationale Lösung: „Es gibt keinen tschechischen oder französischen Klimawandel, nur einen globalen.“ Ressourcenschonende und nachhaltige Energiegewinnung ist ein zentrales Element der heutigen Klimadebatten.

Der Austausch mit den Älteren fehlt

Auch Greta Thunberg, die 18-jährige schwedische Klima-Aktivistin und Initiatorin der globalen Umweltbewegung „Fridays for Future“(FFF), hat sich 2019 gegen Atomkraft ausgesprochen. Anna Khoudokormova, ebenfalls 18 Jahre alt, teilt diese Meinung. Eine Zukunft mit Atomkraft gehört nicht in ihre Vision einer Klimagerechtigkeit. Khoudokormova macht die politische Arbeit bei Fridays for Future Wien und organisiert die Klimademonstrationen der globalen Bewegung in Wien, immer dann, wenn die FFF wieder eine weltweite Demo ausruft. Atomkraft ist bei FFF zwar nicht Hauptthema, aber schließt es nicht aus. „Wir wollen hinaus aus allen alten Formen der fossilen Energiegewinnung, auch aus Atomkraft. Wir fordern eine Energiewende, jetzt“, sagt sie.

Anna Khoudokormova hält regelmäßig Ansprachen auf den Wiener Fridays-For-Future Protesten, die sie auch mitorganisiert.
Anna Khoudokormova hält regelmäßig Ansprachen auf den Wiener Fridays-For-Future Protesten, die sie auch mitorganisiert.Fridays For Future Wien

Khoudokormova versteht, wenn die ältere Generation die Jüngeren kritisiert, dass sie sich nicht genug für das Thema starkmachen. „Das ist ein bisschen wie mit dem Krieg: Wir lernen das zwar in der Schule, können es uns aber gar nicht so vorstellen, weil wir nicht direkt betroffen waren“, sagt sie. Auch sie würde sich mehr Austausch mit den älteren Aktivisten wünschen. FFF arbeitet zwar anders, vor allem digitaler, und ist globaler über soziale Medien vernetzt, doch würde die Bewegung auch die Älteren brauchen, um ihr Schülerimage loszuwerden. „Ältere Menschen loben zwar oft unsere Aktionen, sagen dann aber, sie seien schon zu alt, um sich hier zu engagieren“, erzählt Khoudokormova.

Diversität und Zusammenarbeit seien wichtige Anliegen der Klimabewegung. Khoudokormova glaubt an einen breiteren Ansatz, der vereinen soll, anstelle von Generationenkonflikten. Die Wende müsse eine globale sein und eine generationen- und schichtübergreifende. Es scheint so, als gäbe es genug junge Menschen, die auch in Zukunft für ein AKW-freies Österreich aufstehen. Nur hat sich die Art des Widerstands verändert. Aus dieser Perspektive ist die Anti-Atom-Bewegung gar nicht so tot, wie sie manche bezeichnen würden. Sie hat sich vielleicht einfach weiterentwickelt.

Endlagerung

Atomares Endlager – ein Haus ohne Toilette

Weltweit warten Zehntausende Tonnen hochradioaktiver Abfälle seit Jahrzehnten darauf, sicher eingelagert zu werden. Frankreich glaubt nun, eine langfristige Lösung gefunden zu haben.

Von Valerie Heine

Wir schreiben das Jahr 2040. Seit zehn Jahren ist das Projekt „Cigéo“ nun in Betrieb. Zweimal pro Woche bringen mehrere Schwertransporte tonnenweise Nachschub nach Bure, einer kleinen Stadt im Nordosten Frankreichs, wo das Material in einer Tiefe von 500 Metern eingelagert wird. Der Ort gleicht seit der Inbetriebnahme des Lagers einer Geisterstadt. Die meisten Bewohner des ohnehin schon dünn besiedelten Gebiets sind längst umgezogen. Geflohen sind sie aber nicht etwa vor der Lärmbelästigung durch die Transporte, sondern vor der unsichtbaren Gefahr, die von ihnen ausgeht. Die Züge bringen über ein Jahrhundert hinweg drei Prozent des hochradioaktiven Abfalls Frankreichs nach Bure. Wie viel Strahlung beim Transport in die Umwelt abgegeben wird, weiß niemand so genau. Wie hoch der Schaden für die Umgebung wäre, sollte bei der Lagerung radioaktives Material aus den gelben Tonnen austreten und ins Grundwasser gelangen, will sich niemand ausmalen. „Cigéo“ ist die Endstation für die Schattenseite der Forschung – hier liegt eines der ersten atomaren Endlager der Welt.

So oder so ähnlich könnte die Zukunft von Bure aussehen, sollte die französische Regierung ihr Vorhaben bis 2025 durchsetzen. Frankreich ist bekannt für seine Mode, die „Joie de vivre“ und gutes Essen – gemeinhin also für die schönen Dinge des Lebens. Die Atomenergie hat hier aber länger Tradition als die Beleuchtung des Eiffelturms. Bereits 1956 wurde das erste französische Atomkraftwerk in Betrieb genommen. Mit 56 an der Zahl hat kein anderes Land mehr AKW pro Kopf und nutzt Atomenergie in einem derart hohen Maß wie die Grande Nation.

Wer so viel radioaktiven Abfall produziert, muss diesen auch wieder loswerden. Bis dato gibt es aber noch keine Antwort darauf, was mit den 1,3 Kubikmetern Atommüll auf Dauer passieren soll. Weltweit ist bis heute kein einziges Endlager für hochradioaktive Abfälle in Betrieb. Die Gefahr eines Lecks ist nach derzeitigem Forschungsstand noch zu hoch. Zurzeit werden radioaktive Materialien wie verbrauchte Brennstäbe nur zwischengelagert, bis die Wissenschaft langfristige Alternativen findet, die eine sichere Verwahrung garantieren.

Eine interaktive Karte aller atomaren Lager in Europa:

Ein Fass ohne Boden

Frankreich glaubt für das Problem nun eine Lösung gefunden zu haben, die unter Experten umstritten ist. Der Atommüll soll für die nächsten 100.000 Jahre in Ton versenkt werden. Dabei hat die Regierung ihre Rechnung aber ohne ihre Bürger gemacht. Denn ein kleines französisches Dorf hört nicht auf, gegen das Vorhaben Widerstand zu leisten. Unweit der deutschen Grenze liegt der Ort Bure. Hier soll bis 2025 das Endlager Cigéo entstehen, das bis zu 80.000 Kubikmeter hochradioaktiven Abfalls beherbergen kann. Die Folgen, die ein solches Projekt auf zukünftige Generationen haben wird, sind aus heutiger Sicht unmöglich abzuschätzen. Während die Betreiberfirma des Projekts die Sicherheit der Lagerung beteuert, weil die Feuchtigkeit im Ton sehr langsam voranschreitet, sehen Experten genau diese Beschaffenheit des Bodens als Gefahrenquelle an.

Die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEA) sieht das weniger kritisch. Bei den Entsorgungsoptionen von radioaktivem Abfall komme es auf „Unterschiede in den Eigenschaften der verschiedenen Abfallarten, die Besonderheiten der nationalen Gesetzgebung und geologische Unterschiede an“.

Seit der Jahrtausendwende untersucht die französische Atomgesellschaft den Standort Bure auf seine Eignung. Für den Standort spricht die Abgeschiedenheit und dünne Besiedelung des Gebietes – Faktoren, die die Risken bei einem Zwischenfall verringern könnten. Die 84 Einwohner der Gemeinde wollen sich das aber nicht gefallen lassen. Gemeinsam mit Umweltschützern aus den angrenzenden Nachbarländern protestieren sie seit Jahren gegen das Vorhaben. Immer wieder kommt es zu Ausschreitungen, die nur mithilfe vor Ort stationierter Polizeibeamter in Schach gehalten werden können.

