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Brutaler Überfall

Warum im Westen des Niger die Gewalt eskaliert

Ein Überlebender der Attacken von Anfang Jänner zeigt seine Wunden.APA/AFP/SOULEYMANE AG ANARA
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Zum zweiten Mal in diesem Jahr haben Bewaffnete im Südwesten des westafrikanischen Staats Nigers nahe der Grenze zu Mali ein Massaker an Zivilisten mit Dutzenden Toten verübt. Trotz hoher Militärpräsenz fassen Terroristen dort weiter Fuß.

Es erschien fast wie ein Déjà-vu, als sich die Regierung im westafrikanischen Niger am Mittwoch über das Staatsfernsehen an die Nation wandte: Angesichts des Massakers mit Dutzenden Toten im Südwesten des Landes werde es drei Tage Staatstrauer geben, hieß es in der Erklärung. So solle der rund 60 Opfer gedacht werden, die Anfang der Woche bei einem brutalen Überfall in der Region Tillabéri nahe der Grenze zu Mali getötet worden waren.

Bewaffnete auf Motorrädern hatten am Montag zunächst Händler angegriffen, die sich mit dem Bus von einem Viehmarkt in Banibangou auf den Weg zurück in ihre Heimatorte gemacht hatten. Dann überfielen sie nahe gelegene Dörfer und brannten Getreidelager nieder. „Das machen sie, um die Dorfbewohner dazu zu zwingen, ihre Dörfer zu verlassen“, zitierte der Sender Radio France International einen lokalen Funktionär. Die Regierung gab die Zahl der Opfer offiziell mit 58 an; andere Quellen sprachen von mehr als 65 Toten. Zunächst bekannte sich niemand zu der Tat, doch sie folgt einem bekannten Muster.

Drei Tage Staatstrauer – das hatte es in diesem Jahr schon einmal gegeben, nach einem ähnlichen Blutbad in Tillabéri. Anfang Jänner hatten Bewaffnete auf Motorrädern gleichzeitig die beiden Dörfer Tchombangou und Zaroumdareye angegriffen und mehr als 100 Menschen massakriert. Die Regierung in Niamey machte radikale Islamisten verantwortlich.

Die Macht der Jihadisten

Terroristen, Banditen oder Viehdiebe? Am Mittwoch blieb zunächst unklar, wer den jüngsten Überfall orchestrierte. Aber die Angriffe werfen ein Schlaglicht auf die prekäre Sicherheitslage in der westafrikanischen Sahelregion, wo jihadistische Gruppen, die sich mit dem Islamischen Staat (IS) oder dem Terrornetzwerk al-Qaida identifizieren, weiter an Einfluss gewinnen – trotz aller Militärpräsenz: Die Ex-Kolonialmacht Frankreich hat 5100 Soldaten im Rahmen ihrer Anti-Terror-Operation „Barkhane“ in der Region. Und im Rahmen der G5-Sahel-Gruppe gehen Niger, Mali, Burkina Faso, Mauretanien und der Tschad gegen die Terrorgruppen vor.

Vor allem in der Grenzregion von Niger, Mali und Burkina Faso ist die Zahl der Angriffe auf Zivilisten und Militärs in den letzten Jahren in die Höhe geschossen – auch wenn sie nicht immer so blutig verlaufen wie im Dezember 2019 und Jänner 2020, als bei Attacken des regionalen IS-Ablegers ISGS auf nigrische Militärlager mehr als 200 Menschen um Leben kamen.

Der Fokus auf eine rein militärische Bekämpfung der Gewalt hat sich in dem multiethnischen Gebiet dabei nur begrenzt als erfolgreich erwiesen, wie der Thinktank International Crisis Group in einer Analyse schrieb. Die Jihadisten machten sich die vorhandenen Konflikte zwischen den einzelnen Volksgruppen um Rechte und rare Ressourcen zunutze. Eine „übermäßige Inanspruchnahme“ militärischer Mittel habe die Problematik teilweise noch verstärkt.

Unsicherheit nach der Wahl

Weiter erschwert wird die Lage im 22-Millionen-Staat Niger durch politische Unsicherheit nach der Präsidentenwahl im Februar. Der bisherige Präsident Mahamadou Issoufou war – anders als viele seiner afrikanischen Amtskollegen – nach zwei Amtszeiten nicht mehr angetreten, weil die Verfassung das nicht zulässt. Die Stichwahl gewann der Ex-Außenminister und Kandidat der Regierungspartei PNDS, Mohamed Bazoum. Sein Rivale Mahamane Ousmane erhob Betrugsvorwürfe. Bei Protesten seiner Anhänger in mehreren Städten gab es Verletzte und Tote.