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Wohnungen der Zukunft sind wandelbarer

Podiumsdiskussion. Der coronabedingte Lockdown entpuppte sich als der ultimative Stresstest für die Stadtplanung und zeigte auf, wo die Stärken und Schwächen beim Wohnen in Wien liegen.

Lockdown, Home-Office und Hausunterricht im Zuge der Coronakrise führten uns den Wert qualitativen Wohnens vor Augen. Vor allem in der Stadt entsprechen die Wohnbedingungen vieler Menschen nicht immer den Idealvorstellungen. Gemeinsam mit dem Immobilienunternehmen ARE Austrian Real Estate lud „Die Presse“ zur Podiumsdiskussion und fragte: Welchen Wohnraum braucht Wien? Die Diskussion im MuseumsQuartier wurde im Livestream übertragen.

Rainer Nowak, Chefredakteur und Herausgeber der "Presse" moderierte die Diskussion.
Rainer Nowak, Chefredakteur und Herausgeber der "Presse" moderierte die Diskussion.(c) GUENTHER PEROUTKA

„Die Presse“-Chefredakteur Rainer Nowak begrüßte als Moderator Kathrin Gaál, Vizebürgermeisterin und Wohnbaustadträtin der Stadt Wien, Hans-Peter Weiss, CEO der ARE Austrian Real Estate, Gabu Heindl, CEO von Gabu Heindl Architektur, und last, but not least Daniel Riedl, Vorstandsmitglied Vonovia SE und verantwortlich für Buwog in Österreich und Deutschland.

Corona legt Finger in Wunde

„Die Coronapandemie hat dazu geführt, dass wir Wohnen und das Wohnumfeld bewusster wahrnehmen“, sagte Vizebürgermeisterin Gaál. „Weil wir gezwungenermaßen viel Zeit zu Hause verbringen und unser Grätzel intensiver erleben.“ Gabu Heindl sah sich bei der Diskussionsrunde als Vertreterin der Menschen, die von Ungerechtigkeit betroffen sind, und forderte, Städteplanung nach der Coronakrise zu aktualisieren, weil die Pandemie Problemlagen im Wohnbau und Städtebau verdeutlicht hat. „Wohnungsgröße spielt eine wichtige Rolle. Man muss sich auch in mehrköpfige Familien hineinversetzen, die Quarantäne auf engstem Raum überstehen müssen“, sagte die Architektin und Stadtplanerin, die auch in Forschung und Lehre tätig ist. Sie zitierte eine Studie der Bawo, Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe, aus der hervorgeht, dass nach der Coronakrise rund 20 Prozent Mietzinsrückstände zu erwarten seien und der Grad an Obdachlosigkeit zunehmen werde.

Kathrin Gaál, Vizebürgermeisterin und Wohnbaustadträtin der Stadt Wien. 
Kathrin Gaál, Vizebürgermeisterin und Wohnbaustadträtin der Stadt Wien. (c) GUENTHER PEROUTKA

Gaál stimmte den Bedenken zu. „Die Krise hat einen anderen Blick auf die Wohnsituation gelegt. Wir müssen auf jene Rücksicht nehmen, die es in Krisen besonders schwer trifft.“ Dazu zählen u. a. Frauen, die von Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit betroffen sind.

Flexible Wohnräume

Freiraum, Terrassen, Gärten, aber auch das Arbeitszimmer sind durch Covid-19 verstärkt auf der Wunschliste von Mietern und Immobilieninvestoren gelandet. „Unabhängig von der Immobiliengröße achten wir bei jedem Projekt darauf, dass zumindest eine Nische für einen Schreibtisch sichergestellt ist“, sagte Buwog-Chef Riedl.