In einer Petition fordern Atomgegner, dass der radioaktive Abfall stattdessen dort eingelagert werden soll, wo er herkommt – in Atombunkern nahe den Reaktoren, in denen er produziert wird. Die Behörden stehen vor einem Interessenkonflikt, für den es schlichtweg keine Lösung geben kann, die alle Parteien zufriedenstellt. Denn niemand will das hochradioaktive Material vor seiner eigenen Haustüre.

Mehrere Schwertransporte pro Woche sollen ab 2025 rund 80.000 Tonnen hochradioaktiven Müll nach Bure bringen.
Mehrere Schwertransporte pro Woche sollen ab 2025 rund 80.000 Tonnen hochradioaktiven Müll nach Bure bringen.© Maximilian Flores/Unsplash

Ernüchternde Ausblicke

Reinhard Uhrig, Leiter der politischen Abteilung und der Presseabteilung von Global 2000, vergleicht die atomare Endlagerung nach einem japanischen Sprichwort mit einem Haus ohne Toilette. „Derzeit gibt es noch kein einziges funktionierendes Atommüllendlager für hochradioaktiven Müll – und das über 60 Jahre nach Beginn der kommerziellen Nutzung der Atomkraft“, sagt der Experte. Der Schritt hin zur Atomkraft war eine Entscheidung, die die Zukunft der Menschheit auf Hunderttausende Jahre beeinflussen wird. Durch einen Ausstieg aus der Atomenergie können zwar zukünftige Katastrophen verhindert werden, das Problem der Endlagerung ist damit aber noch immer nicht gelöst. Gibt es also keinen Ausweg aus der Misere?

Fakt ist, einen Weg zurück gibt es jedenfalls nicht. Zum jetzigen Zeitpunkt gilt es vor allem Schadensbegrenzung zu betreiben, Verantwortung zu übernehmen und für die Zukunft zu lernen. Die meisten betroffenen Länder arbeiten seit Jahren daran, Lösungen für die Entsorgung des Atommülls der vergangenen 50 Jahre zu finden. Die Ansätze sind dabei aber sehr unterschiedlich. Während in Finnland etwa auch an einem viel kritisierten Endlager in Küstennähe gefeilt wird, beschäftigen sich Anti-Atom-Nationen wie Österreich weniger intensiv mit der Entsorgung ihres schwachradioaktiven Abfalls aus Forschung und Medizin und erhalten dafür Abmahnungen von der EU. Immer wieder tauchen Lösungsvorschläge wie die Entsorgung im All oder Ozean auf, die von Experten wieder zerschlagen werden. Während die Zeit drängt und der politische Druck steigt, werden die Alternativen zum klassischen Endlager immer weniger.

Die beiden Lager Cigéo in Frankreich und Onkalo in Finnland sollen in den nächsten Jahren in Betrieb genommen werden – mit oder ohne Zustimmung der Anrainer.

Atommüll: „Deckel drauf und gut ist?“

Die EU hat Österreich abgemahnt, weil kein nationales Programm für die Entsorgung radioaktiver Abfälle vorliegt. Doch inwieweit ist ein solches hierzulande überhaupt notwendig, etwa für radioaktives Material aus dem Forschungsbereich?

Von Valerie Heine

Im Jahr 2016 wurden gegen sechs EU-Mitgliedstaaten – darunter Österreich – Vertragsverletzungsverfahren wegen verspäteter, nicht transparenter oder unvollständiger Umsetzung der Atommüll-Richtlinie der EU eingeleitet. Nachdem Österreich im November 2020 weiterhin säumig in der Umsetzung war, folgte ein weiteres Abmahnungsschreiben aus Brüssel. Laut Entwurf des Nationalen Entsorgungsprogramms handelt es sich um mehrere Tausend Kubikmeter schwach- und mittelradioaktiven Mülls aus Medizin und Forschung, der laut Plan bis zu 300 Jahre zu lagern ist. Ein scheinbar geringer Anteil im Vergleich zu Ländern wie Frankreich, in denen Lager mit bis zu 240.000 Jahren Standsicherheit gesucht werden. Für diese Zeitspanne droht nämlich im Falle eines Lagerungsfehlers von hochradioaktivem Abfall aus Kernkraftwerken eine Verstrahlung der Umwelt. Reinhard Uhrig von Global 2000 erklärt im Interview mit der „Presse“, warum auch Österreich als Anti-Atomkraft-Nation Verantwortung trägt.

Die Presse: Wie sieht der längerfristige Plan für die weltweite Endlagerung von Atommüll aus? Gibt es einen solchen überhaupt?

Reinhard Uhrig: Am weitesten in den technischen Bemühungen ist derzeit Finnland mit dem Projekt des Atommüll-Endlagers Onkalo am Reaktor-Standort Olkiluoto, das nach mehreren Verzögerungen in den nächsten Jahren fertiggestellt sein soll. Dort soll in Kupferkanistern unterirdisch Atommüll eingelagert werden. Probleme für die lange Standzeit sind hierbei die Geologie, die Möglichkeit von Plattentektonik, das Eindringen von Wasser und auch die Korrosion der Kupferkanister, die bei einem vergleichbaren Projekt in Schweden festgestellt wurde. Ein guter Film zu diesem Projekt ist „Into Eternity“, der die Erbauer des Lagers zu Wort kommen lässt – die mit der Reflexion immer unsicherer werden über die dauerhafte Sicherheit bzw. auch über die Möglichkeiten, künftige Generationen einerseits vor dem Müll zu warnen, andererseits nicht eine Attraktion für Terroristen zu schaffen.

Atomenergie hinterlässt Spuren – wohin mit dem radioaktiven Abfall?
Atomenergie hinterlässt Spuren – wohin mit dem radioaktiven Abfall?© Dan Meyers/Unsplash

Wie realistisch ist die Gefahr von Endlagern in Grenznähe?

Leider über wasserführende Schichten sehr realistisch. Ein Muster-Katastrophen-Beispiel hierzu ist das deutsche Lager Asse II, in dem seit den 1960er-Jahren schwach- und mittelradioaktiver Müll zunehmend unkontrolliert eingelagert wurde und in dem 1988 erstmals der Einbruch von Salzlauge bemerkt wurde: 126.000 Fässer, teilweise falsch deklariert, mit einer Gesamt-Plutonium-Menge von rund 28 Kilogramm – Mikrogramm sind bereits krebserregend – liegen hier in der Lauge und müssen an die Oberfläche zurückgeholt werden, weil sie sonst die Grundwasserschichten weiträumig belasten könnten. Da aufgrund des Wassereinbruchs aber der Salzstock einzustürzen droht, gibt es noch kein Konzept für diese Rückholung.

Das Endlager Cigéo in Lothringen, Frankreich, soll 2030 in Betrieb genommen werden. Was geschieht mit den restlichen Tonnen 97 Prozent radioaktiven Abfalls aus der französischen Atomenergie, die dort nicht untergebracht werden können?

In Frankreich gibt es noch das Centre de stockage de La Manche. Es hält 520.000 Kubikmeter (Anm.: Das entspricht in etwa einem Würfel mit einer Kantenlänge von 80 Metern) hochradioaktiven Müll aus Wiederaufbereitung und AKW. Eine Untersuchungskommission stellte in den 1990er-Jahren fest, dass nicht nur niedrigradioaktiver Müll eingelagert wurde. 2006 wurde entdeckt, dass kontaminiertes Wasser in einen unterirdischen Aquifer (Anm.: Grundwasserleiter) austritt. Auch am Standort der Wiederaufbereitungsanlage La Hague befindet sich ein Zwischenlager für hochradioaktiven Müll.

Wie sähe aus Ihrer Sicht der richtige Umgang mit radioaktivem Abfall aus, und welche Maßnahmen trifft Global 2000, um diesen zu erreichen?

