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Der ökonomische Blick

Eine gute Nachricht für Österreich

APA/AFP/GETTY IMAGES/JUSTIN SULL
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Der Außenhandel erwies sich im Corona-Jahr als erstaunlich robust und die Weltwirtschaft erholt sich schneller als erwartet. Das ist für die offene österreichische Volkswirtschaft eine sehr gute Nachricht.

Wie hält man die Ansteckungen gering ohne die Wirtschaftstätigkeiten zu stark einzuschränken? Wie kommt man an Schutzausrüstungen, Tests und Impfungen? Wie hält man ansteckende Ausländer draußen, erlaubt aber den Tourismus? Seit einem Jahr befassen sich die meisten Länder mit der Pandemie bei sich daheim. Die Europäische Union hat in der ersten Phase mit einem riesigen Stützungspaket und dessen neuartiger Finanzierung auf sich aufmerksam gemacht, später mit der gemeinsamen Impfstoffbestellung nicht alle überzeugen können. Das war es aber an gemeinsamen Aktivitäten. Ansonsten waren die Mitgliedsländer weitgehend mit sich selbst beschäftigt, wenn sich der Nachbar nicht gerade zum Vergleich mit der eigenen Politik anbot.

Das internationale, verarbeitende Gewerbe fand relativ schnell die nötigen Anpassungen an die geänderten Bedingungen. Sah es im letzten April noch nach Stress für die globalen Wertschöpfungsketten aus, ist das heute überwunden. Statt Knappheit an Containerschiffsliegeplätzen herrscht wieder Knappheit an Containern und der Kapazität, sie zu transportieren. Bereit im Oktober überholte der weltweite Containertransport das Vorkrisenniveau von Anfang 2020. Die Luftfracht hat von fallenden Passierzahlen vielleicht sogar profitiert. Auch in den Rohstoffpreisen lässt sich die schnelle Reaktion der Weltwirtschaft ablesen. Der Ölpreis fiel mit Beginn der Krise drastisch, liegt heute aber wieder etwa auf dem Vorkrisenniveau von 68 Dollar pro Barrel vom Januar 2020. Andere Rohstoffpreise haben kräftig angezogen und liegen derzeit teils deutlich über dem Vorkrisenniveau. Vom Ende der Globalisierung ist keine Rede mehr, wozu natürlich auch der Wahlausgang in den Vereinigten Staaten beigetragen hat.

Jede Woche gestaltet die „Nationalökonomische Gesellschaft" (NOeG) in Kooperation mit der "Presse" einen Blog-Beitrag zu einem aktuellen ökonomischen Thema. Die NOeG ist ein gemeinnütziger Verein zur Förderung der Wirtschaftswissenschaften.

Beiträge von externen Autoren müssen nicht der Meinung der „Presse"-Redaktion entsprechen.

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Was sich schon anfangs des Jahres andeutete, hat die OECD am 9. März mit ihrer angehobenen Prognose für das Jahr 2021 bestätigt: die Weltwirtschaft erholt sich schneller als noch Ende letzten Jahres erwartet. Das ist für die offene österreichische Volkswirtschaft eine sehr gute Nachricht. Allein dem u.s.-amerikanischen Konjunkturpaket, das im Dezember letzten Jahres beschlossen wurde, schreiben die OECD Ökonomen einen zusätzlichen Prozentpunkt Wirtschaftswachstum in der Eurozone zu. Generell wird die Weltwirtschaft 2021 vor allem von den USA und China gezogen.

Europa fiel nach OECD Beobachtungen in den letzten Monaten wegen der deutlich schärferen Lockdowns zurück. Mit demnächst auch bei uns zu erwartenden Impferfolgen wird diese Bremse aber auch bis zum Sommer gelockert werden können.

Etwas Produktives machen

Wie in den Vereinigten Staaten auch, wird es in der EU in den nächsten Monaten darum gehen, aus den riesigen Summen, die zur konjunkturellen Unterstützung und zur Behebung struktureller Defizite zur Verfügung gestellt werden, Produktives zu machen. In Italien wird darüber schon eine Weile diskutiert, in den USA hat man sich auf einen Plan geeinigt, der eine große Komponente Transfers an Haushalte beinhaltet. In Österreich könnte die Regierung die bereitgestellten Mittel nutzen, um mit dem Ausbau der Infrastruktur für die Digitalisierung weiter zu kommen. Die großen Defizite auf diesem Gebiet sind uns im letzten Jahr deutlich vor Augen geführt worden. Das ist natürlich nicht nur ein Infrastrukturproblem sondern betrifft die Organisation unseres gesellschaftlichen Lebens in vielen Bereichen. Über den Zugang der Wissenschaft zu Daten ist im letzten Jahr häufig gesprochen worden, die Defizite in den Schulen und Hochschulen waren immer wieder ein Thema und die Digitalisierung des Gesundheitswesen muss angegangen werden, wenn wir endlich schnell reagieren können wollen. Auch in der Verwaltung ist noch Potential. Initiativen, diese Defizite anzugehen, findet man auch nach einem Jahr Pandemie nicht.

Wenn der internationale Handel, der mit seinem starken Einbruch im Frühjahr 2020 den Beginn der Krise gut abbildete, auch für ihr Ende ein guter Indikator ist, sind wir weitgehend durch. Der weltweite Außenhandel hat schon Ende des letzten Jahres sein Vorkrisenniveau wieder erreicht, der österreichische im November auch. Dabei ist der Warenhandel viel stärker zurückgekommen als der Dienstleistungshandel.

Dass das Vorkrisenniveau im Handel nicht für alle europäischen Länder wieder erreicht wurde, wird auch am Brexit liegen. Beim Handel mit Großbritannien ist zuletzt ja von größeren Schwierigkeiten und deutlichen Rückgängen berichtet worden. Den Brexit dabei von den Folgen der Corona-Krise zu trennen, ist derzeit noch nicht möglich. Vielleicht geht das ja in ein paar Monaten in diesem Blog.

Der Autor

Jörn Kleinert ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Graz. Er arbeitet dort besonders an Themen der Internationalen Wirtschaftsbeziehungen.​

Jörn Kleinert
Jörn Kleinert

Links:

OECD outlook: https://www.oecd-ilibrary.org/docserver/34bfd999-en.pdf?expires=1615373010&id=id&accname=guest&checksum=64A96F07345C4BDF30144F2CB3F5CD24

Statistik Austria: https://www.statistik.at/web_de/presse/125317.html

Digitalisierung hilft die Pandemie einzudämmen: https://www.derstandard.at/story/2000123368259/nur-durch-digitalisierung-laesst-sich-eine-pandemie-schnell-eindaemmen

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