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Italien

Aus dem Pariser Exil an die Parteispitze in Rom

Ex-Premier Enrico Letta feiert bei den Sozialdemokraten sieben Jahre nach seinem Sturz ein überraschendes Comeback. Als Kompromisskandidat soll der Politologe die zerstrittene Partei einen.

Wien/Rom. So abrupt Nicola Zingaretti vor einer Woche in Rom sein Amt als Chef der Sozialdemokraten hingeschmissen hatte, so überraschend tauchte diese Woche Enrico Letta aus dem Orkus der italienischen Politik auf, um seine Anwartschaft auf dessen Nachfolge zu proklamieren. Letta hatte sieben Jahre als Chef eines Thinktanks und als Gastprofessor an der Sorbonne in Paris verbracht und den Absturz und die Flügelkämpfe des Partito Democratico (PD) in Rom aus der Ferne verfolgt. „Am Montag hätte ich mir das nie träumen lassen“, erklärte er via Twitter.

Mit einem Comeback des Ex-Premiers haben die wenigsten gerechnet. 2014 hatte Matteo Renzi, damals aufstrebender Bürgermeister in Florenz, den Regierungschef und Parteifreund Letta kaltblütig gestürzt, weil er seinen Ambitionen im Weg stand. Von Lettas Rückkehr dürfte er nun mit Verwunderung Notiz genommen haben.

Italiens Politik schlägt in der Coronakrise merkwürdige Volten. Erst entzog Renzi, inzwischen abgespalten vom PD und Chef der Kleinpartei Italia Viva, als Ränkeschmied der Mitte-links-Koalition in der Frage des EU-Rettungsfonds die Unterstützung und wirbelte so alles durcheinander. Dann holte Staatspräsident Sergio Mattarella den früheren EZB-Chef Mario Draghi als Retter in der Not an die Spitze der Regierung – was wiederum indirekt zum Rücktritt Zingarettis führte.

Denn der Bruder des populären Schauspielers Luca Zingaretti versagte in den Augen seiner Partei im römischen Postenschacher. Weder sicherte er dem PD Schlüsselpositionen in der neuen Regierung – die zumeist an Experten gingen –, noch erfüllte er die Erwartungen für weibliche Ressortchefs. Entnervt von Intrigen gab Zingaretti schließlich auf.

Auf den neuen PD-Chef Enrico Letta wartet nach seiner Wahl am Sonntag die schwierige Mission, die Partei zu konsolidieren, den Exodus zu stoppen und sie für die Kommunalwahlen im Herbst neu zu justieren. Der PD war zuletzt im freien Fall, in Umfragen fiel sie vom zweiten Platz auf den vierten zurück.

Der 54-jährige Politologe, ein Neffe des illustren Berlusconi-Anwalts Gianni Letta, ist der Einzige, der sich diese Aufgabe zutraut: „Die Partei ist in meinem Herzen.“ Dass er von PD-Führern bestürmt wurde für eine Kandidatur, demonstriert am eindrücklichsten die Führungskrise bei den Sozialdemokraten. Letta gilt als Kompromissfigur, als Mann des Zentrums und deklarierter Proeuropäer, der noch am ehesten die Flügel der zerstrittenen Partei zusammenführen kann. Scheitert er, droht der Linken die Zersplitterung.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.03.2021)