Fakt ist: Die Menschheit hat durch den dummen Irrweg Atomkraft um die 250.000 Tonnen hochradioaktiven Müll erzeugt, der dauerhaft für mindestens 240.000 Jahre sicher von Menschen, Tieren und Pflanzen ferngehalten werden muss. Diese Aufgabe wird also viele Generationen beschäftigen und zig Milliarden Euro verschlingen. Das früher propagierte Konzept „Deckel drauf und gut ist“, ist offenkundig gescheitert. Für die langen Standzeiten muss kontinuierliches Monitoring – zum Beispiel auf Wassereinbrüche und geologische Prozesse – erfolgen und dann die Rückholbarkeit gewährleistet werden. Das Konzept der sogenannten rolling stewardships ist hier sinnvoller: Gemeinden bekommen wie bei Sondermülldeponien die Aufgabe – und Honorierung –, auf diese hochgefährlichen Hinterlassenschaften aufzupassen, für immer. Von Atombefürwortern gern angeführte Konzepte zur Umwandlung von Atommüll (Anm.: in unschädliche oder wiederverwendbare Stoffe) stehen bereits seit Jahrzehnten in der Diskussion und sind stets gescheitert. Die sogenannte Transmutation ist mit riesigem technischen und finanziellen Aufwand zwar möglich, erzeugt jedoch sehr große Mengen ebenfalls problematischer Spaltprodukte, die zwar etwas weniger lange Halbwertszeiten haben, aber dennoch wesentlich mobiler und damit gefährlicher wären – also auch keine Lösung, nur eine Nebelgranate. Global 2000 bringt sich aktiv in die Atommüll-Diskussion in Österreich ein und drängt auf eine progressive Lösung für Österreich. Wir sind froh, dass nach langen Verzögerungen jetzt eine Expertenkommission durch das zuständige Ministerium eingesetzt werden soll. Weiters sind wir vernetzt mit den Protesten gegen falsche Endlagerkonzepte und haben zum Beispiel an den Protesten im deutschen Gorleben teilgenommen, aber auch mit unseren tschechischen Kollegen gegen die unverantwortlichen Pläne der derzeitigen Regierung protestiert, uns an den Bürgerbeteiligungsverfahren beteiligt und der Öffentlichkeit Stellungnahmen zur Verfügung gestellt.

Kernfusion

Wettlauf um die Kernfusion – und Österreich steckt mittendrin

Es tut sich etwas auf dem Gebiet der Kernfusionsforschung. Der Heilige Gral der Energieerzeugung ist – so scheint es – in den vergangenen Jahren um einiges nähergerückt. Vor allem der aktuelle Bau des gigantischen Fusionsreaktors Iter in Frankreich nährt die Hoffnungen auf eine Lösung der Energiefrage in der Zukunft. Mittendrin statt nur dabei sind Forschungsteams aus Österreich.

Von Michael Stadler und Florian Zsifkovics

Als Universitätsprofessor Friedrich Aumayr 2013 neuer Direktor des österreichischen Kernfusionsforschungsprogramms wurde, titelte die Technische Universität Wien (TU) auf ihrer Homepage: „Wir bauen eine Sonne!“ Diese Vision klingt absurd, ist in der Theorie aber genial. Durch die Verschmelzung von Wasserstoffatomen soll fast unerschöpflich viel Energie gewonnen werden – so wie es auch im Inneren der Sonne geschieht. Und das Ganze wäre möglich, ohne Treibhausgase in die Atmosphäre zu blasen, die Umwelt zu verschmutzen oder auf Jahrtausende strahlendem Müll sitzen zu bleiben.

Der TU Wien allein ist die Umsetzung der Simulation der Sonne mittels Atomfusionsreaktors jedoch einige Nummern zu groß. Für das, laut Aumayr, „gewaltigste Energieprojekt der Menschheitsgeschichte“ war und ist eine weltweite Zusammenarbeit zahlreicher Nationen nötig. Unter dem Namen Iter (Englisch für International Thermonuclear Experimental Reactor; Lateinisch für Weg) wird im südfranzösischen Cardarache gerade ein Versuchskernfusionsreaktor gebaut.

Eine Reihe österreichischer Forschungsgruppen aus Wien, Innsbruck, Salzburg, Leoben und Graz ist an Iter beteiligt. Neben der Koordination der einzelnen Gruppen kümmert sich Aumayr insbesondere um seine eigene Forschungsgruppe: jene für Atom- und Plasmaphysik. „Es ist beeindruckend, was wir in den vergangenen Jahren in unserem kleinen Land mit 30 bis 40 Leuten geschafft haben“, schwärmt der Leiter des Instituts für Angewandte Physik an der TU Wien.

In der "Österreichischen Ingenieur- und Architekten-Zeitschrift" ("ÖIAZ") nannte er im Mai 2020 etwa eine von der TU Wien entwickelte und mittlerweile weltweit verwendete Messmethode in Bezug auf Fusionsplasma. Außerdem flossen Forschungsergebnisse der TU Wien betreffend die Plasma-Wand-Wechselwirkung und Materialien für Fusionsmagnete in den internationalen Know-how-Pool von Iter. Apropos Plasma: Dieses muss bei der Kernfusion aus den Wasserstoffisotopen Deuterium und Tritium auf mindestens 100 Millionen Grad Celsius aufgeheizt werden – das ist zehnmal heißer als im Kern der Sonne.

Magnetfeld verhindert Schäden

Damit die Hitze keine Schäden am Reaktor verursacht, wird das Plasma in ein Magnetfeld eingeschlossen und soll somit nicht direkt mit der Wand des Kernfusionsreaktors in Berührung kommen. „Aber das funktioniert nicht perfekt“, sagt Paul Szabo, Doktorand in Aumayrs Arbeitsgruppe der Atom- und Plasmaphysik. „Es gibt immer wieder Teilchen, die aus diesem Magnetfeld ausreißen und gegen die Wand prallen. Dort finden dann Erosionen statt. Diese Effekte sind das, was wir messen. Das Ziel ist es, Daten zu liefern, um herauszufinden, welche Materialien man für Kernfusionsreaktoren nützen soll. Für die Zukunft ist das noch ein ungeklärtes Problem.“

Bei Iter ist die Entscheidung über die verwendeten Materialien schon gefallen. Wird der Forschungsreaktor aber erst einmal in Betrieb genommen, sollen vor Ort in Frankreich weitere Erkenntnisse gezogen werden. Als übergeordnetes Ziel will Iter zeigen, dass ein Kernfusionsreaktor über längere Zeit genug Energie erzeugen kann, um ein fusionsfähiges Plasma aufrechtzuerhalten. Dies wäre ein Meilenstein auf dem Weg dahin, Kernfusion kommerziell zu betreiben.

Die aktuellen Forschungen der TU Wien zielen im Grunde schon auf das Nachfolgeprojekt von Iter ab: Demo (Demonstration Power Plant). „Jetzt forscht man eher schon dafür“, sagt Aumayr. Denn während die Technologien für Iter schon über die Forschungs- und Planungsphase hinaus sind und sich bereits in der Konstruktionsphase befinden, sei bei Demo von der Planung her noch alles möglich. Sogar ein anderer Reaktortyp. Bei Iter wird ein sogenannter Tokamak verwendet. Inzwischen werden aber auch beim weniger gut erforschten Stellarator gute Ergebnisse erzielt.



Bei beiden Reaktorvarianten wird Plasma mit einem Magnetfeld im Zentrum eines Raums gehalten.

Beim Tokamak (Abkürzung für Toroidale Kammer in Magnetspulen; übersetzt aus dem Russischen) wird aber zusätzlich Strom durch das Plasma geleitet. Die Stromzufuhr wird kontinuierlich gesteigert, wodurch das elektromagnetische Induktionsfeld fortbesteht. Würde man die Stromzufuhr nicht steigern, würde das Feld zusammenbrechen. Da man aber nicht ins Unendliche steigern kann, arbeiten Tokamaks pulsweise. Das heißt, der Strom wird immer wieder unterbrochen und neu zugeführt.

Stellaratoren (Lateinisch stella = Stern) errichten das Magnetfeld dagegen komplett durch umliegende Spulen, wodurch das Plasma nicht unter Strom gesetzt werden muss. Theoretisch sind Stellaratoren für den Dauerbetrieb sehr gut geeignet, weil sie unterbrechungsfrei arbeiten können.

