Die Kultivierung der Gemeinheit

Erasmus von Rotterdam, Humanist und Menschenkenner, war erfahren im Umgang mit Mächtigen.

Der Autor von „Lob der Torheit“, einer argen Hinterlist, wusste nämlich: „Sitzt du mit Menschen von Rang zu Tisch, nimm den Hut ab, aber sieh, dass du gut gekämmt bist.“ Vorbei waren die Zeiten, in denen sich todesmutige Ritter ungeniert ins Tischtuch schnäuzten. In der Renaissance wussten die Verteidiger guter Manieren sogar schon: „Es ist unhöflich, jemanden zu grüßen, der gerade uriniert oder den Darm entleert.“

Heute aber scheint das wilde Rittertum wieder in Mode zu kommen. Robuste Naturen lassen unseren zartesten Ministerinnen Dinge ausrichten, die einer Flatulenz gleichkommen. Frankreichs Staatspräsident gibt mit der Sprache seines gesamten Körpers zu verstehen, was er vom Kommissionspräsidenten der EU hält. Wo bleibt da die Eleganz? Und was wird die reizende Carla Sarkozy denken, die eine CD vorbereitet, in der nicht nur ihr Gatte besungen wird, sondern auch der Umgang mit Einwanderern?

Nein, es geht hier nicht darum, Alpha-Tierchen anzuhalten, künftig nur noch lieb zueinander zu sein. Es geht darum, dass man den Streit auf höherem Niveau führt. Sollen also die Fürsten von Wien, St. Pölten und Paris verpflichtet werden, wieder mehr Erasmus-Texte zu lesen? Nein, solch eine Erziehungsmaßnahme wäre nicht nur anstrengend, sondern auch unhöflich. Wer weiß denn heute noch, was „ang'rennt“ auf Latein bedeutet? (Vielleicht irgendeine primitive Ableitung von „incurrere“?)


Lassen wir die klassische Peinlichkeit. Es genügte, wenn wortgewaltige Rhetoren aus Rat- und Landhaus die eben erschienenen Tagebücher von Fritz J.Raddatz lesen. Der ehemalige Feuilletonchef der humanistischen Wochenschrift „Die Zeit“ hat zwischen 1982 und 2001 viel erlebt. Er lässt uns sogar daran teilhaben, was er über seine damaligen Herausgeber dachte: Marion Dönhoff wird als charakterlos entblößt. Die Gräfin habe nicht schreiben können. Wir wissen jetzt auch, was sowohl sie als auch Exkanzler Helmut Schmidt besaßen: „dürre Preußenärsche“.

Raddatz verrät also, um was es im deutschen Kulturteil eigentlich geht – um die Kultivierung der Gemeinheit. Das ist zwar auch nicht fein, doch in der für Klatschtanten wesentlichen Frage bleibt er höflich. Er hat seinem Buch ein Personenregister angefügt. Damit man rascher herausfindet, wer gerade wen anpinkelt.


norbert.mayer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.09.2010)

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