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Quergeschrieben

Die Mauern aus Angst müssen schnellstens weg

Es jährt sich Österreichs Anschluss an das Deutsche Reich - 83 Jahre ist das nun her – und der Lockdown zum ersten Mal. Was uns die Geschichte für die gegenwärtige Lage lehrt.

„Wenn du dir nicht sicher bist, ob du ein Nazi gewesen wärst, ist das nicht edgy. Sondern dann ist es höchste Zeit, dass du dich mit Antifaschismus beschäftigst, damit sich das ändert.“ Das twitterte der deutsche Autor Max Czollek anlässlich des heurigen Holocaust-Gedenktags am 27. Jänner, vermutlich bewusst provokant zugespitzt.

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Dieser Tage jährt sich der „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich, 83 Jahre ist es nun her. Am 11. März 1938 gegen 19 Uhr hielt Bundeskanzler Kurt Schuschnigg seine Abschiedsrede im Radio, am Tag darauf erreichte Adolf Hitler Linz, am 13. März wurde das Gesetz über die Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich verabschiedet. Am 15. März jubelten Hunderttausende Menschen Hitler auf dem Wiener Heldenplatz zu.

Mein Großvater, damals zwölf Jahre alt, war dort, sehr zum Unwillen seiner Eltern, die zwar das Ausmaß der Gefahr, die ihnen als jüdische Familie drohte, nicht erahnten, wohl aber wussten, dass nun schwere Zeiten auf sie zukamen. Wenn man nur laut genug mitschrie, war der Bub jedoch überzeugt, würde man nicht auffallen. Und ich? Angenommen, ich wäre damals von der Verfolgung des Regimes unberührt gewesen, hätte ich mitgeschrien? Natürlich hat mich meine Familiengeschichte geprägt, in meinem Denken und meiner Aufmerksamkeit. Somit bin ich mir sicher, dass ich keine Nazi-Anhängerin gewesen wäre, die mit Inbrunst und Überzeugung eine menschenverachtende Ideologie vertritt. Max Czollek kann also beruhigt sein.

Aber eine Mitläuferin, die nicht auffallen will? Ich frage mich jeden Tag, ob ich wegschaue. Unrecht zu übersehen, oder übersehen zu wollen, mich von Gewissheit und klaren Antworten verführen zu lassen, davor hatte ich stets Angst. Menschen, die das taten, haben die Ermordung meiner Familie zugelassen, lernte ich. Viereinhalb Jahre nach jenem Tag auf dem Heldenplatz verabschiedete sich mein Großvater von seinen Eltern und seinem jüngeren Bruder. Sie mussten sich im Sammellager melden, er versteckte sich in der Wohnung seines ehemaligen Schularztes. Er sollte sie nie wiedersehen.

Das System verändert sich an so vielen Stellen gleichzeitig und unterschiedlich, dass es mir nicht gelingt, den Überblick zu behalten.

Anna Goldenberg

Die Angst davor, jemand zu sein, der so etwas geschehen lässt, treibt mich an, immer schon. Im vergangenen Jahr ist diese Angst so groß geworden, dass ich es schwierig finde, mit ihr umzugehen. Was Mitte März 2020 mit ein paar Wochen voll Jogginghosen und Videokonferenzen begann, hat sich zu einer Krise entwickelt, die das System, wie ich es ein Leben lang kannte, ins Wanken gebracht hat. Es verändert sich an so vielen Stellen gleichzeitig und unterschiedlich, dass es mir nicht gelingt, den Überblick zu behalten. Als Journalistin bin ich es gewohnt, ständig Antworten auf offene Fragen zu suchen. Aber so viele? Es ist nun einmal komplex, tröste ich mich, und die Krise, die uns nun ein ganzes Jahr aus unserem Alltag gerissen hat, erschöpfend. Aber vielleicht, widerspreche ich mir dann, bemühe ich mich einfach nicht genug. Weil ich gar nicht alles wissen will. Das Hinschauen ist mir unheimlich, denn ich sehe Ungewissheit.

Ich merke, wie ich in meinem Kopf Mauern hochzuziehen beginne, rund um die Menschen, die mir wichtig sind, und die Institutionen, die ich bewahren möchte. Hauptsache, die überstehen die Krise, denke ich dann. Und der Rest? Egal. Bisweilen ertappe ich mich sogar bei dem Gedanken, dass ich mitschreien würde, wenn ich dafür Gewissheit erhalte, und das Versprechen, dass meine Mauern auch wirklich schützen.

Diese Mauern, die aus Angst entstehen, machen mir Angst. Nicht nur, weil ich wohl nicht die Einzige bin, die sie gerade errichtet. Sondern auch, weil sie mir zeigen, dass ich jemand bin, der ich nicht sein will: ein Mensch, der bereit ist, wegzuschauen. Diese Mauern zu zerstören ist anstrengend. Aber wenn ich etwas aus der Geschichte gelernt habe, aus den jubelnden Menschen auf dem Heldenplatz, dem brutalen Auseinanderreißen meiner Familie, dann, dass es meine Aufgabe ist.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.03.2021)