Materialien müssen billiger werden

Generell sind die Möglichkeiten zur Erzeugung von Energie mittels Kernfusion aus physikalischer Sicht laut Aumayr „praktisch gelöst“. Aus technologischer Sicht gilt es jedoch, noch Arbeit zu investieren, „um die Vorgänge bei den Experimenten im Labor auch in viel größeren Dimensionen beherrschen zu können“. Bis 2029 soll so viel Vorarbeit geleistet werden, um ein erstes Design für Demo auf dem Papier zu haben. Was Demo von Iter unterscheiden soll? „Es setzt seinen Fokus auf die Wirtschaftlichkeit von Kernfusion“, erklärt Christian Cupak, ein weiterer Doktorand im Team von Aumayr. Dementsprechend müssen die Materialien, die für Reaktoren verwendet werden, billiger werden, als sie es jetzt bei Iter sind.

Die geschätzten Kosten von Iter sind inzwischen auf rund 20 Milliarden Euro angewachsen. Gepaart mit der jahrzehntealten Prognose, dass mit Kernfusionskraftwerken in etwa 30 Jahren zu rechnen sei, hat das viele Kritiker auf den Plan gerufen. Von einem Milliardengrab will Aumayr jedoch nichts wissen. „Fusion ist eine Option, die man sich erhalten sollte“, sagt er und zieht einen Vergleich zu den Kosten von erneuerbarer Energie: „2019 hat allein die Abgabe für erneuerbare Energie in Deutschland 26 Milliarden Euro betragen.“ Ein weiteres Beispiel: Im selben Jahr gaben die USA für das Militär rund 602 Milliarden Euro aus.

Die 20 Milliarden Euro für Iter werden zudem von einer großen Anzahl an Ländern getragen, wobei die Europäische Union etwa 60 Prozent davon übernimmt. Und Aumayr gibt zu bedenken, dass die Länder nicht direkt Geld einzahlen müssen, sondern „meistens In-Kind-Leistungen“ tätigen. Heißt: „Die Russen liefern zum Beispiel eine Spule von bestimmtem Wert, die Europäer bauen die Gebäude.“ Aufträge an die Industrie werden in den jeweiligen Ländern beziehungsweise im Fall der EU im gemeinsamen Wirtschaftsraum ausgeschrieben. Die Fördergelder der EU werden in der österreichischen Kernfusionsforschung hauptsächlich zur Anstellung von etwa 20 Doktoranden verwendet. „Das Hauptaugenmerk bei uns ist die Ausbildung“, sagt Aumayr. „Wir versuchen, das Know-how aufrechtzuerhalten. Wenn Iter in Betrieb ist, wollen wir eine Betriebsmannschaft stellen können.“

Ein Teil der Arbeitsgruppe Atom-und Plasmyphysik an der TU Wien. Paul Szabo, Friedrich Aumayr, Christian Cupak (vl.n.r.).
Ein Teil der Arbeitsgruppe Atom-und Plasmyphysik an der TU Wien. Paul Szabo, Friedrich Aumayr, Christian Cupak (vl.n.r.).(c) TU Wien

Neben den technischen Problemen stellt „die gesellschaftliche Akzeptanz“ von Forschung über Kernfusion als neue Energiequelle „sicher eine Herausforderung dar“, sagt Doktorand Szabo. Denn: „Kernfusion wird oft mit Kernspaltung gleichgesetzt und ist dann dementsprechend negativ besetzt.“ So hat sich etwa die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl ins kollektive Gedächtnis eingebrannt.

Weshalb Kernfusion in Zukunft eine wichtige Rolle spielen kann? Damit beschäftigt sich eine eigene Forschungsgruppe in Österreich. Sie erstellt sozioökonomische Studien und stimmt auch mit allen Experten rund um den Globus überein: Der weltweite Energiebedarf wird deutlich ansteigen. „Bei uns wahrscheinlich nicht mehr viel, aber aus der Sicht der zweiten und dritten Welt besteht ein enormer Aufholbedarf“, erklärt Aumayr. Ab der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts könnten Kernfusionskraftwerke ihm zufolge einen „substanziellen Beitrag“ leisten. Auch wenn sie allen voran erneuerbare Energiequellen nicht ablösen dürften: „Wir brauchen alles, einen richtigen Energiemix.“ Die Fusion würde dabei den Sockel bilden und bis zum Ende des Jahrhunderts etwa 20 bis 30 Prozent des Energiebedarfs decken.

Der Umweltfaktor

Ein wichtiges Argument für die Forschung an der Kernfusion als Energie ist der Umweltfaktor. So sollen damit klimaschädliche Kraftwerke, die Kohlenstoffdioxid (CO2) produzieren, und „schmutzige Kernspaltungskraftwerke“ (Aumayr) ersetzt werden. Bei der Kernfusion entstehen keine Treibhausgase und vergleichsweise wenig radioaktiv verstrahlter Müll. Die Wände des Reaktors werden im Fall von Iter mit einer Deuterium-Tritium-Reaktion zwar auch aktiviert, mit einem speziell entwickelten Stahl als Material kann eine langlebige Aktivierung aber geringgehalten werden. Statt eines Endlagers reicht dann ein Zwischenlager. „Nach 30 bis 100 Jahren ist der radioaktive Abfall wieder angreifbar“, verspricht Aumayr. Anders als Kernspaltungskraftwerke sind Kernfusionskraftwerke für den Physiker „nicht gefährlich“. Der für die Fusionsreaktion notwendige Brennstoff aus Deuterium und Tritium wird schrittweise in sehr kleinen Mengen nachgefüllt. Die Folge: Es kommt zu keiner Reaktion, die außer Kontrolle geraten könnte. Die Fusion würde bei der kleinsten Störung einfach stoppen. Ein weiterer Vorteil der Kernfusion steckt in der benötigten Menge der Ausgangsprodukte Deuterium und Tritium.

TU Wien, Univ. Prof. Dr. Friedrich Aumayr.
TU Wien, Univ. Prof. Dr. Friedrich Aumayr.

Zum Vergleich: Ein Gigawatt (elektrisch) entspricht der jährlichen Leistung eines unterdurchschnittlichen Kernspaltkraftwerks in Deutschland (Topwert 2019: Isar 2 mit 1,49 Gigawatt – damit werden etwa 3,5 Millionen Haushalte mit Strom versorgt).

Ein zentrales Problem bezüglich der Ausgangsprodukte für die Kernfusion gilt es allerdings noch zu lösen: Tritium kommt in der Natur kaum vor. Künstlich erzeugt wird es bei der Kernspaltung in Schwerwasserreaktoren. Von diesen gibt es jedoch immer weniger, und das Ziel von Kernfusionskraftwerken sei es ja, Kernspaltkraftwerke abzulösen. Für den Dauerbetrieb von Fusionskraftwerken hoffen die Wissenschaftler nun, Tritium direkt im Fusionsreaktor erbrüten zu können. „Das wird bei Iter in einem sogenannten Blanket getestet“, verrät Aumauyr. Doktorand Cupak meint: „Die Forschung ist durchaus zuversichtlich.“

Kritiker wie Michael Dittmar, Physiker an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETH), bleiben skeptisch. Die Vorstellung, dass das Brüten von Tritium gelingt, basiere auf nichts anderem als auf „Hoffnungen, Fantasien, Missverständnissen oder sogar bewussten Falschdarstellungen“, schrieb Dittmar in einem Gutachten, das er 2019 im Auftrag der Fraktion der Grünen im Deutschen Bundestag verfasst hat. Genau hier zeigt sich die Bedeutsamkeit von Iter als Forschungsreaktor, dessen Ziel es nicht ist, Strom-, sondern Erkenntnisse zu liefern. Immerhin das Zehnfache an investierter Energie (Q=10) soll Iter schon produzieren können. Im Gegensatz zu Tritium ist Deuterium, das zweite wichtige Ausgangsprodukt der Kernfusion, fast unbegrenzt vorhanden. „Man kann es praktisch aus Meerwasser herausfiltern“, sagt Cupak.

