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Management

Von den Happy Few und den Unhappy Many

Lernen aus dem Mittelalter
Lernen aus dem MittelalterPixabay
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Kolumne "Hirt on Management": Folge 146. Was wir aus der Schlacht von Agincourt (1415) für modernes Management lernen können.

Die Schlacht von Agincourt (Azincourt in Nordfrankreich) fand am 25. Oktober 1415 zwischen den Engländern und den Franzosen statt, und war nicht nur einer der größten militärischen Siege der Engländer während des 100-Jährigen Krieges, sondern ist auch eine der bedeutendsten Schlachten der Militärgeschichte.

Englischer Sieg gegen eine Übermacht

Die Engländer besiegten dabei eine 3- bis 4-Mal größere französische Streitmacht und fügten den Franzosen dabei enorme Verluste zu, verloren dabei aber kaum eigene Ritter und Soldaten.

Vier Gründe waren nach neuesten Untersuchungen (Sutherland et.al.) für den Sieg der Engländer ausschlaggebend, aus denen wir auch noch heute viel für die Unternehmensführung lernen können.

1. Überlegene Technologie

Die Engländer besaßen eine überlegene Technologie, nämlich den reichweitenstarken Langbogen. Der Langbogen konnte sogar, unter bestimmten Umständen, Rüstungen durchschlagen.

Außerdem hatte ein Vorfahre von König Heinrich IV., dem Sieger von Agincourt, dafür gesorgt, dass im ganzen englischen Königreich konsequent Bogenschützen ausgebildet wurden, zum Beispiel durch ein Verbot des Fußballspielens und anderer Spiele und guter Bezahlung für gute Bogenschützen. Damit ermöglichte der Beruf des Bogenschützen, geschickten Menschen aus dem „einfachen Volk“, den wirtschaftlichen Aufstieg.

2. Aus Schwächen, Stärken gemacht

König Heinrich V. von England hatte nur eine sehr eingeschränkte Kriegskasse für seinen Frankreichfeldzug und musste daher bei der Zusammenstellung seiner Armee kreativ werden.

Er beschloss daher, weniger teure Ritter als geplant zu nehmen und dafür viel mehr, preisgünstigere, Bogenschützen.

Das stellte sich als eine ausgezeichnete Entscheidung heraus, weil die zahlreichen Bogenschützen, mit ihren Langbogen, gegen die französischen Ritter, und insbesondere gegen ihre Pferde, hochwirksam waren.

Außerdem scheuten die, aus dem „einfachen Volk“ stammenden, Bogenschützen, im Nahkampf gegen die noblen Ritter, nicht vor effektiven, wenn auch nicht sehr eleganten Manövern zurück, wie zum Beispiel, dem Pferd des Ritters die Sehnen zu durchtrennen oder den, vom Pferd gefallenen Ritter oder schwergerüsteten Fußsoldaten, durch Spalten seiner Rüstung zu töten oder mit großen Hammern mit Bleiköpfen, durch den Helm, zu erschlagen.

3. Schwerer Boden

Die Schlacht fand im Herbst statt und der Boden des Schlachtfeldes war, nach Wochen des Regens, extrem schlammig und tief.

Weiters hatten sich die Engländer am Fuße des abfallenden Schlachtfeldes platziert, mit dem Rücken zum Wald, und das Schlachtfeld lief V-mäßig auf die Engländer zusammen, rechts und links war das Feld nach außen abfallend und wirkte damit eingrenzend.

Die angreifenden Franzosen wurden durch die V-Form des Schlachtfeldes in einen immer schmäler werden Engpass hinein getrieben.

Das führte dazu, dass die effektive Front der Franzosen sehr schmal war und viele der französischen Ritter und Fußsoldaten in mehreren Reihen hinter ihren Kameraden stehen mussten und somit gar nicht richtig in den Kampfeinsatz kamen.

Zusätzlich entstand ein Stoßen und Drängen, dass dazu führte, dass die, an vorderster Front kämpfenden französischen Soldaten, richtiggehend in die englischen Soldaten hineingedrängt wurden, was sehr zu ihrem Nachteil war.

