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Vollmond in den Fischen

Thomas Pynchons siebenter Roman gibt vor, ein Krimi zu sein. Aber er ist komplexer, als es scheint. „Natürliche Mängel“: Privatdetektiv Doc Sportello führt den Leser in den Drogenrausch des Jahres 1970. Eine Verfolgungswahnsinnsjagd von Los Angeles bis Las Vegas und retour.

Nach 382 Seiten, 96 Seiten vor dem Schluss, befallen „Doc“ Sportello, den Protagonisten von „Natürliche Mängel“, Zweifel an der Deutbarkeit der Welt: „Ich wäre schon damit zufrieden, dachte er, wenn ich mich in dieser Geschichte zurechtfände.“ Dafür verdient der Antiheld des neuen Romans von Thomas Pynchon das Mitgefühl der Leser. Denn selbst wer mit wachem Geist die Handlung verfolgt, wer sich die gut hundert Personen mit eigenartigen Namen merken will, die man oft schon aus früheren Werken dieses Autors zu kennen glaubt, wird garantiert in die Irre geführt. Man kommt sich bald wohl so verloren vor wie der Hippie-Privatdetektiv Sportello, der in Los Angeles im Jahre 1970 einen Entführungsfall samt Mord und Drogenhandel zu lösen versucht, aber an entscheidenden Stellen nicht weiß, ob ihn das Gedächtnis trügt oder ob er sich gerade wieder in einem Albtraum auf einem seiner Trips befindet. Hier gilt das Diktum: Jene, die sich an die Sechzigerjahre erinnern, können nicht wirklich dabei gewesen sein. Die Gedächtnislücke hat System.
Pynchon wurde bald nach Erscheinen seiner ersten Kultbücher in den Sechzigerjahren unterstellt, dass er eigentlich Kriminalromane schreibe. Tatsächlich ist Paranoia eine treibende Kraft in Romanen wie „V“ (1963) oder „The Crying of Lot 49“ (1966). Die fragmentierten Texte sind auch rasante Schnitzeljagden. Aber wer würde solche dichten Geflechte, die Pynchon in „Gravity's Rainbow“ (1973) und „Against the Day“ (2006) zu Meisterwerken entwickelte, im Ernst mit etwas Trivialem wie einer Detektivgeschichte vergleichen?

Nun wird mit Roman Nummer sieben das Verhältnis von Sein und Bewusstsein auf den Kopf gestellt. Pynchon liefert, oberflächlich gesehen, einen Krimi, der alle Ingredienzien dieses Genres hat. Er hat ihn gut gebaut, seine schwarz konturierte Pop-Art-Komödie ist witziger, bunter als das in Los Angeles sonst übliche Noir, mit hartgesottenen Ermittlern in Büchern von Hammett bis Ellroy. Wahrscheinlich wird Pynchon auch einkalkuliert haben, dass die Interpreten sein Buch wie ein besonders ausgefeiltes Rätselheft der Postmoderne lesen werden.
sDer Plot an sich ist einfach, wenn man die verspielten Verästelungen, die zu keinem Ziel führen, beiseite lässt. Sportello lebt im fiktiven Ort Gordita Beach, einem Sammelpunkt für Junkies, Surfer und Rock-Musiker. Der Detektiv pendelt zwischen der Subkultur und der Gesellschaft, die diese argwöhnisch beobachtet, er ist immer auf der Jagd oder auf der Flucht, in einem verspielten Amerika, dessen Aussteiger eben erst den „Summer of Love“ erlebt haben.