Start-ups machen Konkurrenz

Iter ist zwar das mit Abstand größte, jedoch bei Weitem nicht das einzige Projekt, das sich dem Heiligen Gral der Energieerzeugung nähern will. Laut der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua hat China Anfang Dezember 2020 den Reaktor Tokamak-HL-2M in Betrieb genommen. In Japan wurde – in Kooperation mit Europa – vor Kurzem die Tokamak-Fusionsanlage JT-60SA fertiggestellt. Deutschland verfügt mit Wendelstein-7-X über den größten Reaktortyp eines Stellarators weltweit. Und die USA? Deren Rolle sei „zumindest was die magnetische Fusion anbelangt, relativ klein“, sagt Aumayr. Der Fokus liege mehr auf dem Trägheitsfusionsprogramm, das „eher in Waffenlaboratorien durchgeführt wird“.

Eine nicht zu unterschätzende Rolle im Wettlauf um die Kernfusion spielen dagegen Start-ups, die die großen staatlichen Projekte herausfordern. Commonwealth Fusion Systems (CFS), eine Gruppe von ehemaligen Mitarbeitern der Elite-Uni MIT in Cambridge, finalisiert gerade ihre Pläne für den Reaktor Sparc. Kleiner und günstiger als Iter soll er sein, aber trotzdem ähnliche Performance liefern. In nicht mehr als 15 Jahren soll der Prototyp kostengünstigen Strom in den USA produzieren. Weitere Start-up-Projekte sind inzwischen das Investitionsziel zahlreicher Tech-Milliardäre wie Amazon-Chef Jeff Bezos (Gereral Fusion). Prinzipiell steht Aumayr einer belebenden Konkurrenz positiv gegenüber: „Es sind durchaus clevere Ideen und andere Zugänge dabei.“ Die Mehrheit der Start-up-Ziele hält er jedoch für nicht realisierbar. Denn diese Projekte hätten einen großen Nachteil: „Sie haben den Schritt vom kleinen Experiment zur großen Anlage noch nicht geschafft.“

Wettlauf ins All 2.0?

Ein wenig erinnert der Wettlauf zur Kernfusion mit all den konkurrierenden Nationen ein wenig an den Wettlauf ins All in den 1950er- und 60er-Jahren. Allerdings mit einem wesentlichen Unterschied, sagt Cupak: „Damals war das mehr ein Prestigeprojekt zwischen den USA und der Sowjetunion. Bei der Kernfusion geht es aber um die Klärung wesentlicher technischer Fragen für die Zukunft. Ich glaube, da hat man ein ziemlich alternatives Modell mit Kooperationen wie Iter gefunden.“

Es ist möglich, Iter schon jetzt als Baustelle zu besuchen. „Ich kann jedem raten, sich eine Führung geben zu lassen. Die ganze Anlage ist unheimlich beeindruckend“, schwärmt Aumayr. Er hat auch einen wichtigen Tipp parat: „Reisepass mitnehmen!“ Denn das Projekt findet auf exterritorialem Gebiet statt.

Was ist der Unterschied zwischen Kernfusion und Kernspaltung?

Kernspaltung und Kernfusion zwei Worte, die eine Ähnlichkeit haben und doch so unterschiedlich sind. Doch wo liegt der genaue Unterschied zwischen den beiden Formen?

Der wohl wesentlichste Unterschied zwischen beiden Formen ist die Auswahl der Atome. Während die Kernspaltung vor allem schwere Atome wie Strontium und Barium braucht, um überhaupt funktionieren zu können, ist es bei der Kernfusion komplett anders. Denn die Fusion gelingt vor allem mit leichten Atomen wie Wasserstoff. Während die Ressourcen bei der Kernspaltung endlich sind, kann die Fusion so gesehen unerschöpflich betrieben werden. Das hätte gegenüber der Uranspaltung einen großen Vorteil: Ein Super-Gau ist wie bei einem Atomkraftwerk ausgeschlossen, dazu nämlich hätte ein Fusionsreaktor viel zu wenig Energie gespeichert. Auch würde weniger Atommüll anfallen und somit die Frage der Lagerung entschärft werden.

Atomsemiotik

Warnungen für die Ewigkeit​?

Wie kann Kommunikation über Tausende Generationen hinweg funktionieren? Diese Frage stellen sich Wissenschaftler im Kontext von Atommüll-Endlagerung seit den 1980er-Jahren. Denn die radioaktiven Stoffe werden auch in ferner Zukunft eine Gefahr für die Menschheit darstellen. ​Darüber gilt es zu informieren.

Von Konradin Schuchter

Auf den ersten Blick sieht es auf dem Foto danach aus, als stünde Martin Kunze vor einem großen Stapel an Umzugskartons. In Wirklichkeit handelt es sich um drei Zentimeter starke Keramikbehälter, die wohl noch eine ganze Weile an dem Ort, an dem sie gelagert sind, bleiben werden. In einer Salzmine im oberösterreichischen Hallstatt hat Kunze das "​Memory of​ ​Mankind​"​ ​– kurz MOM – eingerichtet: ein Archiv, in dem Zeitdokumente der Gegenwart für​ ​die Ewigkeit aufbewahrt werden sollen.

Informationen über Jahrtausende hinweg zu erhalten ist eine Herausforderung, mit der sich auch die Atomindustrie beschäftigt. Wenn einmal ein geeigneter Standort für ein Atommüll-Endlager gefunden ist, stellt sich noch die Frage, wie zukünftige Generationen ​über​ die Gefahr ​informiert​ werden können, die von den dort eingelagerten radioaktiven Substanzen ausgeht. Vor dem Hintergrund der zeitlichen Dimensionen, von denen hier die Rede ist, ist diese Aufgabe alles andere als trivial: Im Endlager ​Onkalo​ in Finnland soll der nukleare Müll für mindestens 100.000 Jahre lang sicher sein. Gleiches gilt für das geplante Endlager im schwedischen Forsmark, welches kurz vor seiner Baubewilligung steht. In Deutschland spricht die Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) bei der Suche nach einem geeigneten Standort sogar von einer Million Jahren.

Zum Vergleich: Vor 300.000 Jahren lebten die ersten Menschen auf der Erde. Die ältesten überlieferten Schriftzeichen sind weniger als 10.000 Jahre alt, und mit deren Entzifferung sind Archäologen auch heute noch beschäftigt.

Datenträger ohne Halbwertszeit

Eine der ältesten Schriftsysteme ist die Keilschrift der Sumerer, welche auf gebrannten Tontafeln im Nahen Osten gefunden wurden. Für den Keramikkünstler Kunze ist diese so etwas wie sein "Proof of Concept", wie er sagt. Denn auch er setzt in seinem Archiv auf Ton als Trägermaterial. In einem eigens entwickelten Verfahren lässt er Keramikplatten mit Text und Bild bedrucken. Theoretisch halten diese weit über eine Million Jahre, sofern sie richtig gelagert werden. Dafür ist im Salzberg von Hallstatt gesorgt: Hier sind die Keramikplatten vor Erosion geschützt, und das Salz wirkt wie eine Art geologische Knautschzone, die dem Druck tektonischer Kräfte standhält. ​Selbst eine Eiszeit könnte die Lagerstätte überstehen.

Martin Kunze ist der Gründer des Memory of Mankind: Ein Archiv das Informationen aus unserer heutigen Zeit späteren Generationen zur Verfügung stellen will.
Martin Kunze ist der Gründer des Memory of Mankind: Ein Archiv das Informationen aus unserer heutigen Zeit späteren Generationen zur Verfügung stellen will.(c) MOM

Kunze, der sich seit seinem Studium an der Kunstuniversität Linz mit Keramik als Werkstoff für Datenträger auseinandersetzt, gilt mittlerweile als Experte in Fragen von Langzeitarchivierung. Deshalb ist er auch im September 2020 zum Vorsitzenden einer Arbeitsgruppe der Nuclear Energy Agency (NEA) der OECD ernannt worden, die sich mit Fragen der Bewahrung des Wissens um Atommüll-Endlager auseinandersetzt. Es verwundert daher nicht, dass in seiner Zeitkapsel auch Dokumente zu Atommüll-Endlagern aufbewahrt werden.