Daniel Riedl, Vorstandsmitglied Vonovia SE und verantwortlich für die Buwog.
Daniel Riedl, Vorstandsmitglied Vonovia SE und verantwortlich für die Buwog.(c) GUENTHER PEROUTKA

„Natürlich ist ein zusätzliches Zimmer die Ideallösung , aber nicht jeder will oder kann sich das leisten.“ Buwog orientiere sich an den Brieftaschen der Kunden. Heindl kritisierte, dass Leistbarkeit immer auf kleinste Fläche reduziert werde. „Als Architektin sehe ich auch den Charme kreativer Miniraumlösungen, klappbarer Tische, Betten usw. Es ist aber nur cool, wenn man von diesen Funktionen nicht abhängig ist. Fehlt die Wahl, ist es eher eine Qual.“ Eine Lösung würde Riedl in einem Trend sehen, der bereits in den USA gelebt wird. „Vieles aus der Wohnung verlagert sich nach draußen. Die Wohnungen werden immer kleiner und effizienter, dafür gibt es in den Wohnanlagen Sozialräume, Businesslobbys, usw. Auf diese Weise bleibt Wohnen leistbar.“

Wohnformen nebeneinander

Eine Kernkompetenz der ARE liegt in der Quartiersentwicklung und einem guten Mix aus unterschiedlichen Wohnformen. Ein Nebeneinander von geförderten und frei finanzierten Immobilien. „Die Prozesse erstrecken sich häufig über ein Jahrzehnt. Die gemeinsame Bewirtschaftung des Freiraums bildet dabei einen Schwerpunkt. Wie wichtig großzügige Freiräume sind, hat sich in der Coronakrise gezeigt“, sagte ARE-Geschäftsführer Hans-Peter Weiss.

Hans-Peter Weiss, CEO ARE Austrian Real Estate.
Hans-Peter Weiss, CEO ARE Austrian Real Estate.(c) GUENTHER PEROUTKA

„Dieses Nebeneinander der unterschiedlichen Wohnformen ist in Wien seit Jahrzehnten etabliert“, betonte Weiss. Dadurch werde den unterschiedlichen Bedürfnissen Rechnung getragen und man schaffe gut durchmischte Quartiere. Große Quartiersentwicklungen funktionieren wirtschaftlich aber nur, wenn ein ausgewogenes Verhältnis zwischen geförderten und frei finanzierten Immobilien gegeben ist. „Wohnungsbauunternehmen und Bauträger tragen eine soziale Verantwortung“, bestätigte Riedl – die Buwog kombiniert sozialen Wohnbau mit frei finanzierter Miete oder Eigentum und hat aktuell in Wien rund 6000 Wohnungen in Entwicklung, wovon fast 2000 nach der Wiener Wohnbauinitiative gefördert sind.

Heindl gab zu bedenken: Pro Jahr werden in Wien rund 1500 geförderte Wohnungen privatisiert. „Das ist mehr als ein Drittel des jährlichen geförderten Wohnungsneubaus. Zudem fallen die von gewerblichen Bauträgern errichteten geförderten Wohnungen nach einiger Zeit aus der Mietzinsbildung raus.“ Diesem Trend wirkt die Stadt Wien mit der neu eingeführten Flächenwidmungskategorie „geförderter Wohnbau“ entgegen, wonach bei neuen Widmungen zwei Drittel für geförderten Wohnbau reserviert sind. „Auch der Kleingartenverkauf wurde gestoppt, weil Grund und Boden nicht vermehrbar sind und wir Flächen für leistbares Wohnen brauchen“, strich Gaál die Bodenbevorratungspolitik der Stadt hervor.

Erfolgsmodell Gemeindebau

Wien ist stolz auf seine Gemeindebaustruktur. Zahlreiche ausländische Städtevertreter besuchen Österreichs Bundeshauptstadt, um sich anzusehen, wie leistbarer Wohnraum in der Stadt möglich ist. „Die Durchmischung ist in Wien seit 100 Jahren eine bewusste politische Entscheidung. Im Gegensatz zu vielen anderen Städten erkennt man anhand der Wohnadresse nicht, ob jemand aus der oberen oder unteren Einkommensschicht stammt“, meinte Gaál. Der Gemeindebau erfülle auch die Sehnsucht nach mehr Frei- und Gemeinschaftsflächen. „Viele Innenhöfe sind parkähnlich und bieten viel Platz.“ Stolz macht Gaál auch die hohe Qualität im geförderten Wohnbau. „Leistbares und Qualitätvolles schließt sich beim Wiener Wohnbaumodell nicht aus.“