Sie demonstrieren hier aber gegen TV-Serien, nicht gegen den Vietnam-Krieg, der noch voll im Gange ist. Ronald Reagan regiert als Gouverneur Kalifornien, Richard Nixon ist Präsident der USA, die Watergate-Affäre wird erst geschehen, sinister ist dieser Tricky Dick längst schon. Wir begegnen ihm auf gefälschten 20-Dollar-Scheinen, die mit seinem Konterfei bedruckt sind. Der berüchtigte Charles Manson und seine Bande, die bestialisch mordeten, warten auf ihren Prozess. Rassenkonflikte, ungezügelte Umweltverschmutzung, eine gefräßige, die Landschaft verschandelnde Bauwirtschaft sind Probleme, die am Rande dieser Geschichte zu lesen sind. Eine Urform des Internets wird in irgendeiner Garage irgendwo in Amerika gerade erfunden, das Farbfernsehen ist eine Novität, aber die Energiekrise hat Kalifornien noch nicht erfasst. Ein bisschen Unschuld darf also noch immer sein. Thomas Pynchon, der dieses Buch mit 72 Jahren veröffentlicht hat, ein Spätwerk über die Jugend, lässt uns glauben: Hippies – gut, Establishment – böse. Wer wollte diesem wortgewandten Zauberer bei seiner fantastischen Tour durch die Vergangenheit widersprechen? Die Physik und das Gesetz der verdammten Entropie hat er diesmal draußen gelassen, die Zahlenmystik gut versteckt, dafür aber huldigt er verstärkt dem Kalauer. Pynchon light.
Durch Docs Nachforschungen wird diese seltsam divergente Gesellschaft, deren Repräsentanten Namen wie Fritz Drybeam, Japonica Fenway, Trillium Fortnight oder Dr. Rudy Blatnoid tragen, grell beleuchtet. Er trifft auf Wahrsagerinnen, Irrenärzte, jenseitige Anwälte, geile Stewardessen, Zombies, korrupte Polizisten, willige Gogo-Girls, Spieler und Dealer. Ihre Hauptbeschäftigungen: „Sex and Drugs and Rock'n‘Roll“. Die Liste der Songs und Filme, die Pynchon in seinen Text einbaut, ergibt eine kurze Geschichte der damaligen Popkultur, eine wehmütige Rückschau auf das frühe Kino. Die Beach Boys, Pink Floyd und lokale Surf-Bands machen die Hintergrundmusik. John Garfield („Im Netz der Leidenschaften“), ein früher Rebell in Hollywood, der wegen unamerikanischer Aktivitäten auf die schwarze Liste der konservativen Hexenjäger kam, ist Sportellos Kino-Idol.

Wahrscheinlich werden derartige Verweise auf Liedtexte und Filmszenen ohnehin längst von Spezialisten in Internetforen analysiert, die in den Texten des geheim-nisvollen, nie in der Öffentlichkeit in Erscheinung tretenden Autors wenig Zufall und viel Notwendigkeit sehen. Denn ihn zu lesen bedeutet immer auch, zu lernen, wie man Pynchon liest. Für seine Exegeten ist untersuchenswert, welche Muster sich bei Nebensächlichkeiten wie Straßennamen, Automarken oder der Auswahl des Essens in meist heruntergekommen Lokalen ergeben, in denen Küchenschaben an giftigen Hamburgern zugrunde gehen.
Von der Rätselhaftigkeit der Kunst zeugen auch Songtexte, die offenbar von Pynchon selbst stammen, wie jener zu einem Country-Swing-Stück in einer kleinen Lounge in Las Vegas: „Vollmond in den Fischen, / Gefährliche Träume voraus, / Egal, ob du unterwegs bist / Oder im Bett zu Haus, / Sorg für ein kühles Sixpack, / Trag deinen Hut mit Bedacht, / Vollmond in den Fischen / Und es ist Samstag Nacht . . .“ Dieser esoterische Ausflug verweist auf den Mond des reifen Korns im August, er ist mit Träumen und Unbewusstem verbunden. Tatsächlich denkt Doc unmittelbar vor diesem Lied an ein LSD-Experiment, unmittelbar danach glaubt er, einer Lösung seines Falls nahe zu sein.

Zurück zum Plot: Begonnen hat alles damit, dass Sportello von Exfreundin Shasta Fay Hepworth in seinem Büro aufgesucht wird. Die Firma nennt sich „Location, Surveillance, Detection“, kurz: „LSD“. Er erinnert sich daran, dass Shasta früher immer ein verblichenes T-Shirt „Country Joe & the Fish“ getragen hat, jetzt, im Jahr nach Woodstock, ist sie ganz seriös gekleidet, in „Flachlandklamotten“. Die Sechzigerjahre, in denen alle Macht der Fantasie gehörte, sind vorbei. Es drohen die Schocks der Ökonomie. Doc soll Shastas neuen Freund Mickey Wolfmann suchen, einen stadtbekannten, schwerreichen Immobilienhändler. Dessen sFrau und ihr Liebhaber hätten ihn in eine Irrenanstalt stecken lassen, um zu seinem Geld zu kommen. Eine klassische Eröffnungsszene wie bei Raymond Chandler. Bald wird Sportello in einen Mord an Wolfmanns Bodyguard verstrickt und kurz verhaftet, vom sinistren Polizisten „Bigfoot“ Bjornson. (Der ist, so wie die meisten der Figuren, wie ein Cartoon-Charakter gezeichnet, aber die Wortgefechte, die sich der Cop und der Doc liefern, sind von sprühendem Witz). Nach Sportellos Freilassung ist auch Hepworth verschwunden, erst in der zweiten Hälfte des Buches taucht sie wieder auf.

