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Film

"Cherry": Ein buntes, knalliges Kriegstrauma

Cherry
Nach dem Krieg ist die Rückkehr ins Paradies heiler Zärtlichkeiten unmöglich: Tom Holland als sensibler Bursche aus Cleveland, Kelli Berglund als seine Highschool-Liebe Madison in „Cherry“.Apple TV+
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Der bisher spektakulärste Hollywood-Kommentar zum Trauma des zweiten Irakkriegs: Das Veteranendrama „Cherry“ ist visuell höchst effektiv, leider manchmal zu laut.

Dass der letzte Irakkrieg (im Jahr 2003) eine große Dummheit war, ist heute sogar schon in den USA Konsens. DePalmas „Redacted“ (2007), Bigelows „Hurt Locker“ (2008), Eastwoods „American Sniper“ (2014) und Coimbras „Sand Castle“ (2017) waren vermutlich die ambitioniertesten Hollywood-Reaktionen auf das Militär-Desaster. Die Russo-Brüder reichen nun mit „Cherry“ (zu sehen auf Apple TV+) ein weiteres Aufarbeitungsdrama über die Invasion nach: Das Epochenstück über einen Irakkriegs-Sanitäter der US-Streitkräfte spannt einen weiten historischen Bogen (2003 bis 2021) und ist bisher der spektakulärste Hollywood-Kommentar zum Thema: ein Big-Budget-Horrorgemälde über das letzte große Kriegstrauma einer Nation und seine psychischen Langzeitfolgen für die Heimkehrer.

Die hohen Summen, die nötig waren, um die halb autobiografische Romanvorlage von Nico Walker (selbst ein Veteran, er verfasste sie im Gefängnis) zu verfilmen, bekamen die „Avengers“-Regisseure für ihr Herzensprojekt rasch. Die größtenteils aus der Perspektive des Titelhelden (grandios gespielt von Spiderman Tom Holland) gedrehten Szenen im Schlachtchaos lassen an das surreale Kriegsgrauen aus Coppolas „Apocalypse Now“ und den Hyperrealismus in Spielbergs „Der Soldat James Ryan“ denken. Hightech-Helikopter kreisen über Wüstensand. Kugelgewitter brechen auf die Bodentruppen los; Blut und Gedärm treten aus Wunden, die der sensible Bursche aus Cleveland (in der Einleitung beschreibt er sich als Romantiker) nur hilflos mit zu kleinen Pflastern (mehr gab die Führung nicht her) abkleben kann. Obwohl das ganze Brimborium leise an Comic-Actionfilme erinnert, bewirkt das Ungeschminkte und Schockhafte der Kampfszenen einen Bruch: Die Gewalt ist zu abstoßend und brachial, um Heldenpathos und Suspense aufkommen zu lassen.

Brechanfälle und Heroinnadeln

Körperlicher Realismus findet aber nicht nur in der Passage über das Soldatendasein des Vorstadtbewohners Anwendung: Schon die Teenager-Lovestory, mit der der Bildungsroman einsteigt (der lakonische Originaltext wird teilweise im Voiceover vorgelesen), ist extrem sinnlich inszeniert. Die Zuneigung zwischen dem späteren Bankräuber und seiner Highschool-Liebe Madison (Kelli Berglund) wird als Taumel der Liebkosungen und Schlafzimmerblicke präsentiert (Kameramann Newton Thomas Sigel hat für den Dreampop-Look extra eine superweiche Linse verwendet).

Später, nach dem Krieg, als das Pärchen drogenabhängig geworden ist, wirkt eine Rückkehr ins Paradies heiler Zärtlichkeiten unmöglich. Die Russo-Brüder scheuen nicht vor hartem Body-Horror zurück, um die physische Dimension der Rauschgiftsucht der Liebenden zu zeigen – ekelerregende Brechanfälle und in entlegene Hautstellen gesteckte Heroinnadeln geben wiederkehrende Motive ab. Erstaunlich radikal für einen Mainstream-Kriegsfilm.

Die Balance zwischen rauem Körperrealismus, satirischem Pop und seriös gemeinter Tragik gelingt den Russos indes nicht immer. Einerseits schöpfen sie visuell aus dem Vollen. Sie benutzen wilde Rahmen- und Objektiv-Wechsel (die Bootcamp-Szenen sind im verzerrenden Weitwinkel und beengenden 1,66:1-Seitenverhältnis gedreht), knallen bunte Schrifteinblendungen über die Bilder, verwenden Spotlights, Superzeitlupen und Freeze-Frame-Tableaus.

Andererseits will das Veteranen-Porträt als intimes Psychodrama über ein repräsentatives Opfer der sozialen und moralischen Fehlentwicklungen ernst genommen werden, die ab den 2000ern die USA beherrschten (die spätere Opioid- und Finanzkrise mit eingeschlossen). Wenn die Russos alles im absurden Irrsinn der George-W.-Bush–Ära versenken (die Geldinstitute tragen Spottnamen wie Shitty Bank, der Pillenarzt heißt Dr. Whomever), laufen sie zu karnevalesker Hochform auf. Wenn leisere Töne angebrachter gewesen wären, zur Darstellung privater Konflikte und melancholischer Seelenpein etwa, neigen sie hingegen zu hysterischer Melodramatik und unbeholfenem Kitsch. Leider.

„Cherry“. Von Anthony und Joe Russo, mit Tom Holland und Kelli Berglund. Ab Freitag, 12.3. auf Apple TV+.[RA48P]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.03.2021)