Endlagerung als Kommunikationsproblem

Die systematische Auseinandersetzung mit den kommunikativen Schwierigkeiten, welche die Atommüll-Endlagerung mit sich bringt, wird oft als Atomsemiotik bezeichnet: also die Lehre von Zeichen, die im Rahmen von mit Atomenergie verbundenen Problemen nutzbar gemacht werden kann. In einer ersten Initiative hat die US-Energiebehörde 1980 die ​Human Interference Task Force ins Leben gerufen, die sich, wie ihr Name schon sagt, damit auseinandersetzte, wie unbedarfte Nachkommen davon abgehalten werden könnten, in Atommüll-Endlager einzudringen. Neben Entwürfen für monumentale Bauten, die potenzielle Eindringlinge abschrecken sollen, machte sich die Expertengruppe vor allem auch Gedanken darüber, wie Zeichen beschaffen sein müssen, damit sie in Tausenden Jahren auch noch verstanden werden.

Weil Sprachen einem permanenten Wandel unterworfen sind, gehen Sprachwissenschaftler davon aus, dass alle gegenwärtig gesprochenen Sprachen nach höchstens 10.000 Jahren keinerlei Verwandtschaft mehr zu ihren heutigen Wurzeln aufweisen werden​: Schon jetzt ist das “nur” tausend Jahre alte Althochdeutsch für Laien kaum verständlich. Wissenschaftler haben daher vorgeschlagen, anstelle von sprachlichen Ausdrücken Piktogramme von ekelerfüllten bzw. panischen Gesichtern auf Monolithen nahe den Endlagern abzubilden. Solche bildhaften Symbole haben allerdings den Nachteil, dass sich mit diesen komplexere Inhalte kaum darstellen lassen: Die Beschaffenheit radioaktiver Substanzen oder die Beschreibung der unsichtbaren Bedrohung, die von diesen ausgeht, ist nur schwer mit piktografischen Zeichen abzubilden.

Atomblumen, Strahlenkatzen und atomare Priesterschaft

Mit diesen Schwierigkeiten konfrontiert, rief die deutsche Gesellschaft für Semiotik dazu auf, alternative Konzepte zur Langzeitkommunikation zu erarbeiten. Einige der kuriosesten Vorschläge finden sich in dem 1990 erschienenen Sammelband "Warnungen an die ferne Zukunft​" des Linguisten Roland Posner. Hier ist etwa von genmanipulierten Katzen zu lesen, deren Fell sich verfärben soll, wenn sie radioaktiver Strahlung ausgesetzt werden. Oder von Blumen, die nur rund um Atommüll-Endlager gedeihen und in deren DNA Informationen über die nuklearen Lagerstätten gespeichert sind.

Ein weiterer Beitrag schlug eine Art künstlichen Mond vor, der die Erde umkreisen und per Funksignal seine Botschaften aussenden solle. Auch eine “atomare Priesterschaft”, die das Wissen um das nukleare Erbe mithilfe von Legenden und Ritualen am Leben erhalten soll, war unter den Vorschlägen. Selbst wenn keiner dieser Lösungsvorschläge umgesetzt wurde und diese größtenteils absurd anmuten, zeigen sie doch, was für fundamentale Kommunikationsprobleme die Atommüll-Endlagerung mit sich bringt.

Dass es nicht die eine einfache Lösung auf das Problem der Atomsemiotik geben wird, geht auch aus dem ​Abschlussbericht​ einer Arbeitsgruppe der NEA der OECD aus dem Jahr 2019 hervor. Die Experten empfehlen, dem Problem systemisch zu begegnen und dabei dem Prinzip der Redundanz treu zu bleiben – soll heißen: Es gilt, auf möglichst vielen unterschiedlichen Ebenen gleichzeitig anzusetzen. Zudem werden 35 Ansätze beschrieben, die sie für sinnvoll halten und von denen möglichst viele gleichzeitig umgesetzt werden sollten. Dabei ist die Rede von Monumenten, die rund um die Endlager errichtet werden sollen, von Museen, die das kulturelle Andenken am Leben erhalten sollen, von den passenden juristischen Rahmenbedingungen, aber auch von Zeitkapseln wie jener von Kunze, in denen Informationen zu den Atommüll-Endlagern eingelagert werden können.

Für das “Memory of Mankind” lässt Martin Kunze mit einem eigens entwickelten Verfahren Keramikplatten bedrucken. Geschützt in den Tiefen eines Salzbergwerks bei Hallstatt (OÖ) halten diese weit über eine Million Jahre.
Für das “Memory of Mankind” lässt Martin Kunze mit einem eigens entwickelten Verfahren Keramikplatten bedrucken. Geschützt in den Tiefen eines Salzbergwerks bei Hallstatt (OÖ) halten diese weit über eine Million Jahre.(c) MOM

Das atomare Erbe der Zukunft

Der Archäologe Cornelius Holtorf von der schwedischen Linné-Universität ist der Meinung, dass es unmöglich ist, vernünftig vorauszusagen, welche Bedeutung unser atomares Erbe für zukünftige Generationen haben wird. Holtorf verfolgt die Debatte rund um die Atommüll-Endlagerung schon seit einiger Zeit und ist auch in unterschiedlichen Expertengremien zu dem Thema vertreten. Er betont, dass die Bedeutung nicht im radioaktiven Material selbst liege, sondern, dass sich diese immer erst durch den interpretativen Rahmen des Rezipienten konstituiere. 

Wie schnell sich der interpretative Rahmen und damit auch Bedeutungen wandeln können, zeige die allgemeine Debatte um Atomenergie sehr deutlich, sagt Holtorf. So sei etwa die Anti-Atomkraft-Bewegung in den 1970er- und 80er-Jahren praktisch untrennbar verknüpft gewesen mit der Umweltbewegung und der Gründung grüner Parteien in verschiedenen Ländern. Mittlerweile wird Atomkraft jedoch nicht mehr im Kontext von Hiroshima oder Tschernobyl, sondern im Zusammenhang mit globaler Erwärmung und als Alternative zu Kohlekraftwerken diskutiert. So wurde aus dem Problem auf einmal ein Teil der Lösung. Inzwischen sprechen sich sogar grüne Parteien, zum Beispiel in Finnland, dezidiert für den Einsatz von Atomkraft aus. "Das wäre vor einigen Jahrzehnten noch völlig undenkbar gewesen", meint Holtorf.

Der deutsche Archäologe Cornelius Holtorf hält den UNESCO-Lehrstuhl “Heritage Futures” an der Linné-Universität in Schweden. In seiner Forschung geht er der Frage nach, welche Rolle ​historisches Erbe spielt.
Der deutsche Archäologe Cornelius Holtorf hält den UNESCO-Lehrstuhl “Heritage Futures” an der Linné-Universität in Schweden. In seiner Forschung geht er der Frage nach, welche Rolle ​historisches Erbe spielt.(c) Johannes Rydström

Was die Atommüll-Endlager betrifft, kann es gut sein, dass das, was sich in den Endlagern befindet, in ferner Zukunft gar nicht mehr in erster Linie als unerwünschter Müll angesehen wird, sondern vielmehr als wertvolle Ressource, die es zu bergen gilt. Schon jetzt zeichnet sich in der Debatte ​rund um die Atommüll-Endlager in Schweden und Finnland ab, dass vor allem die Unmengen an Kupfer, die zur Sicherung der abgebrannten Kernbrennstoffe benötigt werden, für zukünftige Generationen von großem Wert sein könnten. Diese Einsicht spiegelt sich auch in der Diskussion um die Kennzeichnung der Endlager wider. In den ersten Entwürfen für das US-amerikanische Endlager ​Waste​ ​Isolation Pilot Plant aus den 1980er-Jahren wurde noch auf stark normativ konnotierte Botschaften gesetzt, die zukünftige​ E​indringlinge um jeden Preis fernhalten sollten. Heute ist es Konsens, möglichst wertneutral zu informieren und den Adressaten der Zukunft die Bewertung der Umstände selbst zu überlassen.