Darüber hinaus führte der schwere Boden dazu, dass die Ritter deutlich weniger wirksam waren als normalerweise, weil auch ihre Pferde Schwierigkeiten hatten, den schweren Boden zu bewältigen und, wenn einer der Ritter einmal vom Pferd gefallen war, hatte er mit der schweren Rüstung überhaupt keine Chance mehr, irgendwie wieder auf zu kommen und war den pragmatischen Nahkampfangriffen der englischen Bogenschützen hilflos ausgeliefert.

4. Disziplinlosigkeit der Franzosen

Ein weiterer entscheidender Punkt war die Disziplinlosigkeit der französischen Ritter.

In der damaligen Zeit dachten Ritter sehr kaufmännisch und die Teilnahme an Kriegszügen war die Gelegenheit, feindliche Ritter gefangen zu nehmen und von deren Familien ein saftiges Lösegeld zu erpressen.

Um dieses Lösegeld nicht zu gefährden, überlegte sich ein Ritter zweimal, ob er einen ritterlichen Gegner töten sollte, sondern nahm ihn viel lieber gefangen.

Nachdem die Franzosen die Schlacht von Anfang an als gewonnen erachteten, hielten sich die französischen Ritter nicht an die Schlachtordnung, sondern ritten kreuz und quer über das Schlachtfeld, um die reichsten, gegnerischen Ritter zu identifizieren und gefangen zu nehmen.

Welche englischen Ritter, wo im Schlachtfeld zu finden waren, konnte man an ihren Standarten erkennen. Als „gute“ Lösegelderpresser wussten die französischen Ritter, welche Standarten „mehr wert“ waren als andere.

Durch dieses Kreuz und Quer entstand natürlich ein heilloses Chaos, sehr zum Nachteil der Franzosen.

Was wir für heute daraus lernen können

Klein, aber oho!

Wenn man den Wettbewerb nicht durch Größe und Marktmacht überwältigen kann, dann muss man kreativ werden und innovative Lösungen und Ansätze finden, die oft auch ungewöhnlich und unorthodox sind. Wie soll man sonst gewinnen?

Das Umfeld optimal nutzen

Eine bessere Kenntnis und Nutzung des Wettbewerbsumfeldes kann entscheidende Vorteile bringen, daher ist eine gute Analyse und ein gutes Verständnis des Umfeldes, und wo es geht, auch seine Beeinflussung, eine wesentliche Aufgabe der Unternehmensführung.

„Fürsten“ unter Kontrolle halten

Die Unternehmensführung muss darauf achten, dass einzelne „Landesfürsten“ nicht übermächtig werden und sich verselbstständigen, also nur noch ihre Eigeninteressen verfolgen.

 

Das Wichtigste in Kürze

Wer größere Gegner überwältigen möchte, der muss innovativ sein und den Mut zu unorthodoxen Ansätzen haben, sein Umfeld optimal nutzen und beeinflussen und durch klare Führung eine schlagkräftige Truppe haben.

Schicken Sie Ihre Fragen an Michael Hirt an: karrierenews@diepresse.com

Die Fragen werden anonymisiert beantwortet.

Ausblick: Die nächste Kolumne von Michael Hirt erscheint am 25. März zum Thema „Die 4 besten Verzögerungstaktiken, wenn es einmal langsam gehen soll.“

 

Hier finden Sie die gesammelten Kolumnen.

Michael Hirt ist Managementexperte und -berater, Executive Coach, Keynote Speaker und Buchautor. Hirt verhilft Führungskräften zu außergewöhnlichen Leistungs- und Ergebnissteigerungen, mit hoher Auswirkung auf den Erfolg ihres Unternehmens. Er studierte in Österreich, den USA (Harvard LPSF) und Frankreich (INSEAD MBA) und ist weltweit tätig.

Gastkommentare und Beiträge von externen Autoren müssen nicht der Meinung der Redaktion entsprechen.