Durch das Los Angeles von 1970, nach Las Vegas und retour führt den Detektiv die Suche, er begegnet Mitgliedern der Arischen Bruderschaft, einem Saxofonisten (der bereits für tot gehalten wurde, doch immer wieder in obskuren Bands auftaucht), Auftragskillern, verrückten Ärzten und häufig schönen Frauen, die sofort mit ihm ins Bett steigen, in fast jedem der 21 Kapitel eine, mit beiläufiger Läufigkeit, und alle paar Seiten wird garantiert ein Joint gedreht.

Schemenhaft im Hintergrund ist ein Frachtschiff, „The Golden Fang“ (Reißzahn), von dem man nicht weiß, ob es für die gleichnamige obskure Organisation Drogen transportiert oder bloß ein Abschreibposten für kalifornische Zahnärzte ist. Meist hat sich der Doc so zugedröhnt, dass er nicht weiß, in welcher Realität oder Irrealität er sich gerade befindet, ob die FBI-Beamten die ihm auf den Fersen sind, bloß eingebildet sind oder Teil einer großen konservativen Verschwörung.
Vieles bleibt im Nebel, nicht nur Schiffe, Ami-Schlitten, Zombies – auch der Sinn an sich. Poetisch wird das in einer kurzen Episode mit den Eltern Sportellos ausgedrückt. Sie haben eben zum ersten Mal Marihuana ausprobiert, gestehen sie am Telefon und wollen nun, dass der Sohn sie mit Gras versorgt. Ihr Eindruck von diesem psychede-
lischen Trip beschreibt auch gut den Roman, in dem sie einen kurzen Auftritt haben: „Na ja, wir schauen doch immer die-
se Soap, Another World, aber irgendwie konnten wir keine von den Figuren mehr
erkennen, obwohl wir sie jeden Tag sehen, ich meine, es waren immer noch Alice
und Rachel und diese Ada, der ich seit Die Sommerinsel (1959) nicht mehr traue, und auch sonst alle, ihre Gesichter waren dieselben, aber die Sachen, über die sie gere-det haben, die bedeuteten alle irgendwie was anderes . . .“ Der radikale Zweifel beginnt bei der Sprache. Was
bedeutet zum Beispiel „Inherent Vice“, das Nikolaus Stingl in seiner flotten, manchmal zu schnoddrigen Übersetzung dieses poetischen, melodischen amerikanischen Englisch mit „natürliche Mängel“ wiedergibt? „Vice“ ist „Untugend“, „Lasterhaftigkeit“, „Sittlichkeitsdelikt“ oder gar „Schraubstock“. „Inherent“ bedeutet „innewohnend“, „inhärent“, „tiefsitzend“ oder eben „von Natur aus“. Aber es ist auch ein juristischer Begriff. Wie wir am Ende des Romans vor der Verfolgung des Frachters „Goldener Fang“ en passant erfahren, versteht man darunter in der Schifffahrt „Sachen, die man in Schiffsversicherungspolicen nicht gern abdeckt. Bezieht sich normalerweise auf die Ladung – zum Beispiel, dass Eier kaputtgehen –, manchmal aber auch auf das Schiff, das sie befördert.“

Am Schluss ist der Frachter solch ein natürlicher Mangel, ist auch die Hippie-Bewegung gestrandet an den Untiefen des neuen Jahrzehnts, dessen Antithese zu den Sixties sich ebenso wenig vermeiden ließ wie die Existenz des San-Andreas-Grabens. Die Geschichte endet im Nebel.
Wer also soll diesen von süßen Rauchschwaden durchzogenen Roman lesen, der vor allem von jener Subkultur handelt, die wahrscheinlich zum Kern der Leserschaft Pynchons gehört? Für seine Kommune ist er ohnehin Suchtmittel, für jene, die diesen maßlosen Romancier noch nicht kennen, wäre „Natürliche Mängel“ wegen ihrer gespielten Leichtigkeit und relativen Kürze eine ideale Einstiegsdroge, die man mit der Lektüre der verwandten Westküstenbücher „Vineland“ und „The Crying of Lot 49“ abrunden sollte.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.09.2010)