Megatrend Urbanisierung

Die Mehrheit der österreichischen Bevölkerung lebt in Städten. Die Stadtplaner sind gefordert, auch in dichten Bezirken Freiraum zu schaffen. Dazu bedarf es innovativer Lösungen. Wie man Fläche optimal nutzt, bewies die Buwog etwa bei einem multifunktionalen Gebäude: „Über einem Supermarkt haben wir eine Ganztagsvolksschule und am Dach Sportflächen geschaffen“, sagte Riedl. „Wenn man mehr Dichte braucht, wird es nicht erspart bleiben, auch in die Höhe zu bauen.“

Nachhaltig bauen und sanieren

Die Urbanisierung führt dazu, dass die Nachfrage nach Wohnungen steigt. Um Lebensqualität in den Städten zu erhalten, muss im Sinne des Klimaschutzes nachhaltig gebaut werden. „Zu Beginn der Coronapandemie gab es viele Stimmen, die prognostizierten, Themen wie Klimawandel und nachhaltiges, effizientes Bauen würden in den Hintergrund treten“, sagte Weiss. „Aber das Gegenteil ist der Fall. Vor allem die Krisenbewältigung forciert diese Themen.“

Neben dem klimaschonenden Neubau sieht Weiss dringenden Handlungsbedarf in der Sanierung des Bestands und in einer dezentralen Energieversorgung. Dazu bedarf es finanzieller Anreize und einer Unterstützung der Hauseigentümer, um die Sanierungen attraktiver zu machen. Erzielt werden kann das etwa über ganze Block- und Grätzelsanierungen. ARE und Buwog beschäftigen sich immer intensiver mit Themen wie Urban Farming, Fassadenbegrünung, ökologische Energieversorgung. Ein großer Nachhaltigkeitseffekt liegt in der Wahl der Materialien. Hierzu merkte Heindl an, dass klimaschonenden Bauweisen das Lobbying fehle: „Holz-, Lehm-, Strohbau werden noch zu wenig unterstützt“, so Heindl.

Gabu Heindl, Architektin und CEO Gabu Heindl Architektur.
Gabu Heindl, Architektin und CEO Gabu Heindl Architektur.(c) GUENTHER PEROUTKA

Gerade den Holzbau sehen Riedl und Weiss aber auf der Überholspur. „Die Akzeptanz der Kunden für Holzbau nimmt zu“, sagte Weiss. „Aber noch stellt der Preisunterschied gegenüber konventionellen Baumethoden eine Hürde für den Holzbau dar.“ Riedl empfahl bei der Vergleichsrechnung zwischen konventionellem und Holzbau mit vorgefertigten Elementen, auch die Vorteile miteinzubeziehen, die sich kostenreduzierend auswirken, wie etwa die kürzere Bauzeit, vergrößerte Wohnflächen aufgrund schlankerer Wandstärken, aber auch Förderungen aufgrund der CO2-bindenden Wirkung.

Fakten

Die ARE Austrian Real Estate GmbH steht im Eigentum der BIG. Das Kerngeschäft der ARE liegt im Bereich Büroimmobilien, ergänzt durch Wohnen und die Entwicklung von Stadtquartieren. ARE vermietet derzeit rund 1,7 Millionen m² Gebäudefläche mit einem Verkehrswert von rund drei Milliarden Euro. Das Portfolio umfasst insgesamt 558 Bestandsliegenschaften.

> > > Info: www.are.at

Informationen

Die Podiumsdiskussion „Welchen Wohnraum braucht Wien“ fand auf Einladung von „Die Presse“ statt und wurde finanziell unterstützt von ARE Austrian Real Estate GmbH.

> > > Hier können Sie die Podiumsdiskussion nochmals in voller Länge anschauen: www.diepresse.com/livestream/wohnraumdiskurs

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