Kunzes Arbeitsgruppe bei der NEA empfiehlt daher die Verwendung von Zeichen, die in einem naturwissenschaftlichen Sinn universale Gültigkeit haben. So wird etwa die Ordnung der chemischen Elemente im Periodensystem unabhängig von Ort und Zeit immer die gleiche bleiben. Denn die Anordnung der Elemente ist keine willkürliche, sondern eine im Verhältnis zu ihrer chemischen Beschaffenheit naturgegebene. Mit der Darstellung eines Periodensystems und der Markierung der entsprechenden Elemente wäre damit der wichtigste Inhalt bereits mitgeteilt, meint Kunze. Rezipienten einer technisch-industrialisierten Gesellschaft wären imstande, diese zu entschlüsseln, während weniger fortgeschrittene Gesellschaften ohnehin nicht in die Tiefen vordringen könnten, in denen sich die Atommüll-Endlager befinden werden.

Holtorf plädiert dafür, dass man sich vor allem über die kurz- und mittelfristige Zukunft Gedanken machen sollte, über die sich noch vernünftige Prognosen aufstellen lassen. Dennoch hält er Projekte wie das "Memory of Mankind" oder auch die wunderbar kuriosen Vorschläge aus den 1980er- und 90er-Jahren für alles andere als sinnlos. "Die Bedeutung dieser Diskussion liegt viel weniger darin, uns vor dem Super-GAU im Boden zu bewahren, sondern vielmehr darin, die Frage nach der Zukunft ganz allgemein zu stellen", sagt Holtorf. Sich auf diese Weise mit der Zukunft auseinanderzusetzen schaffe Interesse für Nachhaltigkeit, könne Leute mobilisieren und sorge damit für gesellschaftliches Engagement.

Kunze sieht das ähnlich. Am Ende eines ​TEDx-Talks​, den er 2017 in Linz gehalten hat, stellte er die Frage: „Wenn wir wüssten, dass unsere Taten für immer gespeichert wären, würden wir dann aufhören so zu leben, als gäbe es kein Morgen? Würden wir dann damit anfangen, mehr Verantwortung dafür zu übernehmen, wie wir unseren Planeten behandeln?“ Kunze meint: Ja.

Atomkrieg

Vergessene Bedrohung: Zurück in den Atombunker?

Binnen kürzester Zeit wäre Österreich sowohl von grenznahen AKW-Unfällen als auch von einem militärischen Atomangriff betroffen. In der Öffentlichkeit ist vor allem Letzteres selten Thema, obwohl die Lage angespannt wie nie zuvor ist. Etwas Hoffnung gibt ein diplomatischer Erfolg, an dem Österreich wesentlich beteiligt ist.

Von Felix Novak

Ein Nuklearalarm ist in Österreich keine Seltenheit. Im Schnitt kommt er etwa alle drei Wochen vor, wie es im Bericht des Strahlenfrühwarnsystems für die Jahre 2018 und 2019 heißt. Dann blinkt es auf einem Monitor des Rechenzentrums am Wiener Donaukanal auf, und das Bereitschaftsteam wird verständigt. So einen Alarm gibt es immer dann, wenn eine der 336 Messstationen, die über das ganze Bundesgebiet verteilt sind, einen Strahlenwert über 300 Nanosievert pro Stunde meldet. Das entspricht etwa dem Dreifachen des normalen Messwerts.

Einen AKW-Unfall oder gar Atomangriff bedeuten diese Meldungen nicht. In zwei von drei Fällen regnet es einfach stark. Das Edelgas Radon, das in der Luft auf natürliche Weise vorkommt, wird dann aus der Atmosphäre herausgespült und sammelt sich am Boden. Bei dem übrigen Drittel der Alarme ist die Quelle menschengemacht, der Bericht gibt aber auch hier Entwarnung: Werden Schweißnähte geprüft, kommen oft Röntgen- oder Gammastrahlen zum Einsatz. Wenn das in der Nähe einer Messstelle passiert, läuten in Wien die Telefone.

Sonden des deutschen Bundesamtes für Strahlenschutz
Sonden des deutschen Bundesamtes für StrahlenschutzAPA/dpa/Rolf Haid

Seit das österreichische Strahlenfrühwarnsystem vor etwa einem halben Jahrhundert eingerichtet worden ist, hat es nur einen einzigen relevanten Alarm verzeichnet: Ende April 1986 spielten die Messgeräte plötzlich verrückt. Der Grenzwert wurde um mehr als das Hundertfache überschritten. Die Strahlenbelastung aus dem AKW Tschernobyl, die damals freigesetzt worden ist, wird heute noch gemessen. Jene der Atomkatastrophe von Fukushima vor zehn Jahren hingegen lag in Österreich unter der Wahrnehmungsgrenze.

Mittlerweile sind die Strahlenwerte nicht mehr nur auf der ORF-Teletext-Seite 623 abrufbar, sondern auch online unter strahlenschutz.gv.at. Doch die nukleare Bedrohung gibt es nach wie vor. Zum einen geht sie von den Atomkraftwerken in fast allen Nachbarländern Österreichs aus, die immer wieder für Spannungen in den sonst beinahe makellosen diplomatischen Beziehungen sorgen. Zum anderen aus dem tödlichen Potenzial von Nuklearwaffen. In den heißen Phasen des Kalten Krieges (1947-1989) war diese Gefahr allgegenwärtig. Heute ist das anders. In den Medien kommt das Thema vergleichsweise selten vor, und schützende Jodtabletten hat kaum noch jemand zu Hause. Dennoch könnte die Bedrohung heute größer sein als jemals zuvor.

Hundert Sekunden vor Mitternacht?

Besonders anschaulich wird das anhand der „Doomsday Clock“. Diese Uhr soll die verbleibende Zeit bis zum Weltuntergang darstellen – zumindest im übertragenen Sinn.

Kurz nach dem ersten Einsatz der Atombombe 1945 wurde sie von Wissenschaftlern entwickelt, die an deren Entwicklung beteiligt waren. Die verkündete Uhrzeit sollte abbilden, wie wahrscheinlich eine nukleare Apokalypse aus Sicht des Gremiums gerade ist. Damals wurden die metaphorischen Zeiger auf sieben Minuten vor zwölf gesetzt. Heute bleiben hingegen nur noch hundert Sekunden bis Mitternacht – so wenig wie noch nie.

Damit ist die globale Gefahr laut „Bulletin of the Atomic Scientists“, der Organisation hinter der Uhr, momentan größer als zum Höhepunkt des Kalten Krieges in den 1950er-Jahren. Das hängt zwar auch mit dem fortschreitenden Klimawandel zusammen, wesentlich ist aber die zunehmende atomare Bedrohung. Ein Nuklearkrieg, der die menschliche Zivilisation zerstört, stelle momentan ein echtes Risiko dar, heißt es im jüngsten Jahresbericht – „ob er nun absichtlich gestartet wird, durch einen Unfall oder einfach nur durch ein Missverständnis“.

In Österreich geht eine direkte nukleare Bedrohung vor allem von Terroristen aus, heißt es beim Bundesheer. Extremisten würden aber wohl keine klassischen Atomsprengköpfe nutzen, sondern einfacher herstellbare „Dirty Bombs“ – herkömmliche Sprengsätze, die bei der Explosion strahlende Stoffe in der Umgebung verteilen. Die Wahrscheinlichkeit derartiger Terrorangriffe schätzt Brigadier Philipp Eder, Leiter der Abteilung Militärstrategie, „höher ein als jene von nuklearen Angriffen staatlicher Akteure“.

Bundesheer-Soldaten der ABC Abwehr bei einer Übung
Bundesheer-Soldaten der ABC Abwehr bei einer ÜbungAPA/ROBERT JAEGER

Gefahr „zumindest so groß wie im Kalten Krieg“

Eine Entwarnung vor einem Atomkrieg bedeutet das aber nicht. Im Gegenteil. Eders Einschätzung gegenüber der „Presse“ klingt alarmierend: Seit dem Kalten Krieg seien Nuklearwaffen an diverse Staaten „und möglicherweise auch an nicht staatliche Akteure“ vergeben worden. Dazu komme die „aktuelle sich dynamisch entwickelnde sicherheitspolitische Lage“, sagt der Bundesheer-Experte.

