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Bentley

Der Stein der Reichen

Burgherr Leopold Fasching zu Liechtenstein, Flying Spur II. aus dem Hause Bentley.(C) Jürgen Skarwan
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Wer zieht da vor meine Burg? Ein Streitwagen des Heeres Mammons, auch mit V8 noch gut gerüstet.

Im Jahr 1142 segnete Hugo I. von Liechtenstein das Zeitliche, und was er hinterließ, konnte sich sehen lassen. Weithin sogar, denn eine Burg, zumal von stattlicher Größe, muss man sich anders vorstellen, als wir sie heute sehen: Sie war in ihren bewohnten Tagen weiß gekalkt, strahlte hell, soweit man nur sehen konnte. „Eine Burg hat mit Dominanz zu tun“, sagt der heutige Burgherr Leopold Fasching, „es ist ein Haus aus Stein“; ganz im Gegensatz zu den Hütten aus Lehm und Holz, in denen das Volk hauste. „Steinreich kommt daher“, erläutert Fasching. Errichtet wurde die Burg Liechtenstein, die ausdauernd, nämlich schon über 900 Jahre in Gipfellage über dem Örtchen Maria Enzersdorf thront, zwischen 1122 und 1136, also lang vor der Einführung des motorisierten Baukrans. Bevor wir weiter in diese Richtung dilettieren, empfehlen wir einen eigenfüßigen Besuch und es damit den 42.700 Besuchern gleich zu tun, die noch im Jahr vor Corona den Hauch der romanisch geprägten Vergangenheit inhalierten.

Flying Spur II. und seine Wandlung zum Selbstfahrer.

Als Überleitung zu unserem neuzeitlichen Streitwagen, mit dem wir vor den Mauern auffuhren, könnten wir uns mit Faschings Stichwort („steinreich“) begnügen. Doch stellt sich die Frage, wie man dereinst auf die Profanbauten unserer Tage blicken wird, speziell die rollenden. Von einem Bentley mag man ja erwarten, dass er der Nachwelt länger erhalten bleibt als das niedere Getier auf unseren Straßen. Tatsächlich sollen Modellen wie dem Flying Spur nur noch wenige Jahre Fertigung vergönnt sein. Da hilft auch selbstloses Downsizing (von Zwölfzylinder auf V8) und Zylinderabschaltung nix, obwohl Bentley darauf sehr stolz scheint: 20 Millisekunden benötige sie im neuen V8 nur, „das Zehntel eines Wimpernschlags“, um bei Zurückhaltung am Gaspedal vier der acht Töpfe dienstfrei zu stellen. Aber die ganz große Zylinderabschaltung steht noch bevor: Wenn auch bei Bentley keine Kolben mehr stampfen, Kurbelwellen rotieren und Sherrygläser voll Sprit von den Benzinpumpen zur Einspritzung befördert werden – schon ab 2030 will man am Stammsitz Crewe keine Autos mit Verbrennungsmotor mehr produzieren.

Wir atmen also tief durch – wann wird man eigentlich damit aufhören, es haut ja auch CO2 raus –, und werfen die Vierliter-Prachtmaschine an. Dumpf grollend erwacht das kleine Kraftwerk zum Leben: 550 PS und 770 Newtonmeter zu Diensten. His Highness Flying Spur II. trägt die Insignien der Macht nicht nur für den Status – er macht auch was daraus. Bentleys hatten immer Sportsgeist, aber so fahrdynamisch wie dieses 5,3-Meter-Schiff war wohl noch keiner zu fahren. Ein Verdienst der Technik unter der Hülle, die vom Porsche Panamera stammt, neben dem Motor auch das famose Fahrwerk mit aktiver Wankstabilisierung, was sich weit jenseits der zwei Tonnen schon auszahlt. Ein eigenes 48-Volt-Bordnetz mobilisiert elektromechanische Stabilisatoren, die sich wirkungsvoll gegen die Fliehkräfte stemmen, bevor die an der Karosserie zerren, da taucht, staucht und wankt auch bei sehr flottem Kurvendurchmarsch nichts. Stoisch hält die Fuhre Kurs, wohin das geflügelte B auf dem Kühlergrill auch zeigt.

Eine segensreiche Verbindung sind das Achtgang-Doppelkupplungsgetriebe und der Biturbomotor eingegangen, das ist harmonischer geglückt als beim Zwölfzylinder, der – beim Anfahren leicht bissig – etwas Mühe hatte, neben der sportlichen auch die noble Seite überzeugend darzustellen. Auch sonst spricht einiges für den V8, zum Beispiel 100 Kilogramm weniger Gewicht, das auf der Vorderachse lastet. Das Lenkrad hält man in der Hand wie ein Wagenrad, will man die Lenkimpulse kürzer übersetzt, aktiviert man den Sportmodus, der den Einsatzbefehl gleich einmal mit dem V8-Räuspern eines vorauseilenden Zurückschaltens quittiert. Einmal mehr weiß uns Bentley mit einer Bremsanlage zu begeistern, die keinerlei Mühe zeigt, den Koloss auch auf der Bergstraße stets aufs Neue sauber anbremsen zu lassen, ein Heizwerk, dessen Energie einstweilen als Abwärme verpufft. Digi-Tacho von Audi, Bordsystem von Porsche – bemerkenswert, wie gut Bentley dennoch den Charakter des Hauses zu wahren wusste, nur dass sich der Flying Spur bei aller Opulenz nun doch deutlich zum Selbstfahrer gewandelt hat. Zum Preis wollen wir nur Sir Henry Royce zitieren: „The quality remains long after the price is forgotten.“

(c) Juergen Skarwan

Man gibt es auch kleiner

Statt Zwölfzylinder-Opulenz ein V8, mit dem man auf der Überholspur auch nicht verhungert. Viel Porsche-Technik, dennoch authentisch Bentley.

Name : Bentley Flying Spur V8
Preis : 252.550 Euro
Motor : V8-Zylinder-Turbo, 3996 ccm
Leistung : 550 PS bei 7400 U/min
Gewicht : 2330 kg
0–100 km/h : 4,1 Sekunden
Vmax : 318 km/h
Verbrauch : 12,7 l/100 km laut Norm
CO2 : 288 g/km laut Norm