Auch im Verteidigungsministerium wird die Gefahr nuklearer Kriegsführung deshalb „als zumindest so groß wie im Kalten Krieg eingeschätzt“. Sollte sich die Lage plötzlich zuspitzen, etwa zwischen den verfeindeten Atommächten Indien und Pakistan, würde das auch massive Konsequenzen für Österreich haben. Aufgrund der schieren Anzahl der verfügbaren Sprengköpfe wären laut Brigadier Eder die „negativen Auswirkungen von staatlich geführten nuklearen Auseinandersetzungen größer“ als jene durch Terroranschläge.

Tschernobyl als Warnung

„Bisher hatten wir einfach nur Glück“, sagt Thomas Hajnoczi dazu. Der Diplomat zählt Situationen auf, in denen die Menschheit knapp am Atomkrieg vorbeigeschrammt ist. Die Bandbreite reicht von besonnenen Entscheidungen einzelner Militärs in Extremsituationen bis hin zum Verlust von Atomwaffen. Berichte der US-Regierung aus den 1960er-Jahren, die mittlerweile veröffentlicht wurden, listen allein Hunderte Zwischenfälle mit dem eigenen nuklearen Arsenal auf. Nur ein Beispiel: 2016 fand ein Taucher vor der Küste Kanadas laut „Washington Post“ zufällig eine Atombombe, die ein US-Langstreckenbomber 1950 bei einem Absturz verloren hatte. Laut Militärangaben habe sich darin allerdings kein Sprengstoff befunden.

Hajnoczi kennt sich beim Kampf gegen Atomwaffen aus wie kaum ein anderer Österreicher. Schließlich hat er ihm einen großen Teil seiner Karriere gewidmet, in den vergangenen Jahren als Abteilungsleiter für Abrüstung, Rüstungskontrolle und Non-Proliferation im Außenministerium. Schon in jungen Jahren hat er dort an diesem Thema gearbeitet. Prägend war allerdings die Tschernobyl-Katastrophe 1986: „Ich hatte damals zwei ganz kleine Kinder, die durften nicht hinaus. Wir sind herumgelaufen und haben versucht, Haltbarmilch mit älterem Datum zu finden.“ Diese Situation sei für ihn persönlich „sehr einschneidend“ gewesen.

Irgendwann werde die Glückssträhne der Menschheit aber enden, das ist für Hajnoczi heute klar. Irgendwann komme es zum Atomkrieg, womöglich auch unabsichtlich. Verhindern soll das eine Reihe von internationalen Verträgen. „Bisher war bei allen Waffengattungen, die abgeschafft wurden, zuerst die Verbotsnorm da, bei Chemiewaffen, biologischen Waffen oder Streubomben“, erklärt Hajnoczi. Sein langfristiges Ziel ist es, auch Nuklearwaffen völkerrechtlich zu verbieten. Diesem Vorhaben kam er vor im vergangenen Jänner ein gutes Stück näher, ironischerweise fast zeitgleich mit seiner Pensionierung zum Jahreswechsel.

Die Unterzeichnung des Atomwaffensperrvertrags NPT am 1. Juli 1968 von den Vertretern der Sowjetunion, der USA und Großbritanniens.
Die Unterzeichnung des Atomwaffensperrvertrags NPT am 1. Juli 1968 von den Vertretern der Sowjetunion, der USA und Großbritannien.(c) imago images/United Archives International

Die verheerende Wirkung von Atombomben auf Umwelt und Zivilbevölkerung ist unbestritten. Das zeigten nicht zuletzt die Abwürfe auf Hiroshima und Nagasaki 1945 sowie die zahlreichen Atomtests während des Kalten Krieges, die abgelegene Gegenden für Generationen unbewohnbar machten. Dennoch gab es bisher kein eindeutiges Verbot. Lediglich eine Absichtserklärung, das Ziel nuklearer Abrüstung verfolgen zu wollen. Diese wurde im Atomwaffensperrvertrag (NPT) festgeschrieben, der seit 1970 in Kraft ist. Nur vier Staaten sind diesem Abkommen nie beigetreten: Indien, Israel, Pakistan und der Südsudan. Dazu kommt Nordkorea, das 2003 seinen Austritt angekündigt hat. Die meisten Atommächte haben also unterzeichnet – und bekanntlich trotzdem nicht abgerüstet.

Österreich auf diplomatischer Mission

Hier kommt der Atomwaffenverbotsvertrag (TPNW) ins Spiel. Er soll den bewusst schwammig formulierten Sperrvertrag ergänzen und Atomwaffen zum ersten Mal klar verbieten. Der Anstoß dazu erfolgte vor mittlerweile acht Jahren und ging damals von drei Staaten aus: Mexiko, Norwegen – und Österreich. Warum gerade Österreich? Hajnoczi führt das auf die Erfahrungen mit dem AKW Zwentendorf und Tschernobyl sowie generell auf Österreichs gefährdete Position im Kalten Krieg zurück: „Es ist eines der ganz wenigen Themen, bei denen hier alle Parteien einer Meinung sind.“ Dadurch gebe es eine gewisse Kontinuität, „egal, wer in der Regierung sitzt“.

Der Diplomat begleitete den Verhandlungsprozess ab 2014, als Abrüstungskonferenzen im mexikanischen Nayarit und in der Wiener Hofburg abgehalten wurden. Seitdem ist viel passiert. Gemeinsam mit Verbündeten kam es zur Einigung. 2017 wurde der Verbotsvertrag in New York angenommen. 84 Staaten haben ihn unterzeichnet, genau 50 bisher auch ratifiziert – zuletzt Honduras im Oktober 2019. Damit war die nötige Schwelle überschritten, und der Vertrag konnte drei Monate später in Kraft treten. Das geschah auch, am 22. Jänner 2021. Nun ist das Verbot offiziell im internationalen Recht verankert.

Debatte eines Atomwaffen­verbots­vertrags bei der UNO-Arbeitsgruppe zu nuklearer Abrüstung in Genf, Mai 2016
Debatte eines Atomwaffen­verbots­vertrags bei der UNO-Arbeitsgruppe zu nuklearer Abrüstung in Genf, Mai 2016ICAN-Australia, CC BY-SA 4.0 , via Wikimedia Commons

Doch was bringt das? Kein einziger Atomwaffenstaat hat den Pakt bisher unterzeichnet, kein einziger Sprengkopf wurde deswegen vernichtet. Das dürfte sich so schnell auch nicht ändern – solang die nukleare Abschreckung eine zentrale Säule der jeweiligen Verteidigungsstrategie bleibt und von den Atommächten nicht einmal infrage gestellt wird. „Wir können zwar nicht für die anderen abrüsten, aber dieses Verbot hat neben der rechtlichen eine große politische Wirkung“, versichert Hajnoczi. „Für die Nuklearstaaten war es ein Schock, dass die Habenichtse auf einmal erfolgreich etwas zustande bringen.“

Der Vertrag sieht vor, dass Teilnehmer Kontrollmechanismen zur dauerhaften nuklearen Abrüstung einrichten und regelmäßig darüber berichten. Ein erstes internationales Treffen muss es spätestens ein Jahr nach Inkrafttreten geben. Es wird wohl in Wien stattfinden. Sobald auch eine Atommacht mitmacht, beginnt automatisch ein Zeitplan, der erst mit der kompletten Abrüstung endet. Im Idealfall sollten deshalb alle Atommächte gleichzeitig beitreten. Die entscheidende Frage stellt sich Hajnoczi, neuerdings Pensionist, selbst: „Ob wir jemals den Zustand, in dem alles abgeschafft ist, erreichen?“ Nur, um im selben Atemzug zu antworten: „Hoffentlich.“

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